Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Internistisches Polytrauma. Oder: Können Hausärzte denken?

with 9 comments

Patientin des Tages heute ist Frau K.: Mitte siebzig, verwitwet, alleinstehend, übergewichtig und eine ellenlange Diagnosenliste: Asthma, Schlafapnoe, Schnarchen, Schlaflosigkeit und alle möglichen weiteren Probleme, ihren Schlaf betreffend. In irgendeinem alten Entlassbrief war auch mal von Schlafwandeln die Rede, aber ich glaube, das hat sich inzwiwschen erledigt, schon allein weil ihr das Aufstehen in den Hüften wehtut. Überhaupt tuts so gut wie überall weh: Rücken, Hüften, Schultern… eigentlich tut ihr so gut wie alles weh, und da wo’s nicht weh tut, da kribbelt’s oder zwickt’s.
Und natürlich ist sie Diabetikerin, hohen Blutdruck hat sie sowieso und hohes Cholesterin natürlich auch, das hat ja schließlich jeder.
Wie zu vermuten ist die Liste ihrer Medikamente noch viel länger als die Liste ihrer Diagnosen.
Ihre Privatapotheke hat sie dabei, in zwei prall gefüllten Plastiktüten. Als da wären: fünf verschiedene Blutdruckmittel. Sechs Asthmasprays. Sieben Schmerzmittel. Und so weiter, und so weiter.
Da bleibt es nicht aus, dass die verschiedenen Mittel einander beißen: Eines der Blutdruckmittel (Beta-Blocker) ist bei Asthma streng kontraindiziert. Und eines der Schmerzmittel (ein sogenannter NSAR) auch. Hätte der Hausarzt das nicht merken müssen? Oder liegt es daran, dass der Orthopäde nichts vom Asthma weiß und der Hausarzt nichts von dem, was der Orthopäde verordnet hat? Aber wäre es nicht die Aufgabe des Hausarztes, dieses Dickicht einmal zu durchforsten und unnötige oder gar gefährliche Medikamente abzusetzen?
Und nicht zuletzt: Wenn jemand schon über zwanzig Pillen am Tag schlucken muss – ist es dann wirklich nötig, ihm noch etwas gegen erhöhtes Cholesterin und Harnsäure dazu zu schreiben?

Written by medizynicus

22. Oktober 2009 um 09:55

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

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  1. Da sag ich jetzt besser nix dazu. Glaubst Du tatsächlich, dass ein derartiger Schwachsinn auf dem Mist eine – wissenden – Hausarztes gewachsen ist?

    der Landarsch

    22. Oktober 2009 at 10:32

  2. Nö. Der arme Hausarzt hatte offensichtlich eh nicht viel zu melden. Der war nur zum Überweisungen- und Rezepte-Ausstellen gut.

    medizynicus

    22. Oktober 2009 at 10:49

  3. Ein Dilemma: Rabattverträge
    Die Politik hat die Pharmaunternehmen und Kassen dazu verdonnert sogenannte Rabattverträge abzuschließen. Die ändern sich aber wöchentlich. So bekommt die arme Patientin bei jedem Rezept ein Asthmaspray oder ein Blutdruckmittel von jeweils einer anderen Pharmafirma mit logischerweise anderem Aussehen. Da der Doktor aber nix gesagt hat, dass die blaue Kleine nun die hellgrüne Längliche ersetzt, nehm ich lieber beide. Ich habe selbst schon eine Patientin erlebt, die 3 verschiedene Bisoprolol-Präparate gleichzeitig genommen hat. Da kann der Hausarzt nix dafür.

    drgeldgier

    22. Oktober 2009 at 11:25

  4. Frage: Was unterscheidet die stationäre Medizin von der ambulanten?

    Antwort:
    im Krankenhaus gibt der/die PatientIn seine/ihre Verantwortung an der Pforte ab und bekommt alles nötige in den Mund geschoben (manche spucken das manchmal auch wieder aus, dann dauert’s etwas länger). Am Ende wird der/die PatientIn dann als – per Definition – „geheilt“ entlassen. Wenn er/sie’s nicht ist/bleibt, ist der HA Schuld, denn die im Krankenhaus haben ihm ja geschrieben (Anm.: mit bis zu 6 monatiger Verspätung) was er tun muss. Hat er wohl wieder nicht gerafft! Na ja, ist halt nur der Hausarzt)

    im ambulanten Bereich „behält der/die PatientIn seine/ihre Souveränität“ und entscheidet selbst (muss selbst entscheiden):

    — geht zu dutzenden von Ärzten (die oftmals nix von einander wissen), wobei sich jeder Facharzt nur um sein eigenes Gebiet kümmert, aufschreibt, was er (in seinem Gebiet) für richtig/notwendig hält und streicht, was – aus einem anderen Gebiet – stört (wenn er davon weiß),

    — nimmt die verordneten Medikamente (von Hausarzt oder Facharzt) wann und wie er/sie will oder auch gar nicht (nachdem er/sie den Waschzettel gelesen hat)

    — kauft sich auch noch andere (frei verkäufliche) Medikamente (auf Empfehlung von Tannte Emma und Cousin Besserwiss, oder wegen der schönen Werbung) dazu,

    — hortet Medikamente aus mehreren Jahren (oftmals auch noch von anderen – verstorbenen – Familienangehörigen), z.T. verfallen (aber das ist ja nicht mehr lesbar) – und bei den heutigen Zuzahlungen …,

    — glaubt genau zu wissen, welches seiner gehorteten Medikamente ihm/ihr (oder auch der Großmutter) vor x Jahren schon mal geholfen hat und nimmt es dann plötzlich, ohne dass irgendein Arzt davon weiß („muss doch richtig sein, hab ich doch vom Arzt/vom Herrn Professor verordnet bekommen“),

    — nimmt auch sonst unreflektiert alles, was in der Familie verfügbar ist, besonders gerne Schmerzmittel, Schlafmittel, Rheumamittel, Abführmittel, kurz alles, was es ihm/ihr erleichtert, sein/ihr Leben nicht endlich ändern zu müssen,

    — und jammert dem Hausarzt ständig vor, dass es so nicht weitergeht, er/sie esse doch gar nichts, das Cholesterin, die Fette, die Harnäure, der Zucker und besonders das Rheuma kämen doch entweder vom verordneten Fasten (Wieso ist das Gewicht dann gestiegen? Das muss auch vom Fasten kommen, oder, Herr Doktor?) oder aber von einer schweren Krankheit und er/sie müsse deshalb umgehend wieder zum Durchchecken in die Uniklinik zum Herrn Professor (man hat ja schließlich seine KH-Tagegeldversicherung mit dem Zusatz für Privat-Behandlung)

    Merke: Als Stationsarzt im KH sollte man nicht aus seiner Sitation die des Hausarztes interpolieren – und sich dann darüber echauffieren!

    der Landarsch

    22. Oktober 2009 at 11:56

  5. Unsere Oma hat eine tollen Hausarzt, der sich darum kümmert, nur ist so ein Arzt auch mal von zuvielen Patienten überrannt und deshalb werden sie medikament nur in einer Apotheke abgeholt und die Gehwagenschubserin hat von denen eine Kundenkarte und wenn dann doch ein neues Medikament verschrieben wird, dann kontrolliert der Apotheker mal nach ob das alles so passt.
    Im Zweifelsfall klärt der das dann mit dem Arzt.
    Schöner wäre es wenn der Arzt das immer machen würde, aber mal ehrlich, der ist auch nur ein Mensch.
    Und wenn man sich das klar macht, dann nutzt man eben die anderen Möglichkeiten auch.

    Morphium

    22. Oktober 2009 at 13:12

  6. Hört sich nach meiner Oma an. Oder nach irgendeinem x-beliebigen alten Menschen, bevorzugt weiblich. Leider!

    Maia

    22. Oktober 2009 at 16:40

  7. Schön zu lesen, dass auch andere diese Polymedikationen teilweise bedenklich finden.

    Absolut „off topic“ … aber bei mir gibt’s wieder ein Quiz: http://www.pharmama.ch/files/ApothekenQuiz4.html

    pharmama

    22. Oktober 2009 at 20:49

  8. So langsam geht mir das Hausarzt-Bashing auf die Gonaden: Es fehlt irgendwie der Blick über den eigenen Tellerand. Die klinische, stationäre Medizin ist ein artefizieller Mikrokosmos, der mit dem wirklichen Leben nur bedingt etwas zu tun hat. Und schnell den Blick auf die Lebenswirklichkeit des Patienten verstellt.

    Der hat die Lehrbücher nicht gelesen (so wie die Krankheiten auch nicht) und macht was er will. Das Wahrzeichen der ambulanten Medizin ist deshalb nicht die Taube auf dem Dach, sondern der Spatz in der Hand.

    Die Lemminge-Medizin funktioniert ambulant nicht. Würde der Hausarzt denken wie der typische Klinik-Assistent oder -OA, könnte er einpacken. Dass seine Methode dennoch funktioniert, dafür spricht, dass immerhin um die 90% aller an ihn herangetragenen medizinischen Probleme von ihm gelöst werden können.

    Also, ab und zu mal absteigen vom hohen Ross, das schärft den Blick für die Realität.

    dienstarzt

    23. Oktober 2009 at 01:22

  9. Ich wurde in der Rettungsstelle schon einfühlsamer behandelt als bei manchen Hausärzten…

    berlinerweisse

    26. Oktober 2009 at 12:28


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