Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

„ist ja alles nur psychisch!“ – Teil 2

with 10 comments

„Also, diese Unterleibsschmerzen, wissen Sie Herr Doktor, da stehen alle Ärzte vor einem Rätsel!“
Frau K. ist ein wenig stolz darauf, ein medizinisches Rätsel zu sein.
„unzählige Ultraschalluntersuchungen, Darmspiegelung, Magenspiegelung, Bauchspiegelung, alles mehrfach gemacht und nie etwas gefunden! CT und MRT natürlich auch und bevor Sie fragen, beim Frauenarzt war ich selbstverständlich auch.“
„Und woher kommen Ihre Beschwerden, Frau K.?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Fragen wir anders: was glauben Sie denn, wo Ihre Beschwerden herkommen?“
„Was soll ich das wissen? Ich bin doch kein Arzt. Letztens war ich beim Heilpraktiker. Der meinte, eventuell käme es von Erdstrahlen oder Elektrosmog…“
„Und glauben Sie das?“
„Wenn ich ganz ehrlich bin…“
„Ja?“
„Ich weiss nicht so recht.“
„Und woher kommen Ihre Schmerzen dann?“
„Hmmmm…..“
„Sagen Sie mal, wie sieht es denn bei Ihnen mit Stress aus?“
„Stress? Man kämpft sich halt so durch…“
Sie schaut mich an und bricht eine halbe Minute später in Tränen aus. Die Details seien nur ganz kurz zusammengefasst: Mutter schwerstpflegebedürftig, aber will keinen Pflegedienst. Vater ein achtzigjähriger Haustyrrann. Ehemann Alkoholiker. Einziger Sohn derzeit im Gefängnis „wegen einer Dummheit“.
Das reicht.
„Sagen Sie mal, das ist ja wirklich eine Menge Stress. Könnte es sein, daß Ihre Bauchschmerzen vielleicht damit zusammenhängen?“
Sie starrt mich verständnislos an.
„Also, stellen Sie sich mal vor. Sie haben Stress. Und das, was Sie gerade erzählt haben, das klingt nach einer Menge Stress! Natürlich verkrampfen sich Ihre Muskeln dann. Nicht nur der Rücken, sondern auch die Muskeln im Bauch. Also nicht nur die Bauchmuskeln, sondern auch die Muskeln drinnen, also im Darm und im Magen. Und verkrampfte Muskeln tun weh. Können Sie sich das vorstellen?“
Die Patientin denkt nach und nickt.
Die anatomisch nicht ganz korrekte Darstellung mag man mir nachsehen, und geheilt ist Frau K. immer noch nicht, aber immerhin sind wir jetzt allmählich auf dem richtigen Weg…

Written by medizynicus

30. Juli 2009 um 10:34

10 Antworten

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  1. Wie gut, dass die arme Frau nicht auch noch für ihr letztes Geld die Kritallaurahokuspokustherapie ausprobiert hat….

    gesundheitsexpertin

    30. Juli 2009 at 13:02

  2. Sie wäre eine Kandidatin gewesen. Der Heilpraktiker „war nämlich bislang der einzige, der mir zugehört hat!“ – Im Gegensatz zum Gynäkologen, Gastroenterologen, Chirurgen, Neurologen, Orthopäden und den anderen Spezialisten, welche jeweils nur ihr Gebiet und sonst nichts gesehen haben.

    medizynicus

    30. Juli 2009 at 15:47

  3. Ich hab´s geahnt….

    gesundheitsexpertin

    30. Juli 2009 at 18:30

  4. Typische Geschichte! Und jedesmal eigentlich erschütternd. Lob an dich als Mediziner – von den meisten bekommen psychosomatische Patienten nämlich meistens nur zu hören „Sie haben nix/ bilden sich das ein/ …“ und das über Jahre hinweg – bis die Patienten keiner mehr sehen und hören will…
    Ich mache den Einstieg Richtung „Könnte es psychisch sein?!“ auch gern über Sprichwörter – es ist Ihnen was auf den Magen geschlagen, eine Laus über die Leber gelaufen, es geht einem an die Nieren,… Das finden die meisten recht spannend und blocken den psychischen Bereich nicht gleich ganz ab.

    Dreami

    30. Juli 2009 at 19:10

  5. leider ist es so das das psychische oft abgeblockt wird
    aber auch von den Ärzten, viele hausärzte kommen garnicht drauf, dass jemand psychische probleme haben könnte wenn er mit irgendwelchen Schmerzen zum Arzt kommt. Viele wollen es auh nicht zugeben, das probleme vorliegen, aber bei diesem Fall ist es ja kein Wunder, in so einer lebenssituation möcht ich nicht stecken.
    anmerkung
    ich bin weder Arzt noch Insider, nur jemand der sich für die Medizin interessiert

    maja49

    31. Juli 2009 at 18:21

  6. Die Liste mit den „Psychosomatosen“ könnte man ja endlos lang fortsetzen… „das kotzt mich an“, „da muss ich dann eben Rückgrat zeigen“, „da scheiß ich drauf“ (‚tschuldigung für viel Fäkalsprache). Ich war damals sehr dankbar dafür, dass meine Hausärztin meine Rückenschmerzen und den beginnenden dritten Bandscheibenvorfall relativ schnell als das erkannte, was es war – mobbing am Arbeitsplatz mit den entsprechenden Konsequenzen in einer dazu noch privat schwierigen Situation. Sie stellte mich „ruhig“ und nahm sich Zeit – eine Woche lang jeden Tag, bis sie klar hatte, dass es wieder begann mir besser zu gehen. Ich bin dankbar für jeden nicht-psychiatrischen Kollegen, der in der Lage ist, dem Patienten zu transportieren, dass die Püsche sich auf das körperliche Wohlbefinden massiv auswirken kann und bereit ist, sich mit dem Patienten gemeinsam diesbezüglich auseinander zu setzen. Chapeau, Herr Kollege.

    psychodoctrix

    2. August 2009 at 21:31

  7. Wobei — manchmal hege ich auch den Verdacht, dass gern „das ist wahrscheinlich durch den Stress bedingt“ gesagt wird, wenn der Arzt schlicht nicht weiss, woher es kommt. Das ist natürlich vor allem dann schlecht, wenn gesagt wird, das kommt vom Stress. Punkt. Basta. Ob man gerade Ferien oder sonstwie relaxed ist, das spielt dann gar keine Rolle.
    Nicht, dass ich den Hinweis auf solche möglichen Ursachen schlecht machen möchte, aber es kommt auch darauf an, wie es gemacht wird.

    kblog

    3. August 2009 at 00:17

  8. Da gebe ich dir vollkommen recht – denn solche platten Aussagen sinds auch oft, die die Patienten verschrecken. Und da die Entstehung einer psychosomatischen/ somatoformen Störung komplexer ist als „durch Stress“, finde ich es wichtig, dass die Patienten von den Ärzten ernstgenommen werden und dann zum Fachmann (Psychiater/ Psychologe/ Psychotherapeut) geschickt werden. Selbst der wird dann (hoffentlich meistens) auch ein Auge mit darauf haben, dass es doch keine körperliche Ursache für die Beschwerden gibt. Wir hatten schon Patienten, bei denen wir in der Psychotherapie nen Hirntumor gefunden haben…

    Dreami

    3. August 2009 at 17:47

  9. Das Problem ist, dass die Neurologen und Psychiater leider nicht ganz so dicht gesäät sind wie man sie denn gerne hätte. Hier in Bad Dingenskirchen sind sie zum Beispiel sehr rar. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man auch auf ein Konsil für einen stationären Patienten tagelang warten muss (nachdem man stundenlang in der Telefon-Warteschleife gehangen hat bzw. gegen Besetzt-Zeichen angekämpft hat), wohlgemerkt für einen ganz gewöhnlichen „dringenden“ Praxis-Termin, zu dem wir die Patienten hinbringen und auch wieder abholen!

    medizynicus

    4. August 2009 at 08:13

  10. Ein super Beitrag, vielen Dank!

    Medizinstudentin

    15. Januar 2012 at 20:43


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