Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Thiopental

with 20 comments

Wer einmal in der Anästhesie gearbeitet hat, wird das Medikament Thiopental kennen: Ein schnell und kurz wirksames Narkosemittel. Patienten, die es intravenös verabreicht bekommen, schlafen Sekunden später ein – und wachen auf, wenn die Operation vorbei ist. Dafür zu sorgen, dass sie wieder aufwachen, das ist die eigentliche Kunst des Anästhesisten.
Natürlich kann man einem Menschen auch eine entsprechend hohe Dosis verpassen, die bewirkt, dass er nicht mehr aufwacht.
Aber normalerweise hat ein Arzt nicht die Aufgabe, seine Patienten umzubringen.
Ärzte, welche im Dienste US-amerikanischer Justizbehörden stehen, tun dies aber gelegentlich.
Sie legen dem Patienten einen venösen Zugang und hängen eine Infusion an. Vorher wird natürlich ordnungsgemäß die Haut desinfiziert, damit es keine Infektionen gibt.
Manche Patienten haben schlechte Venen, dann muss man öfters stechen. Manchmal klappt es auch gar nicht, dann darf man das Zeug seit Neuestem auch notfalls intramuskulär spritzen.
Der Effekt ist in beiden Fällen derselbe. Der Patient wird eingeschläfert, wie ein Hund, den man nicht mehr braucht. Tierärzte machen so etwas bekanntlich öfters.
Menschenärzte dürfen sowas eigentlich nicht, so steht es schon von alters her in dem berühmten Hippokratischen Eid.
Aber der ist bekanntlich schon über zweitausend Jahre alt und inzwischen ein wenig aus der Mode gekommen.

Written by medizynicus

9. Dezember 2009 um 12:49

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

20 Antworten

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  1. Was würde einen Arzt an dieser „Tätigkeit“ „reizen“? Geld?

    Su-Mu

    9. Dezember 2009 at 13:05

  2. Überzeugung?
    Soll ja auch Ärzte geben, die für die Todesstrafe sind…
    (Ich hab in einem Krimi aus den 30ern mal – in einer Nebenhandlung, bei der über Todesstrafe diskutiert wurde – das Argument gelesen*, dass zum Tode verurteilte „zweckmäßig“ für medizinische Versuche „genutzt“ werden sollten.)

    *Aus der Reihe „sundry weird facts filed away in my brain“ 😉

    Benedicta

    9. Dezember 2009 at 14:42

  3. Also wenn man mal so richtig gut schlafen will, besorgt man sich am Bahnhof das Zeug? 😀

    DeserTStorM

    9. Dezember 2009 at 15:58

  4. Ach, bestimmt sind das so Leute, die sich in der Politik anschleimen wollen. Oder verschuldet sind. Oder es gefällt ihnen einfach. Wer weiß schon.. Gibt ja genug Ärzte, die ihren Status ausnutzen, und das noch weitaus schlimmer..

    chaoskatze

    9. Dezember 2009 at 16:39

  5. Ich finde so eine Überdosis humaner als „Erhängen“ oder „Erschießen“ oder elektrischer Stuhl und was es so gibt. Moralisch und mental ist es sicher schwierig, aber man muss doch dafür sorgen, dass es ein Fachmann so schmerzfrei und fachmännisch wie es eben geht, durchführt. Ist ja genauso, wie „Abtreibungsärzte“ gern verteufelt werden, weil sie die Entscheidung getroffen haben, den hilfesuchenden in Notlage befindlichen Frauen fachmännisch zu helfen und nicht den Pfuschern zu überlassen…

    Miki

    9. Dezember 2009 at 17:01

  6. @DeserTStorM: Nur, wenn man Michael Jackson heißt. Und der brauchte sich das Zeug auch nicht vom Bahnhof zu besorgen. Und wohin das geführt hat, wissen wir ja…

    @Miki: Also, zwischen Schwangerschaftsabbruch und einer Hinrichtung besteht ja nun doch ein Unterschied! Und jemanden fachmännisch und schmerzfrei ins Jenseits zu befördern… hmmm… ist das wirklich eine „Ärztliche“ Aufgabe? Nun ja, früher einmal gab es dazu den Beruf des Henkers…

    medizynicus

    9. Dezember 2009 at 17:51

  7. @Medizynicus:
    Wenn du dich schon so gerne auf den Eid des Hippokrates berufst:

    „[…]auch werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel geben.“

    Aber was red ich da, der ist ja schon über zweitausend Jahre alt und aus der Mode gekommen.

    Darüberhinaus lese ich aus folgendem Satz, dass Chiurgen gar keine Ärzte sind:

    „Ich werde nicht schneiden, sogar Steinleidende nicht, sondern werde das den Männern überlassen, die dieses Handwerk ausüben.“

    Man kann den Eid nicht 1:1 auf unsere Zeit ummünzen.

    Wer soll denn bitte Hinrichtungen sonst überwachen und durchführen? Pharmazeuten, weil sie die Medikamente besser kennen?

    Sebastian

    9. Dezember 2009 at 18:17

  8. Wo ist denn der Unterschied?
    Dass das Kind noch nicht in der Lage gewesen wäre, eigenständig zu überleben?
    Macht es das besser?

    Ich bin da eher Mikis Meinung – lieber fachmännisch als Pfusch. Trotzdem wird m.E. in beiden Fällen ein Leben ausgelöscht.

    Benedicta

    9. Dezember 2009 at 18:31

  9. […] } · { Überall & Nirgendwo } { Tags: Abtreibung } Inspiriert durch die Diskussion von Medizynicus’ Artikel, gewürzt durch unsere schöne Diskussion über Religionen etc. würde es mich doch mal […]

  10. Ich denke doch, der Knackpunkt ist, dass die Behandlung gegen den Willen des Patienten durchgeführt wird. 😉

    NK

    9. Dezember 2009 at 19:46

  11. ich bin der schlichten Meinung, dass Hinrichtungen heuten nicht mehr zeitgemäß sind. Das hat jetzt eher nichts mit Mitleid zu tun…

    blogdrama

    9. Dezember 2009 at 20:55

  12. Inzwischen ist psychologisch mehr als einmal nachgewiesen, dass das Wissen um mögliche Todesstrafen nicht von den Verbrechen abhält, von daher ist es sinnlos. Außer, wenn man von Geldsparen ausgeht, und das wäre schon etwas mehr als sarkastisch.
    Ein Frauenarzt töten einen Fötus, um den Erwachsenen (oder das Fötus an sich) zu retten; ein Hinrichter, weil er den Befehl bekommen hat.
    Und: ein Erwachsener hat eine Meinung zum Tod, er weiß zumindest über ein paar Dinge bescheid.Er kann fühlen und leiden. Gelten ein paar Zellen bereits als Lebewesen? Ab wann können sie leiden?
    Und vor allem – Sterben an sich ist nichts bösartiges, es gehört dazu. Es gibt wesentlich schlimmere Dinge…

    chaoskatze

    9. Dezember 2009 at 21:13

  13. Hmmm. Jetzt wird’s ja richtig spannend hier!
    In aller Kürze zwei Anmerkungen:

    1.) Ich bin gegen Todesstrafe.
    Und wenn selbst wenn ich nicht dagegen wäre, fände ich es pervers, wenn sich Ärzte zur Mithilfe an einer Exekution (=einem staatlich, behördlich angeordnetem Mord) hergeben.
    Ob die Ausbildung eines Henkers (oder wie auch immer die heutige zeitgemäße Bezeichnung lauten mag) auch medizinische bzw. pharmakologische, anatomische und humanphysiologische Aspekte beinhalten sollte damit diese Leute ihren Job „fachmännisch“ erledigen können, ist ein anderes Thema.
    Man muss nicht Arzt oder Krankenschwester/pfleger sein, um Braunülen legen zu können.

    2.) Abtreibung meiner Ansicht nach nicht mit Mord/Hinrichtung/Totschlag/Euthanasie/Tötung gleichzusetzen.
    @Benedicta – ich akzeptiere Deine katholische Grundhaltung. Zumindest so lange, wie Du sie auf Dich selbst beziehst oder Deine Meinung ohne Druck oder Zwang auszuüben kommunizierst.
    Aber ich sehe auch, dass es hier keine alleinseligmachende Lösung gibt und ich akzeptiere auch abweichende Grundhaltungen und kann auch verstehen, dass eine Frau sich in bestimmten Situationen für eine Abtreibung entscheiden kann. Was nicht heisst, dass ich das gut finden muss. Aber das ist dann meine persönliche Meinung.

    medizynicus

    9. Dezember 2009 at 22:01

  14. Wieso hältst du eigentlich den Nachsatz „Zumindest so lange, wie Du sie auf Dich selbst beziehst oder Deine Meinung ohne Druck oder Zwang auszuüben kommunizierst.“ für nötig? Das ist doch selbstverständlich. (Würdest du das einem Atheisten auch servieren?)
    Es ändert außerdem nichts daran, dass ich in jeder Diskussion gerne Argumente höre – und „Argument“ bedeutet für mich „mit Begründung“. Und die bist du noch schuldig 😉

    Ich denke übrigens, dass ein Arzt auf Verlangen durchaus Euthanasie üben dürfen sollte – aus dem einfachen Grund, dass es dann in geregelten Bahnen läuft und Patient und Verwandte sich besser vorbereiten können. Gleichzeitig sollte aber die Palliativmedizin deutlich ausgebaut werden (so dass Sterbenswillige eine Alternative haben, und ihre letzten Tage auch ohne Euthanasie in Würde verbringen können). Kranker Pfleger hat mal geschrieben, bei ausreichender Schmerzbehandlung hat niemand den Wunsch zu sterben – und ich hab das auch anderswo schon gelesen (gibts wohl ne Studie zu). Nur bei Schmerzen oder Angst vor Schmerzen wollen die Menschen vorzeitig ihr Leben beenden.

    Benedicta

    10. Dezember 2009 at 02:01

  15. Ich kann immer nur wieder klarstellen: Ärzte sind Menschen, die Patienten betreuen (untersuchen, behandlen, helfen, heilen, etc.), alles andere sind (Diplom-)Mediziner, genau wie Juristen Juristen sind und nur dann zu Richtern werden, wenn sie über Menschen richten – oder Informatiker erst dann zu Informatik-ProfessorInnen werden, wenn sie eine Professur (für Informatik) antreten!

    Aber ich weiß, ich werde noch lange gegen umgangssprachliche Wände laufen, bis das endlich mal in den Köpfen drin ist!

    der Landarsch

    10. Dezember 2009 at 09:11

  16. Ich denke übrigens, dass ein Arzt auf Verlangen durchaus Euthanasie üben dürfen sollte

    Bei einem Depressiven könnte das genau dann falsch sein 😉

    Su-Mu

    10. Dezember 2009 at 09:12

  17. @Benedicta: ich akzeptiere und respektiere jede religiöse Überzeugung, die mit der Menschenwürde und den allgemeinen Menschenrechten vereinbar ist und erwarte das auch von meinem Gegenüber – ich denke, da sind wir uns einig. Missionierende Gehabe von Atheisten ist mir übrigens auch nicht sympathisch – siehe die Atheismus-Werbekampagnen von Dawkins & Co mit den Busreklamen. Was ich gar nicht mag, sind Atheisten, welche die religiösen Gefühle eines Anderen ins Lächerliche ziehen.
    Jetzt aber zum Thema: Wo beginnt ein neues Leben? Rein genetisch gesehen ist natürlich mit der befruchteten Eizelle ein neues Etwas entstanden. Trotzdem ist der neue Organismus physisch vom Körper der Mutter zu hundert Prozent abhängig und damit irgendwo noch dem Körper der Mutter zuzuordnen.
    Wo da die Grenze zu ziehen ist – darüber haben sich schon viele und klügere Leute als ich den Kopf drüber zerbrochen…

    medizynicus

    10. Dezember 2009 at 10:16

  18. Ja, richtig. Darum braucht es Richtlinien und Verfahren – unter welchen Voraussetzungen kann der Freitod gewährt werden (terminale, schmerzhafte Erkrankung, keine Aussicht auf Besserung, …), wer darf das entscheiden (Patient – ist er noch zurechnungsfähig?, Angehörige – haben sie evtl. andere Interessen?, ggf. öffentliche Betreuer, Einschalten der Ethikkommission).

    Ich bin übrigens der Überzeugung, dass weniger Menschen Selbstmord begehen würden, wenn es eine offizielle Möglichkeit gäbe. Und zwar nicht nur, weil es dann anders gezählt wird!
    Das wäre in etwa so wie der Effekt, dass ich SOFORT aufs Klo muss, wenn keins da ist – wenn die Toilette nebenan ist, brauch ich sie viel seltener.
    Jemand der weiß „wenn es gar nicht mehr geht, kann ich offiziell den Ausweg wählen“ braucht sich nicht aus Angst vor dem was noch kommt umbringen, solange er es noch selbst kann.

    Benedicta

    10. Dezember 2009 at 15:22

  19. Schließe mich Bendicta an, was die offizielle Möglichkeit des Selbtmords betrifft, an. Dann würde ich es auch nicht „Mord“ nennen, sondern selbstbestimmtes Sterben. Das wär schön!
    (Hab heut mal wieder was krankenschwesterliches gebloggt, ist ja eher selten …)

    Miki

    10. Dezember 2009 at 19:24

  20. Im Falle der Abtreibung wird aber der Fetus getötet – der wird ja wohl kaum zugestimmt haben.
    Nicht sehr logisch, dein Argument 😉

    Benedicta

    11. Dezember 2009 at 00:04


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