Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

sexuelle Belästigung… oder auch nicht? Die Geschichte von Wilfried

with 12 comments

Eigentlich ist Wilfried ein netter Kerl. Er ist halt so’n Chirurg. Ende Dreißig, graumeliertes Haar, lang und dürr, Schnauzbart und Goldkettchen. Den Porsche kann er sich von seinem Assistenzarztgehalt noch nicht leisten, würde er aber gern.
Vielleicht wenn er demnächst mal Oberarzt wird. Aber dazu müsste er zunächst noch die Facharztprüfung schaffen, und dazu kann er sich nicht aufraffen, obwohl er die Zeit längst zusammen hätte.
Wilfried steht auf markige Chirurgensprüche. Und ab und zu hat er auch der einen oder anderen Schwester wie zufällig die Hand über die Schulter gelegt. Der ist halt so. Und normalerweise ist er sehr direkt, in jeder Beziehung. Auch zu Patienten.
Legendär ist die Geschichte, die er sich einmal in der Aufnahme geleistet hat: da sollte er eine junge Patientin untersuchen, die für eine Leistenbruch-Operation angemeldet war. Er war aber im OP und die junge Frau musste ziemlich lange warten.
Schließlich kam er hereingestürmt, streckt der Patientin seine Hand hin und begrüßt sie mit den Worten:
„So! Ich bin der Chirurg. Und jetzt zieh mal die Hose runter…“
Ohne „guten Tag“ und ohne weitere Vorrede. Aber bei ihm kommen selbst solche Sprüche richtig nett rüber. Die Patientin war jedenfalls keinesfalls sauer auf ihn.
Trotzdem hat Wilfried jetzt Ärger.
So richtigen Ärger.
Eine Patientin behauptet, er habe sie beim sonographieren sexuell belästigt. Er habe sie gebeten, den BH auszuziehen, sie dann begrapscht. Wilfried behauptet, er habe sie dazu gar nicht aufgefordert, im Gegentei. Sie habe ihn gefragt, ob sie das tun solle und er habe ihr versichert, dass das bei einer Oberbauchsonographie nicht notwendig sei. Sie habe es trotzdem getan, worauf er ihr ein Handtuch gereicht hätte damit sie ihre Brüste damit bedecken könne, anschließend habe er die Untersuchung fortgesetzt.
Die Patientin hat sich nicht nur schriftlich beschwert, sondern ist gleichzeitig auch an die Presse gegangen.
Es hat eine Untersuchung gegeben und sogar ein Gerichtsverfahren: Wilfried ist freigesprochen worden.
Trotzdem man ihn entlassen. Nicht deswegen, man hat einen anderen Grund gefunden.
Aber hinter vorgehaltener Hand war es ein offenes Geheimnis, daß der Verwaltungschef es für rufschädigend gehalten hätte, Wilfried weiter zu beschäftigen, auch wenn man ihn freigesprochen hatte „aus Mangel an Beweisen“.

Nachtrag: Die Geschichte von Wilfried ist erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit echten Personen sind rein zufällig. Aber solche Geschichten passieren!

Written by medizynicus

15. Juni 2009 um 14:24

12 Antworten

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  1. Und jetzt? Den der Chef meint, die Taten seiner Mitarbeiter wären Rufschädigend, dann hat er das gute Recht dazu, ihn zu entlassen. Da spielt es überhaupt keine Rolle, die ein Prozess ausgeht…!

    Und ob sexuelle Belästigung oder nicht, das hängt doch davon ab, was wirklich geschehen ist!

    Also mir ist nicht ganz klar, was du mit der Story sagen willst! 🙂

    kloni

    Kloni

    15. Juni 2009 at 14:38

  2. Was ich mit der Geschichte sagen will? Wir Ärzte setzen uns dem Risiko aus, daß irgendjemand uns – möglicherweise völlig grundlos – bezichtigen kann jemanden falsch angefasst oder sexuell belästigt zu haben.
    Wenn jemand dann noch eine – sagen wir mal „etwas schräge“ Persönlichkeit ist, dem man so etwas zumindest prinzipiell zutrauen könnte, dann ist ganz schnell die Sch… am dampfen. Ein „im Zweifel für den Angeklagten“ gibt’s dann nicht mehr.
    Und genau dasselbe Risiko würde ich eingehen, wenn ich die hübsche Stewardess doch anrufen würde!

    medizynicus

    15. Juni 2009 at 15:02

  3. Ja das stimmt…! Aber was sollte man dagegen machen?
    Ich meine in deiner fiktiven Geschichte hätte der Artzt die Patienten doch gar nicht untersuchen dürfen, wenn keine Praxishelferin oder Krankenschwester oder so dabei ide, oder seh ich das falsch?

    Kloni

    15. Juni 2009 at 15:26

  4. Eben! Exakt genau da liegt der Hase im Pfeffer!
    In einigen Ländern (z.b. England, USA) gilt es fast schon als Kunstfehler, wenn ein männlicher Arzt bei einer Patientin eine intime Untersuchung ohne Anweisenheit einer Begleitperson („Chaperone“ – wörtlich übersetzt: „Anstandsdame“) durchführt.
    Nun ist es so eine Sache, was bei der aktuellen Personalsituation (und auch bei der räumlichen Situation) machbar und sinnvoll ist. In Deutschland untersuchen bekanntlich selbst viele (die meisten?) Gynäkologen ihre Patientinnen ohne Begleitperson.
    Wichtig ist deshalb, dass man als Arzt „einen Blick dafür bekommt“ und im Zweifelsfall von sich aus darauf besteht, daß jemand hinzugezogen wird. Auf einer Krankenhaus-Aufnahmestation hingegen sollte das eigentlich problemlos möglich sein.
    Und natürlich: Anzügliches Verhalten oder ein „flirtiger“ Ton sind schlicht und einfach verboten! Die Gefahr, dass eine Patientin eine zu lange Berührung, einen langen Blick oder ein Lächeln falsch versteht ist einfach zu groß…

    medizynicus

    15. Juni 2009 at 15:38

  5. Ok, ja.
    Kann mir gut vorstellen, dass der Grad zwischen Vertrauen erwecken, freundlich und sympatisch sein, aber bloss nicht zu weit zu gehen, ein sehr sehr schmaler ist…!

    Aber auf jeden Fall sehr interessante Themen hier auf dem Blog! 🙂

    Kloni

    15. Juni 2009 at 15:51

  6. Als ich noch ein kleiner Assi in einer Rehaklinik war, kam eines Tages die – ziemlich aufgedonnerte – Chefsekretärin eines deutschen Oberbürgermeisters (> 500.000 Einw.) zur Aufnahmebesprechung/-untersuchung.

    Nach dem üblichen Vorgeplänkel und den ersten Mißverständnissen (ich fragte: „was haben Sie für Beschwerden“, sie faltete ihren Super-Edel-Ringbuchordner in Handtaschenoptik von Louis Viutton auseinander und meinte „hier steht alles, Herr Prof. … hat gefunden, dass ich unter … leider und Herr Dr. … hat festgestellt, dass ich …“ , aber das ist eine andere Geschichte) bat ich sie sich frei zu machen.

    Ich schrieb noch etwas auf, drehte mich um – und da stand eine Frau, nicht unattraktiv aber doch mindestens 10 Jahre älter als ich, splitterfasernackt vor mir. Ich meinte nur, „na, BH und Slip können Sie wieder anziehen, das brauchen wir hier nicht“. Sie blitzte etwas mit den Augen, aber dann doch kein Widerwort und sie zog sich schön brav wieder die Anstandsteile an (vorher hätte ich sie auch nicht angefasst).

    Zum Abschied ihres Aufenthalts schenkte sie mir dann einen Gutschein über einen kostenlosen Aufenthalt in ihrem Ferienhaus an der Cote d’Azur („sogar für 2 Personen“, sie hatte inzwischen mitbekommen, dass ich verheiratet war). Ich habe ihn aber doch nicht wahrgenommen.

    P.s.: in dieser Klinik hatte ich sehr oft mit Problemen sexuellen Inhalts zwischen den Patienten zu tun! Es gibt nix sexuell aktiveres, als Patienten, die von ihren chronischen Rückenschmerzen befreit werden!

    der Landarsch

    15. Juni 2009 at 15:58

  7. wenn ich das mitgekriegt hätte, hätte ich meine Tochter oder mich selbst dort nie NIE untersuchen lassen, wenn er noch da ist… ob freispruch hin oder her… ich hätte trotzdem bedenken.

    klingt zwar dämlich (ist es wahrscheinlich auch ^^), würde ich aber für richtig halten!

    Kaeks

    15. Juni 2009 at 16:47

  8. Regelhaft bedarf es für eine verhaltensbedingte Kündigung eines sachlichen Grundes – die Meinung des Chefs genügt dazu nicht, und angebliche (!) Taten sind nur geeignet, wenn sie erweislich sind. Die Tatsache, daß es zu einem Freispruch in einem Strafverfahren kam, was statistisch eher ungewöhnlich ist, spricht gegen eine Erweislichkeit.

    Und tatsächlich kommt es eigentlich darauf an, was geschehen ist. Für die beruflichen Konsequenzen kam es in diesem Fall aber offensichtlich nicht darauf an. Und genau darauf wollte Medizynikus wohl heraus.

    -thh

    15. Juni 2009 at 17:51

  9. Das wäre auch mein Vorschlag gewesen – im Zweifelsfall keine Untersuchung allein. (Und warum nur bei verschiedengeschlechtlichen Patienten? Ob es besser ankommt, wenn behauptet wird, der untersuchende Arzt sei einem Mann an die Geschlechtsteile gegangen? ;))

    -thh

    15. Juni 2009 at 17:54

  10. Eben wollte ich darauf Hinweisen, dass das bald wie in Amerika nur noch mit Anstandsdame geht, da sehe ich, dass Du selbst das schon erwähnt hast.
    Mal abgesehen davon, dass es sicher Ärzte gibt, die sich da „mehr herausnehmen“ als sie sollen, gibt es auch überempfindliche Patientinnen und eventuell sogar solche, die vielleicht etwas wollen und (nach Abweisung) auf diese Art Rache üben.
    Es wird wahrscheinlich doch irgendwann auf amerikanische Verhältnisse herauslaufen, oder?

    Pharmama

    15. Juni 2009 at 20:47

  11. […] Sexuelle Belästigung: Die Geschichte von Wilfried […]

  12. sicher kann das rufschädigend sein aber die sache ist die es wird nie jemand wiesen welche der beiden parteien lügt. aber ich bin sicher wen dir so was passieren würde würdest du richtig rummeckeren und motzen, betrachte das mal aus der seite des artztes die patientien kann ihn nicht nur die karriere versauen und hat nicht nur dafür gesorgt dass er keine anstellung mehr finden wird sie könnte auch falls der artzt verheiratet oder in einer beziehung ist auch seine beziehung oder ehe zerstören so ist der Rufmord und die verleugnumg falls sie lückt auf ihrer seite!!!

    lisl23

    11. Januar 2010 at 19:15


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