Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kein Geld für teures Krebs-Medikament: Wie viel darf ein Menschenleben kosten?

with 14 comments

Das Prostata-Karzinom gehört zu den häufigsten bösartigen Erkrankungen des Mannes. In Großbritannien zum Beispiel erhalten jedes Jahr etwa 35000 Männer die Diagnose – und ein beachtlicher Teil davon wird daran sterben.
An Behandlungsmethoden wird kräftig geforscht – und jetzt ist wieder einmal ein neues Medikament auf den Markt gekommen: Cabazitaxel. Das neue Mittel soll bei Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung eingesetzt werden und kann – angeblich – die mittlere Überlebenszeit um etwa drei Monate verlängern.
Der Nachteil: Die Behandlung kostet etwa fünfundzwanzigtausend Euro.
Das ist ziemlich viel Geld.
Zu teuer – und damit ein viel zu schlechtes Preis-Leistungsverhältnis, sagt das britische “National Institute of Clinical Excellence (NICE)”, welches für die Bewertung von neuen Therapieformen zuständig ist. Der staatliche Gesundheitsdienst in Großbritannien (NHS) soll die neue Behandlung nicht finanzieren.
Der Aufschrei ist groß und manch eine Boulevardzeitung bläst zum großen Halali und manch eine Selbsthilfegruppe bläst in dasselbe Horn. Kann man – nur des schnöden Mammons wegen – einem schwerstkranken Menschen die letzte Chance nehmen, sein Leben zu verlängern?
Viele Ärzte sehen das hingegen differenzierter.
Die finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen sind begrenzt. Für dasselbe Geld, was eine einzige Cabazitaxel-Behandlung kostet könnte man eine komplette Palliativstation oder ein Hospiz eine ganze Weile lang betreiben. Was also brauchen diese Schwerstkranken am Ende ihres Lebens notwendiger? Ein Medikament – und ein bißchen Hoffnung oder intensive pflegerische Betreuung und Behandlung ihrer Symptome?
In Deutschland wird es wohl noch eine Weile dauern, bis solche Diskussionen offen geführt werden….

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Written by medizynicus

15. Januar 2012 at 13:45

14 Antworten

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  1. Es kommt drauf an, was man unter offen versteht. Hinter vorgehaltener Hand wird die Diskussion, auch von Ärzten, schon lange geführt, man mag das Kind nur nicht immer beim Namen nennen.

    Andererseits, wer will, kann sich die Informationen zu dieser Diskussion sicher bschaffen, vieles davon IST öffentlich (wie weit man das als offenene Diskussion bezeichnen mag, ist die Frage)

    Mit den Krankenkassen wird die Diskussion an vielen Stellen bereits ganz konkret und manchmal bizarr geführt.

    Ein Beispiel sind Tyrosinkinase-Inhibitoren bei der Behandlung von fortgeschrittenem Schilddrüsenkrebs. Auch diese Medikamente sind (noch) teuer, sehr teuer, und trotz recht guter Studienlage leider noch nicht offiziell zugelassen. Sie können allerdings richtig und rechtzeitig(!) eingesetzt, noch eine deutliche Lebensverlängerung bewriken. Trotz besserer Studienlage, wird die off label Behandlung mit diesen Medikamenten (z.B. Sorafenib) in aller Regel abgelehnt bevor nicht die Behandlung mit einer klassischen (und trotz bei SD-Krebs miserabler Studienlage zugelassenen) Chemotherapie (Doxorubizin) versucht wurde. Diese Chemotherapie ist sehr belastend und verschlechtert den Zustand der Patienten soweit, dass eine Behandlung DANACH mit den neuen Medikamenten nicht mehr in Frage kommt oder wenig Nutzen bringt. Für diejenigen paitent, die nicht in Studien unterkommen, ergibt sich oft ein zäher und in einigen Fällen vergebener Kampf um die Behandlung, die einige Monate, in amnchen Fällen Jahre Lebensverlängerung bringen würde. Infos dazu hier: http://www.sd-krebs.de/phpBB2/ftopic15342.html

    Karl

    15. Januar 2012 at 14:27

  2. Drei Monate Lebensverlängerung (bei Krebs) sind keine Lebensverlängerung sondern reine Krankheitsverlängerung.

    killmeiamfemale

    15. Januar 2012 at 16:13

  3. @killmeiamfemale: Genau meine Gedanken. Was bringen diese 3 Monate, außer noch mehr Schmerzen/Leid? Soviel Hoffnung und Glaube, das genau in der Zeit DAS Heilmittel gefunden wird, gibts gar nicht…

    greenleaflegolas

    15. Januar 2012 at 17:26

  4. Kann man – nur des schnöden Mammons wegen – einem schwerstkranken Menschen die letzte Chance nehmen, sein Leben zu verlängern?

    Ja, kann und soll man.

    REALM

    15. Januar 2012 at 18:07

  5. @killmeifemale, greenöeaflegolas
    Das kann so pauschal nur jemand sagen, der nicht betroffen ist.
    Ob, und wie wertvoll 3 Monate Lebensverlängerung sind, kann nur der Erkrankte selbst beurteilen, und ich weiß aus eigener Erfahrung mit Betroffenen, das auch ein einziger Monat SEHR wertvoll, ja der entscheidende Monat sein kann, und das andererseits eine deutlich längere Zeit nur eine Verlängerung des Leiden bedeuten kann. Eben gerade deshalb halte ich es für unangemessen, diese Frage “für” andere und über deren Kopf hinweg zu entscheiden!
    Und ich weiß ebenfalls aus eigener Erfahrung mit Betroffenen, dass sich die Beurteilung Frage, welche Situation hinsichtlich körperlicher Befindlichkeit noch als lebenswerte Zeit angesehen wird, im Laufe eine Krankheitsgeschichte sehr stark ändern kann, SOWOHL in die eine ALS AUCH in die andere Richtung.

    Karl

    15. Januar 2012 at 18:44

  6. @Karl: Ich selbst bin von keiner Krankheit gezeichnet, aber ich hab meinen 67 Jährigen Opa 1 Jahr leiden und dahinsiechen sehen “müssen”, nach dem er 2 mal wegen einen Glioblastom operiert worden musste. Nicht der einzige Krebsfall bei uns in der Familie…

    greenleaflegolas

    15. Januar 2012 at 19:09

  7. @greenleaflegolas
    Trotzdem konnte vermutlich Dein Opa selbst besser beurteilen, was von dieser Zeit für ihn lebenswert war, oder eben auch nicht, als Du. Und etwas “müssen”, nämlich das aushalten, musste in erster Linie Dein Opa.

    Ich habe auch nicht behauptet, dass eine verlängerte Lebenzeit immer auch lebenswert wäre, sie ist es in vielen Fällen aus Sicht der Erkrankten nicht. Der entscheidende Punkt ist, dass es der Betroffene selbst sein sollte, der darüber zu befinden hat, und nicht andere für ihn. Behandlungen abzulehnen, wenn sie einem unerträglich sind oder eine Verlängerung eines nicht mehr als lebenwert empfundenen Lebens wahrgenommen werden, ist das Recht eines jedes Patienten, genauso, wie es das Recht eines Patienten ist, bereits im Vorfeld entsprechende Verfügungen zu treffen. Ein Arzt, der sich darüber hinwegsetzt, macht sich strafbar. Leider wird nicht jeder Patient darüber auch informiert.

    Jedoch generell über den Kopf der Betroffenen hinweg und vor allem seitens Nichtbetroffener zu behaupten, dass es sich GRUNDSÄTZLICH nur um Leidensverlängerung oder nicht lebenswerte Zeit handele, und deshalb ebenso über den Kopf der Betroffenen hinweg pauschal eine bestimmte Behandlung zu verweigern, halte ich nicht für legitim.

    Karl

    15. Januar 2012 at 19:57

  8. @Karl: Darum ja die ” “. Wenn er gewusst hätte, wie er nach der 2ten OP beieinander ist, ich glaube er hätte es nicht zugelassen, das sie noch mal in seinen Kopf rumschnippeln. :-(

    Das stimmt was du sagst, es wäre einfach wünschenswert wenn es von Anfang an ein Mittel geben würde, das nicht nur um ein paar Monate etwas verlängert, sondern heilt. Naja, irgendwann wird es soweit sein :-)

    greenleaflegolas

    15. Januar 2012 at 20:08

  9. Naja, auch wenn’s hart klingt, in solchen faellen muessen manchmal vllt wirklich aussenstehende entscheidungen treffen, die hart fuer den einzelnen sind, weils eben nicht nur um den einzelnen geht. solange das gesundheitssystem nicht ueber ausreichend mittel verfuegt muss man halt abwegen, was man bezahlt und was nicht..

    Ich

    15. Januar 2012 at 21:34

  10. Richtig, über das, was bezahlt wird oder nicht wird schon seit jeher von Außenstehenden entschieden, und das will und kann auch keiner ändern. Und selbstverständlich muss darüber diskutiert werden, was noch bezahlbar ist und was nicht. Im Übrigen ist gerade der kostenmäßige Vergleich mit der palliativen Betreuung nicht ganz passend, denn von 25.000 EUR lässt sich ein Hospiz nicht eine ganze Weile sondern nur ein paar Tage betreiben. Es geht mir auch _nicht_ darum, dass der Patient zu entscheiden hat, was noch von der Krankenkasse bezahlt werden darf oder nicht, sondern darum dass niemand _über seinen Kopf hinweg_ zu befinden hat, was lebenswerte Zeit ist oder nicht. Und da bleibe ich ganz kompromisslos.

    Ein wenig erinnern mich solche Diskussionen auch an die insbesondere bei uns sehr verbreitete Mentalität, dass es sich für den Einzelnen immer rechnen muss. D.h. man möchte nicht mehr in das Systen investieren, als ma hinterher wieder herausbekommt, was natürlich bei einem solidarisch finanzierten System wie dem der KV völliger Blödsinn ist. Die Mehrheit wird immer mehr bezahlen als sie herausbekommt, das muss ich auch, und finde ich völlig in Ordnung.

    Man sollte aber auch ein wenig die Relationen sehen. Diese neuartigen Medikamente sollen ja beileibe nicht bei jedem Prostatakrebspatienten eingesetzt werden, auch wenn das vielleicht zunächst in der Berichterstattung so wirken mag. Es ist ein _Zweitlinienmedikament_ und wird immer nur eine eher kleine Gruppe betreffen. Bei seltenen Erkrankungen wie dem oben erwähnten SD-Krebs trifft es noch sehr viel weniger, da die im allgemeinen eine sehr gute Prognose haben (die meisten Prostatakrebspatienten übrigens auch), nur eben die paar mit schwieriger fortschreitender Erkrankung nicht. Das ist ein winziger Bruchteil beispielsweise der Hüft- und Kniegelenksersatz-OPs, die jährlich durchgeführt werden. Ich will keinem mit schweren arthrosebedingten Schmerzen sein Hüftgelenk verweigern, aber es ist mittlerweile schon fast zur Mode geworden sich “ein neues Knie” machen zu lassen, und es ist längst nicht jede dieser nicht gerade billigen OPs streng indiziert. Und jeder möchte bitte schön nach Möglichkeit ein MRT oder wenigstens ein CT haben, wenn er ein bisschen “Rücken hat”, auch nicht unbedingt billig, aber man drückt ja schließlich genug Beiträge ab. Das ist ein Milliardengeschäft und keiner regt sich drüber auf, vermutlich weil einem das eigene Knie näher liegt, als die Krebserkrankung, die man gern verdrängt.

    Karl

    16. Januar 2012 at 01:16

  11. Zum einen haben wir das:

    “L e i t s a t z

    zum Beschluss des Ersten Senats

    vom 6. Dezember 2005

    – 1 BvR 347/98 –

    Es ist mit den Grundrechten aus Art. 2 Abs. 1 GG in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip und aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG nicht vereinbar, einen gesetzlich Krankenversicherten, für dessen lebensbedrohliche oder regelmäßig tödliche Erkrankung eine allgemein anerkannte, medizinischem Standard entsprechende Behandlung nicht zur Verfügung steht, von der Leistung einer von ihm gewählten, ärztlich angewandten Behandlungsmethode auszuschließen, wenn eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf Heilung oder auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf besteht.[...]”

    von “ich” :”[...]Naja, auch wenn’s hart klingt, in solchen faellen muessen manchmal vllt wirklich aussenstehende entscheidungen treffen, die hart fuer den einzelnen sind, weils eben nicht nur um den einzelnen geht.[...]”
    Gut. Diskutieren wir. Ein unabhängiges Gremium entscheidet welches Leben lebenswert und welches lebensunwert ist. Das dehnen wir aus auf geistig und körperlich Behinderte Menschen, Menschen im Wachkoma, Demenzkranke, allgemein “Leistungsunfähige”, was wir nicht alles “einsparen” können… Sie sehen wohin diese Diskussion führt?

    Gestern gesehen:
    http://programm.ard.de/TV/daserste/2012/01/15/gott-und-die-welt/eid_281067326443607?list=main&archiv=1#top
    WIe jeder einzelne die Zeit die ihm bleibt ausfüllt ist ganz allein die Entscheidung des Einzelnen, und das ist gut so. Will jemand diese Therapie, ja -> OK, wird bezahlt. Will jemand diese Therapie nicht -> auch OK.

    Und was die Diskussion über die Kosten angeht: Dann sollte den gesetzlichen Krankenkassen erst einmal die Bezahlung von Heilpraktikern, Erstattung von Homöopathie, und dem Besuch beim Osteopathen … und was es nicht noch für einen Humbug gibt, verboten werden. (Wer es haben will, der kann ja gerne Zusatzversicherungen abschließen, kein Problem).

    Wolf

    16. Januar 2012 at 10:30

  12. Die Art wie wir heute leben kombiniert mit einer Medizin, die einige wenige Inovationen in den letzten 100 Jahren verzeichnen konnte, hat zu einer durchschnittlichen Lebenserwartung von ungefähr 80 Lebensjahren geführt. An diesem Erfolg sind solche (Schein-)therapien überhaupt nicht beteiligt.

    Alles, was keinen belastbar nachweisbaren Nutzen hat, gehört aus der gesetzlichen Versicherung heraus!

    Es mag verständliche Gründe geben im Einzelfall diese Dingen dann trotzdem haben zu wollen. Wenn das so ist, muss man das selbst zahlen oder frühzeitig eine Zusatzversicherung abschliessen, die das übernimmt. Das wäre gerecht.

    Diese anakastische deutsche Einzelfallgerechtigkeit bis ins letzte Detail ist genau das Gegenteil, nämlich ungerecht gegenüber der Mehrheit, weil sie, das Solidarsystem sprengen wird.

    dienstarzt

    16. Januar 2012 at 11:35

  13. Ob die Kassen das bezahlen sollen oder nicht, sollte auch davon abhängen, welchen therapeutischen Vorteil das Medikament gegenüber bereits etablierten Medikamenten hat. Cabazitaxel gehört zur Gruppe der Taxane, davon gibt es schon ein paar auf dem Markt, die deutlich günstiger sind. Ich kann aber jetzt selbst nicht beurteilen, welche Vorteile Cabacitaxel beispielsweise gegenüber Paclitaxel aufweist. Die Diskussion sollten Leute führen, die sich mit so etwas auskennen.

    Weiterhin sollte man bei der Diskussion auch bedenken, dass ein Hauptgrund, warum BigPharma innovative Medikamente wie Antikörper, Antikörperfragmente, usw. vor allen Dingen bei Krebserkrankungen entwickelt, der ist, dass sich bei dieser Indikation im Moment am leichtesten ein Medikament zulassen lässt (es gibt bei der Indikation Krebs einfach die wenigsten bürokratischen Hürden wegen eventueller Nebenwirkungen). In 10 Jahren dürfte die Produktion derartiger Arzneimittel deutlich günstiger sein als im Moment. Wenn die Kassen derartige Medikamente nicht mehr übernehmen, wird die Entwicklung derartiger Techniken ins Stocken geraten, weil wirtschaftlich uninteressant.

    McCloud

    16. Januar 2012 at 11:46

  14. Sehr guter Gedanke!! Kann ich so einfach unterschreiben. Manchmal nicht leicht die richtige Entscheidung zu treffen

    PumpiKaernten

    16. Januar 2012 at 22:30


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