Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for August 2009

Stell Dir vor, es ist Schweinegrippe und keiner geht hin!

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Wenn eine Krankheit in Form einer Epedemie ausbricht, werden Menschen krank.
Soweit noch alles Okay?
Ärzte sind auch Menschen. Richtig?
Krank werden vor allen Dingen diejenigen Menschen, welche engen Kontakt zu Erkrankten haben. Kling logisch?
Kranke Leute suchen Ärzte auf. Ärzte untersuchen die Kranken.
Also können Ärzte auch krank werden. Wirklich? Gibts das?
Kranke Ärzte können nicht zur Arbeit gehen. Nee, echt nicht?
Ergo: Je mehr Epedemie, desto weniger Ärzte. Boah ey!
Was aber tun, wenn man nicht krank werden will? Ein Viertel aller Krankenhausangestellten wollen, wenn es wirklich ernst werden sollte mit der Schweinegrippe, lieber erst gar nicht zur Arbeit gehen, berichtet das Deutsche Ärzteblatt.
Interessant: Die höchste Arbeitsmoral findet sich bei den Ärzten. (86,6% würden doch zur Arbeit gehen), die meisten Krankfeierer hingegen bei der Verwaltung (Fast vierzig Prozent würden daheim bleiben).
Hätten wir uns das nicht denken können?

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Written by medizynicus

14. August 2009 at 11:10

Sie müssen röntgen, röntgen, röntgen!

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Bad Dingenskirchen, morgens um acht. Frühbesprechung in der Notaufnahme. Kalle hat Dienst gehabt und betet die Erlebnisse der letzten Nacht herunter.
Müde klappt er die Kladde mit den Patientennamen zu.
„Ach ja, Einen habe ich noch vergessen: Fünfundzwanzigjähriger Junge, Zustand nach mehreren Weizenbier, ist nachts um drei auf dem Heimweg von der Party mit dem Fuß umgeknickt. War alles in Ordnung. Habe ich heimgeschickt. Vielen Dank, das war’s“
Er gähnt.
Dr. Biestig, der chirurgische Oberarzt schaut ihn scharf an.
„Wo ist denn das Röntgenbild?“
„Gibts nicht.“
Biestigs Miene verdüstert sich.
„Gibts nicht?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich ihn nicht habe röntgen lassen.“
Biestigs Gesicht nimmt eine gefährliche Färbung an. Er ist berühmt für seine cholerischen Ausbrüche. Wir alle treten instinktiv einen Schritt zurück. Nur Kalle nicht.
„Was soll das heißen?“
„Wissen Sie, Herr Oberarzt, wenn man mich nachts um drei aus dem Bett klingelt weil ein Patient wartet, dann ist das normal. Aber man muss nicht unbedingt die Röntgen-MTA aus dem Bett werfen, wenn es nicht notwendig ist. Ich habe sie halt schlafen lassen. Ich habe dem Jungen einen Salbenverband gemacht und ihn mit den üblichen Ratschlägen nach Hause geschickt.“
„Warum haben Sie ihn nicht geröntgt?“
„Weil es nicht notwendig war.“
„Bei uns wird immer geröntgt!“
„Herr Oberarzt, was Sie mit Ihren Patienten machen, ist Ihre Sache. Ich bin nur ein dummer Internist…“
„Jawoll, Sie sind Internist! Wie können Sie entscheiden, ob der Fuß nicht gebrochen war? Was ist mit der Diagnostischen Sicherheit?“
„Indem ich den Patienten sorgfältig untersuche. Der Patient ist mit dem Fuß nach innen umgekickt. Also ein leichtes Suppinationstrauma. Keine Schwellung, kein Hämatom, kein Druckschmerz über dem Knöchel. Herr Oberarzt, Sie sind der Fachmann: Sie kennen die Ottawa-Regeln. Die wurden von internationalen Experten aufgestellt, um Patienten vor unnötigen Röntgenaufnahmen und unnötiger Strahlenbelastung zu schützen…“
„Und wenn es doch gebrochen war?“
„Ich habe ihm gesagt, dass er wiederkommen soll, wenn die Schmerzen schlimmer oder in den nächsten Tagen nicht besser werden…“
„Trotzdem: Wenn Sie eine Fraktur übersehen haben, sind Sie dran!“
„Nicht, wenn ich mich an international anerkannte Leitlinien halten und die sagen…“
„Diese Leitlinien können Sie sich sonstwohin stecken! Bei mir zählt nur das, was ich selber sehe! Bei mir wird jede Sprunggelenksverletzung geröntgt, auch nachts um drei! Sie können nie eine Fraktur ausschliessen, ohne ein Röntgenbild gemacht zu haben…“
„Und was wären die Konsequenzen gewsen? Wären Sie nachts dann um drei rausgekommen um ihn dann auf der Stelle zu operieren? Oder hätten sie bei den milden Beschwerden bis zum Morgen gewartet?“
Biestig wird rot und schüttelt den Kopf.
„Ist ja egal. Ich sage es trotzdem: Sie müssen röntgen, röntgen, röntgen!“

Written by medizynicus

13. August 2009 at 11:00

Blogroll Update (10) – Vokalanästhesie

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Vokalanästhesie ist ein weiterer geheimnisvoller brandneuer Neuling am Bloggerhimmel. Wer ist sie? Ihren Namen verrät sie nicht. Aber gleich in ihrem ersten Blogeintrag sieht man ein Bild von ihr (vermutlich), hingefläzt auf einem Sofa im Stadium der akuten Schreibblockade. Mit der Schreibblockade ist jetzt Schluss. Noch am selben Tag bewirbt sich die bekennende Satirikerin bei zwei Ärzten als Patientin. Die Briefe hat sie wirklich abgeschickt, behauptet sie wenigstens, und liefert die Antworten gleich mit. Man darf gespannt sein, ob sie hält, was der erwartungsvolle Anfang verspricht.
p.s.: die EKG-Kurve mit Sensenmann ist ein wunderbares kleines genialse Detail im Design ihres Blogs

Written by medizynicus

12. August 2009 at 15:30

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Von unseren Funktionären verarscht (wieder mal)

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Irgendwann stellt sich für jeden Arzt die Frage, wo er denn nun seine langfristige berufliche Zukunft sieht.
Manche Kollegen und Kolleginnen wissen das schon im Studium ganz genau: Avialle, die kleine Aufschneiderin will Chirurgin werden. Sternenmond will Kinderärztin werden.
Andere Leute lassen sich mit der Entscheidung etwas mehr Zeit.
Wenn man sich so die verschiedenen Karrierepläne seiner Kollegen anhört, fällt eines auf: Die meisten sehen ihre Zukunft – in der einen oder anderen Form – im Krankenhaus. Natürlich würde man gerne irgendwann einmal Chefarzt werden. Oder zumindest Oberarzt. Wenn nicht in Deutschland, dann im Ausland.
An eine Niederlassung in eigener Praxis, womöglich noch als Hausarzt, denken hingegen die Wenigsten.
Dabei wird allmählich immer deutlicher, dass zumindest langfristig in Deutschland Hausärzte gebraucht werden. Und zwar vor allem in ländlichen Regionen.
Unsere Funktionäre und Politiker wissen das.
Aus diesem Grunde gab es finanzielle Förderungen: Wer als Teil seiner Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Hausarztpraxis arbeitet, bekommt von den Kassenärztlichen Vereinigungen einen Zuschuss zu seinem Gehalt. Oder anders ausgedrückt: Einen erheblichen Teil seines Gehaltes zahlt nicht der Arbeitgeber (die Praxis, in der er arbeitet), sondern die Institution, welche dafür verantwortlich ist, dass flächendeckend eine hausärztliche Versorgung gewährleistet ist.
Dieser Verein ist allerdings für so manche Überraschung gut – wie nicht nur die leidgeprüften niedergelassenen Kollegen wissen.
Die Neueste Schnapsidee (übrigens ein herrlicher Beitrag für den Kafka-Award):
Ärzte, welche nicht so spuren wie politisch gewollt sollen ihr Gehalt wieder zurückzahlen.
Das ist kein Aprilscherz, das ist ernst gemeint: Wer seine Facharztprüfung bestanden hat, soll sich anschliessend schleunigst in eigener Praxis niederlassen, nach Möglichkeit irgendwo in der Zone…. Äh, in den östlichen Bundesländern auf dem platten Land.
Wer sich nach einer bestimmten Zeit immer noch nicht niedergelassen hat, soll gefälligst das, was er im Laufe seiner Weiterbildung an Förderung von der KV erhalten hat, zurückzahlen.
Wie bitte?
Reden wir Klartext: Für viele jüngere Kollegen ist es schlicht und einfach nicht attraktiv, sich als Hausarzt niederzulassen. Die Arbeitszeiten sind lang und oft nicht mit einem geregelten Familienleben zu vereinbaren, die Vergütung wird jährlich schlechter und die Bürokratie immer schlimmer.
Es gibt inzwischen bessere Alternativen: Jobs als Angestellter Facharzt in Akut- und Rehakliniken, oder auch in MVZs oder in großen Praxen.
Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Beruf des Hausarztes wieder attraktiver zu machen anstatt hier mit der Peitsche auch noch die Letzten zu vergraulen, die sich vielleicht dafür interessieren?
Ob das kleine Häuflein der Aufrechten es noch schaffen wird, diese Entwicklung zu verhindern bzw. rückgängig zu machen?
Man darf gespannt sein!

Written by medizynicus

12. August 2009 at 10:35

Das Märchen von der Diagnostischen Sicherheit

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Die Gesundheitsexpertin (…und nicht, wie ursprünglich an dieser Stelle behauptet, der Krangewarefahrer – der aber auch sehr interessante Dinge schreibt…. 🙂 ) hat das Thema letztens angerissen:
Es ging um die Frage: Warum machen wir in Deutschland viel mehr Diagnostik als anderswo? Auf gutdeutsch: Da wird geröntgt, geschallt, ge-CT’t, Blut abgenommen und endoskopiert was das Zeug hält – und trotzdem leben wir Deutschen nicht länger als die Einwohner anderer europäischer Länder, in deren Gesundheitssystemen wesentlich weniger für Diagnostik ausgegeben wird.
Anderswo macht man einen Test genau dann, wenn man sich von dem Ergebnis Erkenntnisse hofft, welche für das weitere Management des Patienten wichtig sind.
Hier in Deutschland hingegen machen wir einen Test, weil wir eine Diagnose brauchen.
Eine Diagnose, die wir im Arztbrief eintragen und ICD verschlüsseln können, weil ohne Diagnose gibts keine Kohle. Das ist zwar überspitzt ausgedrückt und auch nicht ganz richtig, aber die Richtung stimmt.
Fazit: Wir Deutschen sind teurer, aber nicht unbedingt besser als Andere.
Denn: Auch diagnostische Maßnahmen haben Risiken und Nebenwirkungen. Unter Umständen setzen wir unsere Patienten sogar unnötigen Gefahren aus.
Stimmts oder habe ich Recht?

Written by medizynicus

11. August 2009 at 17:27

Blogroll-Update (9) – Die Gesundheitsexpertin

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Die Gesundheitsexpertin ist Ärtzin, arbeitet aber nicht klinisch sondern betreut klinische Studien im Auftrag eine Pharmaunternehmens. In ihrem Blog finden sich Kommentare zu interessanten Themen aus allen Bereichen des Gesundheitswesens – nein, nicht nur Schweinegrippe!
Ganz besonders erheiternd sind aber die Einblicke in ihr Privatleben. Ihre Wohnung teilt sie nämlich mit Herrn Hund – und der hat zu Hause die Hosen an.

Written by medizynicus

10. August 2009 at 11:00

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Ich bin die Neue, ich komme jetzt öfter! (Teil 2)

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Inzwischen haben wir es in die Stationsküche geschafft. Ich nötige meine neue Kollegin, sich zu setzen.
„Kaffee?“
Sie nickt unsicher.
Keine Sekunde später fliegt die Tür auf und unser werter Herr Kollege Kalle Kodderschnauze platzt herein.
„Ich komme doch nicht etwa ungelegen?“ fragt er und streckt der neuen Kollegin seine Pranke entgegen. „Herzlich Willkommen in Bad Dingenskirchen! Kaffee?“
Sie nickt zum zweiten Mal.
„Vielen Dank, Herr….“ sie versucht, sein Namensschild zu entziffern.
„Kalle! Ich bin Kalle, Okay? Milch und Zucker? Wie heißt Du denn überhaupt?“
„Äh… danke, nur Milch…. Weinschröter ist mein Name.“
„Du hast doch bestimmt auch ’nen Vornamen, oder?“
Sie errötet.
„Sarah.“
„Also gut, Sarah. Das war übrigens völlig korrekt von Dir, mich vorhin zu siezen!“
„Aber Sie duzen sich untereinander?“
„Korrekt. Es gibt da so einen Krankenhausknigge. Die Regeln sind aber nirgendwo aufgeschrieben. Hast Du davon schon einmal gehört?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Also gut!“ Kalle schiebt ihr eine Kaffeetasse hinüber und setzt sich.
„Regel eins: Der Ältere bietet dem Jüngeren das Du an. Regel zwei: Wer schon länger hier ist, bietet dem Neuling das Du an. Regel drei: Der in der Hierarchie höher Stehende bietet dem Niedriger stehenden das Du an. Das sind drei Regeln, welche sich unter Umständen widersprechen können, denn erstens weiß hier niemand wie alt Du bist und zweitens stehst Du formell zwar über den Schwestern, solltest das aber nach Möglichkeit nicht unbedingt hinausposaunen.“
Sarah nimmt einen kleinen Schluck Kaffee und schaut etwas irritiert.
„Und das bedeutet?“
„Das bedeutet, dass Du jeden Assistenzarzt genau einmal siezen wirst und wenn Dir der Kollege nicht spätestens übermorgen das Du anbietet, dann kannst Du ihn ruhig vorsichtig duzen, sofern die anderen Kollegen das auch tun. Bei den Oberärzten musst Du wahrscheinlich eine Weile warten, das kann etwas länger dauern. Manchmal auch bis zum Sankt Nimmerleinstag. Den Schwestern solltest Du das Du anbieten, und zwar am besten indem Du Dich bei der Übergabe kurz vorstellst. Die eine oder andere von den älteren Schwestern wird Dich wahrscheinlich siezen, aber das ist halt so, das ist nicht böse gemeint.“
„Darf man denn prinzipiell alle duzen?“
„Nicht ganz. Für mich ist das Du die normale Umgangsform unter Kollegen, die halbwegs auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Es gibt vier Gruppen von Menschen, die ich sieze. Das eine sind die Patienten, und zwar jeder Patient welcher das sechzehnte Lebensjahr vollendet hat, ohne Ausnahme. Das zweite sind Leute, die sich für etwas Besseres halten, und die von dieser Ansicht nicht abhalten möchte, weil ich von ihnen abhängig bin. Also zum Beispiel der Chef. Und die dritte Gruppe sind Leute, die von mir abhängig sind und von denen ich ab und zu möchte, dass sie ohne grosse Diskussion tun, was ich ihnen sage. Das sind zum Beispiel Auszubildende.“
„Und die vierte Gruppe?“
„Das sind die Arschlöcher. Wenn Du jemanden nicht magst, dann bleib mit ihm per Sie. So bleibt Ihr auf Distanz und geht halbwegs anständig miteinander um.“
Kalle hat seinen Kaffee ausgetrunken und steht auf. Sarah lächelt ein wenig unsicher.
„Das war eine schwierige Lektion!“ sagt sie.
„Wenn Du Deinen Kaffee ausgetrunken hast, zeige ich Dir das Haus.“ sage ich, „das ist nicht ganz so kompliziert!“

Written by medizynicus

10. August 2009 at 07:02