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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Gewissensgründe um drei Uhr nachts

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Völlig verheult sitzt die junge Frau auf einem der Wartestühlchen unten in der Ambulanz. Es ist Freitagnacht oder auch schon Samstagmorgen, was weiß ich denn, jedenfalls bin ich alles andere als begeistert, aus tiefstem Tiefschlaf heraus geweckt worden zu sein und die Kleine merkt das, schluchzt noch einmal und zieht die Nase hoch.
Ich nicke ihr zu, grummele ein eisiges “guten Morgen” und winke in Richtung Behandlungszimmer Nummero eins. Die Kleine steht auf und folgt mir mit einer Freundlin im Schlepptau.
Ich nehme im Chefsessel hinter dem Schreibtisch Platz.
“Also, was ist los?!”
Immer schön sofort zur Sache kommen, bloß keine unnötige Höflichkeit um diese Zeit.
“Wir waren abends unterwegs,” beginnt die Freundin, “dann haben wir ein paar Leute kennengelernt, die haben uns noch auf eine Party mitgenommen, und dann…”
Die beiden schauen einander an, werden rot, kichern. Wie alt mögen sie sein? Höchstens siebzehn! Eher sechzehn. Soll ich sie jetzt duzen oder siezen?
“Ich bräuchte dann noch die Krankenkassenkarte!” sage ich.
Die Eine nickt und kramt in ihrem strassbesetzten Handtäschchen.
“Also, was war dann?” fahre ich fort.
Die Kleine wird noch roter.
“Dann… ja dann ist halt was passiert…”
Aha, jetzt verstehe ich.
– Fortsetzung folgt! -

Written by medizynicus

29. September 2011 at 08:15

Magenbitter

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“Einen wunderschönen guten Morgen, Herr…” – kurzer Blick auf den Namensaufkleber – “…Herr…”
Ist ja auch egal, wie er heißt. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Kein Wunder, es ist halb vier in der Nacht und ich bin vor gefühlten dreißig Sekunden aus dem Bett geworfen worden und funktioniere um diese Zeit gewöhnlich wie auf Autopilot.
“Akutes Abdomen” hatte es geheißen, aber so akut sieht dieser Patient gar nicht aus. Stattdessen sind seine Augen mindestens so glasig wie meine, aber im Gegensatz zu mir müffelt er nicht nach Schweiß und Desinfektionsmittel sondern vor allem nach Zeh-zwei-Hah-fünf-Oh-Hah. Damit hätten wir schonmal eine klare Diagnose. Aber merke: Auch Schnapsleichen können nebenbei noch richtig krank sein, und deshalb werde ich jetzt eine gründliche Anamnese erheben und den Patienten nach allen Regeln der medizinischen Kunst… ach, scheiß drauf!
“Also, was ist los?” frage ich.
“Mmmeine Tabletten!”
“Was für Tabletten?”
“Mmmagentabletten!”
“Was ist mit denen?”
“Die… b… brauch ich jetzt!”
“Wozu?”
“Weil ich Magenschmerzen hab, verdammtnochmal!”
“Magenschmerzen?”
“Immer… immer wenn ich was trink, kriech ich Magenschmerzen.”
Klingt logisch.
“Irgendwann mal was ernstes gehabt? Magengeschwür? Blut erbrochen? Oder Kaffeesatz? Teerstuhl?”
Er schaut mich an wie ein Auto.
“Was fürn Kaffee? Ich will kein Kaffee, ich will meine Tabletten!”
Okay, ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Aber um diese Zeit… Autopilot halt. Ich streife mir einen Gummihandschuh über.
“So, jetzt legen Sie sich mal hin, damit ich Sie untersuchen kann…”
Stattdessen steht er von seinem Stuh auf und tritt einen Schritt zurück.
“Ich… will bloß meine Magentabletten!”
Also gut, jetzt nochmal von vorn: Was ist hier los?
“Ich hab was getrunken!” sagt er, “Dann hab ich Magenweh gekriegt. Nich schlimm, hab ich öfters. Wollte nie Tablette nehmen, aber hab keine mehr. Also ruf ich ‘n Doktor an. Aber der wollte nich rauskommen…”
Und deswegen bist Du also ins Krankenhaus gekommen! Aber hoffentlich doch nicht etwa per Krankenwagen?

Written by medizynicus

13. April 2011 at 05:00

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