Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ghostwriter im Dienste der Pharmaindustrie

with 2 comments

Also gut Leute, ich oute mich mal wieder. Ich bin Schulmediziner, durch und durch. Religion und Glaube mögen im Privatleben ihren Platz haben – ich achte die religiösen Gefühle eines jeden Menschen – aber in der Medizin zählt für mich allein das, was wissenschaftlich bewiesen oder zumindest beweisbar ist.
Obskure Wunderheilmethoden kommen mir nur dann in die Tüte, wenn ich sie selbst erpfuscht…. äh, erfunden habe.
Aber wie funktioniert denn nun eigentlich die Wissenschaft?
Es gibt bestimmte, allgemein anerkannte Kriterien, wie eine gute klinische Studie aussehen sollte. Diese Kriterien sind nicht idiotensicher: Man braucht ein gewisses „Auge“ und eine gewisse Erfahrung, um eine wissenschaftliche Studie bewerten und den Wert richtig einschätzen zu können.
Wer etwas erforscht hat, will seine Ergebnisse in der Regel veröffentlichen, und zwar idealerweise in einer (zumindest in Insider-Kreisen) möglichst bekannten und prestigeträchtigen Zeitschrift. Nun hat auch der Wissenschaftsbetrieb seine Rituale, eines davon ist der berühmt-berüchtigte: „Peer-Review“: Die eingereichten Manuskripte werden aber vor der Veröffentlichung von mehreren Kollegen gelesen und bewertet.
So ist eine gewisse Kontrolle gewährleistet. Aber diese Kontrolle ist nicht unfehlbar.
Denn auch wissenschaftliche Fachzeitschriften – und die dahinter stehenden Verlage – sind Wirtschaftsunternehmen. Sie leben, wie jede andere Zeitschrift auch vom Geld der Inserenten. Das ist nun leider oft die Pharma-Industrie. Und die wollen ihre neuen Produkte vermarkten.
Die Industrie hat Geld: Sie kaufen nicht nur Anzeigen, sondern ganze Zeitschriften, welche auf den ersten Blick wie seriöse Fachzeitschriften wirken, in Wirklichkeit aber verkappte Werbepostillen sind.
Und die PR-Abteilungen jener Konzerne schreiben Artikel, welche auf den ersten Blick recht wissenschaftlich daherkommen, aber in Wirklichkeit ebenfalls nichts anderes sind als etwas kompliziert geschriebene Reklametexte. Das wäre ja noch halb so wild. Aber nun jubelt man diese Texte renomierten Wissenschaftlern unter, welche (vermutlich gegen angemessene Bezahlung) diese Machwerke unter ihrem – renomierten – Namen in – renomierten – Fachzeitschriften unterbringen.
Für Otto-Normalleser Medizynicus wirkt das erst einmal sehr wissenschaftlich und glaubwürdig. Aber auch in der Wissenschaft ist eben nicht alles Gold, was glänzt…

Written by medizynicus

6. August 2009 um 12:23

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

2 Antworten

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  1. Gott erhalte Dir Deinen Glauben an die Seriosität der Wissenschaft (mit nur vereinzelten Ausnahmen von bösen, geldgierigen Buben) und der Wissenschaftlichkeit der Medizin!

    Wenn die Wissenschaft sagt „Das können wir nicht bestätigen/nachvollziehen“, kann das heißen „wir wissen es nicht und wir wissen auch nicht wie wir das Problem anpacken sollen“ oder es kann heißen „das ist nicht richtig“. Im normalen Sprachgebrauch wird meist das letzter darunter verstanden (und so wollen es die schulmedizinischen Wissenschaftler auch suggerieren). In Wirklichkeit bedeutet es aber ersteres!

    Wenn renomierte Pharmakologen sagen „Wenn mehr als 2 Wirkstoffe in den Körper gegeben werden, können wir nicht mehr genau sagen, was eigentlich abläuft“, dann frage ich mich, mit welcher wissenschaftlichen Untermauerung schulmedizinischen Internisten locker 6 verschiedene Wirkstoffe gleichzeitig (z.B. zur Senkung des Blutdruck) einsetzen, obwohl noch niemals Studien über die Wirksamkeit/Ungefährlichkeit dieser Kombinationen gemacht wurden.

    Gleichzeitig behaupten aber dieselben Schulmediziner, dass phyto-therapeutische (pflanzen-heilkundliche) Medikamente nicht wirken (können), weil da viel zu viele unterschiedliche Wirkstoffe drin sind, die sich – im Einzelversuch – sogar gegenseitig aufheben.

    Ja nun, aber eigentlich ist die Menschheit vor der Einführung (oder soll ich besser sagen Machtübernahme?) der Schulmedizin genau mit diesen pflanzlichen Medikamenten ganz gut (wenn auch zugegeben nicht so optimal wie mit pharmakologisch reinen, und damit wissenschaftlich besser überprüfbaren Einzelstoffen) gefahren. Aber dennoch wirken jahrhundertelang erprobte Phytopharmaka, und sie wirken oftmals besser (d.h. milder, verträglicher, effektiver, nachhaltiger) als die Mikrogramm-Bomben der Schulmedizin!

    Was die KA-KHP und ähnliche obskure und vor allem überteuerte Methoden anbelangt, gebe ich Dir unumwunden Recht. Aber die ganze Naturheilkunde (Heilen mit Pflanzen, Wasser, Licht, Elektrizität) oder die Akupunktur, die Hölmoöpathie und einige mehr haben sichere und nachweisbare Erfolge zu verzeichnen, die nicht nur mit Plazebo-Effekt erklärt werden können (auch viele schulmedizinische Erfolge basieren auf dem Plazebo-Effekt!). Wieso wirken Homöopatika bei Kindern, Menschen mit niedrigem IQ und Tieren besser, als bei intelligenten Menschen? Kinder und Debile – ok, aber Tiere? Bei Tieren gibt es nachweislich keinen Plazebo-Effekt!

    Meine Meinung ist: Auch vor der Entdeckung der Elektrizität durch die Wissenschaft gabs Blitze und Elektrizität (sonst wäre der Mensch nie zum Feuer und damit zum Fortschritt gekommen). Und wie haben sich damals die Wissenschaftler dagegen gewehrt! Natürlich, die Alchemie hat niemals Gold zuwege gebracht, höchstens Porzellan. Aber damit hat man dann ja auch viel Gold verdient!

    der Landarsch

    6. August 2009 at 17:41

  2. Seit ich letztens das Stichwort „Nocebo“ gelesen habe frage ich mich ob das nicht vielleicht der Grund dafür ist, dass Homöopathika bei intelligenten Menschen nicht oder schlechter wirken. Also quasi Selbstsuggestion der Nicht-Wirksamkeit.
    (Bei mir wirken Homöopathika übrigens gut – kann ich daraus nun schließen, dass es mit meinem IQ nicht sonderlich weit her sein kann? ;))

    Im Übrigen: wer noch an Peer Reviews glaubt, soll sich mal den Random Paper Generator unter http://pdos.csail.mit.edu/scigen/ angucken…
    Ich bin ja selbst wissenschaftlich tätig und muss daher auch regelmäßig solche Reviews verfassen. Und auch wenn ich mich redlich bemühe – unfehlbar bin ich nicht. Wenn das Paper nicht grade zufällig sehr nahe am eigenen Forschungsbereich liegt, ist eine faire Einschätzung mit normalem Zeitaufwand fast nicht zu leisten. Letztlich ist der Peer Review also nur ne Art Plausibilitätsprüfung – „stellt der Autor seine Ergebnisse so dar, dass ich sie ihm glauben kann“ gepaart mit „weiß ich zufällig etwas, das dem widerspricht“.

    Benedicta

    6. August 2009 at 18:14


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