Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Von unseren Funktionären verarscht (wieder mal)

with 7 comments

Irgendwann stellt sich für jeden Arzt die Frage, wo er denn nun seine langfristige berufliche Zukunft sieht.
Manche Kollegen und Kolleginnen wissen das schon im Studium ganz genau: Avialle, die kleine Aufschneiderin will Chirurgin werden. Sternenmond will Kinderärztin werden.
Andere Leute lassen sich mit der Entscheidung etwas mehr Zeit.
Wenn man sich so die verschiedenen Karrierepläne seiner Kollegen anhört, fällt eines auf: Die meisten sehen ihre Zukunft – in der einen oder anderen Form – im Krankenhaus. Natürlich würde man gerne irgendwann einmal Chefarzt werden. Oder zumindest Oberarzt. Wenn nicht in Deutschland, dann im Ausland.
An eine Niederlassung in eigener Praxis, womöglich noch als Hausarzt, denken hingegen die Wenigsten.
Dabei wird allmählich immer deutlicher, dass zumindest langfristig in Deutschland Hausärzte gebraucht werden. Und zwar vor allem in ländlichen Regionen.
Unsere Funktionäre und Politiker wissen das.
Aus diesem Grunde gab es finanzielle Förderungen: Wer als Teil seiner Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Hausarztpraxis arbeitet, bekommt von den Kassenärztlichen Vereinigungen einen Zuschuss zu seinem Gehalt. Oder anders ausgedrückt: Einen erheblichen Teil seines Gehaltes zahlt nicht der Arbeitgeber (die Praxis, in der er arbeitet), sondern die Institution, welche dafür verantwortlich ist, dass flächendeckend eine hausärztliche Versorgung gewährleistet ist.
Dieser Verein ist allerdings für so manche Überraschung gut – wie nicht nur die leidgeprüften niedergelassenen Kollegen wissen.
Die Neueste Schnapsidee (übrigens ein herrlicher Beitrag für den Kafka-Award):
Ärzte, welche nicht so spuren wie politisch gewollt sollen ihr Gehalt wieder zurückzahlen.
Das ist kein Aprilscherz, das ist ernst gemeint: Wer seine Facharztprüfung bestanden hat, soll sich anschliessend schleunigst in eigener Praxis niederlassen, nach Möglichkeit irgendwo in der Zone…. Äh, in den östlichen Bundesländern auf dem platten Land.
Wer sich nach einer bestimmten Zeit immer noch nicht niedergelassen hat, soll gefälligst das, was er im Laufe seiner Weiterbildung an Förderung von der KV erhalten hat, zurückzahlen.
Wie bitte?
Reden wir Klartext: Für viele jüngere Kollegen ist es schlicht und einfach nicht attraktiv, sich als Hausarzt niederzulassen. Die Arbeitszeiten sind lang und oft nicht mit einem geregelten Familienleben zu vereinbaren, die Vergütung wird jährlich schlechter und die Bürokratie immer schlimmer.
Es gibt inzwischen bessere Alternativen: Jobs als Angestellter Facharzt in Akut- und Rehakliniken, oder auch in MVZs oder in großen Praxen.
Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Beruf des Hausarztes wieder attraktiver zu machen anstatt hier mit der Peitsche auch noch die Letzten zu vergraulen, die sich vielleicht dafür interessieren?
Ob das kleine Häuflein der Aufrechten es noch schaffen wird, diese Entwicklung zu verhindern bzw. rückgängig zu machen?
Man darf gespannt sein!

Written by medizynicus

12. August 2009 um 10:35

7 Antworten

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  1. Die neueste Idee der Krankenkassen, dass jeder Arzt in Weiterbildung Allgemeinmedizin sich niederlassen muß und sonst die Förderung von dann 96 000 Euro zurückzahlen muß ist ein Skandal. Nirgendwo in Europa gibt es das in der Medizin, in keiner anderen Branche in Deutschland, in keinem anderen Fachgebiet. Dieses Geld ist das Gehalt eines Arzte in Weiterbildung während der Praxisphase von 2 Jahren, derzeit beträgt es in weiten Teilen Deutschlands übrigens noch die Hälfte.
    Wie weltfremd ist das denn, habe ich mich gestern gefragt als mir diese Info aus dem Äther in mein Mailprogramm flatterte. Was wir bräuchten wären hochmotivierte Ärzte, die ihren Job als Allgemeinmediziner gerne machen und nicht mit Peitsche und Knebelverträgen dort hingezwungen werden. Warum werden hier keine Anreize geschaffen? Vermutlich, weil es erst einmal Geld kostet und ein gewisses Risiko besteht, dass es doch nicht funktionieren könne. Im sicherheitsversessenen Deutschland geht eben die (Ver-)Sicherung vor – doch sicher ist nur der Tod.
    Dann haben wir ja noch die Niederlassungssperrzonen. Das heißt, Du mußt dann mit Deinem Partner dorthin wo Du darfst, unabhängig davon, was Dein Partner/Deine Partnerin für Bindungen und Wünsche hat, wie Deine Kinder in einem bestimmten Gebiet verwurzelt sind usw. Und ansonsten mußt Du ein Summe Geld, für die Du hart gearbeitet hast in der Höhe einer (günstigen) Eigentumswohnung zurückbezahlen? Super fair! Leute, laßt uns jungen Ärzte ans Ruder, die Alten haben ausgedient. Vive la revolution!

    Christian Haffner, Redakion „der neue Hippokrates“

    hierzu haben wir auf unserer interaktiven Internetzeitung einen : passenden Artikel

    Der neue Hippokrates

    12. August 2009 at 16:24

  2. nicht aufregen, jeder hat das Recht sich lächerlich zu machen – und die KKen machen schon seit Jahren davon heftigsten Gebrauch.

    Das genannte Geld ist ein Zuschuss für den weiterbildenden Arzt (nicht für den Azubi), damit der dem Azubi für seine Arbeit was zahlen kann, obwohl er selbst ja diese Mehr-Arbeit nicht bei der KV abrechnen darf. Durch Anstellung eines Weiterbildungsassistenten darf die Leistungsmenge der Praxis nämlich nicht ausgeweitet werden! Sonst müsste der weiterbildende Arzt die Nachwuchsförderung nämlich selbst berappen!

    Also – mal wieder nur ein weiteres „Haltet den Dieb“-Geschrei der Krankenkassen, um von ihrer Verantwortung abzulenken!

    der Landarsch

    13. August 2009 at 12:24

  3. Aber der Arzt in Weiterbildung hat für das Geld gearbeitet. Er hat gearbeitet und damit seinem Chef das Leben leichter gemacht. Also sollte man meinen, dass er einen Anspruch auf ein halbwegs angemessenes Gehalt hat. Ihm dieses Gehalt Jahre später wieder aus der Tasche zu ziehen, das ist ehrlich gesagt eine Sauerei.
    Um noch den mildesten Ausdruck zu verwenden.

    medizynicus

    13. August 2009 at 14:39

  4. Ein positives Modell könnte sein, den Arzt in Weiterbildung selbst während der Weiterbildung von extern finanzieren zu lassen. Alle, die Interesse an Allgemeinmedizinern haben, könnten sich hier an einen runden Tisch setzen. Diesen Vorschlag aus dem Listserver Allgemeinmedizin finde ich gut. Und: Der Weiterbilder sollte, wie in Holland, Geld für die Weiterbildung bekommen, z.B. 150 Euro pro Woche. Das sollte alles Bedingungslos sein bzw. die einzige Bedingung könnte sein, dass die Prüfung am Ende abgelegt werden muß, wie das jetzt schon ist, das finde ich aber auch schon das Maximale was man fordern kann, um nicht zu demotivieren.

    Einen approbierten und promovierten Arzt als AZUBI zu bezeichnet finde ich diskrimierend. Das läßt tief blicken. Das ist noch Stufen unter dem „Assistenten“, den wir gerade abgeschaffen möchten. Den KVen und Kammern liegen hier gerade Anträge vor…

    Der neue Hippokrates

    13. August 2009 at 15:05

  5. Sorry, dann schreib ich halt WEIZUBI (= weiterzubildender Arzt).
    War doch nur aus schriftstellerischen Gründen: ständig „auszubildender Arzt“ und „weiterzubildender Arzt“ zu schreiben klingt etwas hölzern!
    Ich werd doch unsere jungen Kollegen nicht diskriminieren wollen!

    der Landarsch

    14. August 2009 at 12:15

  6. Sorry, dann schreib ich halt WEIZUBI (= weiterzubildender Arzt).
    War doch nur aus schriftstellerischen Gründen: „weiterbildender Arzt“ und „weiterzubildender Arzt“ zu schreiben klingt etwas holprig!
    Ich werd doch unsere jungen Kollegen nicht diskriminieren wollen!

    der Landarsch

    14. August 2009 at 12:18

  7. Wir suchen ja auch noch nach einem besseren Begriff. In Holland heißt es HAIO = huisarts in opleiding

    Ich hatte ja auch schon mal vorgeschlagen Ober- und Chefärzte als Assistenten zu bezeichnet, weil wir die Arbeit machen und sie uns als Supervisoren assistieren. Wenn das so wenig diskrminierend wäre dürfte sich ja keiner wehren 😉

    Der neue Hippokrates

    14. August 2009 at 14:58


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