Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Wieviel Diagnostik braucht der Mensch?

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Die Kommentare auf diesen Artikel aus der letzten Woche haben mir zu denken gegeben. Und heute berichtet der Spiegel Online über den Fall einer jungen Frau, welche sterben musste weil die Hausärztin ihre Beschwerden als “psychisch” abgetan hat anstatt den fortgeschrittenen Darmkrebs zu diagnostizieren.
In meinem Beispiel ging es um einen jungen Mann, der wegen unklarer Abdominalbeschwerden stationär eingewiesen wurde, nachdem der Hausarzt ihn zuvor längere Zeit erfolglos behandelt hatte.
Wir führten alle Untersuchungen durch, die in so einem Fall sinnvoll sind: Blutentnahmen, Sonographie, Gastroskopie, Coloskopie und letztendlich noch ein CT. Die gesamte Diagnostik verläuft unauffällig.
Keine pathologischen Befunde.
Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Patient hat irgendeine geheimnisvolle, seltene Krankheit und wir wir dummen Dorfdoktoren aus dem Kreiskrankenhaus Bad Dingenskirchen sind einfach nicht schlau genug um sie zu finden.
Oder der Patient ist – zumindest rein körperlich gesehen – gesund.
Welche von den beiden Möglichkeiten zutrifft, wissen wir nicht.
Die zweite Aussagen trifft wesentlich häufiger zu. Und ist damit wahrscheinlicher.
In der Medizin – und nicht nur dort – gibt es einen Grundsatz: häufige Sachen sind häufig und seltene Sachen sind selten. Samuel Shem drückte es in seinem Buch “The House of God” etwas poetischer aus: Wenn Du draußen Hufgetrappel hörst, denke zunächst an Pferde und nicht an Zebras.
Das Zebra, das ist der seltene Nebennierentumor.
Die Pferde, das sind die “funktionellen Beschwerden”.
Damit beschreibt man eine Krankheit, deren Ursache man nicht kennt und die man auf psychosomatische Zusammenhänge zurückführt.
Das Tückische daran ist, daß man psychosomatische Zusammenhänge nur in den seltensten Fällen eindeutig beweisen kann, obwohl es eigentlich ganz logisch auf der Hand liegt: Streß, Ärger und Ängste machen krank.

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Written by medizynicus

22. Juni 2010 um 21:38

10 Antworten

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  1. Das ist eben der Teufelskreis in dem uns immer mehr Ärzte immer kranker machen. Dann noch ein Buch über dieses und ein Artikel über jenes, von Bankofer, Orthopädieprofessoren und Konsorten, schon zwickt es hier und da auch noch. Eine weitere Frage: wieviel kostet uns denn so ein Arzt(sitz)? Und bei wessen Versorgung fehlt dann genau das Geld? Und: wie unterscheide ich zwischen dem und jenem?

    Wolf

    22. Juni 2010 at 22:37

  2. Naja.. hauptsache die Vermutung, dass es psychisch sein könnte, führt nicht dazu, dass physische Ursachen für die Zukunft ausgeschlossen werden. Auch nicht, wenn die Diagnose zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird, wenn der Patient vor Schmerzen und Ohnmacht wirklich psychische Probleme entwickelt.

    NK

    22. Juni 2010 at 23:03

  3. „Jetzt erzählen Sie mir bitte mal, was Ihnen alles auf den Magen drückt! Stress? Ärger? Angst?“
    Der Patient beginnt zu weinen.

    Wenn jemand auf die Frage wie es einem geht oder was einen bedrückt nur noch mit Tränen antworten kann, dann hat man als Fragesteller eigentlich schon die Antwort. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel – der Mann könnte auch einfach nur geweint haben, weil er sich nach der langen, erfolglosen Behandlung beim Hausarzt und jetzt den ganzen Untersuchungen im Krankenhaus endlich mal eine Diagnose erhofft hatte!?

    alexa

    23. Juni 2010 at 01:19

  4. denke [u]zunächst[/u] an Pferde und nicht an Zebras
    Ich denke es ist nötig offen zu bleiben und auch gestellte Diagnosen immer wieder in Frage zu stellen.

    Nebenbei, es geht (und gibts) auch umgekehrt psychische Erkrankungen werden nicht erkannt weil es körperliche Beschwerden gibt.

    Blogleserin

    23. Juni 2010 at 07:04

  5. Wenn man Hufgetrappel hört, sollte man primär an Huftiere denken! Wer dabei schon an Pferde denkt, denkt leicht weiter an Kutsche, an “gute alte Zeit”, 19.Jahrhundert … und ist plötzlich fürchterlich in der Wüste. Es könnte nämlich auch die Pferde vom Bauern nebendran ausgebrochen sein, oder der Zirkus kommt in die Stadt, … oder jemand spielt ist Jumanji.

    Die Presse berichtet vom Außergewöhnlichen, nicht vom Alltäglichen! Und die Skandalpresse macht aus dem Ganzen dann üblicherweise auch noch einen Kunstfehler, Betrug, etc. Wir leben aber im “Alltäglichen”.

    Wir – und ich meine hier nicht nur die Ärzte und die Medizin, sondern jeden Berufsbereich – halten uns an das Erprobte, Bewiesene, an unsere Erfahrung und an die Erfahrungen der Erfahrenen. Was außerhalb liegt, kann nicht gefordert werden, sollte aber natürlich in den Erfahrungsbereich mit einfließen (deshalb lese ich auch regelmäßig die Medical Tribune, eine medizinische “Bild-Zeitung”, selbst wenn hier u.a. vom Kind mit drei Köpfen und einer neuen Seuche in Hinter-Kasawubu berichtet wird, die schon 2 Todesopfer in 5 Jahren gefordert hat).

    Einen Nebenrindentumor nicht zu entdecken (ich sage hier bewußt nicht “übersehen”), der noch keinerlei entdeckbare Befunde aufweist, ist normal und logisch! Sich darüber Vorwürfe zu machen, wäre vermessen, einem Anderen diesbezüglich Vorwürfe zu machen arrogant und absurd (die Skandalpresse macht sich damit nur lächerlich)!

    Ein arroganter, überheblicher Mensch sagt “Da ist nichts”, der aufmerksame, selbstkritische sagt “ich habe nichts gefunden”. Ein guter Arzt wird immer so lange “Gewehr bei Fuß” stehen, solange ein Problem nicht geklärt ist. Er wird aber keine sinnlosen Untersuchungen oder Therapieversuche unternehmen, nur weil er keine sinnvollen findet!

    Und wer weint hat immer (auch) ein psychisches Problem!

    der Landarsch

    23. Juni 2010 at 08:13

  6. Mir wurde auch jahrelang erklärt, dass meine Kopfschmerzen, meine Schwindelattacken, meine Bewusstlosigkeit rein psychisch wären. Nie CT oder MRT gemacht, gerade mal ein EEG und das ohne Epilepsiereizer.
    Ich musste erst immer wieder temporär die Sprache verlieren und selbst da hab ich noch stundenlang erklärt, dass das doch gar nicht so schlimm ist – weil man es irgendwann selbst glaubt und das ist das wirklich Schlimme daran.

    Aber natürlich weiß ich, wie selten Tumore in meinem Alter sind. Übel genommen habe ich das nur den Ärzten, die einem von Anfang an nicht glauben, einen als Hypochonder darstellen, ohne auch nur einmal nachzufragen. Denn das greift die eigene Persönlichkeit an, zeigt Arroganz, Überheblichkeit.

    Chaoskatze

    23. Juni 2010 at 19:12

  7. Nun ist über den im Spiegel berichteten Fall, wenn damit die Skandalpresse geint sein sollte, ja recht wenig bekannt. Was allerdings bekannt ist, läßt den zwingenden Rückschluss zu, das es sich um einen sog. schweren Behandlungsfehler gehandelt haben muss, ansonsten wäre es dem Kläger nicht gelungen den Kausalitätsbeweis zwischen Pflichtverletzung und Folge (Tod) zu führen. Ein solcher schwerer Behandlungsfehler ist dann anzunehemn, wenn der Arzt Dinge tut oder unterläßt, die keinem Arzt mehr einleuchten. Ob dies der Fall war, entscheidet nicht das Gericht, sondern ein vom Gericht bestellter Gutachter – in der Regel ein Chefarzt einer großen Klinik.

    Die Mechanismen, einen Arzt vor einer unberechtigten Inanspruchnahme zu schützen, sind also durchaus vorhanden. Der im Spiegel geschilderte Fall scheint mir daher denkbar ungeeignet, um in die Schublade “Skandalpresse” gesteckt zu werden.

    Frau Gödel

    24. Juni 2010 at 16:34

  8. Das “Zebra” meldet sich nochmal ;-)

    Es geht schon aus dem letzten Kommentar hervor dass ich den Ärzten keinen Vorwurf mache meinen Nebennierentumor erst so spät entdeckt zu haben.

    Das Problem mit den psychischen Ursachen ist dass es sich um eine Negativ Diagnose handelt.

    “Ich kann Organisch nichts finden also muss es psychisch sein.”

    Eigentlich wäre folgendes Vorgehen richtig.

    “Es ist wahrscheinlich oder möglich dass es psychische Ursachen hat also überweise ich den Patienten mal zum Psychologen um zu klären ob dieser psychische Ursachen von seiner Warte aus auch für wahrscheinlich hält.”

    Wenn Herzprobleme vermutet werden wird der Patienten ja auch zum Kardiologen geschickt.

    Wenn solch eine Überweisung frühzeitig passiert könnten viele Untersuchungen vermieden werden.

    Leider ist es heute noch so dass man mit der Negativdiagnose psychisch relativ allein gelassen wird.

    Natürlich hängt das auch mit der Einstellung der Bevölkerung zu den Psychologen zusammen.

    “Ich geh doch nicht zum Psychologen ich bin doch nicht verrückt”.

    Uns allen muss klar werden ein Psychologe ist ein Facharzt wie jeder andere auch.

    Ralf

    25. Juni 2010 at 17:05

  9. Ein Psychologe ist kein Arzt.

    Spiegelartikel: ein Kolontumor bei einer 35 Jährigen ist eine Rarität! Wenn sie mit psychischen Problemen schon vorher auffiel ist die Verzögerung erklärbar. Wann der Verlauf unumkehrbar verheerend wurde weiß niemand, es könnte im Intervall der angemessenen Verzögerung am Anfang gewesen sein. Die Darstellung der Patientin als “voll tiefen Vertrauens” suggeriert ihre Hilflosigkeit und polarisiert die Situation. Hier gibt es eine Reihe grundsätzlicher ethischer Fragen. Wie immer verbietet der tragische Ausgang eine politisch unkorrekte scharfe Diskussion. Das finanzielle Resultat des Prozesses ist der wichtigste Denkanstoß.

  10. Bei mir läuft es grade anders rum…. Ich habe seit Jahren Problemchen mit starkem Übergewicht, dabei aber meist einen Blutzucker um 100 . Schlafstörungen…. leide an Trägheit und erkenne mich nicht wirklich wieder dabei läuft mein Zyklus etwas aus der Reihe sprich mal monate lang gar nicht dann wieder alle zwei Wochen…. Ich bin jetzt auch Jahrelang von rein psychischen Ursachen ausgegangen. Als esd mir vor einem halben Jahr wiedereinmal schlechter ging ging ich wieder zum Psychater ( dieser ist ein Arzt) und habe dort eine Gesprächtherapie begonnen. Er hat jetzt diese Woche den verdacht einer endokrinen Erkrankung geaußert. So und jetzt bin ich zum einen sehr zwiespältig…. zum einen wäre es echt gut eine Ursache für meine “Problemchen” zu finden und es nicht nur mit ungenügender Disziplin , nicht verarbeitende Erlebnisse oder der Gleichen zu tuen hätte andererseits habe ich aber auch etwas Angst vor einer Diagnose denn was heißt das für meine Zukunft denn dann liegt es ja nicht mehr in meiner Hand was daran zu ändern . eigentlich versuche ich mir darüber grade keine Gedanken zu machen…. mit wechselhaften Erfolg. Aber um zum Text zurück zu kommen….wem könnte ich denn einen Vorwurf machen …. ich habe Körperlich keine großen Beschwerden… Keine Schmerzen ( außer neuerdings einer Engschulter) meine Laborwerte ist in Ordnung bis gut trotz massivem Übergewicht. Es gab bzw. gibt höchstens psychische Symtome , ich selbst (kabolmäuschen ) bin ebenfaLLS VON REIN PSYCHISCHEN ERKRANKUNG ausgegangen

    cococaira

    22. November 2012 at 13:18


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