Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ich bin die Neue, ich komme jetzt öfter! (Teil 2)

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Inzwischen haben wir es in die Stationsküche geschafft. Ich nötige meine neue Kollegin, sich zu setzen.
„Kaffee?“
Sie nickt unsicher.
Keine Sekunde später fliegt die Tür auf und unser werter Herr Kollege Kalle Kodderschnauze platzt herein.
„Ich komme doch nicht etwa ungelegen?“ fragt er und streckt der neuen Kollegin seine Pranke entgegen. „Herzlich Willkommen in Bad Dingenskirchen! Kaffee?“
Sie nickt zum zweiten Mal.
„Vielen Dank, Herr….“ sie versucht, sein Namensschild zu entziffern.
„Kalle! Ich bin Kalle, Okay? Milch und Zucker? Wie heißt Du denn überhaupt?“
„Äh… danke, nur Milch…. Weinschröter ist mein Name.“
„Du hast doch bestimmt auch ’nen Vornamen, oder?“
Sie errötet.
„Sarah.“
„Also gut, Sarah. Das war übrigens völlig korrekt von Dir, mich vorhin zu siezen!“
„Aber Sie duzen sich untereinander?“
„Korrekt. Es gibt da so einen Krankenhausknigge. Die Regeln sind aber nirgendwo aufgeschrieben. Hast Du davon schon einmal gehört?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Also gut!“ Kalle schiebt ihr eine Kaffeetasse hinüber und setzt sich.
„Regel eins: Der Ältere bietet dem Jüngeren das Du an. Regel zwei: Wer schon länger hier ist, bietet dem Neuling das Du an. Regel drei: Der in der Hierarchie höher Stehende bietet dem Niedriger stehenden das Du an. Das sind drei Regeln, welche sich unter Umständen widersprechen können, denn erstens weiß hier niemand wie alt Du bist und zweitens stehst Du formell zwar über den Schwestern, solltest das aber nach Möglichkeit nicht unbedingt hinausposaunen.“
Sarah nimmt einen kleinen Schluck Kaffee und schaut etwas irritiert.
„Und das bedeutet?“
„Das bedeutet, dass Du jeden Assistenzarzt genau einmal siezen wirst und wenn Dir der Kollege nicht spätestens übermorgen das Du anbietet, dann kannst Du ihn ruhig vorsichtig duzen, sofern die anderen Kollegen das auch tun. Bei den Oberärzten musst Du wahrscheinlich eine Weile warten, das kann etwas länger dauern. Manchmal auch bis zum Sankt Nimmerleinstag. Den Schwestern solltest Du das Du anbieten, und zwar am besten indem Du Dich bei der Übergabe kurz vorstellst. Die eine oder andere von den älteren Schwestern wird Dich wahrscheinlich siezen, aber das ist halt so, das ist nicht böse gemeint.“
„Darf man denn prinzipiell alle duzen?“
„Nicht ganz. Für mich ist das Du die normale Umgangsform unter Kollegen, die halbwegs auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Es gibt vier Gruppen von Menschen, die ich sieze. Das eine sind die Patienten, und zwar jeder Patient welcher das sechzehnte Lebensjahr vollendet hat, ohne Ausnahme. Das zweite sind Leute, die sich für etwas Besseres halten, und die von dieser Ansicht nicht abhalten möchte, weil ich von ihnen abhängig bin. Also zum Beispiel der Chef. Und die dritte Gruppe sind Leute, die von mir abhängig sind und von denen ich ab und zu möchte, dass sie ohne grosse Diskussion tun, was ich ihnen sage. Das sind zum Beispiel Auszubildende.“
„Und die vierte Gruppe?“
„Das sind die Arschlöcher. Wenn Du jemanden nicht magst, dann bleib mit ihm per Sie. So bleibt Ihr auf Distanz und geht halbwegs anständig miteinander um.“
Kalle hat seinen Kaffee ausgetrunken und steht auf. Sarah lächelt ein wenig unsicher.
„Das war eine schwierige Lektion!“ sagt sie.
„Wenn Du Deinen Kaffee ausgetrunken hast, zeige ich Dir das Haus.“ sage ich, „das ist nicht ganz so kompliziert!“

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Written by medizynicus

10. August 2009 um 07:02

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