Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kasperles Großmutter und die Synkopen-Abklärung

with 9 comments

Ich trinke noch einen Schluck Kaffee.
“Also, jetzt stellen wir uns mal vor, Kasperles Großmutter säße jetzt vor uns. Was würde passieren?”
Paul zuckt mit den Schultern.
“Fangen wir von vorn an: Wir haben eine Dame, Alter schätzungsweise irgendwas zwischen fünfundsechzig und achtzig, noch rüstig, lebt alleine, besorgt den Haushalt ohne Hilfe und sorgt sogar noch für ihren minderjährigen Enkel. Sie wird vom Enkel in unsere Notaufnahme gebracht, weil sie nach seinen Angaben wiederholt ohnmächtig geworden ist. Und jetzt bist Du am Start, Paul. Was machst Du?”
“Das Übliche natürlich…”
“Als da wäre?”
“Anamnese… Untersuchung… EKG… Labor… und dann halt Diagnostik…”
“Was für Diagnostik?”
“Naja… Langzeit-EKG vielleicht…”
“Und was finden wir?”
Paul zuckt abermals mit den Schultern.
“Okay. Vielleicht Vorhofflimmern. Vielleicht Pausen. Höchstwahrscheinlich aber nichts. Also weiter im Text.”
“Carotisdoppler vielleicht?”
“Gute Idee. Und da wir gerade einen fitten PJ’ler an Bord haben würde ich selbstverständlich auch einen Schellong-Test anordnen!”
Paul grinst.
“Und dann können wir noch ein neurologisches Konsil veranlassen, ein Schädel-CT, vielleicht auch ein EEG…”
“…und finden dennoch keine Diagnose!” vervollständigt Paul den Satz.
Ich schüttele den Kopf.
“Irrtum! Spätestens nach dem neurologischen Konsil haben wir eine Diagnose. Eine ganz tolle sogar. Wahrscheinlich so toll, dass ich sie nicht aussprechen kann, geschweige denn verstehe. Aber es nutzt uns nichts!”
“Warum?”
“Weil es keine adäquate Therapie gibt. Es bleibt dabei: Ältere Leutchen leiden ab und zu an Schwindel. Und manchmal werden sie auch ohnmächtig. Die Ursachen sind vielfältig: ein bißchen Arterienverkalkung hier, ein bißchen Hirnsubstanz-Abbau dort undsoweiter. Es gibt ein paar gefährliche Dinge, die sollten wir ausschließen. Herzrhythmusstörungen zum Beispiel. Und es gibt ein paar wenige Krankheiten, die lassen sich gut behandeln. Das ist aber eher die Ausnahme.”
“Und was heißt das jetzt?”
“Es bleibt dabei: Großmutter wird ab und zu ohnmächtig. Und wenn man ihr eine rohe Zwiebel unter die Nase hält, dann muss sie niessen und wacht wieder auf.”

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Written by medizynicus

10. März 2011 at 05:41

9 Antworten

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  1. Daran erkennt man, wie hilflos die moderne Medizin nach wie vor ist.

    DocConsult

    10. März 2011 at 06:53

  2. Die einzige Schwierigkeit, die dereinst Kasperle Pehs Großmutter hatte, war die, dass sie sich beim Fallen den Oberschenkelhals brach. Das zählt dann aber unter Folgeschäden, mit denen man rechnen muss in jenem Alter.

    Doktor Peh

    10. März 2011 at 07:39

  3. @DocConsult
    Hast du vielleicht schon mal gehört, dass, wenn wir älter werden sich so manches ganz natürlich verändert? Das geht soweit, dass irgendwann der Ofen aus ist? Das hat alles mit moderner und auch mit alter Medizin gar nichts zu tun, das ist ganz natürlich!
    Damit ich, wenn es dem Ende zugeht nicht gequält werde, habe ich eine “Verbindliche Patientenverfügung” errichtet, das ist in A möglich!
    Medizynikus liegt zu 100% richtig! Super, sollte weiter verbreitet werden!

    REALM

    10. März 2011 at 08:23

  4. So wie sich die “moderne” Medizin (weiter-)entwickelt ist es ganz natürlich so wie DocConsult zu argumentieren.
    Irgendwann werden wir unseren Alterungsprozeß stoppen oder zumindest verzögern können, und dann werden wir….
    Es geht also immer weiter und zu jeder Zeit wird die “moderne” Medizin noch nicht zu einem der nächsten Schritte im Stande sein – is eben so.

    zaffaro

    10. März 2011 at 08:44

  5. Man könnte das Kasperls Großmutter und ihrem Enkel auch erklären und auf Sturzprophylaxe und ähnliches eingehen.

    Kostet aber Zeit und Zeit wird nicht bezahlt.

    Blogleserin

    10. März 2011 at 11:32

  6. Schade ist eher, dass man mit ernsten Krankheiten oft jahrelang nicht ernst genommen wird und wenn es dann doch rauskommt, sich die einzelnen Ärzte meist so auf ihren Bereich fokussieren, dass man nur noch damit beschäftigt ist, rauszufinden, was denn noch woanders gemacht werden sollte, weil jeder denkt, na, irgendjemand wird sich schon darum kümmern…

    Chaoskatze

    10. März 2011 at 12:27

  7. „Und dann können wir noch ein neurologisches Konsil veranlassen…”
    Mich als Neurologen würde ja mal interessieren, wie Internisten die Indikation für das Konsil stellen?
    Wir dürfen uns hier nämlich auch massenhaft Synkopen ohne jeglichen Anhalt für jegliche neurologische Begleitsymptomatik ansehen, nur damit irgendwo steht “Kein Anhalt für eine neurologische Ursache”. Leitlinien gedeckt ist dieses Vorgehen überhaupt nicht. Und mich überkommt dann jedesmal der Drang für jeden epileptischen Anfall ein internistisches Konsil mit der Fragestellung nach einer konvulsiven Synkope zu stellen.

    Gator

    10. März 2011 at 19:48

  8. Implantierter Loop-Rekorder wäre meine Antwort. Wenn man nicht ausschließen kann, dass es an Kammerflimmern oder Adam Stokes Syndrom oder so liegt, und auch sonst nix findet. Die Frau hat ein nicht unerheblich einschränkendes Symptom, dessen Ursache sollte man herausfinden und nach Möglichkeiten therapieren.

    docadenz

    10. März 2011 at 23:10

  9. Realm hat Recht. Denn die moderne Medizin schafft bei alten und chronisch kranken Menschen nur behinderte Menschen. Die Sehnsucht nach Gesundheit ist in dieser Lebenssituation ein Kindertraum. Wenn der vom Leben (altersbedingt) enttäuscht wird, kann ein Docconsult den Arzt beschuldigen. Das befriedigt das kindlich einfache Weltbild. Die derbe Wahrheit aber ist der langsame, verlustreiche Abbau. Die von Gator geklagte Unsinnsuntersuchung beim Neurologen ist in Wahrheit die Antwort auf genau diese Kinderhoffnung. Der Erwartungsdruck auf den Erstuntersucher ist so hoch, dass sein Wort nicht mehr genügt um akzeptiert zu werden. So ist es nämlich auch, wenn Kinder an die Macht kommen! Da reicht ein NEIN nicht mehr. Da muss dann der Organspezialist dann auch noch mal NEIN sagen. Medizynicus hat Recht, so ist das mit dem Alter.

    Kreativarzt

    10. März 2011 at 23:50


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