Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

…und nochmal Raucher-Bashing

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Letzens in der Notaufnahme.
Nachmittags um fünf, so’n Typ mit Blauem Auge und Platzwunde Hinterkopf. Eigentlich zu früh am Tag für sowas, aber er war auch nicht besoffen. Immerhin.
„Also, wie isn‘ das passiert?“ frage ich.
„Vorhin beim Boulettenbräter,“ sagt er.
„Wusste gar nicht, daß man sich da Blaue Augen einfangen kann,“ sage ich.
„Also, das war so…“ fängt er an, „da gibts ja inzwischen einen Nichtraucherbereich…“
„Richtig so,“ sage ich.
„…aber wenn Aschenbecher auf dem Tisch stehen, dann darf man rauchen. Und das habe ich getan. Und dann kommt da so ein Typ und will mir das verbieten!“
„Warum?“
„Er meint, hier sei Nichtraucherbereich. Deutet auf so ein Schild. Aber bei mir aufm Tisch warn Aschenbecher. Also durfte ich rauchen.“
„Was haben Sie getan?“
„Gar nichts. Hab weitergeraucht.“
„Und er?“
„Hat rumgemeckert.“
„Und?“
„Ich hab gar nichts gemacht. Ich bin ein friedlicher Mensch.“
„Aber?“
„Er hat behauptet, ich würde seine Kinder belästigen. Zwei so rotznasige Kröten…“
„Waren Sie nun im Raucher- oder im Nichtraucherbereich?“
„Ich hab doch gesagt, da stand n Aschenbecher aufm Tisch. Ob da irgendwo ein Schild hing weiß ich nicht. Ist auch egal. Ich hab ihm gesagt, was er mich mal kann und mir noch eine angesteckt…“
„Und er?“
„Er hat behauptet, seine Kinder fühlten sich belästigt…“
„Das sagten Sie schon.“
„Und dann hat er mir in die Cola gespuckt. Können Sie sich das vorstellen? Rotzt der Typ mir da einfach so in die Cola. Sowas lass ich mir natürlich nicht bieten! ich steh also auf und ihm eine gelangt. Daraufhin schüttet er mir die Cola ins Gesicht. Naja… irgendwann der kam der Geschäftsführer und schmeisst uns beide raus. Und ich rutsche auf der ausgeschütteten Cola aus und hau mich an der Tischkante an…“
Nein, ich hatte kein Mitleid mit ihm.
Und wenn sich der unbekannte Colaspucker mal bei mir meldet, verleihe ich ihm einen Orden!

Written by medizynicus

11. Juni 2009 um 10:50

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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6 Antworten

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  1. Typischer Fall von beides Idioten. Der Raucher sowieso, der militante Nichtraucher aber auch. Als ob man sowas nicht anders lösen könnte. Nen Orden ist das nicht wert. Aber der Unfallhergang hat etwas von Slapstick.

    Eva__R

    11. Juni 2009 at 13:15

  2. Ja hast Recht, im Grunde sind beide Proleten, denen ich nicht gerne im Dunkeln über den Weg laufen würde… wobei ich die Aktion von dem Nichtraucher trotzdem irgendwie klammheimlich vielleicht ein wenig gut finde: Wenn man in Ruhe essen will und nebenan raucht wer obwohl er nicht darf kann es einem nämlich schon ganz schön den Appetit vermiesen…

    medizynicus

    11. Juni 2009 at 22:19

  3. Der Geschäftsführer war ja offensichtlich da. Den kann man doch bitten, den störenden Raucher zurechtzuweisen oder nach draußen zu befördern. Denn damit, dass er sich aufgeregt hat, hatte er vollkommen recht. Aber ins andere Glas zu spucken, damit hat er sich disqualifiziert.

    Eva__R

    12. Juni 2009 at 12:49

  4. Richtig. Was die Situation angeht: 100 Prozent Zustimmung.
    Aber:
    Fremder Speichel in meiner Cola – das ist etwas furchbar ekelhaftes. Ich glaube, da sind wir uns alle einig.
    Und fremder Zigarettenrauch in meiner Nase, über meine Cola und meinem Bigmäc hinwegwabernd… das find ich eigentlich fast genauso ekelhaft.
    Und Letzteres muss man sich leider ziemlich häufig gefallen lassen.

    medizynicus

    12. Juni 2009 at 13:42

  5. Ich finde, dass man das Verhalten des Spuckers in einer zivilisierten Gesellschaft überhaupt nicht dulden kann, dass er sich damit tatsächlich disqualifiziert – und bin eher schockiert, dass Du das „klammheimlich gut findest“. Wären wir in Amerika, hätte wahrscheinlich der eine den anderen erschossen. Bei uns wird zum Glück nur gespuckt?

    Rücksichtlose Raucher sind ebensolche Idioten. Die würde ich auch nicht verteidigen.

    Aber wenn der Mann an seinem Tisch einen Aschenbecher hat, kann er ja wohl davon ausgehen, dass er im Raucherbereich steht oder sitzt und sich korrekt verhält – also ist der Wirt schuld an dem Misverständnis. Ich denke nicht, dass ihn der Nichtraucher erstmal höflich gebeten oder hingewiesen hat – dafür spricht der Rest der Geschichte jedenfalls nicht, so wie Du das zitierst.

    Ich fühle mich belästigt durch Menschen, die neben mir in der U-Bahn stinkende Döner essen, durch Leute, die auf der Straße laut hupen, damit sie nicht aus ihrem Golf aussteigen und bei ihren Kumpels klingeln müssen – und die dann im Wohngebiet mir röhrendem Motor und quietschenden Reifen durchstarten, durch Kinder die im Hinterhof beim Fußballspielen laut herumplärren obwohl der Spielplatz nur 50 Meter weiter ist, oder durch das Ehepaar in der Nachbarwohnung, die sich stundenlang anschreien.
    Und wie immer man so etwas aufklärt – auf jeden Fall nicht indem man herumspuckt, Reifen aufschlitzt oder Glasscherben im Hinterhof verteilt.

    Die Frage ist: Wie können Menschen mit unterschiedlichen Interessen zusammen leben? Und wie kann man das Zusammenleben positiv gestalten. Durch solche Aktionen (und Berichte) jedenfalls nicht.

    petersterl

    17. Juni 2009 at 16:08

  6. @ Petersterl
    Du hast Recht. Und: Ich war nicht dabei, weiss also nicht, was da wirklich dabei war. Habe in der Ambulanz nur einen ziemlich rüpelhaften Proleten erlebt mit einer Geschichte a lá „Ich war nicht Schuld, der Andere hat angefangen…“
    Der Grund meiner „klammheimlichen Freude“ – und die ist wirklich nur „klammheimlich“: Jemand, der ungefragt in meiner Gegenwart raucht, obwohl er das nicht darf (Nichtraucherbereich!) und obwohl ich gerade esse, vermiest mir den Geschmack an meinem Essen *fast* so sehr, als ob er mir hineinspucken würde. (Natürlich ist dazwischen immer noch ein Unterschied). Und das ist vielen Rauchern leider nicht bewusst. Und deswegen fand ich diesen Vergleich… na ja, zumindest „interressant“… aber Du hast Recht, zurückschlagen mit gleicher Münze ist unter zivilisierten menschen keine Lösung…

    medizynicus

    17. Juni 2009 at 16:22


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