Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Juli 2009

Werbung in Blogs

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Also, zunächst einmal: ich mache auch Reklame.
Zum Beispiel für mein Buch. Und jedes Mal, wenn jemand mein Buch kauft kriege ich dafür Geld. Ein bisschen. Wenn ich all die Zeit, die ich ins Bloggen und Bücherschreiben stecke darein gesteckt hätte, Schönheitschirurg zu werden oder sonst irgendwas zu lernen wo ich den Leuten so richtig die Kohle aus der Tasche ziehen könnte, dann wäre ich jetzt reicher.
Und dann mache ich noch Reklame für andere Blogs. Einfach so, immer mal wieder, wenn mir irgendein Blog gerade besonders gut gefällt. Dafür kriege ich kein Geld.
Mehr Reklame mache ich nicht.
Es gibt Blogs, die machen richtig viel Reklame. Gegen Bannerwerbung habe ich nichts, ab und zu klicke ich da sogar drauf. Pop-Ups sind schon nerviger.
Am aller-nervigsten finde ich es aber, wenn man mich für dumm verkaufen will. Zum Beispiel wenn eine Webseite daherkommt die auf ersten Blick wie richtig authentisches, handgestricktes Blog wirkt, sich dann aber als eine geschickt gemachte Werbe-Site entpuppt. Guerilla-Marketing nennt man sowas.
Ärgern tu ich mich auch, wenn wirklich gute, handgestrickte, authentische Blogs Reklame machen, die man erst auf den zweiten Blick als solche erkennt.
Das Marketing-Guerillas haben sich nämlich längst zu einem beachtlichen Industriezweig entwickelt.
Da werden Blogs „gecastet“ und den betreffenden Bloggern „individuelle Verdienstmöglichkeiten“ angeboten.
Das Modell ist meistens ähnlich: Ihr schreibt über unser Produkt – aber nicht so, dass es wie Werbung aussieht, sondern so, als handele es sich um einen „ganz normalen“ Beitrag, als hättet Ihr das Produkt zufällig im Supermarkt entdeckt und würdet es jetzt gaaaanz toll finden.
Dafür bekommt Ihr ein paar Proben und vielleicht auch eine handvoll Dollar, Euros oder Fränklis.
Ich habe dabei ein komisches Gefühl. Und ich finde, es entwertet die betreffenden Blogs.
Und deswegen möchte ich Euch an dieser Stelle fragen: muss das denn sein? Natürlich ist es schön, ein paar Kröten zu verdienen… aber die meisten von Euch haben ja „nebenbei“ noch einen richtigen Beruf und bloggen eh nur aus Spass an der Freude.
Habt Ihr es denn wirklich nötig, für so ein paar Kröten Eure Seele zu verkaufen?

Written by medizynicus

21. Juli 2009 at 07:22

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Ein Leben für die Krankheit

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Frau M. ist eine „ATW-Patientin“. Diese Insider-Abkürzung steht für „alles tut weh“ und steht natürlich nicht in ihrer Krankenakte.
In der Akte hingegen findet sich eine beeindruckend lange Diagnoseniste: – und auffällig ist, dass da verdächtig oft Begriffe wie „unklare“, „idiopathische“, „kryptogene“ oder „funktionelle“ Beschwerden auftauchen.
Auf gutdeutsch: Man will der guten Dame zwar nicht Unrecht tun, aber man hat bislang nicht herausfinden können, was ihr fehlt, obwohl man sich alle Mühe gegeben hat und ihr alle Untersuchungsmethoden hat angedeihen lassen, die man sich denken kann. Das kann entweder daran liegen, dass alle Ärzte der Welt zu blöd sind um ihr Leiden zu erkennen oder daran, dass sie vielleicht wirklich nichts hat. Aber man will ihr ja schließlich nicht unrecht tun.
Im Schnitt so einmal im Monat taucht sie bei uns auf.
Von jedem Untersuchungsbefund und jedem Entlassungsbrief läßt sie sich eine Kopie geben. Die heftet sie dann ab – jede Seite einzeln in eine Klarsichtfolie verpackt, und dann nach verschiedenen Rubriken gegliedert und sortiert mit verschiedenfarbigen Reitern. Frau K. ist ein ordentlicher Mensch. Früher einmal war sie schließlich beim Ordnungsamt, bis sie dann mit zweiundvierzig Jahren in Frühpension gegangen ist. Wegen Rücken. Rücken ist immer gut.
Jedenfalls taucht sie regelmässig mindestens einmal im Monat bei uns auf, mit ihren Aktenordnern, und dann strahlt sie und begrüßt jeden von uns mit Handschlag. Man kennt sich schließlich.
„Wie gehts Ihnen, Frau M.?“ frage ich.
Sie strahlt auch mich an.
„Schlecht!“ strahlt sie, „Einfach nur schrecklich, Herr Doktor! Diese Rückenschmerzen wieder… was kann das nur sein?“
Es gibt Menschen, die leben für ihre Krankheit.
Würden sie – manchmal glauben wir ja noch an plötzlich unverhofft erscheinende Gute Feen und so – würde sie also plötzlich von all ihren Übeln erlöst und von heute auf morgen völlig schmerzfrei und kerngesund: Ihr würde etwas fehlen.

Written by medizynicus

20. Juli 2009 at 12:47

Blogroll-Update: Frau Freitag

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Hab isch voll krasses Blog gefunden, vallah, ich schwör! Da guckstu was? Nicht sone schwule Kacke wie andere Missgeburt-Opfer-Blogs, sondern viel besser!
Frau Freitag ist Lehrerin in einem sozialen Brennpunkt, wie man so schön auf Neudeutsch sagt. Also: hoher MigrantInnenanteil und mitten drin im Geschehen.
Seit einigen Wochen eines meiner absoluten Lieblingsblogs, und daher hat Frau Freitag auch die Ehre, als erstes Nicht-medizinische Blog an dieser Stelle erwähnt zu werden.
Köstlich der Eintrag über die Abschlussfeier, mit siebzehnjährigen Nachwuchsgangstern im Stil von Don Corleone jr., komplett mit Strohhut und Zigarre und die Mädels mit Hochsteckfrisur und viel Strass.
Außerdem erfährt man von Schonlehrern und harten Hunden, von Hausaufgaben („Gibtst Du keine Hausaufgaben auf, können sie auch nicht vergessen werden!“), vom Feilschen um die Zeugnisnoten und nicht zuletzt von den Berufswünschen der lieben Kleinen: Die Mädchen möchten Einzelhandelskauffrau werden oder Medizinische Fachangestellte. Und die Jungs? „Als Dealer verdient man doch ganz gut…“
Momentan befindet sich Frau Freitag übrigens im wohlverdienten Urlaub auf Binz und bloggt weiterhin täglich aus dem Ostsee-Regen…

Written by medizynicus

20. Juli 2009 at 09:12

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Madame Jaqueline und die geplatzten Kondome

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Endlich erwische ich den Kollegen Kalle – den wohlbekannten Kalle mit der größten Kodderschnauze von Bad Dingenskirchen und Umgebung. Er sitzt im Schwesternzimmer, mampft Kuchen, schlürft Kaffee und hat sich hinter der Tageszeitung versteckt, die er einem Privatpatienten stibitzt hat.
„Ich habe gehört, Madame Jaqueline war letztens bei uns?“
Kalle legt die Zeitung weg.
„Wer hat Dir denn das erzählt?“
„Man hat so seine Quellen.“
Kalle lächelt, beißt ein Stück Kuchen ab, kaut und lächelt immer noch.
„Jetzt erzähl schon: Was hatte sie denn? Unklare Unterleibsbeschwerden?“
„Nein, aus dem Alter ist sie inzwischen raus. Es ging um ihr Asthma. Hatte eher etwas mit den sechzig Zigaretten zu tun, die sie jeden Tag wegqualmt.“
Madame Jaqueline muss inzwischen so um die Sechzig sein, wiegt geschätzte hundert Kilo und verfügt über eine wallende, rauschgoldengelhafte wasserstoffblonde Haarpracht. Ab und zu sieht man sie bei schönem Wetter in einem Straßencafés am Bad Dingenskirchener Marktplatz, wo sie, beschützt von muskulösen und gutaussehenden jungen Bodyguards bei Sekt und Cremetorten Geschäfte tätigt. Immer in Sichtweite sind ihr pinkfarbenes Cabrio und der Yorkshireterrier mit pinkfarbener Schleife.
„Was erzählt sie denn so?“
„Ooch, wir haben ein wenig geplaudert… über ihre Vergangenheit… als sie noch Mademoselle Jaqueline war. Sie war ja zwanzig Jahre lang im Operativen Geschäft tätig. Die hat was erlebt, das kann ich Dir sagen!“
„Und was macht sie jetzt?“
„Sie ist Hausdame. Das auch schon seit zwanzig Jahren.“
„Hausdame nennt man das heute?“
Wieder mal einen neuen Begriff gelernt.
„Wie, das weißt Du nicht?“
Kalles Entsetzen war gespielt.
„Erzähl, was macht denn so eine Hausdame im Puff?“
„Sie hält die Zuhälter auf Distanz. Sie kümmert sich um die neuen Mädels. Wer bei ihr anfängt, muss erst einmal drei Tage lang üben, Kondome auf Besenstiele aufzuziehen. So lange, bis sie das blind und einhändig kann, ohne hinzuschaun in einer halben Sekunde. Die Gummis sind schließlich deren Lebensversicherung, schärft sie ihnen ein!“
„Und wie oft gehen die kaputt?“
„Das habe ich Madame Jaqueline natürlich sofort gefragt. Sie sagte, dass ihr das während der zwanzig Jahren im Operativen Geschäft insgesamt genau fünf Mal passiert ist. Was hingegen öfter vorkommt ist, dass die Dinger abrutschen. Wenn der Kunde einen Hänger hat, zum Beispiel.“
„Einen Hänger?“
Im operativen Horizontalgewerbe gibts offenbar einen durchaus interessanten Berufsjargon.
„Du weisst schon…“
„Da gehört nicht viel Phantasie dazu. Aber um bei der Frage zu bleiben: Wie häufig sind denn nun so Kondom-Unfälle, welcher Art auch immer?“
„In der Branche wohl sehr selten… aber man kann ja schließlich nicht alle Jugendlichen zu einem dreitägigen Besenstiel-Praktikum verdonnern!“
Da ist was dran.
Aber in einer stillen Stunde… wenn niemand hinschaut einfach mal herumzuspielen… mit einem Besenstiel… das wäre vielleicht gar kein schlechter Tipp…

Written by medizynicus

18. Juli 2009 at 15:55

Der Spiegel entdeckt sein Herz für PJler

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PJler arbeiten viel und kriegen dafür in der Regel keine Kohle, stellt der Spiegel heute fest.
Welch bahnbrechende Erkenntnis.
Wir erinnern uns: Ein Medizinstudent im letzten Jahr – dem Praktischen Jahr – hat zwar noch einen gültigen Studentenausweis und kommt so mit Glück etwas billiger ins Kino, aber das wars’s dann auch schon mit dem lustigen Studentenleben. Das ist nämlich weitgehend vorbei. Stattdessen heißt es früh aufstehen, Patienten versorgen, Leben retten und so, wie ein richtiger Arzt, nur dass man es halt noch nicht ist, auf dem Papier eben, und dafür eben keine Kohle kriegt.
Das perverse an der Sache:
Die Uni zahlt dem entsprechenden Krankenhaus eine Menge Geld dafür, dass dieses Haus den PJ-ler – also den Studenten auch ausbildet.
Fakt ist:
Mit etwas Glück darf man einmal in der Woche beim Oberarzt darum betteln, dass der einem zwischen OP und Ambulanz ein paar Anekdoten erzählt. Und natürlich schaut man sich eine Menge Sachen bei den Schwestern und bei den Assistenzarzt-Kollegen ab. Learning by Doing nennt sich das. Ist ja im Prinzip keine schlechte Sache, aber das Krankenhaus profitiert davon, um so mehr, je besser ausgebildet der PJ-ler ist, und deswegen wäre es eigentlich eine faire Sache, dafür bezahlt zu werden… nicht unbedingt zwangsläufig fürstlich, aber zumindest soviel, dass man halbwegs über die Runden kommt, wie es in anderen Ländern schliesslich auch der Fall ist.
Aber nee, wir mussten seinerzeit sogar das Mittagessen in der Kantine selbst bezahlen. Und zwar mussten wir mehr bezahlen als die „richtigen“ Kollegen, weil der Angestellten-Rabatt schliesslich nicht auf uns zutraf da wir ja nicht angestellt waren, sondern nur dumme Studenten.
Ja, Sternenmond hat diese Phase diese Woche überstanden. Herzlichen Glückwunsch! Und ich drück Dir die Daumen fürs Hammerexamen. Und wenn Du dann irgendwann mal einen Job suchst… bei uns in Bad Dingenskirchen, in der allertiefsten und allerschönsten Provinz bist Du allerherzlichstens Willkommen! Vielleicht sieht man sich ja!

Written by medizynicus

17. Juli 2009 at 20:53

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Das Märchen vom geplatzten Kondom

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Ein ganz normaler Dienst. Piepser geht.
„Kundschaft in der Ambulanz!“
„Was haben wir denn?“
Schwester Anna lacht am Telefon.
„Was wir haben? Sommer haben wir!“
Man glaubt fast, ihr breites Grinsen durch das Telefon hindurch fühlen zu können.
Unten in der Ambulanz finde ich dann ein achtzehnjähriges Mädel. Sieht ganz nett aus, die Kleine, aber erstens bin ich im Dienst und zweitens hatten wir das Thema schon öfters hier.
„Wie kann ich helfen?“ frage ich.
„Wir hatten einen Unfall!“
Hä?
Kurzer Scan: Kopfplatzwunde? Aufgescheuerte Knie? Mit dem Fuß ungeknickt? Zumindest auf den ersten Blick sind keinerlei äußerliche Verletzungszeichen sichtbar.
„Was ist denn genau passiert?“
Sie wird rot.
„Ja halt… so ein kleiner Unfall halt.. ich meine… zu zweit…“
Bin ich denn heute völlig bräsig oder was?
„Und wo ist der Unfallgegner?“ frage ich.
Schwester Anna prustet los vor Lachen, was sie geschickt als Niessen tarnt. Sie dreht sich um und macht schnell die Tür hinter sich zu.
„Mein…. ähem… mein Freund wartet draußen im Auto.“
„Warum ist er nicht mit reingekommen?“
„Er traut sich nicht.“
„Die junge Dame will sagen, sie sie braucht die Pille danach!“ berichtet Schwester Anna, die unbemerkt wieder hereingekommen ist.
„Ja, genau, weil das Kondom geplatzt ist!“ beeilt sich die Kleine, hinzuzufügen.
„Kondome platzen nicht!“ sagt Schwester Anna.
„Wie bitte?“ frage ich.
„Moderne High-Tech-Kondome kannst Du bekanntlich bis zu Luftballongröße aufblasen ohne daß sie platzen. Oder Du kannst mehrere Liter Wasser hineinfüllen. Ich will ja hier keine Mutmaßungen über bestimmte Größen anstellen, aber…“
Die Kleine wird noch einmal roter.
„Also… er hat versprochen, aufzupassen…“
„Ihr habt also gar kein Kondom benutzt?“
Sie schüttelt langsam den Kopf.
Schwester Anna schaut mich mit einem triumphierenden Blick an, bevor sie dann aus dem Nebenraum das Medikament holt.
„Du solltest mal Deinen Kollegen fragen!“ meint Schwester Anna dann nachher, als die Kleine wieder weg ist.
„Wieso?“
„Kalle Kodderschnauze hatte letztens das Vergnügen, zu diesem Thema eine echte Expertin befragen zu dürfen!“
„Wen denn?“
„Kennst Du Madame Jaqueline?“
Jeder in Bad Dingenskirchen kennt Madame Jaqueline. Vielleicht nicht unbedingt persönlich, aber ihr Etablissement im Gewerbegebiet an der Autobahn – das mit dem pinkfarbenen Leuchtreklamen-Herz – ist einfach unübersehbar. Madame Jaqueline war also letztens Gast in unserem Hause? Warum hat Kalle Kodderschnauze davon noch nichts erzählt?
Spätestens beim Mittagessen werde ich ihn mal eingehend befragen müssen!

Written by medizynicus

17. Juli 2009 at 09:15

Wer doof ist kriegt Herzinfarkt und wer schlau ist kriegt kein Alzheimer

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Ein niedriger IQ ist ein Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen wie z.B. Herzinfarkt, berichtet das Deutsche Ärzteblatt. Nun ist ja allgemein bekannt: „einfacher“ strukturierte Menschen rauchen häufiger, ernähren sich tendenziell ungesünder und treiben weniger Sport.
Ob es möglicherweise weitere, bislang unbekannte Risikofaktoren gibt, welche sich direkt reziprok proportional zur Intelligenz verhalten, wird sich zeigen.
Ach ja, und und wo wir gerade dabei sind: Wer mehr als zwei Synapsen besitzt, hat noch einen weiteren Grund, selbige auf Trab zu halten: Eine Anspruchsvolle Ausbildung (wozu ja auch ein Medizinstudium gehört) senkt das Riskio, später an Demenz zu erkranken…
Tja, wie Omma immer schon sagte….

Written by medizynicus

16. Juli 2009 at 10:46

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Zecken, Borrelien, Impfungen und Naturheilkunde – ein abschließendes Wort

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Eigentlich möchte ich in diesem Blog nur ungern medizinischen Rat ergeben.
Dieses Blog ist und bleibt anonym und anonymer medizinischer Rat hat immer den Ruch des Unseriösen. Unseriös möchte ich aber nicht sein, und deshalb verweise ich an dieser Stelle lieber auf die Blogs der Kollegen verweisen, insbesondere auf Günther Schütte, welcher sich mit dem Thema Borreliose schon vor zwei Jahren sehr ausführlich beschäftigt hat. Auch der Kinderdoc hat das Thema ab und zu aufgegriffen.
Ich möchte auch noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass dieses Blog nicht der richtige Ort ist, um sich über Behandlungsmethoden und angebliche oder tatsächliche Versäumnisse der wissenschaftlichen Medizin auszutauschen.
Hierfür gibt es andere Blogs und Foren.

Written by medizynicus

15. Juli 2009 at 14:00

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Ein paar Gedanken zu Zeckenimpfung und Statistik

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Es ist allgemein bekannt, daß man sich gegen FSME impfen lassen kann.
Wie zuvor erwähnt, ist die FSME die seltenere der beiden durch Zecken übertragenen Erkrankungen, jährlich erkranken in Deutschland etwa zwischen zwei- und fünfhundert Menschen. Für ein bis zwei Prozent davon endet die Erkrankung tödlich – das sind hochgerechnet zwischen einem und zehn Toten pro Jahr.
Diese Todesfälle hätten durch eine Impfung möglicherweise verhindert werden können.
Nun haben die Unglücklichen, welche an FSME verstorben sind ja leider nicht in die Zukunft blicken können. Hätten sie gewusst, dass ausgerechnet sie sterben würden, hätten sie sich mit Sicherheit impfen lassen oder hätten um jede Zecke einen großen Bogen gemacht (das kann man).
Allerdings haben diese Menschen vielleicht gewusst, dass sie sich einem mehr oder weniger hohem Risiko aussetzen – durch Camping-Urlaub oder Wanderungen in sogenannten Hochrisikogebieten zum Beispiel. Mit den Risiken ist das aber eine Sache: Ein bis zehn Tote im Jahr, das ist um mehrere Größenordnungen weniger als im Straßenverkehr.
Das Risiko erscheint also erst einmal gering.
Wie viele Menschen muss ich also impfen, um einen Todesfall zu verhindern?
Für diese Frage gibt es einen wissenschaftlichen Ausdruck: die „Number Needed to Treat“. Diese „Anzahl der zu Behandelnden Menschen“ dürfte im Falle von FSME sehr hoch sein – inzwischen gelten die größten Teile Bayerns, Baden-Württembergs und Österreichs als Risikogebiet, man müsste also nicht nur die gesamte Bevölkerung dort, sondern auch noch alle Leute, die dort Uraub machen impfen.
Die Impfstoff-Hersteller schlagen genau dies vor und sie haben eine mächtige Lobby.
Auch für uns Ärzte ist es oft nicht immer leicht, eine richtige Entscheidung zu treffen, denn es ist oft sehr schwer zu unterscheiden, ob angeblich „wissenschaftliches“ Informationsmaterial von irgendwelchen Interessengruppen lanciert worden ist.
Ein Kollege aus Baden-Württemberg wies mich letztens auf einen Artikel im Ba-Wü-Landesärzteblatt (auf Seite 12ff) hin, der in Wirklichkeit eine bezahlte Anzeige ist – aber optisch wie eine Fortbildung daherkommt.
Nein, ich möchte und darf hier an dieser Stelle niemandem eine Emfpehlung für oder gegen die Impfung geben. Das ist Sache des Hausarztes. Das Internet ist schön und gut – aber alle Informationen, die man dort finden können den Arztbesuch niemals ersetzen!
Und noch etwas: Auch wenn das jetzt sehr kritisch klingt – grundsätzlich sind die meisten Impfungen sinnvoll und schützen. Wer Bedenken oder Ängste hat, sollte sich an seinen Haus- oder Kinderarzt wenden.

Written by medizynicus

15. Juli 2009 at 10:53

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Junge Ärzte sollen aufs Land!

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…das hat unsere werte Frau Gesundheitsministerin gestern vorgeschlagen, wie u.a. das Ärzteblatt berichtet. Seither hagelt es an zynischen bis hämischen Kommentaren – wie eigentlich immer wenn unsere Gesundheitsministerin etwas sagt, sie braucht ja nur den Mund aufzumachen und die werten Kollegen springen gleich auf die Barrikaden.
Aber gut, was sollen die jungen Ärzte da auf dem Land?
Medizynicus ist schon da. Und zwar schon eine ganze Weile. Anfangs war es ein Schock: Das ungezwungene Sozialleben, wie man es aus Studentenzeiten gewohnt ist, das ist vorbei, wenn man bis zum nächsten Kino erst einmal eine Stunde lang im Auto unterwegs ist. Und Sozialkontakte vor Ort außerhalb des Krankenhauses?
Macht Euch nichts vor Leute, vergesst es, es sei denn, Ihr seid in der Gegend aufgewachsen oder extrem kontaktfreudig.
Eine diskrete Affäre mit der Kassiererin vom Supermarkt? Vergesst es! Schneller als Ihr denkt weiß es das ganze Dorf. Nach spätem Feierabend auf dem Weg zur Fortbildung zu schnell gefahren und geblitzt worden? Innerhalb von achtundvierzig Stunden ist das Stadtgepräch! Ehrlich.
Aber gut, damit kann man leben. Es gibt ja auch Vorteile: billigere Mieten, gute Luft… und vor allem, und das ist mal ein wirklich echter Vorteil, das entspanntere Arbeitsklima in kleineren Häusern.
Aber langfristig… die demographische Entwicklung geht ganz klar in die andere Richtung: Die Bevölkerung schrumpft und zieht vom Land weg in die Stadt.
Dort spielt also die Musik, langfristig gesehen.
Warum sollten wir uns diesem Trend widersetzen?


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Written by medizynicus

14. Juli 2009 at 17:50

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