Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Diagnostik

Ich will einen Tricorder!

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Im Krankenhaus hat man mit kranken Menschen zu tun. Jeder, der irgendwann einmal mit so einer Einrichtung zu tun gehabt hat weiß: das Problem an der Sache ist, dass es so viele verschiedene Krankheiten gibt.
Jeder Patient hat etwas Anderes.
Wirklich, fast jeder, und dann… ja, dann müssen wir uns meistens eine Menge Arbeit machen, mit Untersuchen, Blut abzapfen, Röntgen und so weiter.
Wäre es nicht viel einfacher, wenn es da so ein kleines Maschinchen gäbe, welches man mal eben schnell über den Patienten hält und dann… wusch… pieps… sagt einem das Maschinchen, was Sache ist?
Nie mehr an schweißriechenden, blutverschmierten, nach Urin und Exkrementen duftenden Körpern herumfingern müssen?
Nicht nur wir Ärzte und Pflegepersonal, auch die Patienten wären glücklich und zufrieden… auf den ganzen Erde, ach was sage ich, im ganzen Univesum… äh… stopp… momentmal… habe ich da Universum gesagt? Also Weltall?
War da nicht mal was? Dieser legendäre Tricorder bei Star Treck?
Ja, richtig! Wer sowas erfindet, der kann sich beim legendären X-Prce-Wettbewerb 10 Millionen Dollar verdienen (SpOn berichtet).
Ganz so abwegig ist die Sache heutzutage gar nicht mehr. Wer hätte schließlich vor fünfzig Jahren an die Möglichkeit von CT oder MRT-Untersuchungen gedacht oder daran, dass es Ultraschallgeräte für die Kitteltasche gibt, die in nicht allzu ferner Zukunft möglicherweise tatsächlich zum Alltagsstandard gehören könnten?

P.s.: Beim X-Price gibt’s noch viel mehr zu gewinnen. Zwanzig Millionen zum Beispiel für denjenigen, der bis Ende nächsten Jahres noch mal schnell zum Mond fliegt!

Written by medizynicus

15. Mai 2011 at 14:12

Kasperles Großmutter und die Synkopen-Abklärung

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Ich trinke noch einen Schluck Kaffee.
“Also, jetzt stellen wir uns mal vor, Kasperles Großmutter säße jetzt vor uns. Was würde passieren?”
Paul zuckt mit den Schultern.
“Fangen wir von vorn an: Wir haben eine Dame, Alter schätzungsweise irgendwas zwischen fünfundsechzig und achtzig, noch rüstig, lebt alleine, besorgt den Haushalt ohne Hilfe und sorgt sogar noch für ihren minderjährigen Enkel. Sie wird vom Enkel in unsere Notaufnahme gebracht, weil sie nach seinen Angaben wiederholt ohnmächtig geworden ist. Und jetzt bist Du am Start, Paul. Was machst Du?”
“Das Übliche natürlich…”
“Als da wäre?”
“Anamnese… Untersuchung… EKG… Labor… und dann halt Diagnostik…”
“Was für Diagnostik?”
“Naja… Langzeit-EKG vielleicht…”
“Und was finden wir?”
Paul zuckt abermals mit den Schultern.
“Okay. Vielleicht Vorhofflimmern. Vielleicht Pausen. Höchstwahrscheinlich aber nichts. Also weiter im Text.”
“Carotisdoppler vielleicht?”
“Gute Idee. Und da wir gerade einen fitten PJ’ler an Bord haben würde ich selbstverständlich auch einen Schellong-Test anordnen!”
Paul grinst.
“Und dann können wir noch ein neurologisches Konsil veranlassen, ein Schädel-CT, vielleicht auch ein EEG…”
“…und finden dennoch keine Diagnose!” vervollständigt Paul den Satz.
Ich schüttele den Kopf.
“Irrtum! Spätestens nach dem neurologischen Konsil haben wir eine Diagnose. Eine ganz tolle sogar. Wahrscheinlich so toll, dass ich sie nicht aussprechen kann, geschweige denn verstehe. Aber es nutzt uns nichts!”
“Warum?”
“Weil es keine adäquate Therapie gibt. Es bleibt dabei: Ältere Leutchen leiden ab und zu an Schwindel. Und manchmal werden sie auch ohnmächtig. Die Ursachen sind vielfältig: ein bißchen Arterienverkalkung hier, ein bißchen Hirnsubstanz-Abbau dort undsoweiter. Es gibt ein paar gefährliche Dinge, die sollten wir ausschließen. Herzrhythmusstörungen zum Beispiel. Und es gibt ein paar wenige Krankheiten, die lassen sich gut behandeln. Das ist aber eher die Ausnahme.”
“Und was heißt das jetzt?”
“Es bleibt dabei: Großmutter wird ab und zu ohnmächtig. Und wenn man ihr eine rohe Zwiebel unter die Nase hält, dann muss sie niessen und wacht wieder auf.”

Written by medizynicus

10. März 2011 at 05:41

Strafdiagnostik

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Sarah ist stinksauer.
“Der hat mich angekotzt!”
“Wer?”
“Dieser Patient in der Notaufnahme…”
“Oh ja, das kenne ich! Mich kotzen die Patienten auch manchmal an!”
“Nee, ich meine so richtig. Im Schwall.”
“Er hat im Schwall erbrochen?”
Sarah nickt.
“Ja, das kommt vor. Wir befinden uns ja schließlich in einem Krankenhaus!”
“Aber ich sage Dir, der hat das mit Absicht gemacht! Der hat sich noch extra zu mir hingedreht, und obwohl ich ihm eine Nierenschale angereicht habe…”
Ich glaube ihr. Sowas gibt’s wirklich. Man weiß zwar nicht warum, aber das gibt’s. Manche Dinge will man auch gar nicht verstehen.
“Und jetzt?”
“Also ich gehe da nicht mehr hin!”
Na gut, dann werde ich wohl den ritterlichen Retter spielen müssen. Wieder mal. Tu ich ja gerne. Zumindest für Sarah.
“Wie wär’s mit ein bißchen Diagnostik?” frage ich.
Sarah runzelt die Stirn.
“Also… zuerst einmal muss er natürlich rektal untersucht werden…”
Das heißt auf gutdeutsch: Finger in den Hintern. Des Patienten natürlich.
“Ich nehme an, Du hast das noch nicht getan?”
Sarah schüttelt den Kopf.
Ich ziehe streife mir Gummihandschuhe über und lege vorsichtshalber eine Plastikschürze an.
“Und dann… wäre vielleicht ein disziplinarischer Einlauf fällig…” fahre ich fort, “am besten ein ordentlicher hoher Senkeinlauf. Medizinisch ist das allemale gerechtfertigt!”
“…und dann verstrahlen wir ihn!” wirft Kalle ein, “Ein Abdomen CT ist in jedem Fall indiziert. Und natürlich eine Darmspiegelung. Die mache ich. Höchstpersönlich!”
Er grinst.

Written by medizynicus

17. Februar 2011 at 05:24

Wieviel Diagnostik braucht der Mensch?

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Die Kommentare auf diesen Artikel aus der letzten Woche haben mir zu denken gegeben. Und heute berichtet der Spiegel Online über den Fall einer jungen Frau, welche sterben musste weil die Hausärztin ihre Beschwerden als “psychisch” abgetan hat anstatt den fortgeschrittenen Darmkrebs zu diagnostizieren.
In meinem Beispiel ging es um einen jungen Mann, der wegen unklarer Abdominalbeschwerden stationär eingewiesen wurde, nachdem der Hausarzt ihn zuvor längere Zeit erfolglos behandelt hatte.
Wir führten alle Untersuchungen durch, die in so einem Fall sinnvoll sind: Blutentnahmen, Sonographie, Gastroskopie, Coloskopie und letztendlich noch ein CT. Die gesamte Diagnostik verläuft unauffällig.
Keine pathologischen Befunde.
Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Patient hat irgendeine geheimnisvolle, seltene Krankheit und wir wir dummen Dorfdoktoren aus dem Kreiskrankenhaus Bad Dingenskirchen sind einfach nicht schlau genug um sie zu finden.
Oder der Patient ist – zumindest rein körperlich gesehen – gesund.
Welche von den beiden Möglichkeiten zutrifft, wissen wir nicht.
Die zweite Aussagen trifft wesentlich häufiger zu. Und ist damit wahrscheinlicher.
In der Medizin – und nicht nur dort – gibt es einen Grundsatz: häufige Sachen sind häufig und seltene Sachen sind selten. Samuel Shem drückte es in seinem Buch “The House of God” etwas poetischer aus: Wenn Du draußen Hufgetrappel hörst, denke zunächst an Pferde und nicht an Zebras.
Das Zebra, das ist der seltene Nebennierentumor.
Die Pferde, das sind die “funktionellen Beschwerden”.
Damit beschreibt man eine Krankheit, deren Ursache man nicht kennt und die man auf psychosomatische Zusammenhänge zurückführt.
Das Tückische daran ist, daß man psychosomatische Zusammenhänge nur in den seltensten Fällen eindeutig beweisen kann, obwohl es eigentlich ganz logisch auf der Hand liegt: Streß, Ärger und Ängste machen krank.

Written by medizynicus

22. Juni 2010 at 21:38

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