Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Psyche und Magen

with 18 comments

“Und? Gibt’s schon ein Ergebnis?”
Der Patient schaut mich etwartungsvoll an.
Kurzer Blick in die Krankenakte und ich setze mein strahlendstes Feiertagslächeln auf.
“Alles in Ordnung!” sage ich.
Der Patient zuckt zusammen und sinkt in sein Kissen zurück.
“Scheiße!” murmelt er.
“Warum?”
“Andersherum wär’s mir lieber gewesen!”
“Aha?”
“Dann wüßte ich wenigstens, was ich hätte.”
“Sie sind gesund. Magenspiegelung und Darmspiegelung waren völlig unauffällig. Freuen Sie sich!”
Der Patient schüttelt den Kopf.
“Und meine Bauchschmerzen? Die ständige Übelkeit? Die Blähungen? Wo kommt das jetzt alles her?”
Ich schaue mich verschwörerisch um um mich zu vergewissern dass niemand lauscht. Außer dem dementen Opa im Nachbarbett ist niemand da. Ich klappe die Krankenakte zu und setze mich auf die Bettkante.
“Woher kommt das alles?” wiederholt der Patient.
“Genau das möchte ich Sie fragen!”
“Wie bitte?”
“Sagen Sie mir: Woher kommen Ihre Magenschmerzen?”
Der Patient runzelt die Stirn.
“Sie sind der Doktor!”
“Aber Sie haben die Beschwerden. Um Ihr Leben geht es, nicht um Meins!”
“Ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor!”
“Jetzt erzählen Sie mir bitte mal, was Ihnen alles auf den Magen drückt! Stress? Ärger? Angst?”
Der Patient beginnt zu weinen.

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Written by medizynicus

17. Juni 2010 at 10:30

18 Antworten

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  1. Vermutlich alle drei Punkte zusammen bzw. eine brodelnde Mischung daraus.

    Denis

    17. Juni 2010 at 11:00

  2. Solchen Patienten ist eine “organische Diagnose” manchmal wirklich lieber, denn da gibt es vielleicht Tabletten zu schlucken…da kann der Chirurg vielleicht was wegschnippeln…und schwuppdiwupp ist alles wieder gut!
    Aber so?! (*ratlos*)
    Eine Patientin mit jahrzehntelangen schweren Depressionen sagte mal zu mir: “Ich hätte lieber Krebs gehabt.”
    Da merkt man erstmal, wie schwer so ein seelisches Leiden sein kann.

    docangel

    17. Juni 2010 at 11:46

  3. Hm, wusste gar nicht, dass ich mal in Bad Dingenskirchen Patient war. Hab ich wahrscheinlich verdrängt :-)
    Aber bei mir gibt es auch eine direkte und unmittelbare Verbindung zwischen Hirn und Magen. Zu viel Grübelei resultiert in Flitzekacke :-)

    Der Krangewarefahrer

    17. Juni 2010 at 11:52

  4. @docangel: ich habe das selbe auch mal zu meinem Arzt gesagt…

    ichbinines

    17. Juni 2010 at 12:49

  5. Traurig aber wahr.

    My Kitchen in the Rockies

    17. Juni 2010 at 17:25

  6. Irgendwie schon komisch, wie sehr einem der Kopf überall mit reinpfuscht, oder?
    Ich kenne das allerdings auch, manchen Menschen schlägt es sich sofort auf Kopfschmerzen nieder, ich hab dann eher Bauchprobleme… und trotzdem finde ich es merkwürdig :D

    schneckenhaeuschen

    17. Juni 2010 at 18:09

  7. Das ist wohl dann da klassische “mir schlaegt etwa auf den Magen”
    wenn es mir schlecht geht, hab ich quasi koliken, andere haben Migraene.
    Aber ich kann denn guten Mann verstehen. Es hilft einem manchmal eine klare Diagnose ala ” sie haben ein Magengeschwuer” zu kriegen…

    katharina

    17. Juni 2010 at 18:53

  8. Naja, es muss aber nicht zwingend psychisch sein. Ich kenne das aus eigener Erfahrung zu gut: Bauchschmerzen, Übelkeit, schlimme Blähungen, das sind genau meine Symptome. Bei mir wurde ein Darmpilz diagnostiziert, aber auch erst nachdem mir mehr als ein Arzt eine psychische Ursache unterschieben wollte…

    Larifari

    17. Juni 2010 at 19:11

  9. Nur, dass die Wahrscheinlichkeit, die Depressionen in Griff zu bekommen wesentlich höher ist als so manche Krebsart…. Denn daran kannst du arbeiten, wenn dich aber ein Tumor auffrisst, nur begrenzt…

    Chaoskatze

    17. Juni 2010 at 19:32

  10. Hut ab
    das man sich auch mal für ein einfaches gespräch die zeit nimmt

    hubi

    17. Juni 2010 at 21:48

  11. Ein ausgezeichnet eindeutiger Dialog. Aber das viele Krankheiten heutzutage psychosomatisch ist kein Geheimnis.

    Peter F

    17. Juni 2010 at 22:24

  12. Mausbär gefällt der Text überhaupt nicht. Er glaubt auch nicht, daß normale Mediziner für eine Diskussion dieser Art ausgebildet sind!

    stefanhensch

    17. Juni 2010 at 23:55

  13. Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: ich bin ja schon beeindruckt, wenn ein Mediziner in der Lage ist, eine somatoforme Störung dem Patienten gegenüber zumindest zu benennen. Der Idealfall wäre generell eine Auseinandersetzung damit, dass somatoforme Störungen (meiner Erinnerung nach, was Statistiken angeht) deutlich häufiger vorkommen, als organische Erkrankungen und die Erkenntnis, dass die Psyche ebenso ernst zu nehmen ist, wie der Körper, leider noch keine allgemeine Akzeptanz findet.

    Antagonistin

    18. Juni 2010 at 09:55

  14. Zu einer beruflich Bekannten von mir ist das vor ca. 1,5 Jahren auch gesagt worden. In der Klinik keinen Befund gefunden, worauf die Rückenschmerzen beruhen könnten. Also zum Psychologen geschickt worden.

    Ein Dreivierteljahr später war sie tot – Bauchspeicheldrüsenkrebs.

    Ich bin der Meinung, dass heute oft vorschnell, wenn eine Ursache nicht gleich gefunden wird, alles auf die Psyche geschoben wird (Ich will damit nicht sagen, dass die Psyche keinen Einfluss haben KANN)

    Nurpatientin

    18. Juni 2010 at 15:07

  15. Ich hatte eine ganz ähnliche Krankheitsgeschichte.
    Magneschmerzen und Erbrechen zum Schluß fast täglich.
    Mganespiegelung + Darmspiegelung ohne Befund.
    im Ultraschall keine sichbaren Blasne oder Gallensteine.
    Kein Bezug zu dem was und ob man vorher gegessen hat.
    Rätsel.
    Wird wohl psychisch sein.
    Wird und wird nicht besser.
    Nachen den vierten oder fünften Arzt endlich die richtige Diagnose.
    Nebenierentumor.
    Tumor entfernt alles wunderbar.
    Fazit:
    Bauchschmerzen gehört zu den blödesten Sachen die man haben kann. Die Ursachen sind so vielfältig dass man eigentlich gar nicht alles testen kann.

    Ralf

    21. Juni 2010 at 14:37

  16. Vielleicht war eines der 10 Biere von heut morgen schlecht?

    drgeldgier

    21. Juni 2010 at 19:05

  17. Vier Wochen nach meiner Mandelentzündung saß ich wieder bei meiner Hausärztin. Schmerzen, Schluckbeschwerden, allgemeines “mäh” Gefühl. Ihre Diagnose? “Kein Fieber, Lymphknoten nicht geschwollen, Sie haben nix. Viel trinken, warm halten, ich schreib Ihnen mal was homöopatisches auf und legen Sie sich mal zwei Tage ins Bett, entstressen Sie mal.”.
    Zwei Tage später saß ich, weinend vor Schmerzen, beim HNO. Weniger als eine Woche später war ich sowohl meinen Peritonsillarabszess, als auch meine (chronisch entzündeten) Mandeln losgeworden.

    Nicht immer ist alles die Psyche. Nicht jeder rennt wegen jedem Pups zum Arzt. Manchmal ist der Patient auch einfach krank und weder gestresst noch hypochondrisch veranlagt. Manchmal gerät man einfach an den Dorfdoktoren aus Bad Dingenskirchen, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Und ich, ich brauch dringend einen neuen Hausarzt.

    Schmetterfink

    23. Juni 2010 at 14:24

  18. Da kann man nur sagen: „Wie im richtigen Leben!”

    WiKa

    26. Juni 2010 at 00:39


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