Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Rationierung im Gesundheitswesen – Beispiel Nr. 2

with 9 comments

Eine Gesundheitsreform jagt bekanntlich die nächste. Jetzt stellen wir uns mal vor, irgendwann nach der nächsten oder übernächsten Gesundheitsreform ist der Markt der Krankenkassen und Privatversicherungen völlig liberalisiert. Jede Kasse darf mit Ärzten verhandeln wie sie gerade lustig ist und den Patienten anbieten was auch immer sie will.
Herr Müller sucht eine Krankenkasse.
Zunächst unterhält er sich mit dem Vertreter von Big Spender Inc.
„Bei uns bekommen Sie alles!“ sagt der gelackte und gegelte Typ im blauen Anzug.
„Wie meinen Sie das?“
„Wenn Sie Massagen haben wollen oder Infusionen oder Aufbauspritzen… oder vielleicht einmal eine Kur zwischendurch, das genehmigen wir sofort und natürlich kriegen Sie bei uns auch die „richtigen“ Medikamente, nicht nur die billigen Immitationen, also Markenprodukte anstatt Generika!“
„Und was ist mit der Kristallaurahokuspokustherapie?“
„Die zahlen wir selbstverständlich auch – wenn Ihr Arzt das für notwendig hält.“
„Wird das nicht irgendwann zu teuer?“
„Nee, das regeln wir so, dass wir uns das Geld von den Ärzten zurückholen, wenn die zuviele zu teure Sachen verordnen!“
„Dann ist es also möglich, dass sich mein Arzt nicht traut, mir die teure Kristallaurahokuspokustherapie zu bezahlen?“
„Sollte das der Fall sein… dann wechseln Sie halt einfach Ihren Arzt! Dann wird der sich das in Zukunft schon ganz genau überlegen, ob er nochmal einem Patienten eine Behandlung verweigert! Wie heisst es so schön? Konkurrenz belebt das Geschäft!“
Herr Müller verabschiedet sich.
Irgendwie kommt ihm das alles sehr bekannt vor.
Am nächsten Tag hat er einen Termin bei der Pfennigfuchser-Kasse.
„Wir garantieren Ihnen stabile Beiträge!“ sagt der Typ in dem abgeschabten Sakko, „und das erreichen wir durch klare Kostenkontrolle. Sie halten sich an Ihre Regeln, wir uns an unsere und Ihr Arzt hat auch ein paar Regeln.“
„Und wie lauten diese Regeln?“ fragt Herr Müller.
„Eigentlich ganz simpel: Wir bezahlen das, was medizinisch sinnvoll ist. Wir haben einen dicken Katalog von Leistungen, die wir bezahlen. Wissenschaftlich fragwürdiger oder sogar gefährlicher Hokuspokus ist da nicht bei. Genauso haben wir eine Liste an Medikamenten, die von uns bezahlt werden. Ihr Arzt darf jede Therapie und jedes Medikament verschreiben, was auf der Liste steht. Aber nichts, was darüber hinaus geht.“
„und was ist mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen?“
„Wenn eine neue Therapie entwickelt worden ist und nachweislich wirksam sowie entweder kostengünstiger oder deutlich besser ist als das, was es vorher gab, dann wird sie in unseren Katalog aufgenommen. Allerdings wenden wir da strenge Kriterien an.“
Herr Müller weiß nicht, was er davon zu halten hat.

Written by medizynicus

23. Juli 2009 um 09:44

Veröffentlicht in Nachdenkereien

9 Antworten

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  1. Ich lach mich schlapp….Ja, das kommt mir in der Tat auch sehr bekannt vor…Und die Krsitallaurahokuspokustherapie MUSS ich unbedingt testen! Werd gleich mal meine Kasse anrufen…:-)

    gesundheitsexpertin

    23. Juli 2009 at 11:21

  2. […] Kristallaurahokuspokustherapie. Danke für den Lacher, Herr Doktor! […]

  3. So weit darf es nicht kommen.

    stef

    23. Juli 2009 at 14:19

  4. Ich hätte gerne eine gelungene Kombination aus beiden Modellen: den Arzt, der verordnen darf (allerdings ohne dafür in Regress genommen zu werden, wenn die verordnete Therapie/ das verordnete Medikament nachweislich dem Patienten hilft/ geholfen hat) und den festgelegten Katalog mit Leistungen (die nachweislich was bringen), aber mit der Möglichkeit durch eine Einzelfallprüfung (im Zweifelsfall) auch andere (und vielleicht noch nicht zugelassene) Therapiemethoden anzuwenden.
    Hach, wär das schön….

    psychodoctrix

    23. Juli 2009 at 17:53

  5. naja, das Beispiel zeigt genau das Problem auf: daß eine Rationierung nur dann sinnvoll ist, wenn sie alle gleichermaßen betrifft. Die meisten Patienten werden wohl eher Kasse 1 wählen, zumal das Kleingedruckte ja idR nicht gesagt wird, wogegen die meisten Ärzte die Regress zahlen müssen und die Praxis dicht machen müssen ja genau an solchen Praktiken kaputt gehen. Und wenn man als Arzt jeden Patienten anders behandeln soll, weil jeder einen anderen Tarif bei einer anderen Kasse hat – das ist doch total absurd.

    Solo

    23. Juli 2009 at 19:28

  6. oh man…
    Ich arbeite selbst im Gesundheitswesen (Krankenpfleger in der ambulanten Pflege) und da krieg ich sowas auch mit.. is schon echt doof…

    Aber der Blog is cool! Werd da auf jeden Fall weiter stöbern (zumal ich nicht unerheblicher Fan von Dr. House bin und der Blogtitel ihn ja ziemlich genau trifft *g*)

    grüße
    martin

    Martin

    23. Juli 2009 at 21:58

  7. Es gibt keine „gerechte“ Rationierung!!! Jede Rationierung ist zwangsläufig formalistisch-formaljuristisch-bürokratisch und wird dem Einzelfall niemals angemessen entsprechen können, weder bei der „notwendigen“ Diagnostik noch bei der „ausreichenden“ und „wirtschaftlichen“ Therapie!

    Eine Rationierung ist immer nur dazu geeignet, die Interessen des Rationierenden (hier: des Staates) umzusetzen, und die sind: weniger Kosten! Die selben Interessen haben auch die Beitragszahler (Arbeitgeber und Arbeitnehmer). Der Kranke hingegen hat das Interesse schnell gesund zu werden, bzw. nicht zu leiden. Dabei ist es für ihn unerheblich, ob ihn die Krankheit zufällig getroffen hat, oder ob er mehr oder weniger selbst durch sein Verhalten dazu beigetragen hat.

    Was die Rationierung in Deutschland so pervers macht ist, dass die deutsche Politik die Maxime vertritt, die Super-Luxus-Überfluss-High-Tech-Medizin müsse finanzierbar sein und die einfache billig-Natur-Haus-Medizin sei Sache des Patienten. Andere Länder sind da deutlich ehrlicher und sagen, bestimmte high-tech-Untersuchungen bzw -therapien sind – ab einem gewissen Alter – keine solidarischen Verpflichtungen mehr (z.B. Endoprothesen, Herztransplantationen u.ä.).

    Aber diese Länder lassen sich ihre Sozialleistungen ja auch nicht durch – per „Generationenvertrag“ ergaunerte – solidarische Versicherungssysteme finanzieren (die der Politik obendrein die Möglichkeit geben über Hunderte von Milliarden Euro zusätzlich zu verfügen und sie als Politik-Geschenke den Beitragszahlern zurückzugeben), sondern sie finanzieren die staatlichen Sozialleistungen ganz einfach aus dem Steueraufkommen!

    der Landarsch

    24. Juli 2009 at 07:39

  8. Wieso ist es eigentlich nicht mödlich die Auswahl der sinnvollen Verfahren in die Hände der Ärzte zu legen? Ich meine irgendjemand verordnet es doch immer, wenn das aufhört wäre viel getan. Wieso gibt es keinen Codex unter Medizinern in dem grob gefasst ist was sinnvoll ist und was nicht? Damit könnte man theoretisch alles erreichen. Nur ich gehe davon aus, dass es nicht umsetzbar ist…

    gr3if

    24. Juli 2009 at 07:55

  9. Diesen Kodex gibt es: die Leitlinien (www.leitlinien.de) und Empfehlungen der Fachgesellschaften und der Bundesärtzekammer.
    Doch auch die sind in mehrfacher Hinsicht mit Vorsicht zu genießen:

    1.sind darin in erster Linie die ausschließlich schulmedizinisch orientierten Porfessoren vertreten, die einen großen Teil ihres Einkommens mit Auftragsforschung (Pharma oder Medizintechnik) erziehlen, somit u.U. „etwas voreingenommen“ sind.

    2. Bis sich eine neue Methode gegenüber der alten als besser erwiesen hat, vergeht einige Zeit, dabei sind die entsprechenden Professoren natürlich sehr parteiisch für ihre eigenen Positionen! Aus der eigenen Familie ist mir dazu ein Fall bekannt (Krebstherapie), dessen Behandlungsmethode zu Beginn von den entsprechenden „Spezialisten“ als Spinnerei abgetan wurde. In der Folge hat sich dieser Weg tatsächlich als zukunftsweisend herausgestellt und stellt inzwischen die – neue – Standardtherapie dar! Zeitdauer bis zur Anerkennung: 6 Jahre!

    3. Der Mensch ist nicht genormt (wie eine Maschine), was dem einen hilft, hilft dem anderen noch lange nicht und was dem einen nicht hilft, hilft vielleicht doch dem anderen!

    4. Hier gehts ja in erster Linie um Situationen, die mit den gängigen/anerkannten Methoden nicht erfolgreich behandelbare waren. Also, was dann?

    Wenn’s an’s Sterben geht, klammert man sich an jeden Strohhalm und ist bereit, dafür jeden Betrag auszugeben. Ob’s aber hilft (und in vielen Fällen hilft’s ja auch tatsächlich) kann man erst hinterher sagen. Wenn’s dann doch nicht geholfen hat, sind die Kosten aber trotzdem entstanden und die Arbeit trotzdem geleistet! Kein Handwerker würde in solchen Fällen eine Garantie geben! Vielmehr hat der – ob seines Eides bekannte – Hippokrates seine Schüler angewiesen: „Wenn ihr in ein Haus kommt … [ hier wurden die Symptome eines akuter Herzinfarkt beschrieben], dann verlasst das Haus so schnell es geht, hier könnt ihr nicht segensreich [ und lukrativ ] wirken.“

    der Landarsch

    24. Juli 2009 at 12:14


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