Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Der Weihnachtsmann von der Pharmaindustrie…

with 5 comments

Da ist wieder so einer.
Etwas verloren steht er auf dem Flur herum: Schickes Sakko, polierte Schuhe und in der Hand ein Aktenköfferchen. Demütig und mit leicht gesenktem Kopf klopft er an die Scheibe des Schwesternzimmers.
„Guten Tag, ich hätte gerne den Herrn Chefarzt gesprochen…“
„Der ist unten in seinem Büro!“
Oder im OP. Oder in der Endoskopie. Oder in der Ambulanz. Wahrscheinlich war der Mann mit dem Köfferchen dort schon überall gewesen und hat ihn nicht angetroffen. Aber er läßt sich nichts anmerken. Bedankt sich freundlich und geht zurück in Richtung Treppenhaus.
Schwester Gaby schaut ihm eine Sekunde lang nach.
„Hallo, warten Sie…“
Er dreht sich um.
„Sie haben nicht zufällig ein paar Kleinigkeiten für uns?“
Der Köfferchenmann lacht kurz, langt in seine Tasche und fördert ein Bündel bunter Kugelschreiber hervor. „Holladiol Forte“ steht darauf.
Schwester Gaby bedankt sich, aber kaum ist der Köfferchenmann um die Ecke gebogen, da schüttelt sie den Kopf.
„Früher waren sie spendabler gewesen!“ sagt sie.
„Wieso?“ frage ich.
„Um diese Jahreszeit wären ja wohl mindestens ein paar Kalender fällig gewesen!“
„Oder ein paar brauchbare Bücher!“ meint Kollege Kalle.
„Von Kaffeemaschinen, Radios oder Uhren will ich ja gar nicht erst anfangen,“ fährt Gaby fort, „Und Aschenbecher brauche ich gar nicht erst zu erwähnen.“
„Na, da kann er doch nichts für, wenn seine Firma geiziger geworden ist.“
„Sein Pech.“
„Warum?“
„Wäre er spendabler gewesen, dann hätte ich ihm gesagt, wo er den Chef findet!“
Schwester Gaby grinst ihr fiesestes Grinsen.
„Der sitzt nämlich gerade hier auf Station im Schwesternzimmer und trinkt Kaffee!“

Written by medizynicus

10. November 2009 um 00:40

5 Antworten

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  1. Die armen Schweine können doch gar nichts dafür! Schuld sind doch die Traumtänzer des Werbe-Innendienstes, die zwar nicht wissen (wollen) wer ihre eigentlichen Kunden sind, aber ganz genau wissen, wie, mit was und wieviel diese Kunden zu überzeugen sind! Der Pharma-Aussendienst tut mit inzwischen nur noch leid!

    der Landarsch

    10. November 2009 at 09:21

  2. Hm also diese Schwester ist mir wirklich sehr umsympathisch.

    Hätte sie dem Herrn vielleicht gesagt wo er den Chefarzt findet, hätte er ihr vielleicht auch etwas anderes gegeben.

    Zudem wäre es mir wirklich total peinlich, überhaupt nach soetwas zu fragen. Mir ist es schon unangehm wenn ich hier von irgendwelchen Key Accountern solche „Geschenke“ bekomme. Und die bewegen sich in ganz anderen Bereichen als nen Aschenbecher oder nen Kalender.

    Komische Züge die manche Menschen so annehmen.

    DeserTStorM

    10. November 2009 at 12:41

  3. @Landarsch:
    ich wollte nie den Job den Köfferchenmanns haben, da braucht man schon ein gehöriges Stück Frustrationstoleranz und muss sich sein Selbstwertgefühl sonstwo holen.
    Andererseits: in meiner Verwandtschaft befindet sich ein solcher professioneller Köfferchenträger. Bei einem Einkommensvergleich würde ich verblassen und weil er ein ganz erfolgreicher Köfferchenträger ist, bekommt er fast jährlich auch tolle Prämien, wie Hubschrauberflüge auf Inseln mit anschließend 1 Woche Urlaub, selbstverständlich mit Ehefrau, …
    Wenn man bedenkt, dass jeder Cent, den diese Menschen verdienen letztlich auch aus den Beiträgen der Krankenversicherten stammt, dann hält sich mein Mitleid massiv in Grenzen.

    drgeldgier

    10. November 2009 at 14:43

  4. […] „Wie kommst Du…?“ Sarah lacht. „Ach, ich war gerade in der Ambulanz, als dieser Pharmareferent hereinkam. Er wirkte ein wenig enttäuscht. Er sagte, daß er sich von allen Leuten hier im Haus […]

  5. @drGeldgier, meine Frau war vor 20 Jahren im Pharmaaussendienst. Damals hat’s noch Spass gemacht (jeden Tag schon Mittags zuhause) – auch für die Ärzte. Aber wenn ich die heutigen Köfferchenträger so sehe …

    Sie hat dann übrigens trotzdem hingeschmissen, weil’s ihr „auf den Sack“ gegangen ist. Geld und Geschenke alleine machen nicht glücklich !!!

    der Landarsch

    11. November 2009 at 09:26


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