Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Medizynische… äh… medizinische Fortbildungen (Teil2)

with 9 comments

Ja, wie ging’s weiter?
Ich stehe also an einem winzigen Bistrotisch im fünften Stock des Ärztepalastes, schlabbere lauwarmen ungenießbaren Kaffee, kaue auf einem Wurstbrötchen herum und genieße den Blick auf die Stadt. Ich bin früh dran, noch ist kaum wer da. Nachdem ich mit dem Stadt-Blick-Genießen also fertig bin, nehme ich mir eine zweite Stulle und dazu ein Fläschchen O-Saft und schaue in meine Kongressmappe. Die ist voll von dicken Hochglanzpappen auf denen vorne irgendwelche Pharma-Slogans stehen, in der Mitte dann Tabellen und Säulendiagramme und hinten dann ganz kleingedruckt die Nebenwirkungen der betreffenden Pillen. Ich lasse die Dinger diskret in den nächstgelegenen Papierkorb gleiten.
Nur das Seminarprogramm behalte ich.
Da habe ich doch gleich eine Frage! Vertrauensvoll wende ich mich an die Anmeldedame.
„Entschuldigung…“
„Ja?“
„Ähem… die Tagung fängt um zehn Uhr an?“
„Richtig!“
„Und hört um siebzehn Uhr auf?“
„Genau!“
„Und zwischendurch gibts eine Stunde Mittagspause und zweimal eine Viertelstunde Kaffepause?“
„Das steht doch alles im Programm.“
„Eben. Und da steht auch, dass die Tagung acht Stunden dauern soll… also, acht Stunden plus Pausen macht nach Adam Riese…“
Immerhin muss ich ja heute noch den letzten Zug zurück nach Bad Dingenskirchen erwischen.
Die Dame lächelt geheimnisvoll.
„Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Trinken Sie lieber noch in Ruhe einen Kaffee. Wir fangen nämlich etwas später an…“
Inzwischen ist es längst zehn Uhr dreißig geworden. Und die anderen Kollegen sind auch aufgetaucht, stehen an den Bistrotischen, tun so als ob sie in den Seminarunterlagen blättern oder den Blick genießen würden oder starren einfach nur Löcher in die Luft.
Um zehn Uhr fünfunddreißig werden wir gebeten, im Seminarraum Platz zu nehmen und fünf Minuten später kommt der Dozent, ein wenig Atemlos. Die Anmeldedame folgt ihm auf dem Fuß und trägt ihm ein kleines Tablett mit zwei Brötchenhälften, einer Tasse Kaffee und einem Glas Wasser hinterher.
Tipp, Tipp, ans Mikrofon.
„Guten Tag, können Sie mich hören?“
Mikro geht natürlich nicht, aber hören können wir ihn trotzdem.
Er entschuldigt sich, hat im Stau gestanden oder was weiß ich, jedenfalls können wir gleich loslegen, und zwar mit einem dreiseitigen Multiple-Choice-Quiz. Während wir fleißig Kreuzchen machen, mampft der Dozent seine Brötchen. Gut gelaunt sammelt er dann die Zettel ein.
„So, und jetzt mache ich Ihnen einen Vorschlag!“ beginnt er dann, „Wie Sie wissen, werden Ihnen heute Fortbildungspunkte für eine achtstündige Veranstaltung bescheinigt. Aber natürlich weiß ich, dass Sie und ich gerne pünktlich nach Hause möchten. Also, das einstündige Rollenspiel am Nachmittag, das schenken wir uns. Und den Statistik-Kram am Vormittag auch. Ja, und dann schlage ich vor, dass ich Ihnen von den restlichen dreihundert Power-Point Folien nur die Hälfte zeige, dann brauchen wir die Pausen nicht zu sehr zu kürzen. Sind Sie einverstanden?“
Keiner wagt zu widersprechen. An die zweihundert Euro Seminargebühren denke ich jetzt lieber nicht.

Written by medizynicus

2. November 2009 um 07:04

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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9 Antworten

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  1. Zweihundert Euro, das war aber teurer lauwarmer Kaffee…

    Hermione

    2. November 2009 at 08:13

  2. Boah verdammt, jetzt hab ich statt Bistrotisch erstmal Biostrich gelesen und fragte mich was das sein soll.

    Mit Birkenstrock 50€? 😀

    Und zu dem anderen: Woah, bringt sicherlich viel das Seminar. :-/

    DeserTStorM

    2. November 2009 at 11:32

  3. Welche Stärke hatte denn der Widerspruch des Autors auf der nach oben offenen Vehemenzskala … ?

    piratedoc

    2. November 2009 at 13:54

  4. DesertStorm, das beruhigt mich ungemein, dass ich damit nicht allein bin. Ich hab zuerst Bingostrich gelesen und war doch sehr irritiert…

    Hermione

    2. November 2009 at 20:15

  5. Jetzt wissen wir endlich, womit Ärzte Geld verdienen: In dem Sie an solchen Veranstaltungen als Dozent auftreten… 😉

    eyeit

    2. November 2009 at 21:41

  6. „Keiner wagt zu widersprechen. An die zweihundert Euro Seminargebühren denke ich jetzt lieber nicht.“

    Ja, genau. Und GENAU DARUM funktionieren auch die Studiengebühren nicht als Regulativ für bessere Lehre (wie uns die Politik immer gerne einreden möchte).

    Mein herzliches Beileid. Ich weiß (aus Erfahrung) wie es sich anfühlt, wenn man als einzige in der Gruppe was wissen will und der Rest der Gruppe vehement Druck dagegen aufbaut…

    Benedicta

    3. November 2009 at 01:14

  7. …is mir schlecht…
    Ich erhoffe mir von Weiterbildungen immer Input, auch wenn nur wenige Punkte genau für mich maßgeschneidert sind. Aber sowas, wie hier beschrieben, ist mir glücklicherweise noch nie passiert. Dafür wäre mir auch meine Zeit zu kostbar.
    Einfach ärgerlich.
    Bin ich jetzt ein Streber?

    Miki

    4. November 2009 at 00:48

  8. […] Teil 2 (von 3) […]

  9. […] Fortsetzung der Geschichte […]


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