Archiv für die Kategorie ‘Alltagswahnsinn’
Qualitätsmanagement und Schweinegrippe
In unserem Land tobt bekanntlich die Schweinegrippe.
Inzwischen hat sich die Panik ja schon etwas gelegt, aber vor ein paar Wochen war es en vogue, sich zu verhalten wie aufgescheuchte Hühner. Allen voran die Politiker und Bürokraten und an vorderster Front unsere allseits beliebte Schwester Anneliese.
Was Schweinegrippe mit Kuh-Emm zu tun hat?
Nun ja. Schweinegrippe ist ansteckend. Wusstet Ihr das noch nicht?
Ansteckung muss verhindert werden! Ach, neee!
Und wie?
„Ab sofort sind die Patientenströme vor allem in Ambulanz und Notaufnahme strikt zu trennen…“, verkündete Schwester Anneliese in schönstem Behördendeutsch, und einen Moment lang hatte ich ein Bild vor Augen, auf welchem in unserer Kleinstadt plötzlich Menschenmassen wie bei einer Fußball-WM in Richtung Krankenhaus strömten.
Tun sie aber nicht. Aber jeder, bei dem der leiseste Verdacht besteht, dass er schweinegrippekrank sein könnte, darf nicht mehr ins Wartezimmer sondern muss in ein Nebenkabuff. Da darf man als Arzt nur mit Mundschutz, Handschuhen und Einmalkittel rein. Und anschließend ist das Ding „gründlich zu desinfizieren“.
Von wem?
Tagsüber vom dem Reinigungskräften (früher, in politisch unkorrekteren Zeiten hätte man Putzfrauen gesagt). Und nachts natürlich vom Pflegepersonal. Die haben ja sonst nichts zu tun.
Wie gut, dass Schwester Anneliese uns nächtens in Ruhe lässt und nicht durch die Flure geistert, wie sie das tagsüber tut!
Gegen Handschuhe haben wir nichts einzuwenden, die Sache mit dem Mundschutz machen wir auch noch mit. Aber die umständlichen Einmalkittel… die hängen da inzwischen nur noch zur Dekoration herum.
Und das Putzen… reden wir von etwas Anderem!
Die weltbesten Blogartikel
Also, nachdem zwei andere Blogger schon mit gutem Beispiel vorangegangen sind, schließe ich mich mal an und stelle hier die anderen Kandidaten im Wettbewerb um den weltbesten Blogartikel vor, die es bis ins Finale geschafft haben:
Hier also die entgültige Finalistenliste
- Pharmama: Deutliche Worte
- Felix: Medien – Ausgewählte Berichterstattung
- Mik-Ina: Hauskrankenpflege
- Medizynicus: darf man sich in eine Patientin verlieben?
- Lebens-Stil-Blog: Mamajuana – Potenzmittel und Lebenselixier
- Grimminalbullizei: Wenn fremde Männer sich herzlich umarmen
- Monsterdoc: 10 Symptome bei denen Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen sollten
- Swapy: Tauschbörse: legal tauschen statt saugen
- Polaroidmedchen: Apathie
- Nicht-rauchen-blog: In 10 Schritten mit dem Rauchen aufhören
…und abstimmen kann man hier!
Und für die noch Unentschlossenen unter Euch… vielleicht ein kleiner Tipp gefällig?? Darf ich verraten, was denn wohl mein Favorit wäre???
Qualitätsmanagement in der Klinik: unsere Schwester Anneliese
Früher einmal war Schwester Anneliese eine ganz normale Krankenschwester. Sie hat gemacht, was alle anderen Krankenschwestern auch tun: ein bisschen Leben retten, ein bisschen Hintern abwischen, ein bisschen Kaffeekochen und so weiter.
Ja, und dann bekam sie es mit dem Rücken. Sagte sie. Sie nahm sich… ähem, sie wurde krank, sammelte Fehlzeiten an, fuhr auf Kur und wenn sie zwischendurch mal auf Station aufkreuzte, setzte sie eine Leidensmine auf. Dabei war sie längst nicht so alt, wie sie aussah. Auch wenn sie Anneliese hieß (und immer noch heißt).
Kurz und gut: Sie gab sich alle Mühe, auf eine Frührente mit fünfunddreißig hin zu arbeiten, als sich ihr Leben plötzlich änderte.
Man bot ihr einen Job an.
Nicht irgendeinen. Es war der Job ihres Lebens. Der Job, welcher ihr die Chance gab, sich nie mehr in die Nähe eines Patienten begeben zu müssen und gleichzeitig eine Machtfülle zu genießen, welche kaum ihresgleichen hat.
Anneliese wurde unsere QMB.
Kuh-Emm-Beh.
Die Qualitäts-Management-Beauftragte.
Mit Feuereifer machte sie sich ans Werk – und uns allen das Leben schwer.
In der nach unten offenen Beliebtheitsskala rangiert sie irgendwo in der Nähe einer Chefpolitesse, Steuerfahnderin oder Rundfunkgebühreneintreiberin, aber das stört sie nicht.
Mit schöner Regelmäßigkeit bringt sie ihre Erlasse und Rundschreiben heraus.
Da steht zum Beispiel drin, dass man sich zu Schweinegrippezeiten regelmäßig die Hände desinfizieren muss, und wer das nicht tut, der wird geteert und gefedert.
Mag Letzteres noch irgendwo verständlich sein – Hygiene sollte schließlich in unserem Job eine Selbstverständlichkeit sein – sind manch andere Ergüsse preisverdächtig für den Kafka-Award. Mehr Bürokratie wagen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.
Weshalb ich das jetzt hier erwähne?
Nun ja, sie war schon wieder aktiv…
die geheimnisvolle Spritze
Genau achtzehn Uhr fünfzehn ist es, als ich mal wieder in die Ambulanz gepiepst werde. Schwester Anna deutet mit einem wortlosen Kopfnicken auf den stämmigen Herrn im Wartezimmer.
„‘n bischen komisch ist er schon!“ sagt sie.
Ich schaue ihn an: Schnauzbart, graumeliertes Haar, offenbar Migrationshintergrund. Vor ein paar Jahren hätte man noch ‘Ausländer’ gesagt und meine Eltern hätten von ‘Gastarbeitern’ gesprochen, aber beides ist heutzutage bekanntlich nicht mehr politisch korrekt.
„Was will er denn?“ frage ich.
Schwester Anna zuckt mit den Schultern.
„Frag ihn doch selbst!“
Ich nehme die Karte, auf welcher Anna bereits die Personalien eingetragen hat in die Hand und trete ins Wartezimmer.
„Herr…“ – verdammtnochmal, diesen Zungenbrecher kann ich beim besten Willen nicht aussprechen, auch wenn das noch so politisch unkorrekt ist – „Also, würden Sie bitte hereinkommen?“
Der Patient schlurft ins Behandlungszimmer und läßt sich auf den Stuhl plumpsen.
„Doktor, ich brauche nur Spritze!“
„Was für eine Spritze denn?“
Er langt in seine Hosentasche und fördert eine Ampulle hervor.
„Mein Hausarzt gibt mir immer… aber ist in Urlaub!“
Ich nehme das Ding in die Hand. Es enthält eine rötliche Flüssigkeit.
„Was ist denn da drin?“
„Sehen Sie doch!“
Auf dem Glas prangen fremdartige Schriftzeichen.
„Tut mir leid, ich verstehe nichts… können Sie mir das vielleicht übersetzen?“
„Ich bin doch kein Doktor. Verstehe das auch nicht!“
„Ähem… wo haben Sie die Ampulle denn her?“
„Muss ich selber kaufen! Krankenkasse bezahlt nicht!“
„Aha… und wo haben Sie es gekauft?“
„Hier viel zu teuer. Hab ich von zu Hause mitgebracht!“
„Ähem ja…. und wozu soll die Spritze gut sein?“
„Weil ich mich immer so schlapp fühle!“
„Also… es tut mir leid, aber ich kann Ihnen leider keine Spritze geben, von der ich nicht weiß, was drin ist…“
„Aber wieso? Macht mein Doktor doch auch immer!“
Nun ja…
Medizinische Versorgung für Illegale: ein paar Fakten
Quasim heißt natürlich in Wirklichkeit anders. Die Geschichte ist erfunden. Oder sagen wir besser: Eine Begebenheit, die sich vor einiger Zeit mal so ähnlich abgespielt hatte wurde in vielen Punkten verändert und auch ein wenig aufgebauscht.
Das ändert aber nichts daran, dass es ziemlich viele Quasims gibt und einige von denen schwer krank sind.
Also, halten wir mal ein paar Dinge fest:
- Kein Mensch ist Illegal. Aber es gibt Menschen, denen die Behörden (und die Gesezte) dieses Landes nicht das Recht zugestehen, hier leben zu dürfen. Viele Menschen tun es trotzdem. Aus den verschiedensten Gründen. Über die moralische Legitimation dieser Gründe möchte ich nicht urteilen. Nicht alle von ihnen sind Unschuldslämmer.
- Niemand weiß, wie viele Menschen in diesem Land ohne rechtlichen Aufenthaltsstatus leben. Man geht davon aus, dass es etwa eine Millionen sind, aber es können auch nur halb so viele sein. Oder doppelt so viele. Das wären immerhin, über den Daumen gepeilt, rund ein Prozent unserer Bevölkerung.
- Wer illegal ist, lebt in ständiger Furcht, entdeckt zu werden. Er vermeidet daher nach Möglichkeit jeden Kontakt zu Behörden. Aus gutem Grund: Ämter müssen Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht bei der zuständigen Ausländerbehörde melden.
- Krankenhäuser und Arztpraxen sind keine Behörden. Ein Arzt hat keinerlei Verpflichtung, seine Patienten beim Ausländeramt anzuzeigen!
- Genausowenig ist ein Arzt dazu verpflichtet, die Identität seiner Patienten zu überprüfen – es kann ihm eigentlich egal ein, ob der Patient sich Rumpelstilzchen oder Donald Duck nennt.
- Wichtig: In Notfällen sind Ärzte (z.B. in Krankenhausambulanzen und Notaufnahmen oder Niedergelassene Kollegen) zur akuten Hilfe verpflichtet – auch dann, wenn keine Krankenkassenkarte vorliegt. Allerdings haben sie auch das Recht, anschließend eine Rechnung zu schreiben und das Geld auch z.B. durch Inkassofirmen eintreiben zu lassen. Allerdings kann niemand gegen seinen Willen im Krankenhaus „bis zur Begleichung der Rechnung“ festgehalten werden.
- Wenn ein Arzt einen nicht versicherten Patienten behandelt, kann er sich seine Vergütung vom Sozialamt holen. Das Sozialamt muss die Daten wiederum an die Ausländerbehörde weitergeben.
- Alternativ könnte der Arzt natürlich auch auf Privatliquidation bestehen (Käsch in die Täsch!). Oder auf sein Honorar verzichten.
- Ersteres dürfte aufgrund der begrenzten finanziellen Kapazitäten der Patienten eher selten durchsetzbar sein. Versucht wird es gelegentlich. Letzteres hingegen ist gar nicht mal so selten.
- Manch ein niedergelassener Kollege behandelt einen Nicht versichterten Ausländer, obwohl er weiß, dass er daran keinen Cent verdient und hängt das einfach nicht an die große Glocke. Und dann gibt es Kollegen, welche ehrenamtlich bei caritativen Organisationen mitarbeiten.
- In vielen Orten gibt es Initiativen welche spezielle Sprechstunden für „Papierlose“ anbieten. Diese Initiativen sind teilweise durch Spenden finanziert, teilweise auch sogar mit öffentlichen Geldern. Beispiele sind:
- Die Malteser-Migranten-Medizin (mehrere Standorte)
- Das „Büro für Medizinische Flüchtlingshilfe“ (Berlin)
- Die „Medizinische Hilfe für nicht versicherte Menschen in München e.V“
- Das Medinetz Dresden
…und viele weitere Organisationen. Wenn jemand weitere örtliche Initiativen kennt, bitte mit Link und/oder Telefonnummer als Kommentar posten!
Quellen und Weitere Informationen:
Ganz viele nützliche Infos gibt’s bei „Pro Asyl“
Süddeutsche Zeitung
Deutsches Ärzteblatt
Via Medici
Spiegel Online
…und natürlich:
Quasim’s Geschichte
Werbepause
Durch Frauke bin ich auf die Aktion von druckerei.de aufmerksam geworden:
Wer in seinem Blog erwähnt, dass man dort einen kostenlosen Wandkalender abgreifen kann. Wer auch einen Blogartikel schreibt und artig verlinkt, kriegt einen. Wer die Nachricht twittert, kann einen gewinnen.
Also, wer noch einen Kalender braucht…
Wie man einen Illegalen verarztet (Teil 4 und Happy End)
Am nächsten Tag ging es Quasim schon deutlich besser. Und weitere vierundzwanzig Stunden später gab Thomas uns das Okay: Das Fieber war runter, Infusionen waren nicht mehr unbedingt notwendig und die Antibiotika konnten nun auch in Tablettenform eingenommen werden.
Kurz darauf verschwand der Patient namens Mustafa still und heimlich von der Station, noch bevor die Verwaltung von der Sache Wind bekommen hatte.
Quasim kurierte sich von nun an in unserer WG weiter aus. Thomas kam zweimal täglich zur Visite vorbei. Auch Annette ließ sich hin und wieder blicken. Sie hatte Kontakt zu einem Juristen aufgenommen, der ihr irgendwann mal seine Telefonnummer gegeben hatte. Der Typ war Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung, aber weil Annette ihm gründlich den Kopf verdreht hatte, ließ er sich bereitwillig für unsere Sache einspannen. Die Kreativität, mit welcher er die abgefahrensten juristischen Winkelzüge entdeckte um Quasims Aufenthaltsstatus zu legalisieren, war faszinierend. Dabei scheute er sich auch nicht, seine schlagenden Juristen-Kumpels einzuspannen.
Trotzdem mochte ich ihn nicht.
Nach drei Tagen war Quasim wieder fit genug, dass er auf dem Balkon eine Zigarette rauchen konnte. Etwas später haben wir in der Küche ein Bier zusammen getrunken und weil wir in der Wohnung gerade ein Zimmer frei hatten konnte er auch noch eine Weile bei uns bleiben.
Quasim war ein netter Kerl.
Er war übrigens kein Widerstandskämpfer oder so. In einer Vorstadt von Teheran hatte er einen kleinen Laden, wo man unter dem Ladentisch auch mal eine Flasche Whiskey kaufen konnte, oder verbotene Videos. Nichts Schlimmes: hauptsächlich Holywood-Schinken aus den achtziger Jahren, „Ramboo“ und „Dirty Dancing“ gehörten zu den Favoriten.
Quasims Bruder hatte die heiße Ware besorgt. Als dieser einmal die notwendige Schmiergeldzahlung vergaß, wurde er verhaftet. Dummerweise zu einem Zeitpunkt, als irgendein Regierungsmensch gerade meinte, mal wieder den starken Mann spielen und hart durchgreifen zu müssen.
Was das im Iran heißen kann, ist allgemein bekannt.
Quasim hatte Angst bekommen und – mit Hilfe von Kontakten zu Freunden von Freunden seines Bruders – das Land verlassen.
Jahre später hat er übrigens eine deutsche Frau geheiratet.
Nein, nicht Annette: die war irgendwann mit dem Schläger-Juristen zusammen. Was aus den beiden geworden ist, weiß ich nicht, ich habe sie längst aus den Augen verloren und hoffe, sie sind geschieden.
Quasim wohnt immer noch in der Uni-Stadt und hat dort inzwischen einen kleinen Handy-Laden. Ab und zu schaue ich bei ihm vorbei, wenn ich in der Gegend bin.
Wie man einen Illegalen verarztet (Teil 3)
Schweigend fuhren wir durch die nächtliche Stadt.
Es war uns ein wenig peinlich, dass wir Attila und Ayse aus dem Bett klingeln mussten, aber nachdem wir den beiden den Ernst der Lage erklärt hatten, spielten sie mit Feuereifer mit.
Thomas war schonmal vorausgefahren in die Uni-Klinik.Um dem diensthabenden Arzt seine nächtliche Anwesenheit zu erklären, tischte er ihm irgendeine Geschichte auf: Ich glaube, es hatte mit der Doktorarbeit zu tun. Sehr überzeugend war das zwar nicht, aber es erfüllte seinen Zweck.
Gegen ein Uhr trudelten wir ein.
Mr. Pferdeschwanz und ich warteten im Auto, während Attila und Ayse ihren neuen Cousin in die Mitte nahmen und in Richtung internistische Notaufnahme stapften. Die beiden hatten sich hübsch verkleidet:
Ayse mit Kopftuch und Kittelschürze und Attila in schlechtsitzenden Anzug, abgeschabtem Wollpullover und Mütze.
Dass Mustafa alias Quassim kein Wort türkisch sprach fiel niemandem auf. Wäre er in Begleitung von drei deutschen Studenten ohne Migrationshintergrund im Krankenhaus aufgelaufen, dann hätten wir uns wahrscheinlich auf misstrauische Blicke und unbequeme Fragen gefasst machen müssen, so aber lief alles nach Plan:
Die Show von Attila und Ayse war bühnenreif: mit „viel krank, viel Fieber, Doktor, bitte helfen!“ und zugehöriger Gestik taten sie ihr bestes, um jedes Klischee nach Kräften zu erfüllen.
Thomas sorgte dafür, daß Quassim schnellstmöglich geröntgt wurde. Es war tatsächlich eine Lungenentzündung. Thomas nahm Blut ab und hängte Infusionen an.
Später sorgte er dafür, dass der Zettel mit den Patientendaten auf dem Weg zur Abrechnungsstelle der Verwaltung verloren ging.
Wie man einen Illegalen verarztet (Teil 2)
Wir verfrachteten Quasim in den altersschwachen Opel und brachten ihn in unsere WG.
Meine Mitbewohnerin versorgte ihn mit Kamillentee während ich hektisch in der Gegend hektisch telefonierte.
Meine Rettung war Thomas.
Thomas war ein paar Semester über mir und schon im PJ. Auf Station sprachen die Patienten ihn manchmal mit „Herr Doktor“ an. Kurz nach Mitternacht war er bei uns.
Er schaute in Quasims Hals, horchte die Brust ab und machte ein ernstes Gesicht.
Anschließend hielten wir in unserer Küche Kriegsrat.
„Könnte eine Lungenentzündung sein!“
„Und was machen wir jetzt?“
„Wir sollten ein Röntgenbild machen und Blut abnehmen…“
Mr. Pferdeschwanz schüttelte den Kopf.
„Geht leider nicht!“
Mit knappen Worten erklärte er die Situation.
Thomas seufzte.
„Dann müssen wir ihn halt so behandeln. Er braucht ein Antibiotikum!“
„Woher bekommen wir das?“
„Aus der Apotheke. Aber wir brauchen ein Rezept.“
„Würden sie Dir das nicht auch notfalls ohne Rezept herausrücken?“
„Wenn ich einen Arztausweis hätte, dann schon. Aber ich bin ja noch Student.“
„Kannst du nicht aus dem Krankenhaus etwas mitbringen?“
Thomas wurde rot.
„Die Medikamente sind in einem verschlossenen Schrank!“
„Und Du könntest nicht…?“
Mr. Pferdeschwanz machte die Bewegung des Klauens.
„Zumindest nicht vor morgen früh!“
„Könnte ich nicht mit meiner Krankenkassenkarte zum Arzt gehen?“ fragte Annette.
Thomas schüttelte den Kopf.
„Du bist doch nicht krank!“
„Wenn ich sage, ich brauche ein Rezept für meine Oma?“
„Dann will der Arzt Deine Oma sehen! Alles Andere wäre Betrug. Dann wäre es besser, den Arzt einzuweihen und mit offenen Karten zu spielen.“
Mr. Pferdeschwanz und Annette schüttelten beide den Kopf.
„Irgendwas müssen wir tun,“ sagte ich, „Ich habe eine Idee…“
Und wenig später saßen wir wieder alle gemeinsam in dem altersschwachen Opel.
Hilfe für einen Illegalen
Es ist schon eine Weile her. Medizynicus war damals noch Student, im achten oder neunten Semester und unsterblich in Annette verliebt.
Annette war eine Klassefrau, sie sah ein wenig aus wie Mia, die durchgeknallte Gansterbraut aus Pulp Fiction und ebenso wie diese stand sie ständig unter Strom. Sie war auf jeder Demo zu finden und außerdem Mitglied im Studentenparlament, im Frauen-und-Lesben-Referat (als heterosexuelle Quotenfrau) und im Ausländerreferat AusländerINNENreferat.
Und dann war da noch der Arbeitskreis für Asyl- und Flüchtlingspolitik. Da war sie auch drin.
Eines schönen Abends klingelte in Medizynicus’ WG das Telefon (O doch, Handys gab’s damals schon, aber ein normalsterblicher Student konnte sich sowas nicht leisten!).
Annette war dran.
„Sag mal, Du bist doch Mediziner…“
Medizynicus wurde ein wenig rot. Wie gut, dass Annette das nicht sehen konnte. Sie selbst studierte Germanistik und noch irgendwas, aber ich glaube kaum, dass sie viel Gelegenheit zum Studieren hatte in diesen Tagen.
„…Du kannst uns helfen, wenn Du magst!“ flötete Annette weiter.
„Selbstverständlich. Worum geht’s denn?“
Annette druckste ein wenig herum.
„Ich weiß nicht, ob das Telefon abgehört wird. Treffen wir uns in zehn Minuten am Parkplatz vor der Mensa!“
Medizynicus schwang sich aufs Fahrrad. Es war vielleicht zehn Uhr abends und der Uni-Campus war menschenleer.
Nach einer Weile erschien ein klappriger Opel älteren Baujahres.
Annette riss die Tür auf.
„Steig ein!“
„Wo fahren wir denn hin?“
„Sag ich Dir gleich!“
Drinnen roch es würzig-aromatisch nach einer Kräutermischung, die überwiegend aus Canabis Inidica bestand. Ein langhaariger Typ saß am Steuer, ein zweiter Typ mit Pferdeschwanz am Beifahrersitz und Annette neben mir auf der Rückbank. Aus den Boxen wummerten Raeggae-Rhythmen.
„Willst Du mir jetzt sagen, worum es geht?“
„Ein paar Minuten noch!“
Die Gegend, in der wir dann ausstiegen erinnerte ein wenig an die Bronx: Schlaglöcher im Asphalt, Gründerzeit-Wohnhäuser mit zerbröckelnden Fassaden und an einer davon hing ein großes Transparent: „Dieses Haus ist besetzt!“.
Wir betraten eine Küche und Annette tuschelte kurz mit einem der Bewohner. Dann ging es wieder ins Treppenhaus und bewaffnet mit Taschenlampen hinunter in den Keller. Durch ein unbeleuchtetes Labyrinth aus Kisten, Chaos und Sperrmüll gelangten wir schließlich in Kabuff, aus welchem uns eine Zigarettenqualmwolke entgegenschlug.
In einer Ecke stand ein Fernseher. Wundersamerweise war er eingeschaltet und stellte die einzige Lichtquelle des Raumes dar. Es lief ein Programm in einer mir unverständlichen Sprache.
Dem Fernseher gegenüber war ein Sofa.
Darauf lag, in mehrere Decken gewickelt ein Mensch.
Er hatte kurzes, dunkles Haar, war unrasiert und sein Alter war schwer zu schätzen. Auf dem Boden vor ihm standen ein ziemlich voller Aschenbecher, eine Wasserflasche und ein Glas.
„Das ist Quasim!“ sagte Annette.
Ich lächelte und streckte dem Fremden meine Hand hin.
„Hallo Quasim!“
Der Fremde lächelte verlegen zurück und drückte meine Hand.
Und dann hustete er. Ein gigantischer Hustenanfall, wie ich ihn selten erlebt habe.
„Quasim ist krank.“ sagte Annette.
„Er braucht einen Arzt!“ meinte ich.
Annette lächelte.
„Bingo. Deswegen bist Du hier.“
Ich erschrak.
„Warum bringt Ihr ihn nicht zu einem richtigen Arzt? Ich meine… er sieht wirklich nicht gesund aus…“
Mr. Pferdeschwanz schüttelte den Kopf.
„Quasim ist nicht versichert,“ erklärte er, „und abgesehen davon wird er von der Polizei gesucht.“
Ich zuckte abermals zusammen.
„Das heißt, Ihr versteckt ihn vor der Polizei?“
„Quasim kommt aus dem Iran. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Seine Abschiebung ist für nächste Woche geplant.“
„Aber…“
„Quasims Bruder wurde letztes Jahr hingerichtet. Quasim hat Angst, verstehst Du?“
Ich wurde blass.
„Und wenn die Sache rauskommt? Ich meine, wenn sie ihn erwischen und Euch?“
Annette legte eine Hand auf meine Schulter.
„Weißt Du, das nennt sich Zivilcourage!“



