Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sterbehilfe einmal anders: Einladung zu einer ganz besonderen Reise

with 2 comments

Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr,
nachdem Ihr Rentenversicherungsträger so nett war, uns Ihre Adresse mitzuteilen möchten wir es nicht versäumen, Ihnen ganz herzlich zum Renteneintritt zu gratulieren. Wir gehen davon aus, dass Sie sich darauf freuen, noch viele gesunde Jahre im wohlverdienten Ruhestand genießen zu können.
Dennoch werden auch Sie sich sicherlich schon Ihre Gedanken über das Unausweichliche gemacht haben: über Krankheit und die Angst vor qualvollem Siechtum und menschenunwürdigem Dahinvegitieren.
Vielleicht haben Sie auch schon einmal erwogen, Ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Ein Ende ohne Schrecken anstatt Schrecken ohne Ende.
Wir von Terminal Tours möchten Ihnen dabei helfen.
Was spräche dagegen, das Leben zu einem selbstgewähltem Zeitpunkt mit einer schönen Reise – etwa in die Schweizer Bergwelt – zu beschließen? Als stilvolles Ende eines Wellness-Urlaubes zum Beispiel, oder im Rahmen einer kleinen privaten Feier im Kreise Ihrer Lieben? Auch ein großes, rauschendes Fest mit allen Freunden und Angehörigen ist möglich.
Selbstverständlich haben wir auch Fernreisen im Angebot, insbesondere in solche Länder, deren Gesetzgebung und Implementierung derselben ein wenig flexibler gehandhabt wird.
Sprechen Sie mit uns! Heute noch.
Unsere freundlichen Berater kommen selbstverständlich auch zu Ihnen ins Haus.

Vielleicht werden ja die Kosten für derartige Maßnahmen demnächst auf Antrag von der Kranken- oder Rentenversicherung übernommen.
Ach: Und falls irgendwer interessiert daran sein sollte, diese Geschäftsidee umzusetzen, bitte ich um Rücksprache!

2 Antworten

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  1. Warum denn nicht? Frühere Generationen und andere Kulturen hatten damit keine Probleme. Und wem heute langes Leiden, Verlust der Persönlichkeit und menschenunwürdiges Siechtum absehbar und unwiderruflich bevorsteht, warum sollte der nicht in „angenehmer Weise“ menschenwürdig aus dem Leben scheiden? Selbstverständlich absolut freiwillig und nicht genötigt (wie in der letzten Ausgabe der Kabaret-Sendung „aus der Anstalt“ so trefflich parodiert, als ein „Angestellter der AOK“ das neue Recht auf freien Willen zu einer sozialen Verpflichtung umsilisierte).

    Man muss es halt mit sich selbst ausmachen, ob man in der Erinnerung seiner Angehörigen und Freunde als hilflos sabbernder, inkontinenter und debiler Greis verbleiben will oder als älterer, aber noch vitaler und geistig voll leistungsfähiger „Senior“?

    Nur die Juristen haben doch – damit Ihnen ihr Weltbild stimmt – das Sterben zum Unding gemacht. Was Mord und Todesstrafe anbelangt bin ich ja voll einverstanden (wobei gerade die Juristen sich hier langezeit – und in den USA noch immer – das Recht über zur juristischen Tötung anmaßten). Aber wenn das juristische Weltbild Selbstmord (wieso Selbst-„Mord“, nicht Selbst-„Tötung“) und Sterbehilfe (juristisch immer noch „Unterlassene Hilfeleistung“ wenn nicht mehr!) als verabscheuungswürdig brandmarkt, dann erhebt sich hier eine Berufsgruppe über die gesamte Gesellschaft! Mit dem selben „Recht“ könnten uns Ernährungswissenschftler vorschreiben, was wir essen dürfen, Sportphysiologen, wann und wie oft wir welchen Sport betreiben müssten, Umweltforscher, dass wir keine Autos fahren dürfen usw.

    der Landarsch

    2. Juli 2009 at 09:51

  2. „Man muss es halt mit sich selbst ausmachen, ob man in der Erinnerung seiner Angehörigen und Freunde als hilflos sabbernder, inkontinenter und debiler Greis verbleiben will oder als älterer, aber noch vitaler und geistig voll leistungsfähiger “Senior”?“

    Ich glaube nicht, dass es so einfach ist.
    In den letzten Jahren habe ich vier nahe Verwandte sterben sehen – sehr unterschiedlich, und das hat mich dazu gebracht darüber nachzudenken, was denn eigentlich „angenehmes“ Sterben ist – für den Sterbenden und auch für die Verwandten.

    Fall 1: Sekundenherztod, ein Thrombus hatte sich gelöst. Für den Sterbenden super (der hat nichts mitgekriegt). Für die Verwandten die Hölle: völlig unvorbereitet, muss man dann auch noch mit dem Rest der Welt fertig werden der den Tod dieses Menschen nicht fassen kann (und das schließt die Polizei ein…)

    Fall 2: Krebs. Seltene Krebsart, zu spät entdeckt, nicht mehr therapierbar. Der Sterbende hatte keine Schmerzen (zum Glück), war ziemlich klar, konnte noch vieles regeln und sich verabschieden. Trotzdem für ihn und die Familie belastend – die Hilflosigkeit, nichts mehr tun zu können und die Lieben zurückzulassen bzw. auf der anderen Seite, den wichtigen Menschen gehen zu lassen.

    Fall 3: Herzversagen, nach langjähriger Demenz und Pflegeheim. Die Sterbende hat nichts mehr mitgekriegt (schon lange nicht mehr), und alle Angehörigen hatten sich schon lange innerlich gelöst. Eher untraumatisch.

    Fall 4: Rapid verlaufender Herzinfarkt, ironischerweise am Tag der Entlassung aus der Klinik (wegen anderer, schon lang bestehender chronischer Krankheit). Schock für die Hinterbliebenen – gerade wenn jemand schon so lange chronisch krank ist rechnet man dann irgendwie doch nicht mit dem Tod.

    Rückblickend muss ich sagen: der Tod nach langer Demenz und Pflege war der, der *mich* am wenigsten belastet hat.

    Im Übrigen: Leiden, Persönlichkeitsverlust und menschenunwürdiges Siechtum halte ich für Ausreden.
    – Leiden kann man heutzutage gut lindern (man muss es nur tun -> hier sind die Ärzte gefragt)
    – Die Persönlichkeit bleibt auch bei Demenz zum Teil erhalten (zumindest war das bei meinem „Fall“ so), und selbst wenn nicht – der Kranke bekommt davon am allerwenigsten mit.
    – Menschenunwürdigkeit in der Pflege ist ebenfalls vermeidbar (hier sind die Angehörigen und natürlich auch das Pflegepersonal in der Pflicht – und auch die Politik, beim Thema Finanzierung, und damit letztlich wir alle, weil wir durch unsere Stimme mitentscheiden.)

    Benedicta

    2. Juli 2009 at 11:13


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