Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Schwarzbraune Haselnüsse jenseits des Tales am Brunnen vor dem Tore

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Mit Musik geht alles besser. Musik hebt die Stimmung, Musik bessert die Konzentration, Musik macht klug.
“…jenseits des Tales standen ihre Zelte….schrumm…schrumm…”
dröhnt es mir aus Zimmer zwölf entgegen. Montag Morgen. Sieben Uhr früh. Gefühlte hundertzwanzig Dezibel. Ungefähr so wie ein startender Düsenjäger, ein baggernder Bagger oder ein schlagbohrender Schlagbohrer direkt neben Deinem Ohr.
“….schrumm….schrumm….zum roten Abend Himmel quoll der Rauch!”
Wie bitte?
Was’n hier los?
Eigentlich war ich ja bloß auf dem Weg ins Schwesternzimmer und wollte nachsehen, ob es Kaffee gibt, weil morgens um sieben bin ich noch nicht so richtig aufnahmefähig, aber jetzt muss ich doch erstmal Schwester Paula interviewen, die gerade um die Ecke biegt”
“…das war ein Singen in dem ganzen Heere…schrumm….schrumm…und ihre Reiterbuben sangen auch!…. schrumm….schrumm….”
Hilfe, was’n hier los? Die Stimme gehört eindeutig zu einem berüchtigten Albino mit Sonnenbrille, von dem ich gar nicht wusste, dass er offenbar immer noch sein Unwesen treibt. Und die Quelle des Lärms lässt sich in Zimmer siebzehn lokalisieren.
“…das war ein Singen, in dem ganzen Heere….schrumm…schrumm…..und ihre Reiterbuben sangen auch…!”
Ja, das sagtest Du schon, Junge, hab ich kapiert. Bilder aus einem Mittelalter-Kostümfilm drängen sich auf, aber was haben die hier verloren, auf einem Krankenhausflur, Montag Morgen um sieben Uhr früh?
“…sie putzten klirrend am Geschirr der Pferde, schrumm, schrumm, es tänzelte die Marketenderin, schrumm, schrumm…”
Ja und? Was geht mich das an?
“Herr Wannenpüster!” sagt Schwester Paula atemlos, als sie mit einer aromatisch duftenden Bettpfanne an mir vorbeihechtet, “Muss wieder sprechen lernen!”
Äh?
“….und unterm Singen sprach der Knaben einer: Mädel, du weißt, wohin der König will! Schrumm Schrumm!”
Wohin der König will?
Schauen wir mal!
Erhobenen Kopfes betrete ich das Zimmer. Herr Wannenpüster liegt auf seinem Bett und starrt in die Luft. Links von ihm sitzt Frau Wannenpüster und hält Händchen. Rechts von ihm sitzt Frau Wannenpüster junior und hält das andere Händchen. Beide strahlen sie mich an.
“Wir wollen ihm helfen, Sprechen lernen!” sagen sie, also brüllen sie gegen das Schrumm-Schrumm an.
Opa Wannenpüster hat nämlich einen Schlaganfall. Und damit er wieder sprechen lernt, muss man halt ganz viel mit ihm reden, ihm was vorlesen oder vorsingen, stand neulich in der Apotheken-Umschau. Und diese Lieder, die hat er doch immer schon gerne gehört!
Wenn er nicht bloß so stocktaub wäre, der Oppa!

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Written by medizynicus

12. Mai 2014 at 21:44

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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4 Antworten

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  1. Oha. Das ist ja keine reine Ruhestörung mehr. Warum fällt dieser Kram eigentlich nicht unters Kriegswaffenkontrollgesetz? Ich fürchte nämlich, dass die Haager Landkriegsordnungs in Friedenszeiten nicht hilft.

    linuxuser86

    12. Mai 2014 at 22:51

  2. ja und nu? Kaum macht er mal nen “ernsthaften” Blogeintrag kommt kein Kommentar – und da wundert ihr euch?
    Bitte bitte weiter so – ich find den hier sooo klasse! Kopfkino erster Sahne!

    stuttgarterpothekerin

    17. Mai 2014 at 17:43

  3. Als etwas verspäteter Kommentar: Möge es dem Patienten bessergehen – dank oder trotz der Musik! Die Namensgebung hier im Blog (Familie Wannenpüster, Herr Wanzengruber, Herr Krawummski & Co.) sollte jedenfalls mal prämiert werden.

    sina

    1. Juni 2014 at 13:03

  4. Nun Klinika sind sooooooooooooo langweilig für die Patienten, dass ich das schon fast unterhaltsam finden könnte…(Außer die politischen Implikationen mancher Lieder…)
    Aber nur für 5 Minuten, dann würde ich entweder anfangen Bach-Arien zu singen, um sie zu verschrecken…(Stimmlich höre ich mich eher wie ein Kanarienvogel mit Stimmbänderproblematik an) oder ich würde mir Ohropax besorgen…Bei meinem gegenüberliegen Hanggarten Party-Menschen funktioniert es prima nachts um 3:30 dann meine Boxen ans Fenster zu stellen und sie mit z.B. King Arthur von Purcell zu beglücken und mitzusingen….
    Vielleicht solltest du dich zum singenden Doc bekehren lassen? Mal John Wayne, dann ein nettes Volkslied oder aber auch Brecht…Sei virtuos, dann lieben dich deine Patienten…

    blogwesen

    21. Juli 2014 at 06:36


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