Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Nie beim Arzt gewesen

with 14 comments

Dicke Wollstrümpfe, Kittelschürze und Kopftuch: Die Patientin sieht aus wie einem Heimatfilm der siebziger Jahre entsprungen.
Sie kommt aus Einödshofen.
Einödshofen liegt hinterm Wald, etwa zehn Kilometer von Bad Dingenskirchen entfernt. Drumherum ist ziemlich viel Lanndschaft. Genau eine Straße führt in das Dorf hinein und das beste an dieser Straße ist, daß sie auch wieder hinausführt: hinaus in die große weite Welt, aber dorthin will niemand, der in Einödshofen wohnt.
Wer in Einödshofen wohnt, der bleibt dort.
Und weil es in Einödshofen keinen Arzt gibt, geht man auch nicht hin.
„Wissen Sie, ich war seit vierzig Jahren nicht mehr beim Arzt…,“ sagt die Endsiebzigerin, „und ich wäre auch heute nicht gegangen. Aber meine Enkelin meinte, ich sollte mal doch…“
„Was fehlt Ihnen denn?“
„Ja, der Bauch tut mir halt ab und zu weh…“
Ab und zu?
Seit Jahren schon!
Und immer so schlapp fühlt sie sich, und schwindelig ist ihr. Und abgenommen hat sie, über zehn Kilo im letzten halben Jahr.
Muss ich erwähnen, dass die Patientin eine ganz ungesunde gelbe Gesichtsfarbe hat?
Muss ich erwähnen, dass die Leber so stark vergrößert war, dass man sie nicht nur fühlen sondern fast schon durch die Haut sehen kann?
Muss ich erwähnen, dass die Patientin ein fortgeschrittenes und mehrfach metastasierendes Dickdarm-Karzinom hat?
Morgen oder übermorgen werden wir sie wieder entlassen.
Zurück nach Einödshofen.
Zum Sterben.

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Written by medizynicus

17. November 2009 um 10:43

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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14 Antworten

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  1. So ein Verhalten ist (leider) sehr häufig zu finden.
    In meiner Verwandtschaft – unter den Älteren wohlgemerkt – wird stets mit heimtückischen und betrügerischen Ärzten gerechnet.
    Beispiel? Tante X geht wegen Schmerzen im Nasenbereich zum Arzt. Doktor Y diagnostiziert Hautkrebs im Frühstadium und rät zur Einweisung ins Krankenhaus + Operation. Beim Familientreffen wird dann geklatscht, was das Zeug hält, „den Ärzten kann man nicht trauen“, „die quälen ja noch den letzten alten Sack damit se was zum Operieren haben“.
    Einhellige Meinung: geh bloß nicht ins Krankenhaus (du bist doch schon soooo alt).
    Tante X entschließt sich nach langem gutem Zureden ihrer Kinder doch zur OP, ist einen Monat (oder so ähnlich) im KH und kommt geheilt wieder nach Hause.
    Die Verwandtschaft lästert jetzt über die OP-Narben…

    Was ich damit sagen will: es gibt Leute, die kann man nicht (mehr) belehren. Wenn Sie Warnsignale ignorieren, sind sie (z.T.) selber Schuld an ihrem Schicksal.

    stef

    17. November 2009 at 13:51

  2. Offen gesagt: wenn ich es bis Ende 70 ohne Arzt schaffe und dann mit diesem Befund nur „ab und zu Bauchweh“ habe, dann flehe ich Dich an: bitte gib mir die genauen Koordinaten von Einödshofen.
    Besser als mit 47 frühberentet, 4 Bandscheiben-OP, einen Rattenschwanz von Diagnosen – darunter natürlich auch Impfschaden und Fibromyalgie – und Schmerzen allüberall.

    drgeldgier

    17. November 2009 at 14:06

  3. Och naja, ist doch garnicht so schlimm. wenn es ihr so weit bis jetzt gut ging. Bald 80 Jahre geschafft. Sie hat anscheinend alles richtig gemacht. Wer weiß wie alt sie mit der Diagnose + Behandlung geworden wäre.

    DeserTStorM

    17. November 2009 at 15:27

  4. Hm, ich sage ja immer, mein Urgroßvater ist an Sturheit gestorben. Er weigerte sich, zum Arzt zu gehen und wurde erst eingeliefert, als er bewusstlos war. Letztendlich starb er an einer Erkältung, die irgendwann zu einer Lungenentzündung wurde.
    Denke, es ist schwer, bei sowas von Sinn zu sprechen.. Und wenn man die Situation nicht einschätzen kann, ists nur noch leichtsinnig.

    chaoskatze

    17. November 2009 at 20:24

  5. Ist sicher krass, so eine fortgeschrittene Krankheit zu sehen… aber die ganzen Früerkennungsuntersuchungen, wo etwas mit 55 gefunden wird, was erst mit 70 Probleme machen würde… aber es wird schon mal weggeschnippelt (immer wieder gerne > Prostata ), wo bleibt da die Lebensqualität?
    Die Krebs-Panik, die verbreitet wird, ist doch auch blöd… an irgendwas muss ja nun mal jeder sterben… und fast 80… wird ja nicht jeder..

    Miki

    17. November 2009 at 22:39

  6. Also ich sehe zwischen Krebs haben und nicht haben schon einen Unterschied in der Lebensqualität.

    Krebs“panik“ wird auch nicht aus Jux und Tollerei verbreitet, sondern weil es eine reale, häufige, schwer behandelbare, unangenehme Krankheit ist – nach Kerz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland.
    Ich empfehle auch diesen Artikel: http://www.medi-learn.de/tagebuch-arzt-2/?p=435

    NK

    17. November 2009 at 23:36

  7. genau so sehe ich das auch, OP, künstlicher Darmausgang,´Chemo, dann lieber mit fast 80 und ab und zu Bauchschmerzen zu Hause sterben.

    Sylvia

    18. November 2009 at 04:10

  8. Jeder Mensch darf gerne „nach seiner Façon selig werden“. Wenn er einen Fachmann (z.B. Arzt) braucht, soll er diesen konsultieren. Wenn er ohne auskommt, darf er das auch. Denn er muss ja schließlich mit den Problemen (z.B. Schmerzen) leben (oder sterben).

    @stef: Und wenn die lieben Verwandten und Nachbarn sich das Maul zerreißt, dann wissen wir, dass sie beleidigt sind, weil sie nicht als „Fachleute“ zur Rate gezogen wurden!

    der Landarsch

    18. November 2009 at 07:52

  9. Und man vergisst, dass jahrelange Krankheiten, die nicht erkannt werden, extreme Folgen auf die Persönlichkeit und Psyche haben können… Was man selbst oft nicht mal erkennen kann, weil sich das alles ja langsam einschleicht.

    Und ja, Krebs zu haben, ist nicht unbedingt eine schöne Sache. Zu wissen, dass man zB vermutlich nicht mal 40 wird, ist auch nicht so prickelnd.
    Hier im Dorf sind jetzt in einem Monat 5 Leute gestorben, alle an Krebs.

    chaoskatze

    18. November 2009 at 10:37

  10. Ich denke, es kommt immer drauf an.
    Mein Opa ist mit Ende 70 an Darmkrebs gestorben – Krebs entdeckt, ein gutes Jahr lang erfolglos therapiert, schnell und ohne große Schmerzen (ja, er hatte Glück) gestorben. Er hatte genug Zeit, seine Angelegenheiten zu regeln und sich von allen zu verabschieden, aber ohne dass es sich endlos hingezogen hätte.

    Von allen Todesarten, die ich in meiner Verwandtschaft erlebt habe, war das die Angenehmste – für den Sterbenden UND für die Angehörigen.

    (Das klingt vermutlich seltsam – aber im Vergleich zu meinem Vater, der Knall auf Fall einfach tot war und alle mit dem Schock und dem Chaos zurückgelassen hat, und meinen Omas, die das Sterben über Jahrzehnte hingezogen haben bis es wirklich jedem auf die Nerven ging (und trotzdem nix geregelt hatten), war es eben so.)

    Benedicta

    18. November 2009 at 13:21

  11. Oh ja, das stimmt.. Einer der Gründe, warum ich Patientenvorsorge und den ganzen Kram wichtig finde. Und wenn ich eines gemerkt hab: gerade die Angehörigen leiden oft mehr darunter als man selbst.

    chaoskatze

    18. November 2009 at 13:47

  12. Sehe ich ähnlich. Stichwort Lebensqualität. Ziehe ich mit Ende 70 noch eine umfangreiche Krebstherapie mit OP(s) und X Chemos durch, um danach noch 5 bis 25 Jahre am Leben erhalten zu werden, oder blicke ich auf ein hoffentlich erfülltes Leben zurück und verabschiede mich stattdessen lieber? Und zwar zu einem Zeitpunkt, wo ich das noch selbst wahrnehme und in der Lage bin, mich zu artikulieren?

    Worauf Medizynicus vermutlich hinauswill, ist die Fassungslosigkeit, die durch die plötzliche unangenehme Diagnosestellung erst einmal ausgelöst wird. Aber ich schätze, die Angehörigen, die die Dame zum Arzt geschickt haben, sind betroffener als sie selbst.

    Sven

    18. November 2009 at 16:05

  13. […] einen Kommentar » In Einödshofen ist man untereinander per Du. Die zwei handvoll Dorfbewohner sind eh alle miteinander verwandt oder […]

  14. Da wird im hohen Alter nach einem Leben ohne bemerkte schwere Krankheiten und gar ohne einen Arzt tatsächlich gestorben. Wäre man vernünftig und regelmässig zum Arzt gegangen, ja wäre man mit „Vorsorge“ bedacht worden, ja dann, dann wäre das natürlich nicht passiert …

    Gute Geschichte und ein gutes Argument für den aussterbenden, erfahrenen Hausarzttyp, der nach der Maxime, „so wenig wie möglich, aber soviel wie nötig“, handelt.

    piratedoc

    19. November 2009 at 00:29


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