Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Tod durch Räumpflicht

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Opa Kaminske ist tot.
Er starb in Erfüllung seiner bürgerlichen Pflicht.
Heute früh um sechs hat er noch gelebt. Da hat seine Frau ihn geweckt.
“Erwin,” hat sie gesagt, “Du musst aufstehen!”
Oma Kaminske hat nämlich gestern im Fernsehen den Wetterbericht gesehen. Da haben sie Schneefall angekündigt. Opa Kaminske war da schon im Bett, er hatte sich etwas früher hingelegt weil ihm nicht wohl war, sein Rheuma vielleicht oder eine aufziehende Erkältung oder so.
Heute früh um sechs jedenfalls hat Oma Kaminske ihn dann wieder wach gemacht.
Weil um sechs Uhr beginnt die Räumpflicht. Um sechs Uhr muss man seinen Bürgersteig freigemacht haben, sonst wird man bestraft. So steht es in der Gemeindesatzung.
Opa und Omma Kaminske wissen das ganz genau.
Oma Kaminske hat ihrem Erwin also einen starken Kaffee gekocht und eine Leberwurststulle geschmiert und ihn dann rausgeschickt, mit seinen Gummistiefeln und dem alten Wehrmachtsmantel.
Dreißig Zentimeter Neuschnee hat’s gegeben und es war immer noch am Schneien. Die Mülltonnen und Säcke – heute ist Biotonne dran – waren kaum mehr zu sehen. Und der städtische Räumdienst war auch schon da und hat den Schnee von der Straße halbmeterhoch auf den Bürgersteig geräumt.
Opa Kaminske hat leise geflucht und sich dann ans Werk gemacht.
Opa Kaminske kommt aus Königsberg. Er hat den Krieg mitgemacht und die Vertreibung, da wird er doch wohl mit so ein paar Schneeflocken fertig werden!
Als er mit der Garageneinfahrt halb durch war, wurde ihm übel. Kurz darauf wurde ihm schwindelig, und er ist nach drinnen gegangen um sich ein wenig auszuruhen. Oma Kaminske hat ihm noch einen weiteren starken Kaffee gekocht und noch eine Leberwurststulle und dann wollte er wieder aufstehen…
Ging nicht.
Das Weitere ist schnell erzählt: Notarzt, Rettungsdienst, Notaufnahme, Reanimation… erfolglos.
So ist das manchmal.
Aber Opa Kaminske hat seine Pflicht erfüllt!
…obwohl… nein, nicht ganz…
Der Bürgersteig ist immer noch zur Hälfte nicht geräumt.
Und es schneit weiter.

Written by medizynicus

10. Dezember 2012 at 08:26

Ein gesegnetes Alter

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Schwester Gaby begrüßt mich mit feierlich-ernst-schicksalsschwerem Blick.
“Was ist los?” frage ich, nachdem ich mir einen Kaffee eingeschenkt, einen Schluck gekostet, den Rest der Tasse in den Ausguss gekippt und mich angewidert geschüttelt habe.
“Frau Mayer hat’s endlich geschafft!”
“Wie bitte?” Morgens vor acht ist mein Gehirn noch nicht ganz auf Betriebstemperatur. Ein Schluck anständiger Kaffee wäre jetzt nicht schlecht.
“Frau Mayer!”
“Die aus Zimmer siebzehn?”
“…hat’s geschafft!”
“WAs hat die geschafft?”
Gaby schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
“Sie ist von uns gegangen!”
Ach so! Nun ist das nicht gerade eine Nachricht, die mich jetzt vom Hocker hauen würde, Frau Mayer war dement und hat ihre letzten Tage auf unserer Station zugebracht wie… na, wie eine demente alte Durchschnittspatientin halt.
“Es sind übrigens gerade die Angehörigen da!” sagt Schwester GAby und schiebt mich in das betreffende Zimmer.
Dort steht eine Versammlung von schweigenden Gestalten.
Ich setze meine professionell-feierlich-ernst-schicksalsschwere Miene auf und drücke jedem von ihnen schweigend die Hand.
“Nächste Woche wäre sie neunzig geworden!” schluchst eine dralle Mitfünzigerin.
“Nun ja… sie hat immerhin ein gesegnetes Alter erreicht!” sagt ein Grauhaariger Mann.
“Eine gute Mutter war sie!” sagt die Frau.
Der Grauhaarige nickt.
“Aber jetzt kommen wir mal zum Geschäftlichen,” sagt er und schaut mich scharf an, “Bis wann sind die Papiere fertig?”

Written by medizynicus

28. Oktober 2011 at 21:10

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Wie ein Mensch zur Leiche wird – Teil 2: Der Totenschein

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So, jetzt sitze ich also zu nächtlicher Stunde im Schwesternzimmer und kaue auf dem Kugelschreiber herum. Der Kaffee ist kalt geworden. Ich hole mir einen neuen. Vor mir liegt ein Stück Papier. Genau genommen, ein Formularsatz, der aus mehreren Teilen besteht: der Totenschein von Frau Olschewski. Und der grinst mich öd und leer an und will von mir ausgefüllt werden.
Da Deutschland ein föderalistischer Staat ist, hat jedes Bundesland sein eigenes Totenscheinformular kreiert. Die Dinger unterscheiden sich in Farbe und Grad der Unhandlichkeit, aber eines haben sie alle gemeinsam: einen sogenannten Nicht-Vertraulichen Teil, der ans Standesamt geht und nur die Personalien inklusive Sterbedatum, Zeitpunkt und Ort enthält und einen sogenannten Vertraulichen Teil, und da muss ich jetzt die Ursache des Todes eingeben, und zwar zunächst die “unmittelbare Todesursache”, dann die zu Grunde liegende Erkrankung und schließlich weitere Diagnosen, die eventuell zum Ableben beigetragen haben.
Aber weiß ich das?
Früher einmal, in der guten alten Zeit, da hat man es sich einfach machen können und in die erste Zeile das gute, alte “Herzversagen” eingetragen. Ist ja nicht unbedingt falsch. Trifft aber auch auf das eine oder andere Mafiaopfer zu und ist daher wenig aussagekräftig und somit von heutigen Staatsanwälten nicht erwünscht.
Also, woran ist denn Frau Olschewski nun verstorben? Immerhin habe ich die Krankenakte zur Hand und weiß somit von ihrer schweren Tumorerkrankung, somit habe ich schon etwas für die zweite Zeile (wir erinnern uns: das “als Folge von”, also die zum Tode führende Krankheit). Und als unmittelbare Todesursache trage ich “Multiorganversagen” ein, das ist zwar genausowenig aussagekräftig wird aber merkwürdigerweise akzeptiert. Und dann noch ein paar Sachen aus der langen Liste der internistischen Dauerdiagnosen in die dritte Zeile, und fertig… halt! Noch nicht. Gibt es Hinweise für einen “Nicht-Natürlichen Tod”? Nein, ich kann nicht ausschließen, dass nicht doch jemand… ähem… diskret nachgeholfen hat. Aber ich halte es für unwahrscheinlich. Also kein Kreuzchen gemacht. Und dann ist da noch die Rechnung… die muss ich noch unterschreiben: “Wir bedauern das Ableben Ihres Angehörigen,” steht auf dem Vordruck, “und erlauben uns, Ihnen das folgende Honorar zu berechnen.”
Früher einmal ging dieses Honorar in die eigene Tasche desjenigen, der die Leichenschau gemacht hat. Heute streicht das Krankenhaus sich die Kohle ein.
So, das wäre geschafft.
Jetzt muss ich noch die Angehörigen anrufen.

Written by medizynicus

7. September 2011 at 19:05

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Die Sache mit der Leichenschau

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Undertaker Tom hat heute ein Thema angesprochen, welches nicht nur in Bestatter- sondern auch in Ärztekreisen immer wieder für heftige Diskussionen führt. Es handelt sich um einen der wenigen Berührungspunkten zwischen den beiden Berufen: nämlich den Moment, in dem ein Mensch aus der Obhut des Letzteren in die des Ersteren übergeht.
Nein, das Sterben an sich reicht dazu bekanntlich nicht aus. Erst dann, wenn ein Mensch offiziell tot ist, darf der Bestatter aktiv werden.
Wir Ärzte müssen den Tod feststellen. Und das ist so ziemlich das Letzte, was wir mit unseren Patienten anstellen. Mit den weitaus meisten jedenfalls.
Wie läuft so etwas ab?
Begeben wir uns also nach Bad Dingenskirchen. Montag Abend, kurz vor Geisterstunde. Stickig-schwüler Spätsommerabend, klebrig-müde schlurfe ich über die Krankenhausflure.
Dann ein Anruf von Station vier. Da muss ich auch noch hin, hat aber keine Eile. Frau Olschewski ist soeben verstorben, war aber nicht unerwartet, fügt die diensthabende Schwester schnell hinzu.
Wenige Minuten später treffe ich auf der Station ein. Greife mir mit zielsicherem Griff eine Tasse Kaffee und die Krankenakte – in genau dieser Reihenfolge – und beginne meine Arbeit.
Was hatte die gute Dame denn? Aha, fortgeschrittene Krebserkrankung, außerdem eine Lungenentzündung wegen der sie seit einer Woche antibiotisch behandelt wurde. Das ist gut. Nicht unbedingt für die Patientin, sondern für mich, aber dazu kommen wir später. Jetzt muss ich erstmal auf das Zimmer der Verblichenen. Die Schwestern haben bereits vorsorglich ein Schild an die Tür gehängt, damit nicht aus Versehen irgendwelche unvorbereiteten Angehörigen hereinplatzen. Das ist um diese Zeit zwar eher unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie. Außerdem hat die Patientin ein Einzelzimmer, dafür hatte man in weiser Voraussicht gesorgt.
Jetzt schalte ich im Zimmer das Licht ein – volle Festbeleuchtung – und ziehe die Bettdecke zurück. Meine Aufgabe, ist es zunächst einmal festzustellen, dass Frau Olschewski wirklich tot ist.
Aus Gewohnheit und aus Pietät spreche ich sie an: auch wenn man sich dabei vielleicht ziemlich bescheuert vorkommt. Dann einmal auf Herz und Lunge hören, in die Augen leuchten, und vor allem den ganzen Körper einmal anschauen, von oben bis unten, auch die Rückseite und dabei auf Verletzungen achten.
Ich habe Glück, Frau Olschewski wiegt aufgrund extremster Tumorkachexie gerademal noch knapp vierzig Kilo.
Ich muss auf die sicheren Todeszeichen achten: das sind Leichenstarre und Leichenflecken (das dritte sichere Todeszeichen, die Fäulnis, lassen wir hier mal weg). Die treten aber allerfrühestens eine halbe Stunde nach dem Ableben auf – auch darauf komme ich später nochmal zurück.
Jetzt habe ich zunächst genug gesehen, lösche das Licht und ziehe mich wieder ins Schwesternzimmer zurück.
Fortsetzung folgt

Written by medizynicus

5. September 2011 at 22:09

Angeklagte Palliativärztin ist tot

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Vor ein paar Tagen habe ich über eine Ärztin berichtet, welche vor Gericht stand, weil sie mehrere Patienten durch Überdosen von Medikamenten getötet haben soll.

War es einfach nur hochdosierte Schmerzbehandlung bei schwerstkranken Tumorpatienten? War es aktive oder passive Sterbehilfe? Oder war es gar heimtückischer Mord?

Wir wissen es nicht und wir werden es auch nicht mehr erfahren.  Sie ist tot. Heute wurde bekannt, dass sie sich vermutlich das Leben genommen hat.

Schuldeingeständnis? Oder einfach nur Ausweglosigkeit?

Auch das werden wir nicht mehr erfahren

 

(Dank an Monsterdoc für den Link via Twitter)

Written by medizynicus

24. Januar 2011 at 20:50

Sterbehilfe einmal anders: Einladung zu einer ganz besonderen Reise

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Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr,
nachdem Ihr Rentenversicherungsträger so nett war, uns Ihre Adresse mitzuteilen möchten wir es nicht versäumen, Ihnen ganz herzlich zum Renteneintritt zu gratulieren. Wir gehen davon aus, dass Sie sich darauf freuen, noch viele gesunde Jahre im wohlverdienten Ruhestand genießen zu können.
Dennoch werden auch Sie sich sicherlich schon Ihre Gedanken über das Unausweichliche gemacht haben: über Krankheit und die Angst vor qualvollem Siechtum und menschenunwürdigem Dahinvegitieren.
Vielleicht haben Sie auch schon einmal erwogen, Ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Ein Ende ohne Schrecken anstatt Schrecken ohne Ende.
Wir von Terminal Tours möchten Ihnen dabei helfen.
Was spräche dagegen, das Leben zu einem selbstgewähltem Zeitpunkt mit einer schönen Reise – etwa in die Schweizer Bergwelt – zu beschließen? Als stilvolles Ende eines Wellness-Urlaubes zum Beispiel, oder im Rahmen einer kleinen privaten Feier im Kreise Ihrer Lieben? Auch ein großes, rauschendes Fest mit allen Freunden und Angehörigen ist möglich.
Selbstverständlich haben wir auch Fernreisen im Angebot, insbesondere in solche Länder, deren Gesetzgebung und Implementierung derselben ein wenig flexibler gehandhabt wird.
Sprechen Sie mit uns! Heute noch.
Unsere freundlichen Berater kommen selbstverständlich auch zu Ihnen ins Haus.

Vielleicht werden ja die Kosten für derartige Maßnahmen demnächst auf Antrag von der Kranken- oder Rentenversicherung übernommen.
Ach: Und falls irgendwer interessiert daran sein sollte, diese Geschäftsidee umzusetzen, bitte ich um Rücksprache!

Sterbenhelfen, aber richtig!

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Die Sache mit der Sterbehilfe gehört offenbar zu den wenigen Dingen, die man in der Schweiz ein wenig lockerer sieht als anderswo. Ansonsten sind die Schweizer ja nicht unbedingt für ihre Lockerheit bekannt, und so vollzieht sich auch das Sterbenhelfen nach klaren Regeln.
Deshalb schließt der Kanton Zürich jetzt einen Vertrag. Das berichtet das Deutsche Ärzteblatt.
In dem Vertrag steht drin, wie künftig richtig ordnungsgemäß gestorben wird:
Welches Medikament als einzig zugelassenes “Sterbemittel” verwendet werden darf.
Und daß zwei Personen anwesend sein müssen, darunter ein “Freitodbegleiter”, welcher für seine Dienste fünfhundert Fränkli berechnen darf.

Written by medizynicus

30. Juni 2009 at 12:00

Sex im Krankenhaus… ab diesmal gar keine schlüpfrige Geschichte. Eher traurig. Für alle Beteiligten.

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Die Folgende Geschichte gehört vielleicht zu dem, was man heutzutage gerne auf Neudeutsch “Urban Myth” bezeichnet: ein Märchen, eine Krankenhaussage. Ich habe sie nicht selbst erlebt, ich habe sie gehört. Von jemandem, der sie gehört hat, der aber ganz bestimmt…
Ob es also überhaupt passiert ist, weiß ich nicht.
Also gut. Da war diese junge Frau, nennen wir sie Frau Krause. Sie litt an Eierstock-Krebs im Endstadium und kam zur Chemotherapie. Sie kam öfters, immer wieder, und verbrachte den überwiegenden Teil ihrer Zeit im Krankenhaus. Manchmal blieb sie auch einfach nur über Nacht und ging dann tagsüber – zumindest für ein paar Stunden – nach Hause oder in die Stadt um noch ein bißchen den Anschein von Normalität zu leben.
Und aus diesem Grunde gestattete man auch, daß ihr Ehemann über Nacht bei ihr blieb.
Das Zimmer der Beiden war bald mit persönlichen Gegenständen, Bildern, Tüchern (und eigener Bettwäsche!) dekoriert und wirkte halt ein wenig wie ein “richtiges” Schlafzimmer, die beiden Betten hatten sie aneinandergerückt.
Und doch war es ein Krankenhauszimmer.
Und das bedeutete, daß die Nachtschwester regelmäßig ihre Rundgänge machte.
Und einmal hatte eine junge, neue Schwester Nachtdienst – vielleicht hatte sie einfach nur vergessen, anzuklopfen, vielleicht war es Nachlässigkeit, vielleicht auch ein wirklicher Mangel an Taktgefühl.
Jedenfalls kam sie rein… und stellte fest, daß die beiden… unter der Bettdecke… nun ja, nicht nur kuschelten.
Und was machte unsere junge Nachtschwester?
Anstatt taktvoll wieder hinauszugehen schaltete sie das Licht an, klatschte in die Hand und rief entrüstet: “Aber Herr Krause!”
Herr Krause wurde knallrot. Er rollte sich hinüber auf seine Seite des Bettes und zog sich an – immer noch unter dem gestrengen Blick der Schwester.
Die tadelte ihn noch einmal wortreich und vermerkte die Angelegenheit ausführlich in der Krankenakte.
Und vom nächsten Morgen an begann die Geschichte im Flurfunk des Krankenhauses ihre Runden zu machen… bis zum heutigen Tag.
Frau Krause ist kurz darauf gestorben.
Und für die unsensible Nachtschwester schäme ich mich noch heute.
Warum ich die Geschichte dann jetzt hier erzähle?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht weil ich den einen oder anderen Kollegen (und mich selbst) vor der einen oder anderen Taktlosigkeit bewahren möchte…

Written by medizynicus

17. Juni 2009 at 00:05

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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