Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

„Mein Hausarzt kommt ja nicht mehr raus…“ – Teil 2

with 11 comments

„Warum haben Sie denn nicht den hausärztlichen Notdienst gerufen?“
„Mein Hausarzt macht da nicht mit. Er sagt, er macht das lieber selbst!“
„Dann muss er sich abends auch um Sie kümmern…“
„Tut er aber nicht! Probieren Sie doch selbst! Rufen Sie einfach seine Praxis an!“
Als der Patient gegangen ist, probiere ich es wirklich aus.
„…guten Tag. Dies ist der Anschluss der Hausarztpraxis Dr. X. Sie rufen ausserhalb unserer Sprechzeiten an. Unsere Sprechzeiten sind Montags bis Freitags von acht Uhr bis elf Uhr dreissig und Montags, Dienstags und Donnerstag von vierzehn bis siebzehn Uhr. Ausserhalb dieser Zeiten steht Ihnen für Notfälle aller Art rund um die Uhr die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses Bad Dingenskirchen zur Verfügung. Sollten Sie im Falle eines dringenden medizinischen Notfalles nicht in der Lage sein, das Krankenhaus aufzusuchen, rufen Sie bitte den Notarzt. Selbständlich stehen auch wir Ihnen ausserhalb der Sprechzeiten in dringenden Fällen für Rückfragen zur Verfügung. In diesem Falle hinterlassen Sie bitte nach dem Ende der Ansage eine Nachricht, Sie werden dann umgehend innerhalb der nächsten Stunde zurückgerufen. Beachten Sie jedoch, dass ärztliche Konsultationen in der Praxis sowie Hausbesuche von seltenen Ausnahmen abgesehen grundsätzlich während der oben genannten Sprechzeiten stattfinden sollten.“

Written by medizynicus

1. September 2009 um 23:21

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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11 Antworten

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  1. Das wäre in Bayern ein glatter Verstoß gegen die Notdienstregelung und würde sofort von der KV angemahnt. Im Wiederholungsfall gibts dann Ärger mit der Zulassung!

    In Brandneburg geht das gar nicht, weil hier der Bereitschaftsdienstdienst über eine KV-Nummer per Anrufweiterschaltung auf den diensttuenden Arzt läuft.

    Wo liegt Bad Dingenskirchen???

    der Landarsch

    2. September 2009 at 07:29

  2. Warum ist das ein Verstoß gegen die Regeln? Der Kollege hat klar und deutlich gesagt, dass der für seine Patienten zur Verfügung steht. Allerdings wird mehr als deutlich klar, dass er keinen Bock darauf hat, nachts von seinen Patienten belästigt zu werden. Wenn er sich das leisten kann… Okay, seine Sache.
    Der Hinweis auf Notarzt und Krankenhaus? Was soll daran illegal sein?
    Und was die Direkt-Weiterleitung angeht: Auch das könnte man auf einen Anrufbeantworter bzw. Handy-Mailbox umleiten lassen.
    Das Handy ist dann halt grundsätzlich ausgeschaltet: Offiziell kein Empfang, oder gerade am Lenkrad, unter der Dusche oder auf dem Klo. Oder gerade bei einem Patienten. Man verspricht ja, zurückzurufen – was man selbstverständlich auch tut (irgendwann halt).
    Das ist nicht unbedingt nett – und viele Patienten werden mit den Füßen abstimmen. Aber illegal?

    medizynicus

    2. September 2009 at 10:24

  3. Hui – langsam muss ich gegen deine Schreibwut intervenieren (z.B. Entfernen des präfrontalen Kortex). Du entpuppst dich zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz 😉

    Nein, Spaß beiseite, deine lit. Hors d’œuvre werden immer besser und ich freue mich sehr auf die Fortsetzungen.

    Kleine Anmerkung: Wie wäre es, wenn du der Tonbandansage noch einen drauf setzt, indem du die Sprechstunden drastisch verkürzt (von 9 bis 10 und von 14 bis 15 Uhr), den Rückrufservice ganz streichst, für beraterische Fälle eine 0190er Hotline anbietest und Konsultationen außerhalb der Praxiszeiten als IGEL-Leistung verkaufst?

    Kommt der Realität fast zu nahe, was? *fg*

    Dir alles Liebe & einen schönen Tag …

    vokalanaesthesie

    2. September 2009 at 10:40

  4. Hm haste mal draufgesprochen und die Zeit gestoppt? 🙂 Ob er wirklich innerhalb einer Stunde zurückruft?

    Aber ein Hausarzt muss doch garnicht immer erreichbar sein. Nur wenn er „Notdienst“ hat oder?

    DeserTStorM

    2. September 2009 at 11:31

  5. Das ist „illegal“, das verstößt gegen die entsprechenden Paragraphen des Sozialgesetzbuches V (SGB V)!
    Wenn Du Dich als Kassenarzt niederlässt, hast Du die „Regeln der Kassenärztlichen Versorgung“ zu befolgen, ansonsten kann Dir die Kassenzulassung entzogen werden (gilt Deutschlandweit!)

    Ein dieser Regeln betrifft die „Präsenzpflicht“, d.h. dass der Kassen-Arzt für seine Patienten rund um die Uhr erreichbar sein muß (und zwar persönlich, nicht über „Alibiphon“!) und er kann dies auch nicht einseitig delegieren, schon gar nicht an’s Krankenhaus, weil das Krankenhaus anders finanziert wird *(siehe unten)!

    Im gegenseitigen kollegialen Einverständnis kann ein „Bereitschaftsdienst“, egal, ob von der KV initiiert/gemanaged, oder regional/lokal/netzintern unter Kollegen abgesprochen (der muss dann aber der KV als „Aufsichtsbehörde“ bekannt gemacht sein) installiert werden, der diese Verpflichtung erfüllt.

    Existiert kein offizieller Bereitschaftsdienst, ist jeder niedergelassene Arzt höchstpersönlich zuständig – 24 Std/Tag, 365 Tage pro Jahr!!!

    Deshalb muss auch – im Urlaubs- oder Krankheitsfall – eine Vertretung benannt, an der Praxis ausgehängt und der KV (als Aufsichtsbehörde) bekannt gegeben werden!

    * Das Krankenhaus wird nach tatsächlichen Fällen, in Abhängigkeit von der Krankheit (DRG’s) bezahlt, während die gesetzlichen Krankenkassen für die niedergelassenen Kassenärzte an die Kassenärztlichen Vereinigungen „mit befreiender Wirkung“ pro Versichertem (nicht „Patienten!) einen bestimmten Betrag überweisen und mit dieser Gesamtsumme a l l e ambulant erbrachten Leistungen, darunter selbstverständlich auch Hausbesuche und Nachtdienste abgegolten sind!!! Bei automatischer Überweisung an’s KH (per Anrufbeantworter oder Telefon-Weiterleitung) zahlt die Kasse somit doppelt! Da haben die was dagegen und reagieren – wenn sie von so etwas erfahren – auch meist sehr schnell mit Antrag auf Entzug der Zulassung!

    der Landarsch

    2. September 2009 at 12:10

  6. Okay. Also ändern wir den Spruch: „….blablabla… unsere Sprechstunden sind…. ich wiederhole:…. blablabla. Selbstverständlich sind wir auch ausserhalb dieser Zeiten für Sie erreichbar. Hinterlassen Sie in diesem Fall eine Nachricht auf dem Band, wir rufen dann schnellstmöglich zurück. Ausserdem haben Sie im Falle von dringenden medizinischen Notfällen die Möglichkeit, ins Krankenhaus zu gehen oder den Notarzt zu rufen.“?
    Das müsste dann doch eigentlich legal sein!

    medizynicus

    2. September 2009 at 12:50

  7. Auf den Notarzt „im Notfall“ hiweisen darfst Du, auch das Rückruf-Angebot ist ok. Aber der Hinweis auf’s Krankenhaus ist verboten (s.o.), denn im Krankenhaus wird keine „Notfallmedizin“ gemacht, sondern stationär behandelt.
    Hier ist das Merkblatt der KV-Bayern zur Präsenzpflicht.

    der Landarsch

    3. September 2009 at 05:42

  8. Auf den Notarzt „im Notfall“ hiweisen darfst Du, auch das Rückruf-Angebot ist ok. Aber der Hinweis auf’s Krankenhaus ist verboten (s.o.), denn im Krankenhaus wird keine „Notfallmedizin“ gemacht, sondern stationär behandelt.
    Hier ist das Merkblatt der KV-Bayern zur Präsenzpflicht.

    Der Notarzt wird übrigens auch aus dem KV-Gesamttopf bezahlt!

    der Landarsch

    3. September 2009 at 05:45

  9. denn im Krankenhaus wird keine „Notfallmedizin“ gemacht, sondern stationär behandelt.

    Und was ist mit unserer Ambulanz?
    In der Notaufnahme machen wir schon (zumindest ab und zu) auch „richtige“ Notfallmedizin, wenn jemand mit Blaulicht reingekommen ist… und die überwiegende Anzahl der Patienten, die nachts in der Ambulanz auflaufen bleiben auch ambulant: Fuß verknackt, Platzwunden, aber auch schonmal Husten-Schnupfen-Heiserkeit oder eben Rückenschmerzen.
    Eigentlich könnte ich die also alle heimschicken und sagen: „rufen Sie doch Ihren Hausarzt bzw. den KV- Notdienst an, wir sind dafür nicht zuständig!“
    Wirklich?

    medizynicus

    3. September 2009 at 08:23

  10. ja, so müsste es – nach dem Willen der Politik – eigentlich laufen. Aber natürlich wissen die auch, dass die Bevölkerung sich um diesen Willen nicht schert. Deshalb wird das Ganze stillschweigend geduldet.

    Aber hast Du Dich schon mal gefragt, warum Du kein Kassenrezept ausstellen darfst? Genau: Du bist kein Kassenarzt und nimmst nicht an der kassenärztlichen Versorgung teil(bzw. Deine Klinik) !

    Die Kassenärztliche Versorgung (Sozialgesetzbuch V) schreibt nämlich vor, dass der Kassenpatient vom Kassen-(Haus-)Arzt versorgt wird und dass dieser – nach Bedarf – Fachärzte oder stationäre Behandlung dazu heranzieht! Dafür gibt’s den Überweisungsschein und den Einweisungsschein, die alle unterschrieben werden müssen, wie ein verantworteter Auftrag!

    Weil Chirurgen lange Zeit im niedergelassenen Bereich Mangelware gewesen sind (ebenso wie die Röntgengeräte) wurden die Krankenhäuser „ermächtigt“, für diese Tätigkeiten an der ambulanten kassenärztlichen Versorgung teilzunehmen – aber nur auf Überweisung. Und diese Überweisungsscheine fordern viele Klinikverwaltungen auch ganz heftig an!

    Inzwischen gibt es aber im ambulanten Bereich ausreichend Chirurgen (und andere Fachärzte), und diese Ermächtigungen werden drastisch zurückgefahren (weils die Kassen ja – s.o. – mehr kostet), oftmals nur auf bestimmte Leistungen beschränkt und oftmals auch nur auf Überweisung durch Fachärzte (nicht mehr durch den einfachen, tumpen, ungebildeten Barfuß-Doc) erlaubt.

    Zum Thema „Notfallmedizin“. Die ist – juristisch – leider nicht als „Behandlung eines Patienten beim Vorliegen eines akuten lebensbedrohlichen Zustandes“ definiert, sondern als „Versorgung und Stabilisierung eines Patienten bei Vorliegen eines akuten lebensbedrohlichem Zustandes bis zur Übernahme in eine geeignete, zur Behandlung qualifizierte Versorgungseinrichtung“.

    Für weitere Fragen und unklarheiten mit dem Sozialrecht, schau Dir mal das SGB V an. Die Welt ist leider etwas anders als man es sich als – zu logischem Denken befähigter – junger Arzt vorstellt.

    der Landarsch

    3. September 2009 at 10:16

  11. In meiner Gegend ist es schon seit Jahren so, dass ab 18 Uhr kein Hausarzt mehr erreichbar ist. Es besteht ein sogenannter kollegialer Vertretungsdienst, der über die 191212 erreichbar ist. Da kommt dann u.U. Urloge oder Neurologe zum Patienten, weil die auch bei diesen Diensten dann mitmachenm dürfen (doll gell?). Ich selbst habe ca. 4x pro Jahr eine komplette Woche diesen kassenärztlichen Notdienst. Macht Spaß sieben Nächte und das komplette Wochenende Hausarzt zu spielen. Offen gesagt weiß ich dann manchmal auch nicht mehr warum es noch die Bezeichnung „Hausarzt“ gibt. Aber das ist meine persönliche Meinung.

    drgeldgier

    5. September 2009 at 10:19


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