Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

…ist doch alles nur psychisch (Teil 2)

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Tja, jetzt sitze ich da an meinem Schreibtisch, vor mir eine Tasse kaltgewordener Kaffee, das Diktiergerät und die Krankenakte.
Ich blätter die Akte durch, schüttel den Kopf, schaue seufzend aus dem Fenster, nippe an dem Kaffee, schüttel abermals den Kopf und lege dann endlich los mit dem Diktat:
„…Diagnose: funktionelle Magen-Darm Beschwerden…“
Wieder so ein Unwort. Aber die Diagnose gibts wirklich. Man kann es auch anders ausdrücken: Sie hatte Magen-Darm Beschwerden, aber wir haben keine Ahnung, weshalb. Ein Grund oder eine Ursache konnte nicht gefunden werden. Halt irgendwie psychisch oder so.
„…Nebendiagnosen: akute Anpassungsstörung, psychovegetativer Erschöpfungszustand…“
Man könnte auch sagen: Die Frau war einfach nur fertig. Fertig mit sich und der Welt. Hat ne Menge mitmachen müssen.
„Anamnese: Die Patientin wurde unter dem Bild akuter Abdominalbeschwerden mit Rettungswagen zu uns eingewiesen…“
Sollte ich erwähnen, was da sonst noch alles abgegangen ist? Die Trennung und der damit verbundene Schmerz?
Ein Arztbrief ist zunächst einmal ein bürokratisches Dokument. Der Hausarzt, an den der Brief ja zunächst einmal gerichtet ist, wird seine Patientin ja wohl kennen und Bescheid wissen. Ich sollte also lieber fortfahren mit den Untersuchungsergebnissen und brav alle Ergebnisse abdiktieren.
„…die weitere Diagnostik verlief unauffällig, so daß wir die Patientin bei weitgehender Beschwerdefreiheit in Ihre hausärztliche Betreuung entlassen können.“
Diese wunderschöne Standardfloskel ist einfach herrlich nichtssagend.
Ich zögere einen Moment.
„…Wir empfehlen eine psychosomatische Weiterbehandlung…“
Will sagen: Lieber Hausarzt, jetzt bist Du wieder am Ball.

Written by medizynicus

23. Juni 2009 um 08:20

Veröffentlicht in Gewissensbisse, Nachdenkereien

5 Antworten

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  1. Ist der Ausdruck für „wir wissen nicht woher“ nicht = idiopathisch?

    Pharmama

    23. Juni 2009 at 08:45

  2. Vor etlichen Jahren kam eine zwar liebe, nette und warmherzige, aber leider sehr häßliche junge Frau zu mir mit massivsten Bauchschmerzen (= „akutes Abdomen“). Wegen ihrer Hässlichkeit hatte sie nur einen sehr rohen und „schlagfertigen“ Ehemann abbekommen und die Folgen hatte ich auch öfters zu sehen bekommen. Ich befürchtete also das Schlimmste. -> sofortige Einweisung ins KH. Von dort nach kurzer Zeit Rückruf: „Dein akutes Abdomen heißt Oskar“ – !?! –

    Der Kollege hatte (auch im KH hatte die Frau vor Schmerzen geschrien) – weil das Röntgen gerade besetzt war – zuerst ein Abdomen-Sono gemacht – und siehe da, die Dame war (obwohl kachektisch bis nahe an die Anorexie) im 4.Monat schwanger. Kaum hatte sie diesen Befund mitgeteilt bekommen, waren die Schmerzen schlagartig weg und sie konnte kurze Zeit später das KH verlassen und zu Fuß nach Hause gehen.

    der Landarsch

    23. Juni 2009 at 10:01

  3. @pharmama: „idiopathisch“ gibts auch. Und „kryptogen“. Wir Ärzte haben viele Namen und viele Worte dafür, etwas zu beschreiben, was wir eigentlich nicht wissen… 🙂

    medizynicus

    23. Juni 2009 at 12:26

  4. kryptogen gefällt mir – da denkt jeder gleich an Superman!

    Pharmama

    23. Juni 2009 at 12:41

  5. ja, kryptogen find ich auch am schönsten…

    Mayla

    23. Juni 2009 at 18:55


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