Archiv für September 2009
So, jetzt haben wir gewählt….
…und, wird jetzt alles besser? Oder noch schlimmer?
Unsere heißgeliebte Ministerin dürfte nun wohl oder übel in den mehr oder weniger wohlverdienten Ruhestand geschickt werden. Aber was kommt danach?
Montage sind halt so…
Bad Dingenskirchen, montag morgens um acht, die übliche Hektik: Telefonpieps hier, Schwesteramkittelzupf dort, Kollegehandaufschulterleg da drüben.
Herr Doktor, kommen Sie mal, können Sie mal, ganz dringend, ganz wichtig, unbedingt jetzt, sofort…
Nee, Leute, jetzt erst mal in die Küche, nen Kaffee holen.
Die gute Nachricht: Letztens hat uns ein spendabler Pharma-Vertreter eine neue Espresso-Maschine spendiert.
Die schlechte Nachricht: Das Ding ist schon kaputt. Irgendwer hat da oben gemahlenes Kaffeepulver eingefüllt obwohl da ausschließlich frische Bohnen hineingehören.
Seufz.
Noch so’n fauler Hausarzt, der es sich einfach macht…
Bad Dingenskirchen nachts um halb drei und Medizynicus wird wieder mal aus dem Schlaf geklingelt.
Telefongespräch von draußen, ein Hausarzt ist dran.
„Ich schicke Ihnen gleich einen Patienten rein!“
„Okay, was hat er denn?“
„Er glaubt, er hat Bauchschmerzen.“
„Er glaubt? Wie meinen Sie das?“
„Keine Ahnung. Was weiß ich, was der hat. Untersuchen Sie den guten Mann einfach mal und dann schauen Sie selbst….“
„Haben Sie ihn denn untersucht? Was ist Ihr Eindruck?“
Am anderen Ende der Leitung Gelächter.
„Ob ich ihn untersucht habe? Es ist halb drei Uhr nachts, Herr Kollege!“
„Aber Sie haben Dienst!“
„Dienst ist gut. Ich bin zufällig Hausarzt und dieser Mann ist zufällig mein Patient. Wenn er nachts um drei Bauchschmerzen bekommt und glaubt, er könne nicht bis acht Uhr früh warten, muss ich davon ausgehen, dass es etwas Ernstes sein könnte. Also schicke ich ihn zu Ihnen. Da ist er eh besser aufgehoben. Also, machen Sie’s gut, und einen ruhigen Dienst noch.“
Vielen Dank, Herr Kollege! In Amerika würde ich jetzt sagen: „You mady my Day“! Ob ich morgen mal bei der kassenärztlichen Vereinigung anrufen sollte?
Aus dem OP in den Knast
Nein, noch sitzt er nicht im Knast.
Das Gerichtsverfahren soll erst nächste Woche beginnen. Aber wenn das wahr ist, was die „Zeit“ in ihrer gestrigen Ausgabe (derzeit leider nur auf Papier, noch nicht online verfügbar) schreibt, dann ist das schon ein starkes Stück… nein, mehr als das… ein unvergleichbarer Medizinkrimi ist das.
Der Chirurg Christoph B., Professor und Chefarzt an der Essener Uni-Klinik, hat sich von Patienten bestechen lassen und einige von ihnen nach Strich und Faden abgezockt.
B. war Leiter der Abteilung für Transplantationschirurgie und galt – und gilt – als international bekannte Koryphäe auf dem Gebiet der Lebertransplantation.
Für viele Menschen – schwerstkranke, todkranke Patienten mit Tumorleiden im Endstadium – war er so etwas wie die letzte Hoffnung: und das hat er ausgenutzt.
Gegen Bargeld, Käsch in die Täsch ohne Quittung – hat er auch dort operiert, wo es klüger gewesen wäre, nichts mehr zu machen. Und dann war er auch noch in Organhandel-Deals verwickelt.
Kurz und gut: Er hat sich seinen Nimbus vergolden lassen.
Und seine Underdogs haben geschwiegen. Niemand hat sich getraut, den Großen Meister anzuschwärzen.
So ist das halt in unserem Gewerbe.
Ärztliche Schweigepflicht einmal anders. Das kennt man ja aus Sizilien: Omerta nennt man es dort.
Fortbildungen
Medizynicus will mal groß und stark und vor allem ganz besondes schlau werden. Deshalb bildet er sich regelmäßig fort. Und natürlich schreibt er darüber.
- Was macht ein Arzt an seinem Freien Wochenende? – er besucht eine Veranstaltung, die ziemlich daneben ist (31. Oktober 2009)
- Fortsetzung der Geschichte
- 3. Teil der Geschichte
- Eine pharmagesponsorte Abendfortbildung mit leckerem Essen (3.5.2010)
- „Bilde Dich fort!“, sagt Kalle, aber an dem Tag der interessanten Fortbildung habe ich Dienst (Mai 2010)
- …den Kalle mir aber wegtauscht. Also hin und Fort- und weggebildet!. Hin komme ich, aber…
- …irgendwie ist die Sache dann doch nicht der Bringer
- Selbststudium zu Hause bringt mehr
Cyberchonder und Andere: die Angst des Arztes vor dem informierten Patienten
Patienten informieren sich, im Internet und anderswo. Das war schon immer so. Nicht immer ist das, was die Patienten da im Netz finden, sinnvoll. Manchmal ist es Humbug. Im Netz sind Humbug und Perlen echter Weisheit bekanntlich nur einen Klick weit voneinander entfernt.
Patienten, welche mit einem dicken Paket von Wikipedia-Ausdrucken unterm Arm in der Notaufnahme (oder in der Praxis) erscheinen sind der Alptraum eines jeden Arztes.
Über Cyberchonder habe ich an dieser Stelle ja bereits berichtet. Die sind nicht mehr und nicht weniger anstrengend als die ATW-Patienten, und die hat es immer schon gegeben.
Was mir in diesem Zusammenhang aufgefallen ist:
Es ist gar nicht so einfach, im Netz seriöse medizinische Informationen zu finden, vor allem nicht in deutscher Sprache. Auf Englisch geht’s, aber in Deutschland steht da das Heilmittelgesetz: Das verbietet es nämlich, unter bestimmten Umständen, medizinsiche Fachinformationen Laien zugängig zu machen.
Medizinischen Humbug zu verbreiten verbietet es allerdings nicht.
Was soll das?
Medizin ist doch keine Geheimwissenschaft!
Die Zeiten der Alchimisten sind ja vorbei… oder?
Schmiergelder angenommen? Alles halb so wild, liebe Kollegen!
Diejenigen Kollegen, welche in den letzten Jahren Schmiergelder von Rationpharm angenommen haben, gehen straffrei aus, berichtet der Spiegel heute. Das entsprechende Verfahren ist eingestellt worden.
Dann ist ja alles klar.
Das Geschäftsessen heute Abend mit dem netten Vertreter eines großen Arzneimittelherstellers, welcher natürlich nicht genannt werden möchte brauche ich also nicht abzusagen. Und wenn er mir nach dem Dessert nicht wieder einen kleinen Umschlag überreicht, dann werde ich morgen früh mal bei Don Corleone anrufen.
A propos… morgen Mittag werde ich mit dem Vertreter einer anderen Pharmafirma einen kleinen Espresso trinken übermorgen habe nach Feierabend ein kurzes Date mit der sehr attraktiven Vertreterin eines dritten Unternehmens.
Moment mal… was steht da?
Nur Niedergelassene Ärzte dürfen Bestechungen annehmen, da sie ja, im Gegensatz zu Angestellten eines Kreiskrankenhauses nicht im öffentlichen Dienst sind?
O Mann, ich muss wohl doch mal ganz schnell mit meinem Anwalt reden!
Nein, ich habe nichts gesagt! Vergesst alles, was ich weiter oben geschrieben habe… vergesst es einfach!
Legt Euch nicht hin, es könnte Euch den Job kosten!
Bad Dingenskirchen, nachts um halb drei. Mediyznicus dreht mal wieder eine einsame Runde durch das Haus.
Aus der Notaufnahme tönt ihm Gelächter entgegen. Was ist da los?
Nee, ausnahmsweise mal keine besoffenen Youngster!
Eine Schwesternschülerin liegt starr und bäuchlings auf einer Untersuchungsliege.
Pfleger Marco steht mit gezücktem Handy daneben und macht Fotos.
„Und jetzt auf dem Boden, unter der Liege!“ kommandiert er.
Die Gute steht auf und legt sich brav bäuchlings auf den Boden, beide Arme starr an den Körper angelegt.
Medizynicus schüttelt den Kopf.
„Ist das ein Shooting für einen neuen Zombie Film?“
Die Schülerin steht auf, streicht sich die Haare aus dem Gesicht und grinst.
„Neee, das is’n Spiel!“
„Ein was?“
„Ein neues Online Spiel!“
„So’ne Art World of Warcraft? Killt Ihr gerade Monster, oder was?“
„Nee, ganz was anderes! Es geht um meine Facebook-Seite…“
„Aha?“
Dümmliches Grinsen meinerseits.
„Kennste nicht das Lying-Down-Game?“
Nun ja… kenne ich natürlich nicht… man wird alt. Schliesslich ist es schon eine Weile her, seitdem ich mein siebzehntes Lebensjahr vollendet habe.
Kopfschüttelnd gehe ich wieder hoch ins Arztzimmer und mache mich schlau. Aha, so ist das also. Man legt sich auf den Boden und stellt ein Foto davon auf seine Facebook-Seite. Und das soll lustig sein?
Also zu meiner Zeit, damals Vierzehn-Achtzehn in den Ardennen haben wir über ganz andere Sachen gelacht!
Ich klicke ein wenig weiter… und was lese ich da?
Irgendwo in England ist die gesamte Besatzung einer Notaufnahmestation vom Dienst suspendiert worden, nachdem sie sich in entsprechender Pose haben ablichten lassen!
Und dabei sagt man den Engländern nach, sie hätten Sinn für Humor…
Trinkt mehr Kaffee, Kollegen!
Tag und Nacht gluckert bei uns auf Station die Kaffeemaschine. Die Plörre, welche sie ausspuckt ist nicht immer sonderlich appetitlich, vor allem dann nicht, wenn das Zeug zwei Stunden lang auf der Warmhalteplatte vor sich hin geköchelt hat weil wieder mal jemand vergessen hat, das Ding auszuschalten.
Das Zeug brennt einem Löcher in die Magenschleimhaut, aber egal, Hauptsache Koffein.
Und wir sollen mehr davon trinken, rät uns die australische Provinzregierung von Queensland.
Mindestens sechs Tassen am Tag.
Na, das sollte ja wohl locker zu schaffen sein. Und die Rechnung schicken wir dann nach Australien!
Computer-Crash in Bad Dingenskirchen
Nach dem Frühstück schlurft Medizynicus gemächlich hinunter in die Notaufnahme um einen Zugang aufzunehmen. Also,
Eigentlich alles wie üblich: Anamnese, Untersuchung, Blut abnehmen, dann den Schreibkram in den Computer hacken.
„Nee, iss nich!“ sagt Schwester Anna.
„Was heißt hier ist nicht?“
„Das, was Du da gerade vorhast, das geht heute nicht.“
„Aber ich will doch bloß das Labor…“
„Was auch immer Du vorhast, falls es irgend etwas mit Computern zu tun hat, dann geht es heute nicht.“
Tatsächlich, alle Bildschirme sind schwarz.
Mein Gesicht wird ziemlich lang.
Kein Labor anordnen? Und auch keine Untersuchungen?
Okay, man kann die Zettel auch per Hand ausfüllen, wie Anno Dazumal. Aber was ist mit den Vorbefunden?
Schwester Anna stöhnt.
„Natürlich könnte jemand die alte Akte aus dem Archiv holen… wenn jemand Zeit hat…“
Aber zunächst sind alle Jemande damit beschäftigt, die handgeschriebenen Anordnungen und Zettel ins Telefon zu diktieren oder Ergebnisse entgegenzunehmen und per Hand in die alten Formulare einzutragen.
Und irgendwann taucht Frau Schröder auf. Frau Schröder ist eine etwas rundliche Dame mit dicker Hornbrille und ihres Zeichens EDV-Beauftragte. Allerdings sieht man ihr an der Nasenspitze an, dass sie von Computern so ziemlich gar keine Ahnung hat. Aber sie hat schon die Helpleine angerufen und die versprachen, das Problem umgehend zu lösen.
Aber umgehend dauert. Und bis dahin dauern Dinge, die man bislang in zwei Minuten erledigt hat plötzlich Stunden. Wie Anno dazumal.
Und unsereins wundert sich wieder einmal, wie abhängig wir uns doch von diesen kleinen Kisten gemacht haben…



