Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Der Pharma-Weihnachtsmann: nicht jeder wird beschert

with 5 comments

Meine Kollegin Sarah setzt ihren süssesten Hundeblick auf.
„Sag mal, könntest Du mir vielleicht einen Gefallen tun…“
Ich lege die Krankenakte und das Diktiergerät weg.
Natürlich, für Dich tu ich doch alles, denke ich, ähem…. fast alles.
„Das kommt darauf an!“ sage ich.
Sie lacht und tritt vor die Wand des Arztzimmers, wo unser Dienstplan hängt.
„Könntest Du vielleicht ein Wochenende mit mir tauschen?“
Ich nehme meine Kaffeetasse und folge ihr.
Sie deutet auf eine bestimmte Stelle an dem Plan. Okay, das Wochenende, welches sie mir zuzuschustern im Begriff ist habe ich natürlich längst verplant. Eigentlich schon seit Wochen, und zwar für eine Sache, auf die ich mich schon lange gefreut habe. Aber, wie schon gesagt, für Sarah…
Ich unterdrücke ein Seufzen und nicke.
Sarah strahlt. Sie nimmt einen dicken Filzstift, streicht ihre Initialen aus und schreibt meine hin.
„Darf ich fragen… ohne indiskret sein zu wollen…“
„Oh, natürlich darfst Du! Es ist ja kein Geheimnis!“
Sie greift in die Kitteltasche und holt eine Einladungskarte heraus. Die Farben und das Design kommen mir irgendwie bekannt vor.
„Holadiol-Symposium“, lese ich da, Florenz 2009.
„Reisekosten und Hotel werden von der Firma gezahlt!“ sagt Sarah stolz.
Mir fällt vor Schreck fast die Kaffeetasse aus der Hand.
„Wie kommst Du…?“
Sarah lacht.
„Ach, ich war gerade in der Ambulanz, als dieser Pharmareferent hereinkam. Er wirkte ein wenig enttäuscht. Er sagte, daß er sich von allen Leuten hier im Haus verschaukelt fühlt. Ich habe mich einfach nur ein wenig mit ihm unterhalten und versucht, ihn zu trösten. Und dann meinte er, er hätte noch eine Einladung zu dieser Koferenz, die war eigentlich für den Chef gedacht, aber weil er den nicht gefunden hat, hat er sie mir gegeben!“
Ich setze mich wieder an meinen Schreibtisch, nehme Akte und Diktiergerät und bemühe mich, möglichst gleichgültig zu werden.
„…und verbleibe mit kollegialen Grüßen, Name, Unterschrift. Punkt. Weiter gehts mit dem Entlassungsbericht von…“

Written by medizynicus

10. November 2009 um 22:00

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

5 Antworten

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  1. Sei froh, dass Du nicht nach Florenz musst. Vielleicht bleibt es Dir erspart Hauptperson einer Bild-Schlagzeile:
    „Geldgeile Jammerärzte lassen sich weiterhin von Pharma-Lobby korrumpieren und zu Schein-Fortbildungen in Europas schönste Metropolen einladen“

    ok, die Länge der Schlagzeile kommt dann eher für die SZ in Frage. Ist ja egal, was Ärzte betrifft zuletzt eh das größere Hatzblatt.

    drgeldgier

    10. November 2009 at 23:41

  2. Tja, ob der Chefarzt da wohl auch gerne gewesen wäre? *hrrhrrr*

    Falls sie dich mitnehmen kann, fragt doch mal den Chefarzt, ob er das WE übernimmt *flücht*

    Blogolade

    11. November 2009 at 10:18

  3. Sarah muss aber sehr hübsch sein 😉

    Rocket

    11. November 2009 at 17:13

  4. @rocket: Ja, auf meine (ähem… nee, sie ist ja noch gar nicht meine) Sarah lasse ich nichts kommen! Hübscher als der Chef ist sie allemale. Nee, im Ernst, sie ist eindeutig die allerhübscheste Ärztin im Kreiskrankenhaus Bad Dingenskirchen. Obwohl die Jenny auch ganz süß aussieht, die ist aber keine Ärztin. Außerdem hat sie nen Freund

    medizynicus

    11. November 2009 at 20:14

  5. […] nicht so gut.“ Eigentlich habe ich jetzt Feierabend. Eigentlich bin ich gar nicht mehr hier. Sarah hat Dienst. Wo steckt die bloß? „Was fehlt ihm denn?“ „Ich glaube, er hat einen […]


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