Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Hirntod, Scheintod, Lazarus

with 9 comments

Im Zuge der Diskussion sollten wir zunächst einmal ein paar Begriffe klären:
Wenn ein Doc einen Totenschein ausfüllt, muss er nachweisen, dass er sichere Todeszeichen festgestellt hat. Sichere Todeszeichen sind Leichenflecken, Totenstarre und Fäulnis. Wenn man das sieht, kann man davon ausgehen, dass der Betreffende wirklich tot ist. Wirklich? Naja, einem unerfahrener Assistenzarzt in der zweiten Woche, welcher nachts um drei im Dienst von der Schwester an das Bett einer dementen und seit Jahren bettlägerigen, völlig abgemagerten fünfundneunzigjährigen Patientin gerufen wird, die nicht mehr atmet und deren Hände schon pietätsvoll zusammengefaltet sind, mit Blümchen drin… da mag ab und zu ein Irrtum vorkommen. Aber, Hand aufs Herz, wenn solche Leutchen jetzt nicht tot sind dann sind sie es ein paar Stunden später wirklich.
Anders sieht es bei jungen Unfallpatienten aus, bei denen auf der Intensivstation der Hirntod festgestellt wird. Der Hirntod wird nämlich in der Regel nur klinisch diagnostiziert: Lichtstarre Pupillen, keinerlei Reflexe mehr, keinerlei Spontanatmung und natürlich tiefe, unweckbare Bewusstlosigkeit. Wenn – von einem oder mehreren erfahrenen Ärzten der Hirntod aufgrund dieser Kriterien diagnostiziert wird, können intensivmedizinische Maßnahmen, zum Beispiel Beatmung, eingestellt werden. Nur dann, wenn es um eine Organtransplantation geht, wird aufwändige Diagnostik – etwa Null-Linien-EEG oder eine Darstellung der das Hirn versorgenden Blutgefäße durchgeführt.
Doch auch dann gilt: das Hirn ist dann zwar vielleicht tot, aber der Rest des Körpers lebt noch eine Weile. Logisch: Eine Niere, die man transplantieren will sollte ja noch funktionieren, sonst kann man es auch sein lassen. Und nicht nur die Niere lebt: Der Darm verdaut, Arme und Beine können sich möglicherweise (reflexartig) bewegen. Ja, und auch eine Erektion ist zumindest theoretisch möglich. Vor ein paar Jahren hat eine hirntote schwangere Frau sogar ein – allerdings totes – Kind geboren.
Und wie auch immer man es dreht und wendet: Die Diagnose Hirntod bedeutet nichts anderes als dass keine messbare Hirnaktion mehr vorhanden ist. Wie es “drinnen” aussieht… das weiss kein Mensch.

About these ads

Written by medizynicus

16. Juni 2010 at 07:47

Veröffentlicht in Gewissensbisse

9 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. … das weiß kein Mensch.
    Richtig – und das sollte zu denken geben.

    Wolfram

    16. Juni 2010 at 09:02

  2. Finde ich auch.

    Mel

    16. Juni 2010 at 13:44

  3. Von den Befürwortern der Transplantationsmedizin wird immer wieder behauptet, die Hirntoddiagnose sei die sicherste Diagnose der Welt.
    Dies ist leider nicht wahr. Das Gehirn kann bei entsprechender Behandlung eine Minderdurchblutung bis 20% schadlos überstehen.
    Ab einer Minderdurchblutung von 50% lassen sich die Reflexe, die zur Diagnose des Hirntodes überprüft werden, nicht mehr auslösen. Der Zustand zwischen 50% und 20% Minderdurchblutung wird als “ischämische Penumbra” bezeichnet. In diesem Zustand ist auch der für die Hirntoddiagnose zwingend vorgeschriebene “Apnoetest” sinnlos, da das Gehirn auf die Erhöhung des Kohlendioxidgehaltes im Blut nicht reagieren kann. Normalerweise stellt die Kohlendioxiderhöhung im Blut einen starken Atemreiz dar, was jeder, der schon einmal längere Zeit mit dem Kopf unter Wasser war, bestätigen kann.
    Der Apnoetest ist in diesem Zustand nicht nur sinnlos, sondern auch schädlich. In einer Kompaktinformation der DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation)zum Hirntod und der Hirntoddiagnostik heißt es:
    “Der Apnoe-Test wird wegen der möglichen Gefährdung
    des Patienten …… als letzte klinische Untersuchung des Hirnfunktionsausfalls durchgeführt.”
    Tatsache ist es außerdem, dass es immer wieder Fehldiagnosen gibt.
    So konnte man 2006 im Deutschen Ärzteblatt lesen, dass bei einer Überprüfung von weniger als 50 Hirntoddiagnosen 21 falsch waren.(Dtsch Arztebl 2006; 103(19): A-1268 / B-1080 / C-1039)
    Weltweit gibt es immer wieder Fehldiagnosen, auch in Deutschland. Hier ein Beispiel von vielen:

    http://www.youtube.com/watch?v=4JD1151hsQw Teil 1
    und
    http://www.youtube.com/watch?v=mJXeq4FBVxY Teil 2

    Der Film besteht aus 2 Teilen; beide sind wichtig. Weitere Filme werden folgen.

    Dr. med. Regina Breul

    16. Juni 2010 at 14:30

  4. Ich als vollkommener Laie weiss jetzt nicht, wie realistisch meine Frage ist, aber ich hätte da eine. Abgesehen von dem, was davor vorgefallen ist, aber wenn nun also jemand beatmet und mit allem Pipapo an Monitoring und Schläuchen und weiss der Geier auf der Intensiv liegt und nun also ein Neurologe hereingeschneit kommt, 2 Minuten im Zimmer verschwindet und wieder herausgeschneit kommt mit den Worten “Is’ hinüber, also … die wird wohl hirntot sein.”, und aufgrund dieser Aussage wird bei der nächsten Asystolie gar nicht mehr reanimiert sondern einfach alles abgeschaltet … hätten man darauf bestehen können oder wenigstens weitere Untersuchungen verlangen können die einen Hirntod bestätigen? Von der menschlichen Seite her war es wohl richtig so wie es war, weil nicht mehr viel zu retten war. Aber mich interessiert es schon – auch weil das Thema immer so kontrovers diskutiert wird – ob wir als Angehörige hätten verlangen können, dass noch mal reanimiert wird und der Hirntod eindeutig festgestellt wird?

    souly

    16. Juni 2010 at 17:35

  5. @souly: Also die Todesfeststellung ist kein Federstrich, da läuft schon ein bisschen mehr. Bei uns hier wird mit der Hirntod mit SPECT festgestellt, also einer Methode, die mit dem CT eng verwandt ist und Aussagen über die Hirnaktivität treffen kann. Ist ein gewisser Aufwand, aber mit Sicherheit besser als das Zwei-Ärzte-Prinzip.

    Worüber man sich wie Deine Vorkommentatorin streiten kann, sind die Kriterien und Konsequenzen des Hirntodes selbst. Wobei sie sich nicht so evidenzbasiert anhört, wie ich mir das üblicherweise wünsche.

    lupo

    16. Juni 2010 at 22:45

  6. Hi, nehme an, Du beziehst Dich bei der hirnoten Frau mit dem Baby auf das “Erlanger Baby”. Wikipedia beschreibt, dass derselbe Versuch im Jahr 2008 bei einer 40jährigen Frau erfolgreich war.

    Steven

    17. Juni 2010 at 13:52

  7. Danke für die Antwort, lupo. Alles in allem lag eine fulminante LE vor und uns wurde von vorn herein erklärt, dass man da eigentlich gar keine Hoffnung mehr haben braucht. Nunja und dann lief es in etwa so, dass man nach 2 Tagen gesiebter Intensivluft zu uns kam und meinte “So, der Neurologe kommt gleich mal rüber und guckt da mal drauf.”. Dann kam eben Herr Neuro, verschwand mal eben im Zimmer, kam kurz darauf zurück und meinte eben, dass sie “hinüber” wär, allem Anschein nach zumindest wär sie wohl hirntot. Und ca. 20 min drauf kam dann der Stillstand und es wurd alles abgestellt und fertig war die Sache. Ich muss sagen, auch wenn es jetzt vielleicht einen klagenden/komischen Unterton haben mag, aber ich hab bin ja eigentlich absoluter medizinischer Laie und mags nicht beurteilen, inwiefern man das in so kurzer Zeit beurteilen kann usw. Mir kams nur ein bisschen zu “wackelig” vor, vielleicht hat er mit der Formulierung “….also allem Anschein nach zumindest….” eben halt voll ins Klo gegriffen. Kann ja auch sein. Andere Ärzte, andere Sitten. :)

    souly

    17. Juni 2010 at 15:04

  8. Ich habe den Eindruck, da erfahre ich jeweils am meisten über die Befindlichkeit des besorgt Nachfragenden.
    Jene armen Menschen in Extremis sollten mit optimaler Betreuung und optimaler Schmerzlinderung und Thymolepsie ihr unumkehrbares Desaster nicht als Folterkammer erleben müssen. Das allein zählt in so einer Situation. Hier aber liest man jene Fragen, die an Edgar Alan Poe`s Angstvisionen des lebendig begrabenen (scheinbar) Gesunden erinnern. Alle die hier Sorge um die Qualität der Todesbeurteilung haben, haben eigentlich Angst davor selbst “lebendig begraben” zu werden. Also bitte nicht unnötig lange auf den klinischen Todesparametern rumreiten.

    Von den 10% Fehlleistungen abgesehen ist eine Klinik der Ort größtmöglicher Pflege und bestmöglicher Medizin.

    Wenn dann noch ein erfahrender Arzt oder eine erfahrende Schwester mit Herz (und deren gibt es in beiden Berufsgruppen sehr viele!) dazukommen, dann findet dieser arme Mensch auch etwas Trost und Hilfe und nur daraufkommt es an. Denn absolut mausetot und inzwischen verwest sind ALLE von denen hier geredet wurde.

  9. Es gibt Fehldiagnosen. Zum Beispiel, wenn nicht abgewartet wird, dass am Unfallort verabreichte Muskelrelaxanzien oder Schmerzmittel abgebaut wurden. Solche Fälle gibt es auch in Deutschland, sie werden nicht publiziert.
    Fehldiagnosen finden Sie im Internet unter:
    Youtube Tot? Eine Hirntod-Fehldiagnose
    gloria TV ”
    Youtube: Tot oder doch lebendig Iu.II
    Gloria TV =
    Zack Dunlapp u.v.a.

    S. Mattthies

    31. Oktober 2010 at 22:53


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 735 Followern an

%d Bloggern gefällt das: