Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ein paar Gedanken zu Zeckenimpfung und Statistik

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Es ist allgemein bekannt, daß man sich gegen FSME impfen lassen kann.
Wie zuvor erwähnt, ist die FSME die seltenere der beiden durch Zecken übertragenen Erkrankungen, jährlich erkranken in Deutschland etwa zwischen zwei- und fünfhundert Menschen. Für ein bis zwei Prozent davon endet die Erkrankung tödlich – das sind hochgerechnet zwischen einem und zehn Toten pro Jahr.
Diese Todesfälle hätten durch eine Impfung möglicherweise verhindert werden können.
Nun haben die Unglücklichen, welche an FSME verstorben sind ja leider nicht in die Zukunft blicken können. Hätten sie gewusst, dass ausgerechnet sie sterben würden, hätten sie sich mit Sicherheit impfen lassen oder hätten um jede Zecke einen großen Bogen gemacht (das kann man).
Allerdings haben diese Menschen vielleicht gewusst, dass sie sich einem mehr oder weniger hohem Risiko aussetzen – durch Camping-Urlaub oder Wanderungen in sogenannten Hochrisikogebieten zum Beispiel. Mit den Risiken ist das aber eine Sache: Ein bis zehn Tote im Jahr, das ist um mehrere Größenordnungen weniger als im Straßenverkehr.
Das Risiko erscheint also erst einmal gering.
Wie viele Menschen muss ich also impfen, um einen Todesfall zu verhindern?
Für diese Frage gibt es einen wissenschaftlichen Ausdruck: die „Number Needed to Treat“. Diese „Anzahl der zu Behandelnden Menschen“ dürfte im Falle von FSME sehr hoch sein – inzwischen gelten die größten Teile Bayerns, Baden-Württembergs und Österreichs als Risikogebiet, man müsste also nicht nur die gesamte Bevölkerung dort, sondern auch noch alle Leute, die dort Uraub machen impfen.
Die Impfstoff-Hersteller schlagen genau dies vor und sie haben eine mächtige Lobby.
Auch für uns Ärzte ist es oft nicht immer leicht, eine richtige Entscheidung zu treffen, denn es ist oft sehr schwer zu unterscheiden, ob angeblich „wissenschaftliches“ Informationsmaterial von irgendwelchen Interessengruppen lanciert worden ist.
Ein Kollege aus Baden-Württemberg wies mich letztens auf einen Artikel im Ba-Wü-Landesärzteblatt (auf Seite 12ff) hin, der in Wirklichkeit eine bezahlte Anzeige ist – aber optisch wie eine Fortbildung daherkommt.
Nein, ich möchte und darf hier an dieser Stelle niemandem eine Emfpehlung für oder gegen die Impfung geben. Das ist Sache des Hausarztes. Das Internet ist schön und gut – aber alle Informationen, die man dort finden können den Arztbesuch niemals ersetzen!
Und noch etwas: Auch wenn das jetzt sehr kritisch klingt – grundsätzlich sind die meisten Impfungen sinnvoll und schützen. Wer Bedenken oder Ängste hat, sollte sich an seinen Haus- oder Kinderarzt wenden.

Written by medizynicus

15. Juli 2009 um 10:53

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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8 Antworten

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  1. Etwas gegen Impfungen (hier Zeckenimpfung) zu sagen wäre so töricht, als wolle man gegen die Autohaftpflichtversicherung sprechen und die Autofahrer stattdessen auffordern, halt etwas vorsichtiger zu fahren.
    Aber dagegen, dass sich eine Industrie mit einer cleveren (gemeint ist hier die persönliche Angst der Bürger) Idee eine diamantene Nase verdient, kann man politisch schon etwas machen. Viele andere, weniger reiche Länder als Deutschland machen es uns vor und legen die Medikamentenpreise staatlich fest.
    Als wir noch eine florierende eigene Pharmaindustrie hatten, galt die Devise „nix machen, der Preis im Ursprungsland ist Basis für die Berechnung in anderen Ländern!“ . Inzwischen haben wir (fast) keine eigene Pharmaindustrie mehr. Also, dann geben wir doch endlich zu, dass wir auch nicht mehr „so reich“ sind!

    der Landarsch

    15. Juli 2009 at 12:02

  2. Naja, wie es aussieht, sind die Impfen eigentlich nicht so gesund.Habe eine Statistik von gestern gesehen, da die Zahle schon schrecklich waren…Die geimpften Leute sind eigentlich gar nicht so gesund wie diese, die gar nicht geimpft sind…Was soll das bedeuten?

    Richard

    15. Juli 2009 at 13:21

  3. Wäre es nicht außerdem sinnvoll, mal zwischen Impfung und Impfung zu entscheiden?

    Epidemie-eindämmende Impfungen wie MMR auf der einen Seite, die ein Risiko mindern dem so ziemlich jeder ausgesetzt ist.

    „Lifestylebezogene“ Impfungen auf der anderen Seite, die ein Risiko mindern, dass von den eigenen Lebensumständen abhängt – Gelbfieber o.ä. bei häufigen Auslandsreisen, FSME bei Landarbeitern, Haustierbesitzern und Menschen die viel in Risikogebieten im Freien sind…

    Mal polemisiert und auf mich bezogen:
    Ich kann mich jederzeit überall mit Keuchhusten, Masern, Röteln oder Tetanus anstecken.
    Aber mit HPV kann ich mich als gläubige Katholikin mit dementsprechend maßvollem verantwortungsbewusstem Sexleben nicht ganz so leicht infizieren… und als bleiche Computertante ohne Haustiere ist auch mein Kontakt zu Zecken stark eingeschränkt 😉

    Benedicta

    15. Juli 2009 at 14:15

  4. Dass wer auch immer die Statistik verfasste nicht Rechnen kann, vermutlich.
    Oder jemand eine Statistik fehlinterpretierte.
    Oder das Bezugssystem falsch gewählt war.

    Oderoderoder… läuft aber immer auf dasselbe raus:
    Rechenfehler.

    Benedicta

    15. Juli 2009 at 15:49

  5. Das ist völlig richtig gesehen. Deshalb werden auch Tetanus, Diphtherie, Polio, Keuchhusten, Meningokokken, Pneumokokken, Hämiphilus influenzae, Masern, Mumps und Röteln für Deutschland allgemein empfohlen und von den Kassen getragen, Gelbfieber, Hepatitis A & B (außer wieder bei nicht gläubigen und entsprechend zurückhaltenden jungen Mädchen und bei beruflich exponierten Personen) Cholera u.m. als freiwillig eingegangene Risiken (Fernreisen) dagegen nicht. Und für FSME besteht nach wie vor die Maßgabe, dass die Kassen das nur für „gefährdete“ Personen bezahlen, also solche, die in Endemiegebieten wohnen (besonders natürlich, wenn sie dort im Wald und auf der Heide arbeiten) und für Urlauber (die dürfen doch nicht vergrault werden, sonst beschwert sich die heimische Tourismus-Branche!)
    Aber über allem: es gibt k-e-i-n-e Impf – P-f-l-i-c-h-t !

    der Landarsch

    16. Juli 2009 at 07:49

  6. Ja, genau.

    Mir geht es auch gar nicht so sehr um den medizinischen Standpunkt, sondern mehr um die Kommunikationswege – sprich: die Werbemaßnahmen. Die verzerren nämlich die Risikowahrnehmung in der Öffentlichkeit gewaltig. Da wird aus dem kleinen, ziemlich beherrschbaren Risiko FSME die unglaubliche Mörder-Zecken-Bedrohung, und aus der HPV-Impfung das Allheilmittel gegen Krebs.
    Und weil diese Übersteigerung sowohl des Krankheitsrisikos als auch des Impfnutzens nur allzu offensichtlich ist, wird das dann in der öffentlichen Wahrnehmung pauschal auch auf alle anderen Impfungen übertragen.

    Ich denke, wenn man diese Pauschalisierung knacken könnte, wäre im Bezug auf Impfmüdigkeit viel gewonnen. Impfen ist ja schließlich auch keine „alles oder nichts“-Angelegenheit.

    Benedicta

    16. Juli 2009 at 12:11

  7. Ich bin nicht nur chronisch geldgierig – s. Name – sondern auch nebenbei Neurologe. Ich arbeitete lange im Hochrisikogebiet-Klinikum und kann nur sagen: die FSME gibt es definitiv und wir hatten jedes Jahr mindestens 2-3 Fälle mit z.T. heftigen Verläufen (Beatmungspflichtigkeit, schwerste Lähmungen, die sich oft erst über Jahre zurückbilden).
    Ich würde es so empfehlen:
    – Erwachsene, die in Risikogebieten viel draußen unterwegs sind: Impfen
    – Kinder: eher nicht impfen, da bei Kindern schwere Verläufe äußerst selten sind
    Ich bin (noch) nicht geimpft. Da ich aber wieder vermehrt beim Joggen in Wald und Wiese unterwegs bin werde ich es bald nachholen.
    Und noch was: die passive „Nachimpfung“ mit Immunglobulinen nach einem Zeckenstich ist „out“, da unwirksam und nebenwirkungsreich. Leider wird sie noch von manchem Kollegen empfohlen und durchgeführt.

    drgeldgier

    17. Juli 2009 at 11:18

  8. Als jemand der zwar in einem Hochrisikogebiet wohnt aber eher selten in unmittelbare Nähe von Wald und Wiese kommt, belasse ich es lieber dabei mich mit Chemie einzuschmieren und meine Kleidung mit Insektiziden zu imprägnieren, sollte es mal zu einem unausweichlichen Naturkontakt kommen. ^^

    Denis

    17. Juli 2009 at 17:43


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