Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Der Mythos vom Wassertrinken

with 14 comments

Jenny hat immer eine kleine Wasserflasche bei sich.
“Gerade jetzt im Sommer muss man doch viel trinken,” sagt sie, “die meisten Leute trinken doch viel zu wenig!”
Genau das erzähle ich auch täglich meinen Patienten: ein wiederkehrendes Mantra, hundert Mal pro Woche: mit dem Alter läßt das Durstgefühl nach und wer dann dazu noch dement ist, der rutscht während der heißen Jahreszeit in die Exsikkose und landet dann im Kankenhaus, wo ihm die Schwester die Schnabeltasse an den Mund hält und der Doktor flugs eine Infusion anlegt…
Und auch Gesunde trinken viel, viel zu wenig, hört man oft von denen, die um unserer aller Gesundheit besorgt sind. Also, trinken, Leute, trinken, trinken, trinken! Am besten natürlich istotonisch-esoterische Gesundheitsgetränke.
Stimmt gar nicht, behaupten Wissenschaftler jetzt.
Wer nicht dement ist und keine schweren Krankheitsdiagnosen mit sich herumschleppt, braucht nur dann zu trinken, wenn er Durst hat, alles andere hilft nur der Getränkeindustrie.
Na denn, Prost!

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Written by medizynicus

27. Juli 2011 at 12:27

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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14 Antworten

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  1. Na, wer hät`es aber auch gedacht…eine große Überraschung, dass das überall gegenwärtige
    Nuckeln an der Wasserflasche vielleicht doch nicht so gewinnbringend
    ist. (na ja, vielleicht in freudianischer Hinsicht – oral fixiert sein und so)
    Das ganze gipfelt dann darin, dass Leute fast unüberbrückbare Distanzen
    von 3 kilometern walken, und mindestens alle 2 Minuten einen Schluck aus einer der im Hüftgürtel befestigten Wasserfläschchen nehmen müssen. Man hat sich ja so angestrengt.
    Wunderbar
    Gruß Landkrauter

    landkrauter

    27. Juli 2011 at 12:51

  2. Auch wenn es so sein sollte, dass die Evidenz für den Vorteil einer täglichen Trinkmenge von ca. 1.5l nicht gut ist, die Evidenz, dass es ein Nachteil sein sollte, dürfte auch nicht besser sein. Diese Trinkmenge mit den Empfehlungen für Ausdauersportler zu vermengen ist nicht ganz ungefährlich, da man dort über ganz andere Mengen spricht, auch wenn es durchaus sein kann, dass ein Marathonläufer oder Triathlet auch zuviel trinkt. Aber Natriummangel kann man auch durch entsprechende Zufuhr verhindern.

    Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es auf keinen Fall ratsam ist, immer nur dem eigenen Durst zu folgen. In Situationen, die der Körper normalerweise nicht gewöhnt ist, ist das Durstgefühl kein guter Ratgeber. Ich habe mich Anfang der 80er ca. 2 Monate im Sinai aufgehalten aus dem Winter in Deutschland kommend in wenigen Tagen in eine Gegend mit Mittagstemperaturen um die 35-40° mit mäßiger körperliche Betätigung gereist. Ich hatte bei ca. 2l/d Trinkmenge keinerlei Durstgefühl aber nach wenigen Tagen massive Kopfschmerzen, die sich relativ schnell besserten, nachdem ich bewusst über den Durst trank.

    Da will man mit dem einen Mythos aufräumen und platziert gleich mal einen anderen, der überholt ist:
    “Mitunter kann ein erhöhter Wasserverbrauch aus therapeutischer Sicht geboten sein, etwa wenn es darum geht, den Abgang von Nierensteinen zu begünstigen.”

    Wenn eine Nierenkolik einen akuten Steinabgang ankündigt, sollte man übermäßiges Trinken tunlichst vermeiden, solange man nichts über Lage und Größe des Steins und ggf. den Stauungszustand der Niere weiß, weil das exzessive “Spülen” bei gestauter Niere unter Umständen Niere und Harnleiter gefährdet. Außerdem verschlimmert es ggf. auch die Kolik, und das ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, wirklich alles andere als wünschenswert. Kleine Steine, die unproblemtisch abgehen, wird man eher durch entsprechende Bewegung zum Abgang bringen als durch Trinken. Bei größeren Steinen ist es eher kontraproduktiv, einen Abgang zu provozieren, die sollten besser, wenn möglich, vorher zertrümmert werden.

    Richtig ist: Steinträger und solche Menschen, die zu Steinbildung neigen, sollten darauf achten, dass ihr Urin nicht zu konzentriert ist. Dazu bedarf es i.A. einer Trinkmenge von mehr als 1,5l/d. Aber nicht nur die Trinkmenge ist entscheidend. Es ist wichtiger, die Flüssigkeitsaufnahme so zu verteilen, dass der Urin eben, auch am Morgen (!), nicht zu konzentriert wird, was man i.A. an der Farbe erkennen kann. Ausreichendes und richtiges Trinken begünstigt nicht den Abgang von Steinen sondern verhindert bzw. verlangsamt deren Neubildung oder Vergrößerung.

    drkall

    27. Juli 2011 at 13:01

  3. Ein Hoch auf die Trink-App – wir fallen zurück ins Tamagochi-Zeitalter… ;-D

    anima

    27. Juli 2011 at 13:03

  4. @anima
    *zurück fallen tamagotchi* nee, noch viel schlimmer, seit Jahren regrediert die Bevölkerung
    der ersten Welt in die Lebensphase, als man noch keine feste Nahrung zu sich nehmen konnte, und statt dessen nuckeln musste. (von wegen immer ne wasserflasche dabei haben)

    landkrauter

    27. Juli 2011 at 14:23

  5. @ landkrauter: Ups… da habe ich wohl ein t vergessen. War mich nicht sicher, wie sich das Tamagotchi schreibt.

    Aber dein Hinweis ist gut – sehe gerade vor meinem geistigen Auge Heerscharen von Trink-App-konditionierten Bürohengsten (wahlweise -stuten), die wie paralysiert an ihren Wasserflaschen hängen ;-)

    anima

    27. Juli 2011 at 14:39

  6. @anima
    also an der Wasserflasche hängen die sowieso schon, mit oder ohne app
    meistens übrigen die “stuten”, denn die geben sich eher mal der Ilusion hin, dass man
    nur genau das tun muss, was einem da so von der “neuesten Studie” empfohlen wird,
    um erheblich gesünder zu sterben.
    und wie man tamago…..i schreibt, weiss ich ehrlich gesagt auch nicht so genau (-;

    landkrauter

    27. Juli 2011 at 15:43

  7. @landkrauter
    Das sind also Trinkfläschen die sich diese Leute mit ihren Skistöcken umbinden. Ich dachte das sei ein künstlicher Ausgang.
    Wenn in der einen Hand das iPhone festgewachsen ist was soll denn dann die zweite Hand halten, wenn nicht eine Plastikflasche Wasser mit Aroma und Nuckelaufsatz? Vielleicht ein Literbecher Latte Macciato?
    Was lernen wir daraus: immer darauf hören und befolgen was die Wissenschaft feststellt. Auch wenn sich in zwei Jahren das Gegenteil herausstellt.

    ganzheitlichschlafen

    27. Juli 2011 at 18:18

  8. Ich hab ein völlig gestörtes Durstgefühl bzw ein gestörtes Verhältnis dazu. Ich ignoriere es und komme an manchen Tagen auf nichtmal 100ml Flüssigkeit.

    Seit einigen Wochen zwinge ich mich, jeden Tag 2-3 große Gläser zu trinken, habe ich keine Migränen mehr gehabt. Kaum war ich nachlässig, ging es 2-3 Tage später wieder los. Leider schaffe ich in der Menge nur Saftschorle. Aber besser als nix und vor allem besser als Migräne.

    Blogolade

    27. Juli 2011 at 19:53

  9. Ich denke man muss die Situation abwägen.
    Wenn ich Urlaub hab und zuhause sitz, trink ich nur wenn ich Durst hab.

    Wenn ich arbeiten gehe und sowiso im Streß bin, nehm ich eine Wasserflasche, füll sie voll und schau dass ich sie nach der halben Schicht leer hab.
    Und dann die nächste Wasserflasche. :)

    Dann gehts mir gut und so sollte es auch sein.

    Wer sich gut dabei fühlt 1l am Tag zu trinken, solls tun, wer 2 am Tag trinkt kanns auch machen.
    Wenn man dann mal 6l am Tag kriegt… dann sollte man mal zum Arzt aber das ist wieder eine andere Geschichte. :D

    Tobi

    27. Juli 2011 at 22:26

  10. @anima an skistoecken really?!?!
    beim latte kann ich es ja noch verstehen …GRIN
    jaaaa, dass die leutz, speziell leider frauen jedem dummsch.. aufsitzen,
    ist leider traurige wahrheit. (der cimment wird jetzt wahrscheinich wegen mangelnder
    political correctness zensiert (Nee, wird er nich! – d. Red.))
    nicht mehr auf den eigenen koerper hoeren, sondern
    sich von “wissenschaftlern” erzaehelen lassen, wie er funktionieren soll…
    na ja, erspart eigenes denken.
    in diesem sinne (-:
    landkrauter

    landkrauter

    27. Juli 2011 at 23:20

  11. @ landkrauter: Ich war’s nicht – das war ganzheitlichschlafen mit dem Kommentar. Ich habe zwar schon Menschen mit ‘nem Anus praeter gesehen, aber noch keine, die sich Wasserflaschen an Skistöcke tackern… sorry ;-D

    anima

    27. Juli 2011 at 23:38

  12. okok, sorry, im eifer des gefechts und so…..
    um sich wasserflaschen sonstwohin zu tackern, bedarf es offensichtlich keines a.p.
    da bin ich aber froh (-:
    gruss lk

    landkrauter

    27. Juli 2011 at 23:49

  13. Ach ja! Ich hab mich schon immer gefragt, wie wir früher ohne die uns ständig begleitenden Wasserflasche ausgekommen sind. Da hatte auch kein Kind Trinken mit in der Schule, der 1/4l Milch in der Milchpause reichte für den ganzen Tag. Und obwohl ich danch, also nach der Schule, den ganzen Tag draußen rumgetollt bin, hatte ich kein Wasser mit. Selbst, wenn wir auf den Feldern mithelfen mussten, gabs nur in den Pausen Tee… An diese meine Kindheit denkend, habe ich mich die letzten Jahre ein bißchen wie eine Heldin gefühlt. Nun isses raus: ich bin gar keine Heldin. Menno

    Gertje

    28. Juli 2011 at 09:18

  14. Das mit den anderthalb Litern/Tag…das wurde auch in der DDR gepredigt. Die Ansicht ist also schon älter.
    Und da gabs keine notleidende Getränkeindustrie, die man mit dem Kauf von isotonischem G`Lump stützen mußte;)
    Wir haben damals schnödes Leitungswasser getrunken. Man stelle sich das heute mal vor!
    Wenn wir Snob waren, gabs auch mal einen Löffel Sirup in die Flasche oder wir haben die Sodaflasche angeworfen.

    Nuckelflaschen mit isotonischem, nachts von einer Jungfrau besprochenem Wasser usw sind eigentlich doch erst mit dem Spochthype in Mode gekommen, es sah damals halt mächtig nach Radsportler aus, wenn man sich eine Trinkflasche an Omas Damenrad geschraubt hatte;)

    Mein (lange verstorbener) Nachbar, ein Feldscher der alten Schule, meinte damals “einmal gelb pinkeln am Tag reicht, öfters gelb ist ungesund”

    Zero the Hero

    30. Juli 2011 at 16:30


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