Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Klinikprivatisierung als Wurzel allen Übels?

with 8 comments

Anfang 2006 wurden die beiden Uni-Kliniken von Gießen und Marburg zunächst vereinigt und dann privatisiert. 95 Prozent der Anteile gehören seither der börsennotierten Rhön-Klinikum-AG.
Rein wirtschaftlich gesehen war die Aktion ein Erfolg: Das Klinikum wirft inzwischen hohe Gewinne ab – was für ein deutsches Krankenhaus eher ungewöhnlich ist.
Von Ärzten, Patienten, Klinikangestellten und Lokalpolitikern hingegen kommt heftige Kritik:

  • Nach der Privatisierung sei in großem Maße Personal abgebaut worden. Die Klinikleitung dementiert das jedoch
  • Angestellte klagen über Überlastung, schlechte Arbeitsbedingungen und Überstunden, die nicht abgefeiert werden können.
  • Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen – und des schlechten Arbeitsklimas – sei die Personalfluktuation sehr hoch.
  • Erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, die Klinikleitung habe heimlich neue Berufskleidung mit eingenähten Chips angeschafft, wodurch Mitarbeiter überwacht werden können.
  • Seit der Privatisierung häufen sich Klagen über Behandlungsfehler.
  • Patienten klagen außerdem über unnötige und überflüssige Untersuchungen und Behandlungen

Jüngster Zwischenfall war der Tod eines 75-jährigen Patienten nach einer falschen Bluttransfusion. Angehörige des Patienten wehrten sich übrigens dagegen, dass die Klinikleitung die Sache als Fehler eines einzelnen Arztes darzustellen versucht.

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Written by medizynicus

3. September 2010 at 05:21

8 Antworten

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  1. gibt’s nicht irgendwo ne größere Mikrowelle an der Klinik, in der dann mal “versehentlich” gewisse Kittel landen können? ;-)

    Engywuck

    3. September 2010 at 15:59

  2. Sitzt bei der Röhn-Klinikum AG nicht auch unser aller Freund Lauterbach in Vorstand oder Aufsichtsrat? Da wundert mich ehrlich gesagt gar nichts…

    Thomas Luft

    3. September 2010 at 20:07

  3. Man kann ein Klinikum eben nicht wie eine Fabrik führen – mit wenig Personal und viel Druck passieren halt Fehler.

    Avialle

    4. September 2010 at 08:07

  4. Überlastung, Überstunden, Personalfluktuation, Behandlungsfehler,… das hört sich für mich an wie an den meisten Klinik in Deutschland…

    Ich gebe zu, zu der Privatisierung habe ich keine abschliessende Meinung, aber verteufel es auch nicht.

    Doc Brown

    4. September 2010 at 16:41

  5. Ganz informativ, aber leider seinerzeit zu sehr später Stunde gezeigt, ein Report über das Uniklinikum Gießen-Marburg, gesendet im ZDF am 27.05.2010: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/1053556/Der-Patient-als-Ware
    Viele der zu Wort gekommenen Ärzte engagieren sich außerdem in der Marburger Patienteninitiative Notruf 113: http://notruf113.blog.de
    @ Avialle: In Marburg wird das Klinikum von der Bevölkerung übrigens oft “die Fabrik” genannt.

    Silke

    6. September 2010 at 18:06

  6. Das gleiche Drama passiert woanders auch, mit geringerer Medienresonanz in den ehemals städtischen Krankenhäusern in Hamburg, oder ohne überregionale Resonanz in kleinen Krankenhäusern auf dem Land.
    In jedem Fall ist es für die Verantwortlichen sehr einfach, sich aus der Verantwortung für das Krankenhaus zu ziehen, indem man es privatisiert.
    Eine echte, sinnvolle Sanierung ist kompliziert und erfordert Fachwissen.. und dieses Schema lässt sich auf viele ehemalige Staatsbetriebe anwenden (Post, Telekom, in Zukunft die Bahn)
    Dass übrigens auch öffentliche Krankenhäuser schwarze Zahlen schreiben können, und das bei höherer Patientenzufriedenheit, gibt es auch.

    stef

    8. September 2010 at 20:27

  7. @Stef: Klingt interessant. Kennst Du ein Beispiel?

    medizynicus

    8. September 2010 at 20:53

  8. @medizynicus:
    Was die nähere Umgebung hier bei mir angeht, haben die z.B. die städtischen Kliniken Bielefeld einen guten Ruf. Die gGmbH schreibt seit ein paar Jahren schwarze Zahlen, allerdings wurde auch dort Personal abgebaut..

    Hier noch ein interessanter Bericht (zwar schon etwas älter, aber wohl immer noch aktuell)

    http://daserste.ndr.de/panorama/media/erste4478.html

    stef

    11. September 2010 at 11:16


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