Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Oktober 2009

Was macht ein Arzt an seinem freien Wochenende?

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Er bildet sich fort. Auch Medizynicus ist ein braver Junge und hat sich zu einem Kurs angemeldet. Das Geld hat er brav bezahlt und auch eine Anmeldung bekommen.
Da stand dann drauf: Herzlich Willkommen, blablabla und so weiter. Und angehängt war das Programm der Veranstaltung. Als mein Blick darauf fiel, erstarrte ich zur Salzsäule:
„Beginn: Freitag, der Einunddreißigste Oktober um zehn Uhr.“ stand da. Bitte??? In der Anmeldung war von Samstag die Rede. Am Freitag muss ich arbeiten. Hätte ich das vorher gewusst… Habe ich da etwas falsch verstanden?
Also, Griff zum Telefon und nachgefragt. Erstaunlicherweise bekomme ich die zuständige Dame auch sofort an die Strippe.
„Stimmt doch alles,“ sagt sie, „Der Kurs findet selbstverständlich am Einunddreißigsten statt. Das ist ein Samstag, wie Sie mit einem Blick auf den Kalender feststellen können. Wir werden unseren Fehler unverzüglich korrigieren!“
Zwei Tage später bekam ich eine neue Einladung, diesmal für Samstag, den dreißigsten Oktober. Nochmaliger Anruf, erneut beruhigt.
Ja, und heute in aller Frühe mache ich mich dann auf den Weg zum Bahnhof Bad Dingenskirchen und steige Stunden später nach mehrmaligem Umsteigen in der Landesmetropole aus dem Zug.
Nach kurzer U- und Straßenbahnfahrt stehe ich dann vor der ärztlichen Schaltzentrale, dem Palast unserer gewählten Zunftvertreter. Aha. Hier wird also mein Geld verbrannt. Ich wollte immer schonmal wissen, was eigentlich mit meinen Beiträgen geschieht.
Im Foyer muss ich an einer grimmigen Sekretärin vorbei. Ich zeige ihr meine Einladung.
„Können Sie nicht lesen? Da steht doch klar und deutlich: Freitag!“
Ich zeige ihr den anderen Zettel.
„Sagte ich doch, das Datum von gestern!“
Sie telefoniert, dann läßt sich mich wortlos durch.
„Fünfter Stock. Großer Seminarraum!“
Mit dem Aufzug fahre ich nach oben.
„Für Verpflegung ist gesorgt!“ steht in meiner Einladung, und zwar in beiden Versionen. Und tatsächlich: Im fünften Stock ist ein kleines Buffet aufgebaut, es gibt Kaffee, Säfte und belegte Brötchen. Das trifft sich gut, denn die lange Anreise hat mich hungrig gemacht, schließlich bin ich schon seit Stunden unterwegs und habe heute noch nichts zu mir genommen.
Aber zunächst einmal bekomme ich einen riesengroßen Pappkoffer voller Pharmawerbung… äh, ich meine natürlich mit den Tagungsunterlagen überreicht.
Und jetzt bin ich gespannt, auf das, was da noch kommen mag…

Written by medizynicus

31. Oktober 2009 at 22:05

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von den kleinen weißen Pillen

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Auch so’n Dauerbrenner, immer wieder gerne gesehen:
Ort der Handlung: Notaufnahme des Kreiskrankenhauses Bad Dingenskirchen.

Anmerkung:
Der folgende Dialog wurde ins Hochdeutsche übersetzt. Im Original muss man sich die Antworten der Patientin wahlweise in tiefsten plattdeutsch, rheinisch, sächsisch, schwäbisch, ober- oder niederbayrisch vorstellen

Akteure: Eine kleine, ältere (ca. 85 Jahre) und leicht verwirrte und bislang unbekannte Dame.
Worum geht’s?
„Ja, ich kann halt nicht mehr so…“
Was denn genau?
Hierbei drückt sich die Dame ein wenig – sagen wir – unpräzise aus. Sie scheint es selbst nicht so genau zu wissen. Okeeeh, dann gehen wir halt systematisch vor.
Ein Anfänger würde jetzt fragen: Bestehen irgendwelche Vorerkrankungen? Aber die Antwort auf diese Frage ist vorauszusehen, sie wird in einem glasigen und veständnislosen Blick bestehen. Der Profi fragt daher anders:
„Haben Sie ihre Tabletten dabei?“
Ungläubiges Staunen.
Strafender Blick meinerseits.
Kleinlautes Murmeln.
„Ja, die habe ich jetzt gerade nicht dabei…“
„Was nehmen Sie denn?“
„Ja, ziemlich viel…“
„Was denn?“
„Ja, die kleinen Weißen… und dann die Runden… dann die fürs Herz, und für den Blutdruck, und die für den Zucker und die Wassertabletten…“
Danke schön, damit hat sie mir schon sehr viel weiter geholfen. Immerhin kann man jetzt schon eine Menge Diagnosen eintragen….

Written by medizynicus

29. Oktober 2009 at 10:52

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Von der Schwanzgröße der Chirurgen

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Nachdem die Diskussion um diesen Beitrag von Sternenmond in den letzten Tagen wieder aufgeflammt ist, muss ich doch noch eine kleine Geschichte zum Besten geben.
Ort der Handlung: Notaufnahme des Kreiskrankenhauses Bad Dingenskirchen, wie üblich.
Die Akteure: Frau X. mit Bauchschmerzen und schlechten Venen, Dr. Medizynicus, und last not least unser allgemein bekannter chirurgischer Oberarzt Dr. Biestig.
* Vorhang auf *
Auftritt Patientin und Dr. Medizynicus. Patientin stöhnt vor Schmerzen, hat ihren linken Arm von sich gestreckt. Auf dem rechten Arm und Handrücken prangen bereits zahlreiche Pflaster. Der Fachmann erkennt: Hier hat jemand mehrfach vergeblich versucht, einen venösen Zugang zu legen.
Dr. M. steht angestrengt über Frau X.’s linkem Arm gebeugt, Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn.
Endlich! Ein Freudenschrei! Dr. M. fühlt sich wie ein Goldgräber, der irgendwo in Klondike nach jahrelanger vergeblicher Schürferei endlich auf eine Goldader gestoßen ist. Er hat eine Vene gefunden, die Nadel liegt und die Infusion läuft. Dr. M. ist glücklich.
* Auftritt Dr. Biestig *
Mit offenem Kittel über blutbefleckter OP-Kluft stürmt er herein, in der einen Hand die Kaffeetasse, in der anderen Hand… nee, keine Zigarette, das traut selbst der sich nicht, aber sein Atem riecht eindeutig nach gerade beendeter Rauchpause.
Kurzer Blick auf die Patientin, dann auf Dr. M.
„Bist Du schwul, oder was?“
Dr. M. wird rot (nein, ich bin nicht schwul!).
„Wieso?“
„Die Nadel!“
„Was ist mit der?“
„Die Farbe!“
„Ist rosa…“
„Also Junge, ich sage Dir mal etwas: Rosa ist was für Schwuchteln. Grün ist für Internisten, Warmduscher und andere Weicheier. Ein Chirurg nimmt weiß. Okay?“
Sagt’s und ist auch schon wieder draußen.
Und Dr. M. ist wieder mal sprachlos.

p.s.: für Nicht-Insider: Die Farben stehen für die unterschiedlich großen Durchmesser der Nadeln. Eine weiße Kanüle ist also ein ziemlich dicker Brummer –

Written by medizynicus

28. Oktober 2009 at 13:31

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Ein Herz für Blogs

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Ab und zu, wenn ich gerade ganz viel Zeit habe oder sie mir einfach nehme, schaue ich mal in die Liste meiner Referrer und entdecke da oft spannende Perlen, wie zum Beispiel:

  • Stellplatz am Wasser: Michaelas Reisen im Wohnmobil
  • Moonshineblog über das „Leben 2.0“ einer Psychologie-Studentin. Leben Zwo Null? Hat sie etwa schon ein Leben Eins Null hinter sich? Nee, es geht hier nicht um Esoterik und Wiedergeburt sondern „nur“ um ein paar Jahre Lebenserfahrung. Nach eigenen Angaben „Noch ein Blog, das die Welt nicht braucht“… aber dann würde uns etwas fehlen!
  • Und last not least: Desert Storm, die stürmischen Gedanken eines Iih Tiies…. äh, Verzeihung, Ei-Tie-lers meine ich natürlich

…soviel für heute erstmal.

Written by medizynicus

27. Oktober 2009 at 10:13

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Skandal in Bad Dingenskirchen! (Teil 2)

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„Na, an der Sache ist ja doch was dran!“ strahlt Jenny.
Wie schnell sich solche Nachrichten doch verbreiten! Vorhin, bei der allmorgendlichen Frühbesprechung war Oberarzt Biestig nicht anwesend. Chef war ungewohnt wortkarg gewesen, hatte nur etwas von „Urlaub“ gemurmelt und war rasch zum Tagesgeschäft übergegangen.
„Weiß nicht, ob an der Sache wirklich etwas dran ist!“ sage ich und nehme mir einen Kaffee, „jeder hat schließlich das Recht auf Urlaub. Sogar ein Oberarzt!“
„Urlaub und Beurlaubung sind aber zwei verschiedene Sachen.“
„Wieso Beurlaubung?“
Mit riumphierendem Blick knallt Jenny eine Zeitung auf den Tisch.
Als ich den Artikel im Lokalteil des „Dingenskirchener Anzeigers“ lese, hätte ich mich ast erneut verschluckt.
„Herrn Dr. Biestig wurden von der Krankenhausverwaltung Unregelmäßigkeiten in seinem Privatleben vorgeworfen. Er wurde aufgrunddessen bis zur Klärung der Angelegenheit beurlaubt und vom Dienst suspendiert.“
Jenny funkelt mich an.
„Da sagst Du nichts mehr, oder?“
„Selbst wenn dem so wäre… was der in seiner Freizeit anstellt, ist allein seine Sache. Selbst wenn er jeden Abend in den Puff geht!“
„Das stimmt nicht ganz,“ mischt sich jetzt Schwester Gaby ein, „denn immerhin geht es auch um das Ansehen des Krankenhauses. Als Oberarzt steht er schon in einer herausragenden Position. Als Arzt soll er schließlich Vorbild sein!“
„Und das gilt auch für Dich!“ sagt Jenny, wirft mir einen zuckersüßen Blick zu und steht auf, weil es irgendwo geklingelt hat, „Immer schön Vorbild sein, mein Lieber, und vor allem nicht so viel rauchen und die Schweinegrippeimpfung nicht verweigern!“
Womit wir wieder beim Thema wären.

Written by medizynicus

27. Oktober 2009 at 07:00

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Skandal in Bad Dingenskirchen!

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Als ich das Schwesternzimmer betrete, wurde es plötzlich still. Es war die Art von Stille, von der man weiß, dass sie noch keine zwei Sekunden lang bestanden hatte. Jeder einzelnen der Schwestern war es an der Nasenspitze anzusehen, dass sie etwas wussten, von dem ich noch keine Ahnung hatte.
„Ist was?“ fragte ich nach Montagmorgenmuffeligem Gruß.
„Kaffee, Herr Doktor?“
Wenn Schwester Gaby mich ‚Herr Doktor‘ nennt, dann stimmt irgendwas nicht. Ich nahm mir eine leere Tasse.
„Gerne. Also, was ist los?“
Schwester Gaby schenkte mir ein.
„Milch und Zucker, Herr Doktor?“
Ich setzte mich.
„Erzählt schon! Was ist los?“
Schwester Gaby, Schülerin Jenny und die Stationshilfe Waltraud starrten einander an. Maximal zehn Sekunden noch, und dann würden sie losprusten. Sie brannten darauf, mir die Neuigkeit – was auch immer es ein mochte – zu erzählen. Maximal zehn Sekunden noch! Aber ich tat ihnen den Gefallen.
„Also, ich bin ganz Ohr!“
„Eigentlich geht uns das ja gar nichts an…“
„Aha?“
„Und eigentlich sollte man so etwas auch gar nicht weitererzählen…“
„Tut Euch keinen Zwang an!“
„Abgesehen davon ist es ja eigentlich… eigentlich fällt es unter die Schweigepflicht…“
„Dann will ich nichts gehört haben!“
„Er ist ertappt worden!“ prustete Jenny los.
„Wer?“
„Na, unser sauberer Herrn Oberarzt!“
Fast hätte ich mich verschluckt. Oberarzt Biestig hat sich weder durch übermäßige Fachkompetenz noch durch übermäßig sympathiegewinnende Verhaltensweisen hervorgetan.
„Wobei hat man ihn ertappt? Wer überhaupt? Und was soll er angestellt haben?“
„Er war bei Madame Jaqueline?“
„Wie bitte?“
„Du kennst doch Madame Jaqueline!“
Was sollte diese Frage? Jeder in Bad Dingenskirchen kennt Madame Jaqueline und ihren ‚Pussycat Club‘ mit dem riesigen pinkfarbenen Leuchtreklame im Gewerbegebiet an der Autobahn.
„Unser Oberarzt Biestig hat einen Hausbesuch bestellt…“
„Ach!“
Ich wusste gar nicht, dass es neben Hausärzten und Pizza-Service auch andere Dienstleister noch Hausbesuche anbieten. Jenny war in ihrem Element.
„…gleich zwei Freudenmädchen auf einmal wollte er haben. Und es heißt, er hatte ziemlich spezielle Wünsche…“
Man muss wissen, dass die Jenny das ziemlich allergrößte Lästermaul von Bad Dingenskirchen hat und damit auch schon ein paarmal ganz schön ausgerutscht ist.
Und mit Biestig hat sie offenbar sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen
Ich nahm einen Schluck Kaffee und bemühte mich, möglichst gleichgültig dreinzuschaun.
„Was geht mich das an?“
„Mein Freund hat es mir erzählt!“ erzählte Jenny weiter, „Sein bester Kumpel arbeitet ja beim ‚Dingenskirchener Anzeiger‘. Dem haben sie Photos zugespielt. Da ist alles drauf…“
Der ‚Dingenskirchener Anzeiger‘ ist nicht unbedingt für Qualitätsjournalismus bekannt. Und abgesehen davon… es handelte sich hier offenbar um eine Geschichte aus dritter oder vierter Hand, der Wahrheitsgehalt dürfte eher fragwürdig sein. Ich bemühe mich um Nonchalance.
„Und Ihr glaubt diesen Mist?“
Ich trinke meine Tasse aus, spüle sie sorgfältig und stelle sie zurück.
„Warum nicht?“
„Wahrscheinlich ist an der Geschichte doch nichts dran!“
„Aber wenn doch? Ein Skandal wäre es schon…“
Kopfschüttelnd velasse ich den Raum.

Written by medizynicus

26. Oktober 2009 at 01:55

Jetzt haben wir also einen Neuen. Minister, meine ich.

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Hmm. Ja. Also.
Okay, ich bin ein höflicher Mensch. Also strecke ich mal vorsichtig meine rechte Vorderflosse aus. Darf man Dir gratulieren, Kollege Philip?
Ja, ich hab schon gehört, Du bist einer von uns, der erste Arzt auf diesem Posten und mit 36 Jahren auch nicht älter als viele von uns, die wir von Diensten gebeutelt im schmutzigweißen Kittel nächtens über dunkle Krankenhausflure schlurfen und bitteren, kaltgewordenen Kaffee trinken anstatt im Armani-Anzug auf Pharmaindustriegesponsorten Dinner-Partys am Schampusglas zu nippen.
Jünger als unser Oberarzt bist Du allemale. Deswegen duze ich Dich auch mal einfach, ich hoffe das ist für Dich okay.
Also gut, Du bist der erste Arzt in diesem Job, das sollte für Dich sprechen. Trotzdem bin ich felsenfest überzeugt davon, dass Dir innerhalb kürzester Zeit den tiefsten Hass der Mehrheit Deiner Kollegen zuziehen wirst, das ist noch jedem Deiner Vorgänger so gegangen.
Warum sollte es Dir da besser gehen? Vorschusslorberen kriegste von mir jedenfalls nicht, aber Vorurteile habe ich auch nicht. Also, man darf gespannt sein…

Written by medizynicus

24. Oktober 2009 at 22:28

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