Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Bei Erkältung sofort Pillen schlucken! – sagen die Pillenhersteller

with 22 comments

Ein Schnupfen dauert eine Woche. Und wenn man Pillen schluckt, dann geht er in sieben Tagen vorbei, das ist allgemein bekannt.
Der Unterschied: Mit Pillen sind Fieber und Kopfschmerzen vielleicht leichter zu ertragen. Man kann sich aber auch einfach ins Bett legen mit heißem Lindenblütentee und einem guten Buch.
Ein steifer Grog wirkt übrigens genauso gut. Andere Leute sind tapfer und schleppen sich wie gewohnt weiter zur Arbeit…
So geht’s nicht weiter, heißt es nun in einer Pressemitteilung der Stada GmbH, ihres Zeichens Herstellerin verschiedener freiverkäuflicher Erkältungsmittelchen.
Die Meldung wurde seither in verschiedenen Medien, etwa auch in der Ärztezeitung weiterverbreitet.
“Sechzig Prozent aller Deutschen reagieren viel zu spät!” heißt es, wobei man eine eigens in Auftrag gegebene Meinungsumfrage zitiert. Wer gleich beim ersten Kratzen im Hals Pillen einwirft, könne damit gefährliche Komplikationen wie Nasennebenhöhlen- oder Lungenentzündung verhindern, suggeriert man und zitiert auch gleich eine passende Expertin.
Für diese Behauptung gibt es allerdings keinerlei wissenschaftliche Evidenz.
Es bleibt dabei: Ein Schnupfen ist ein Schnupfen ist ein Schnupfen und damit keine schwere behandlungsbedürftige Erkrankung sondern eine harmlose Befindlichkeitsstörung. Wer Angst hat, dass etwas Schlimmeres dahinter stecken könnte, kann zum Arzt gehen und wer ein guter Arzt ist, der dramatisiert die Geschichte nicht unnötigerweise sondern schickt den Patienten mit freundlichen guten Ratschlägen nach Hause.
Das sagt der gesunde Menschenverstand. Aber würden alle so handeln, dann wäre ein wichtiger Wirtschaftszweig ernsthaft in Gefahr. Und man sägt ja schließlich nicht gern an dem Ast, auf dem man sitzt.

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Written by medizynicus

29. Oktober 2010 at 06:00

22 Antworten

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  1. Gesunder Menschenverstand, ist das nicht schon mindestens seit 2004 total out? ;)

    Hermione

    29. Oktober 2010 at 06:07

  2. Wenn ich erkältet bin, ist mein Krankheitsempfinden so stark, dass ich nicht zu Arbeit gehen mag und solange zuhause bleibe, bis ich wieder fit bin. Allerdings habe ich höchstens alle zwei Jahre mal eine kurze Erkältung. Nervige Krankheit, auch wenn sie nicht schlimm ist.
    Wobei: Wenn ich mit Erkältung zu meinem Hausarzt gehe, bekomme ich fast immer ein Rezept mit Antibiotika.

    Svenja-and-the-City

    29. Oktober 2010 at 06:48

  3. ich nehm da eigentlich nichts dagegen, aber daheim bleiben ist auch nicht. Wenn man 3 Tage im Studium bei uns fehlt, kann man es eigentlich gleich vergessen (je nach Fach….) deshalb sitzt momentan ca. 1/4 vom Kurs krank im Raum……

    DelfinStern

    29. Oktober 2010 at 08:25

  4. Mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Altern macht man immer noch die besten Geschäfte ;-)

    sweetkoffie

    29. Oktober 2010 at 08:50

  5. Danke für den Hinweis auf den bedrohten Wirtschaftszweig…. ;-) Immerhin gehöre ich nach meinem Studium auch dazu…. ;-)

    Und mal ernsthaft… ich versuche auch Erkältungen so auszusitzen. Aber manchmal geht’s dann doch nicht.

    krankeschwester

    29. Oktober 2010 at 09:05

  6. Also wenn bei bei Schnupfen genug Ibu et al einwirft, dann fühlt man sich fast wie ohne schnupfen….
    Die opportunistische bakterielle Infektion danach, die macht richtig schlapp.

    Hellebora

    29. Oktober 2010 at 09:48

  7. Abwarten, reichlich Tee trinken und zeitig schlafen gehen hilft immer noch am besten. Achja und das gute alte Inhalieren. Macht das noch jemand?

    Turtle

    29. Oktober 2010 at 10:43

  8. “Macht das noch jemand?”
    Ja, ich, regelmäßig und bei Erkältung besonders.

    drkall

    29. Oktober 2010 at 11:26

  9. Ich ignoriere es meistens. Aber die jetztige hält sich seit 3 Wochen, irgendwann nervts…

    Wobei ich sagen muss, ich gehör auch zu den Leuten, die bei Kleinigkeiten total das jammern anfangen :D

    chaoskatze

    29. Oktober 2010 at 12:21

  10. wir sind hier auch seit 6 Wochen dauerkrank äääh, befindlichkeitsgestört ;) Hier jammert aber keiner, es nervt nur gewaltig wenns so gar nicht weggehen will.

    An diese Versprechen der Industrie, dass man schlimmeres verhindern kann, glaube ich nicht. Mein Mann betäubt sich eigentlich immer mit Medinacht und co und trotzdem hatte er letztes Jahr zuerst den Wutzeschnubbe und einen Monat später eine richtig schwere Bronchitis.

    Ich für meinen Teil bevorzuge Salbeitee.
    (Hat Lindenblütentee eine besondere Wirkung bei Erkältungen?)

    Blogolade

    29. Oktober 2010 at 13:52

  11. Der Meinung von Blogolade (“An diese Versprechen der Industrie, dass man schlimmeres verhindern kann, glaube ich nicht”) kann ich nur zustimmen. Seit 4 Wochen bin ich nun schon krank zu Hause. Angefangen hat alles ganz harmlos mit einer Erkältung und ich habe erstmal die Hausmittel gezückt. Als es nicht besser wurde bin ich zum Arzt und habe Antibiotika Nr. 1 erhalten. Das hat nicht angeschlagen, also folgte Antibiotika Nr. 2. Es wurde immer noch nicht besser im Gegenteil es hat sich herausgestellt, dass ich Lungenentzündung habe. Mittlerweile nehme ich Antibiotika Nr. 4 und hoffe das dies nun das Letzte ist.

    @home

    29. Oktober 2010 at 14:34

  12. @Blogolade: Gute Besserung – ich reiche Dir mal eine große Kanne Tee nach Wahl rüber (Ich mag weder Salbei noch Lindenblüten, bevorzuge Pfefferminz oder irgendeine leckere Teemischung aus dem Teeladen).

    Und nochmal für alle:
    Schnupfen, Erkältung = Befindlichkeitsstörung,
    Grippe, schwerer grippaler Infekt oder Bronchitis = Krankheit.
    Lungenentzündung = richtig (und möglicherweise schwer) krank
    Für die Diagnose oder den Ausschluss der beiden letzteren Krankheiten ist der Arzt zuständig – und zwar nicht per Internet oder Videolink sondern in persona. Ich habe nie behauptet, dass man im Zweifel nicht hingehen darf, auch nicht im Falle 1.)!
    Therapie: ad 1.) körperliche Schonung plus Tee nach Wahl, ad 2.) körperliche Schonung, Tee nach Wahl und gegebenenfalls Ibu, Paracetamol o.ä. – bei Bronchitis EVENTUELL Antibiotikum, ad 3.) Antibiotikum. Außerdem natürlich dringende körperliche Schonung, Tee und viel Flüssigkeit, Ibu, Paracetamol und so weiter.
    Für irgendwas müssen wir Ärzte ja doch gut sein!
    Und wenn’s nur dazu ist, dem Patienten zu sagen, dass es NICHTS ernstes ist… die Sache des Patienten ist es, diesen Rat anzunehmen… oder auch nicht.

    medizynicus

    29. Oktober 2010 at 15:26

  13. @drkall
    Habe ich früher auch gemacht, jetzt nicht mehr!
    Wirkung: gleich, empirisch ermittelt!
    Einfach Apotheken meiden!

    REALM

    29. Oktober 2010 at 17:15

  14. Dankeschööön *schlürf*

    Mein Hausarzt ist ein verdammt guter Diagnostiker, aber bei Erkältungen greift er für meinen Geschmack zu schnell zum Antibiotikum.
    Daher vermeide ich mittlerweile tunlichst, bei Erkältungen zu ihm zu gehen. Bin ich aus einem anderen Grund da und nebenbei erkältet, schreibt er mir klammheimlich immer noch ein Antibiotikum für die Erkältung auf und ich merke das oft erst in der Apotheke. *grummel*

    Blogolade

    29. Oktober 2010 at 17:18

  15. Na ich muss dich enttäuschen Tee nach Wahl stimmt nicht ganz:

    Salbei Tee ist gut bei Halzschmerzen und allgemeinn Problemen des Rachenraumes.

    Weidentee wirkt wie Aspirin, aber hier nicht in Massen, man streitet sich noch ob nicht hohe Dosis LEICHT giftig sein können.

    IN Peru kann man auch ne Tasse Kokatee trinken.. ist hier aber (warum auch immer illegal).

    Also die Tees helfen jetzt nicht viel, bringen aber Flüssigkeit und bringen etwas Erleichterung und Flüssigkeit.

    Grippemittel nützen nicht viel, genau genommen haben wir Pharmas nur geschaut was im Tee wirkt und habens isoliert und meist wirksamer gemacht/hoch-dosiert.

    Hustensaft ist z.b. Codein, das Zeug ist ein Bestandteil des Opiums, und wirkt Hustreizlindernd… glaubt man jedenfalls vielleicht isses auch ein Placebo. Vorsicht bei Kindern! Nicht über dosieren!
    Die hören dann auf zu atmen und das ist … unschön.

    Also Behandlung rein symptomatisch.
    Aspirin ist ein Schmerzmittel oder auch “Herzmittel”. Bekämpft also nur den Schmerz nicht dessen Ursache.

    Das zugesetzte Vitamin C ist wirkungslos das Geht direkt vom Darm in die Leber in den Harn.

    Grippostad C z.B. ist ein Schmerzmittel das bremst keine Erkältung aus… das hemmt nur die Symptome, was schlimmstenfalls dazu führt das schlimmer werdende Symptome übersehen werden.
    Das Anthistamin ist eher was für Allergiker und Heuschnupfe, das Vitamin C dadrin… kauft euch ein paar Zitronen.

    nanovim

    29. Oktober 2010 at 17:47

  16. Diese tolle “Studie” find ich auch ganz toll!

    Ich muss aber zugeben dass ich wenn sich ne Erkältung anbahnt auch öfters mal etwas Ascorbinsäure nehme. allerdings aus dem 100g Beutel ;-)

    Von irgendwelchen Kombipräperaten halte ich gar nichts. Wenn man mal was kombinieren möchte dann kann man das selbst der Situation angemessen machen.

    Ansonsten spüre ich allein schon wegen meiner Dauermedikation (Schmerzpatient) nicht grade viel von ner Erkältung / leichten Infektion.
    Daher muss ich schon ein wenig aufpassen dass ich mich dann nicht übernehme und das ganze unnötig verschleppe.

    Ich finds schon sehr übertrieben wegen jedem kleinen Wehwechen irgendwelche Mittelchen einzuwerfen.

    Ich war wegen leichten Infektionen oder Magen-/Darmgrippen und dergleichen schon seit Jahren nicht mehr beim Arzt…

    stachel

    29. Oktober 2010 at 18:30

  17. Pft. Wenn ich krank bin kaufe ich mir ein Huhn und hau es mit Gemüse in den Topf und lasse es zwei Stunden kochen. Nudeln dazu, abschmecken und den halben Topf verputzen. Dann ins Bett und was gutes Lesen.

    Dann bin ich ratz fatz wieder gesund :)

    Avarion

    29. Oktober 2010 at 19:04

  18. @realm
    Bei mir ist der Fall ein wenig anders gelagert. Da ich wg. fehlenden Glottisschlusses nicht wirklich effektiv abhusten kann und deshalb ständig mal mehr mal weniger verschleimt bin, benutze ich die Inhalation von Kochsalzlösung mittels Kaltvernebler zur Mobilisierung des Schleims, was mir zumindest subjektiv gut tut. Im Erkältungfalle betreibe ich das dann etwas intensiver, wenn Bronchitis im Spiel ist. Hin und wieder kommt auch mal ein etherisches Öl zum Einsatz.

    drkall

    29. Oktober 2010 at 19:52

  19. Also mir haben die Strepsils aus dem Boots immer geholfen, beim ersten Kratzen im Hals. Oder ist das nur ein Placeboeffekt?

    Mäxchen

    30. Oktober 2010 at 18:45

  20. Bett klingt bei ner banalen Erkältung ganz gut, Lindenblüten (oder Holunder) zum Schwitzen ebenfalls…

    Persönlich ziehe ich mir aber als Apotheker bei ner Erkältung auch noch gern nen guten Schleimlöser (bei Ambroxol, ACC und Thymian (wenns pflanzlich sein soll) halt ich die Datenlage für ganz gut nach dem Motto “Alles raus, was keine Miete zahlt!”), ein abschwellendes Nasenspray (ist einfach angenehmer, wenn man Durchschnaufen kann), ne schöne Nasendusche mit isotonem Wasser (einfach angenehmer, wenn man Durchschnaufen kann), viel Trinken und ab 39 °C ein nettes Ibuprofen rein… Als ich noch in ner Apo gearbeitet hab, hab ich das auch so weiterempfohlen…

    Den von Dir empfohlenen Grog (Alkohol) bei ner Erkältung find ich übrigens eher weniger toll… Wenn der Körper eh schon geschwächt ist, sollte man eher nicht saufen… ;-)

    Gehen wir bei der obigen Medikation konform oder bist Du als Arzt anderer Meinung?

    Persönlich hab ich es übrigens nie verstanden, dass Leute wegen nem banalen Schnupfen zum Arzt gehen. Das war immer sehr niedlich, wenn die Leute mit nem grünen Rezept zu einem in die Apo kommen, auf dass der Arzt dann einen simplen Schleimlöser verordnet hat…

    Nehm persönlich nur Medis, wenn ich sie für sinnvoll halte, daher auch was zu Grippostad:
    Grippostad ist ein Kombipräparat und da halt ich nix von:
    * Chlorphenamin – als Heuschnupfenmittel (Antihistaminikum) irgendwie total bescheuert bei ner Erkältung; abschwellende Wirkung ist systemisch wirksam, daher auch blutdrucksteigernd
    * Vitamin C – Kommentar: Linus Pauling (zweifacher Nobelpreisträger mit Hang zu Vitamin C) hatte Unrecht!
    * Paracetamol – Süß! Nettes fiebersenkendes Mittel; wenn man kein Fieber hat, braucht man es nicht, wenn man Fieber hat, sollte man eher was nehmen, was das Fieber stärker bekämpft (Ibu!) und weniger auf die Leber geht
    * Coffein – Kaffee rulez!

    Steven

    31. Oktober 2010 at 02:29

  21. Hach, noch was vergessen:
    Der Stada sollte man keinen Vorwurf machen, dass sie ANFANG NOVEMBER Pressemitteilungen nach dem Motto “Leute, kauft unsere Medis!” raushaut. Die Pharmaindustrie will Medis verkaufen, davon lebt sie… Nennt sich Marketing!

    Es zeugt eher von der Qualität der von Euch Medizinern so heiss abonnierten Ärztezeitung, dass sie so eine Pressemitteilung derart unkommentiert übernimmt.
    Wobei die “Pharmazeutische Zeitung” der “Ärztezeitung” in Hinsicht auf eine kritische Berichtserstattung nicht überlegen ist… ;-)

    Steven

    31. Oktober 2010 at 02:39

  22. Ich schwöre auf den guten alten Holunderblütentee -der bringts immer.

    Wenn ich allerdings anfange, wie eine Dampflok zu keuchen, dann kommen andere Hammer zum Einsatz, denn einen Status asthmaticus hatte ich auch schon und das ist nicht wirklich schön. Man schwört allem ab und hofft nur, dass man nochmal die Kurve bekommt.

    Was ich aber auch nicht verstehe ist, dass meine HÄ immer gleich zu Antibiotikum greift und meint, nur das könne mir helfen. Gerade in der jetzigen Jahreszeit leide ich sehr unter meinem Asthma und ich würde alles tun, wenn ich auf das Allergospasmin und Unipyhllin verzichten könnte. Ach ja, und dann gabs jetzt noch einen anderen Haler –> atmadisc. Ich kann inzwischen eine eigene Apotheke aufmachen. Das ist doch aber auch nicht Sinn der Sache oder?

    Und was mir noch aufgefallen ist … bei manchen Firmen muss ich für das Uniphyllin 3,48 Euro zuzahlen und bei anderen Firmen wieder nicht? Wie das? kann mir das mal einer von euch beantworten? Grüssle von der Gifti.

    Giftspritze

    31. Oktober 2010 at 16:07


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