Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Das Märchen von der Diagnostischen Sicherheit

with 13 comments

Die Gesundheitsexpertin (…und nicht, wie ursprünglich an dieser Stelle behauptet, der Krangewarefahrer – der aber auch sehr interessante Dinge schreibt…. :-) ) hat das Thema letztens angerissen:
Es ging um die Frage: Warum machen wir in Deutschland viel mehr Diagnostik als anderswo? Auf gutdeutsch: Da wird geröntgt, geschallt, ge-CT’t, Blut abgenommen und endoskopiert was das Zeug hält – und trotzdem leben wir Deutschen nicht länger als die Einwohner anderer europäischer Länder, in deren Gesundheitssystemen wesentlich weniger für Diagnostik ausgegeben wird.
Anderswo macht man einen Test genau dann, wenn man sich von dem Ergebnis Erkenntnisse hofft, welche für das weitere Management des Patienten wichtig sind.
Hier in Deutschland hingegen machen wir einen Test, weil wir eine Diagnose brauchen.
Eine Diagnose, die wir im Arztbrief eintragen und ICD verschlüsseln können, weil ohne Diagnose gibts keine Kohle. Das ist zwar überspitzt ausgedrückt und auch nicht ganz richtig, aber die Richtung stimmt.
Fazit: Wir Deutschen sind teurer, aber nicht unbedingt besser als Andere.
Denn: Auch diagnostische Maßnahmen haben Risiken und Nebenwirkungen. Unter Umständen setzen wir unsere Patienten sogar unnötigen Gefahren aus.
Stimmts oder habe ich Recht?

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Written by medizynicus

11. August 2009 at 17:27

13 Antworten

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  1. Bist Du dir sicher, daß ich das Thema angerissen hatte? Ich kann mich nämlich jetzt so akut auch nicht dran erinnern ;-) Weißt Du vielleicht noch den Zusammenhang?

    Chris

    11. August 2009 at 19:49

  2. Ist es nicht vielleicht auch so, dass in Deutschland die zahlreichen diagnostischen Geräte, die zu Hauf vorhanden sind, ordentlich ausgelastet werden müssen damit sie bezahlt werden können?
    Will sagen: im Ausland gibt es deshalb weniger Diagnostik, weil nicht jede Feld-, Wald- und Wiesenpraxis die nötigen Geräte hat?

    Luto

    11. August 2009 at 20:51

  3. [...] aus Dingenskirchen bringst Du den satirischen Alltagswahnsinn des Klinikums auf den Punkt. Das Märchen von der diagnostischen Sicherheit lässt uns wieder einmal ruhig [...]

  4. die Gesundheitsexpertin wars:

    http://gesundheitsexpertin.wordpress.com/2009/08/08/diagnose-nach-test/

    (wusst ich doch, dass ich das auch gelesen hab…)

    Benedicta

    11. August 2009 at 21:54

  5. Yepp, Du hast Recht. Und trotzdem wird in Fällen, wo es wirklich dringend wäre, weiterhin zu wenig Diagnostik betrieben.
    Ich habe das Glück gehabt, an einer guten alten Uni zu studieren, an der die Lehrenden (oder zumindest ein Großteil davon) ihr Handwerk verstanden und viel Wert darauf gelegt haben, dass wir uns den Patienten angucken und anhören, keine Röntgen- oder CT-Bilder. Dass wir lernen, Pulsqualitäten zu ertasten. Dass wir lernen, dass wir ÜBERALL pulsen müssen. Dass wir darauf achten müssen, wie ein Patient riecht. Ich habe im Osten studiert.
    Viele meiner Mitstudenten von West-Unis waren entweder total beeindruckt davon, wie “handwerklich” orientiert wir arbeiten mußten oder total entsetzt, weil uns doch die ganze “tolle” Technik zur Verfügung stehe. Ich weiß nicht, wie heute Medizin gelehrt wird, aber ich weiß, dass ich immer noch viele Dinge sehe, höre und rieche, die mir deutlich Hinweise auf Krankheitsbilder geben, OHNE dass ich die Technik bemühen muss.

    psychodoctrix

    11. August 2009 at 22:20

  6. Das ist absolut richtig. Die deutsche Manie (Notwendigkeit), nicht nur den genauen Namen des Kindes, sondern auch seiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern herauszudiagnostizieren, nur um dann die Entscheidung zu treffen “Aspirin oder nicht Aspirin” wird zunehmend unerträglicher.

    Ursache ist natürlich das Geld. Aber der eigentliche Hintergrund (der diese Geld auch erst losgeeist hat) ist die krakenartige Ausbreitung der Denkweise der Juristen in unserem Leben. Wenn ich in meiner Kindheit eine Scheibe eingeschmissen habe, habe ich ein paar Ohrfeigen bekommen (jetzt nicht mehr zulässig) und eine Woche Fußballverbot und der Vater hat die eingeschmissene Scheibe gezahlt. Heutzutage bedeutet dies einen Strafprozess mit Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt, Jugendamtsgutachter, Zeugenaussage der Polizisten, die die Anzeige aufgenommen haben … und danach noch einen Zivilprozess mit wieder Richter, gegnerischem Rechtsanwalt, eigenem Rechtsanwalt, Gutachter für die Kosten der Scheibe, Zeugenaussage der Polizisten …

    Genauso in der Medizin: Der alte Spruch “Wer was tut macht Fehler. Wer nix tut, macht keine Fehler. Wer keine Fehler macht wird befördert” ist hier wohl der Kern des Denkens. Denn sobald ein Arzt etwas tut, steht er schon mit einem Bein im Gefängnis und kann sich nur dadurch aus der Schusslinie bringen, indem er haarklein nachweist, dass er keinen Fehler gemacht hat!

    Na dann machen wir halt und verdienen daran. Wenn unser Gesundheitswesen oder der deutsche Staat darüber den Bach runter geht, wir Ärzte haben nur “unsere Pflicht” getan. Zu verantworten haben das die Politiker und v.a. die Jusriten in der Politik!

    P.s. Früher gabs alle 30 – 40 Jare einen Krieg. Zerstört wurden dabei neben Häusern, Fabriken, Straßen (schade, aber neu wiederaufbaubar) und Menschenleben (sehr tragisch und unwiederbringbar) vor allem die staatlichen und politischen Strukturen (Gott sei dank, die haben die Kriege nämlich immer vom Zaun gebrochen). Die mussten nach dem Krieg erst wieder mühsam installiert werden und die Menschen hatten dann für eininge Zeit wieder etwas Luft zum Atmen und Freiräume, um sich zu entfalten (das war dann der “Fortschritt”. im alten Griechenland hieß es “Der Krieg ist der Vater aller Dinge”).

    Der letzte Krieg liegt jetzt bereits 65 Jahre zurück, die juristischen Verwaltungsstrukturen inzwischen unerträglich und das Ganze ist nicht mehr lange funktionsfähig! Nein, ich wünsche mir keinen Krieg. Aber wenn in den Ministerien mal “ein paar Bomben patzen würden” (z.B. wenn Microsoft endlich ein Betriebssystem entwickeln würde, das staatliche Rechner in regelmäßigen Abständen löscht), es wäre nicht das schlechteste!

    der Landarsch

    12. August 2009 at 07:50

  7. Sorry Chris, sorry Gesundheitsexpertin, danke für den Tipp, Benedicta! Das hat man nun davon, wenn man seine Blogs im Feedreader liest wo alles gleich ausschaut… :-) Werde es korrigieren!

    medizynicus

    12. August 2009 at 08:08

  8. @ Landarsch: Und genau das mit den Juristen kann ich nicht glauben! Das, was deutsche Ober- Chef- und niedergelassenen Haus- und Gebietsärzte an Haftpflichtversicherungssummen zahlen, ist im internationalen Vergleich lächerlich gering. Daraus folgere ich mal, dass die deutschen Ärzte gar nicht so oft verklagt werden, wie sie befürchten – oder zumindest seltener als ihre Kollegen in England und den USA.
    Oder betreiben sie im “vorauseilenden Gehorsam” eine “juristisch unanfechtbare Medizin”?
    Oder ist es einfach die tiefsitzende deutsche Angst vor der Obrigkeit und der sprichwörtliche deutsche Charakterzug von der deutschen Obrigkeitshörigkeit?
    p.s.: Ich warte immer noch Auf Beiträge zum Kafka-Award!

    medizynicus

    12. August 2009 at 08:12

  9. Seit ein paar Jahren in England arbeitend glaube ich, dass das einfach das deutsche naturell ist, alles immer haarklein klassifizieren, strukturieren und aufdroeseln zu muessen (neben dem Phaenomen der Defensiv Medizin). Und das wir grundsaetzlich ziemlich technik verliebt sind-nicht nur in der Medizin. Das wurde mir aber erst auf der Insel bewusst.

    In der Medizin fuehrt das unter anderem zu der Situation wie Du sie hier beschreibst. Und weil daran alle moeglichen Leute verdienen (und der Patient das haeufig klasse findet was der Doktor mit ihm so alles anstellt) hat keiner ein Interesse, daran was zu aendern.

    Verfolge diesen blog schon ne Weile und sitze oft schenkelklopfend kichernd vorm Rechner. Weitermachen!

    Tom

    12. August 2009 at 09:28

  10. Was teure Gerätschaften betrifft ist es wohl wirklich so das für eine ordentliche Auslastung gesorgt werden muß, am besten immer für die nächsten 3 Monate im voraus, wie im Hotel.

    Was die umfassende körperliche Untersuchung angeht: Warum einen Patienten 20 Minuten lang untersuchen wenn einem eine Blutuntersuchung, deren Abnahme die MFA machen kann und deren Deutung nur eine Minute dauert, einem die selben Ergebnisse liefert und vermutlich noch besser bezahlt wird?

    Denis

    12. August 2009 at 10:14

  11. @medizynicus: Das ist natürlich auch nicht so – schon deshalb, weil Juristen gar nicht beurteilen können, welche diagnostischen Maßnahmen denn nun erforderlich gewesen wären und auf welche man zu Recht verzichtet hat. Dazu fragen sie dann – gezwungenermaßen – einen Sachverständigen. In diesem Fall einen Mediziner …

    Natürlich ist es leicht, die Verantwortung für die Misere im Gesundheitswesen den Juristen oder der Politik zuzuschieben – dann muß man sich nicht damit auseinandersetzen, daß die ganze Überregulierung in weiten Teilen aus dem Versuch der Eindämmung von Mißbräuchen resultiert (bei der “phantasievollen” Abrechnung, bei der Verschreibung “nach Wunsch”, …) und daß die ärztliche Selbstverwaltung bis heute kläglich daran scheitert, daran selbst (!) etwas zu ändern. Dann allerdings ist die Folge immer, daß eben jemand anderes etwas ändert … und meistens nicht so, wie man sich das wünschen würde.

    -thh

    12. August 2009 at 15:05

  12. Du hast natürlich recht. Dem Thema habe ich mich übrigens vor ein paar Tagen auch angenommen:-)

    http://gesundheitsexpertin.wordpress.com/2009/08/08/diagnose-nach-test/

    gesundheitsexpertin

    12. August 2009 at 15:10

  13. Ist das so? Brauchen wir die ganze maschinelle Diagnostik wirklich nur für die Abrechnung? Das mag ich kaum glauben. Wie rechnet denn dann der tyische niedergelassene Arzt ab?

    In der Regel wird da doch – durchaus sinnvollerweise – eine vernünftige Allgemeindiagnose gestellt und dann automatisch durch die Praxis-EDV verschlüsselt, ohne daß sich jemand große Gedanken darüber macht, ob es sich jetzt um einen grippalen Infekt, Pharyngitis, Bronchitis oder eine andere -itis handelt; und Magen-Darm-Beschwerden im Sinne der umgangssprachlichen Magen-Darm-Grippe sind eine Gastroenteritis, Punkt.

    Ich mag nicht glauben, daß das in der Klinik nicht ginge, und vermute als Verantwortliche eher (das gedankenlose Befolgen von) standardisierte(n) Vorgehensweisen (“Abspulen des diagnostischen Programms” mit erst nachfolgenden differentialdiagnostischen Erwägungen) aus Bequemlichkeit oder “weil man das so macht”, Sicherheitsdenken (“schadet ja nicht, wenn wir zur Sicherheit noch …”), medikolegale Überlegungen (“wenn wir alles gemacht haben, kann uns keiner vorwerfen, wir hätten etwas unterlassen”) und die Ausnutzung vorhandener Großtechnik (“wenn wir das schon einmal haben …”).

    -thh

    12. August 2009 at 15:15


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