Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Qualitätsmanagement in der Klinik: unsere Schwester Anneliese

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Früher einmal war Schwester Anneliese eine ganz normale Krankenschwester. Sie hat gemacht, was alle anderen Krankenschwestern auch tun: ein bisschen Leben retten, ein bisschen Hintern abwischen, ein bisschen Kaffeekochen und so weiter.
Ja, und dann bekam sie es mit dem Rücken. Sagte sie. Sie nahm sich… ähem, sie wurde krank, sammelte Fehlzeiten an, fuhr auf Kur und wenn sie zwischendurch mal auf Station aufkreuzte, setzte sie eine Leidensmine auf. Dabei war sie längst nicht so alt, wie sie aussah. Auch wenn sie Anneliese hieß (und immer noch heißt).
Kurz und gut: Sie gab sich alle Mühe, auf eine Frührente mit fünfunddreißig hin zu arbeiten, als sich ihr Leben plötzlich änderte.
Man bot ihr einen Job an.
Nicht irgendeinen. Es war der Job ihres Lebens. Der Job, welcher ihr die Chance gab, sich nie mehr in die Nähe eines Patienten begeben zu müssen und gleichzeitig eine Machtfülle zu genießen, welche kaum ihresgleichen hat.
Anneliese wurde unsere QMB.
Kuh-Emm-Beh.
Die Qualitäts-Management-Beauftragte.
Mit Feuereifer machte sie sich ans Werk – und uns allen das Leben schwer.
In der nach unten offenen Beliebtheitsskala rangiert sie irgendwo in der Nähe einer Chefpolitesse, Steuerfahnderin oder Rundfunkgebühreneintreiberin, aber das stört sie nicht.
Mit schöner Regelmäßigkeit bringt sie ihre Erlasse und Rundschreiben heraus.
Da steht zum Beispiel drin, dass man sich zu Schweinegrippezeiten regelmäßig die Hände desinfizieren muss, und wer das nicht tut, der wird geteert und gefedert.
Mag Letzteres noch irgendwo verständlich sein – Hygiene sollte schließlich in unserem Job eine Selbstverständlichkeit sein – sind manch andere Ergüsse preisverdächtig für den Kafka-Award. Mehr Bürokratie wagen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.
Weshalb ich das jetzt hier erwähne?
Nun ja, sie war schon wieder aktiv…

Written by medizynicus

2. Dezember 2009 um 00:07

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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5 Antworten

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  1. Die Schwester Anneliese kenn ich auch. Bei uns leistet sie mindestens dasselbe und ist mindestens ebenso beliebt.

    Und woher kommt das Ganze? Nur von einer selbsternannten, wichtigtuerischen Horde von Bürokraten, die nix verstehen und deshalb die Hosen gestrichen voll haben, dass irgendein anderer wichtigtuerischer Bürokrat ihnen am Zeug flicken und ihre Karriere versauen könnte!

    Früher hieß das (in Bayern) : „Wenn’st nix weißt, dann halt’st den Mund“. Heute heißt es „Wer nix weiß, der schreit so laut und unverschämt, dass die Fachleute alles tun, was er sich so vorstellt, damit er/sie Ruhe gibt (und selbst ein gutes Gefühl hat)“.

    Wir Ärzte (besonders wir deutschen Ärzte) sind doch die letzten Schlaffies, dass wir derartige inkompetente Wichtigtuer auch noch umscharwenzeln, anstatt sie mit Fußtritt raus zu expedieren!

    der Landarsch

    2. Dezember 2009 at 08:44

  2. *hmmmm* *hüstel* *räusper*

    //*die hiesige Kuh meldet sich ganz leise und vermeldet, dass sie eine ganz liebe ist und niemand drangsaliert. Und niemandem das Leben schwer macht. Und dass sie ihre Patienten manchmal ganz dolle vermisst…

    Michaela

    2. Dezember 2009 at 10:13

  3. Grah.

    Ich wiederhole mich, aber es muss ja wohl sein… :
    Nur, weil Politik und (einzelne) Wichtigtuer die QM missbrauchen, heißt das nicht, dass QM *an sich* schlecht ist.
    Sinn und Zweck von QM ist es
    – Arbeitsabläufe zu vereinfachen und zu standardisieren (so dass Fehler gar nicht erst passieren)
    – aus aufgetretenen Fehlern zu lernen, so dass die Arbeitsabläufe dann entsprechend verbessert werden können

    QM, das zu Dokumentationszwecken Arbeitsabläufe verkompliziert (und damit neue Fehlerquellen einführt) IST KEINS!

    Benedicta

    2. Dezember 2009 at 12:09

  4. dann ist unser KUHEMM also gar keins? Stark das muss ich unserer KUHEMM Beauftragten unbedingt morgen sagen. Ich freu mich schon drauf

    stephan

    2. Dezember 2009 at 19:39

  5. „CMMI Level -1“ würde da der eingeweihte (Informatik-)Qualitätsmanager sagen 😉

    (Das CMMI ist ein Modell, das den Reifegrad eines Entwicklungsprozesses misst. CMMI stuft nach Leveln ein, von Level 0 (kein Prozess vorhanden, nix klappt) bis Level 5 (der vorhandene Prozess wird stetig verbessert). Die Bedeutung von „Level -1“ kann sich der intelligente Leser selbst herleiten ;))

    Benedicta

    2. Dezember 2009 at 23:13


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