Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Junge Ärzte sollen aufs Land!

with 8 comments

…das hat unsere werte Frau Gesundheitsministerin gestern vorgeschlagen, wie u.a. das Ärzteblatt berichtet. Seither hagelt es an zynischen bis hämischen Kommentaren – wie eigentlich immer wenn unsere Gesundheitsministerin etwas sagt, sie braucht ja nur den Mund aufzumachen und die werten Kollegen springen gleich auf die Barrikaden.
Aber gut, was sollen die jungen Ärzte da auf dem Land?
Medizynicus ist schon da. Und zwar schon eine ganze Weile. Anfangs war es ein Schock: Das ungezwungene Sozialleben, wie man es aus Studentenzeiten gewohnt ist, das ist vorbei, wenn man bis zum nächsten Kino erst einmal eine Stunde lang im Auto unterwegs ist. Und Sozialkontakte vor Ort außerhalb des Krankenhauses?
Macht Euch nichts vor Leute, vergesst es, es sei denn, Ihr seid in der Gegend aufgewachsen oder extrem kontaktfreudig.
Eine diskrete Affäre mit der Kassiererin vom Supermarkt? Vergesst es! Schneller als Ihr denkt weiß es das ganze Dorf. Nach spätem Feierabend auf dem Weg zur Fortbildung zu schnell gefahren und geblitzt worden? Innerhalb von achtundvierzig Stunden ist das Stadtgepräch! Ehrlich.
Aber gut, damit kann man leben. Es gibt ja auch Vorteile: billigere Mieten, gute Luft… und vor allem, und das ist mal ein wirklich echter Vorteil, das entspanntere Arbeitsklima in kleineren Häusern.
Aber langfristig… die demographische Entwicklung geht ganz klar in die andere Richtung: Die Bevölkerung schrumpft und zieht vom Land weg in die Stadt.
Dort spielt also die Musik, langfristig gesehen.
Warum sollten wir uns diesem Trend widersetzen?


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Written by medizynicus

14. Juli 2009 um 17:50

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

8 Antworten

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  1. Na wo sollen die Renter sich denn sonst treffen? Sollen die erst 30km in die Stadt fahren um mit den Nachbarn über ihre Gebrechen zu tratschen?! Weißt du, was das an Benzin kostet? Denk doch auch mal an die Umwelt!!!11einself

    pskurs

    14. Juli 2009 at 21:58

  2. Schon vor etwa 30 Jahren hat Reinhard Mey in einem Lied (ich weiß leider den Titel nicht mehr, vielleicht kann mir jemand draufhelfen) sehr schön beschrieben wie eine junge Frau vom Land in die Stadt zieht, weil man auf dem Land ja nicht leben kann. In der Stadt lernt sie dann einen jungen Mann kennen, sie ziehen zusammen und nach einiger Zeit eröffnet er ihr, dass sie morgen auf’s Land ziehen, weil man in der Stadt ja nicht leben kann.
    Quintessenz: junge Leute (Medizynikus) ziehts nun mal in die Stadt „zum Leben“, Verheiratete (Ältere, wie mich) ziehts dann wieder aufs Land „für die Lebensqualität“ – Das gilt auch für Ärzte!
    Also Frau Schmidt: Junge Ärzte (Menschen) per Gesetz aufs Land zu schicken hieße, ihnen die Jugend zu nehmen! Das lässt sich niemand bieten, dann gibts halt gar keine Ärzte mehr! Aber in Wahlkampfzeiten darf wohl jeder Quatsch gesagt werden. Vielleicht findet man Blöde (Wähler), die auf markige Sprüche hereinfallen! Besonders wenn sie von einer Sonderschullehrerin (früher: „Hilfsschule“) kommen.

    der Landarsch

    15. Juli 2009 at 10:31

  3. Nee, die sollen sich in der Stadt (oder am Stadtrand) ein schönes Altenheim suchen. Gerade von wegen der Umwelt. weißt Du, was das an Benzin kostet, wenn der Hausarzt wegen jedem Wehwechen in die Pampa rauskommen soll?

    medizynicus

    15. Juli 2009 at 10:55

  4. Tja, da hilft dann eben nur eins: WÄHLEN GEHEN!
    Aus Frust daheim zu bleiben hilft nämlich nur denen, denen die Meinung des Volkes sowieso am Allerwertesten vorbeigeht.
    Das einzige, was die Herren und Damen Politiker Mores lehren kann ist eine richtig hohe Wahlbeteiligung bei der nächsten Wahl – dann kann sich nämlich niemand mehr mit „aber die Daheimgebliebenen hätten uns gewählt“ rausreden.

    Benedicta

    15. Juli 2009 at 12:15

  5. Demographisch gesehen ist das alles etwas diffiziler.
    Viele „Land“-Gemeinden sind ja in Wirklichkeit Pendler-Gemeinden. Das heißt, sie verdanken ihre Existenz der Tatsache, dass dort auf dem Land die Mieten bzw. das Bauland billig war und seinerzeit zumindest das Benzin auch, so dass es günstiger war, dort zu wohnen und jeden Tag 30 KM zur Arbeit in die Stadt zu pendeln.
    Mit sinkenden Bevölkerungszahlen und steigenden Energiekosten rechnet sich das irgendwann nicht mehr.
    Welche Vorteile hat „das Land“ denn sonst noch – abgesehen von der „guten Luft“?

    medizynicus

    15. Juli 2009 at 12:59

  6. Ich bin in München aufgewachsen, habe dort studiert und – so gegen Ende des Studiums – begriffen, dass die Verlustzeiten (Wege zur Arbeit und Vergnügen, Wartezeiten auf die Trambahn, Stecken im Stau, lange Schlangen an den Kassen u.v.m.) mich pro Tag mindestens 2 Stunden kosten! Das habe ich auf dem Land (fast) nicht! Außerdem komme ich über Internet und Reisebüro eher an Opern- & Festspielkarten, als wenn ich mich an der Theaterkasse anstelle, weil die Karten kontingentiert werden: ein Teil für die Theaterkasse, ein Teil für die Hotellerie und ein Teil für Externe (Touristikbranche).
    Am Ende meines Studiums habe ich dann außerdem festgestellt, dass ich seit 3 Jahren nicht mehr in der Oper und seit 5 Jahren nicht mehr im Theater war, wofür also im Dunstkreis von 3 Opern/Operettenhäusern und 40 Theatern wohnen?
    Wenn ich dann noch einigermaßen verkehrsgünstig wohne (ca. 1 Stunde bis zur nächsten Großstadt), dann bin ich meist schneller im Zentrum, als wenn ich irgendwo am Stadtrand wohne!
    Nebenbei: Nachdem ich dann nicht mehr in München gewohnt habe, war ich mindestens 2x pro Jahr in der Oper/Theater! Inzwischen bin ich – leider – nicht mehr im Dunstkreis von München, aber bis zur nächsten deutschen Großstadt habe ich jetzt ca 35 km Autobahn!

    der Landarsch

    16. Juli 2009 at 08:07

  7. Ein Haupt-Problem auf dem Land ist meiner Ansicht nach die extreme Auto-Abhängigkeit.
    Für einen „normal verdienenden“ Erwachsenen zwischen 18 und 75 Jahren ist das in der Regel kein großes Problem – oder es wird erst dann zum Problem, wenn der Sprit-Preis auf 5 Euro pro Liter steigt, was ja nicht ganz ausgeschlossen ist (Wer erinnert sich noch an die Zeiten, in denen der Sprit weniger als eine Mark pro Liter gekostet hat?).
    Ein Problem ist es für diejenigen, die noch nicht Auto fahren dürfen, aber mobil sein möchten, also die Jugendlichen und für diejenigen, die nicht mehr Autofahren können – oder dürfen.
    Ältere Leute sind in München wahrscheinlich besser aufgehoben als in Bad Dingenskirchen.

    medizynicus

    16. Juli 2009 at 10:30

  8. Manchmal denkt man sich den ÖPNV aber auch komplizierter, als er ist. Meine Großeltern z.B. hatten immer ein Auto, weil man auf dem Land ja so abgeschnitten ist – fahren konnte aber nur mein Opa.
    Nach seinem Tod hat meine Oma dann mit über 70 den Nahverkehr für sich entdeckt… und war damit erstaunlich mobil, trotz schwerer chronischer Krankheit (oder vielleicht auch wegen – der Schwerbehindertenausweis berechtigt nämlich zur Nutzung des ÖPNV ;-)).

    Sicher, das ist ein Einzelfall. Der Fall zeigt aber eines: es liegt oft daran, dass entsprechende Angebote einfach nicht gesehen werden, solange mein Opa noch lebte schwörten nämlich beide Großeltern Stein und Bein, dass es in ihrem Kaff keinerlei Alternative zum Auto gäbe…
    Sobald der Spritpreis wirklich so hoch gestiegen ist, lohnt sich auch wieder das Busfahren – und da die Nachfrage das Angebot regelt, werden die entsprechenden Linien dann vermutlich auch wieder aufgestockt. Hoffe ich wenigstens 🙂

    Benedicta

    16. Juli 2009 at 14:44


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