Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Keine Abtreibung um keinen Preis?

with 8 comments

Die Patientin schaut blass aus und gar nicht gesund.
Erwartungsvoll schaut sie den Herrn Doktor an. Der starrt auf den Bildschirm seines Praxiscomputers, tippt eine Weile herum, schüttelt den Kopf, tippt erneut, starrt dann mit aufgerissenen Augen auf den Bildschirm, blättert in der Patientenakte, wird rot, und wendet sich dann endlich der Patientin zu.
„Und?“ fragt die.
Der Herr Doktor seufzt.
„Es ist leider ziemlich kompliziert…“
„Sie meinen, es ist ernst?“
Der Herr Doktor nickt.
„Wie ernst denn?“
Dreiundzwanzig Jahre ist sie alt und schwanger in der zehnten Woche. Es war nicht unbedingt ein Wunschkind, eher das, was man etwas flapsig auch als „Zufallstreffer“ bezeichnen könnte, also ein geplatztes Kondom nach einer… naja, sagen wir, eher Gelegenheitsbekanntschaft.
Einen festen Partner hat sie nicht, und einen Job auch nicht, noch nicht einmal eine abgeschlossene Ausbildung.
„Sie haben eine seltene Form einer Anämie. Diese Schwangerschaft stellt eine große gesundheitliche Gefahr für Sie dar!“
„Wie meinen Sie das?“
„Wahrscheinlich wäre eine Abtreibung…“
„Nein!“
„Die Fortsetzung dieser Schwangerschaft brächte Sie in Lebensgefahr!“
„Warum?“
„Sie haben zu wenige rote Blutkörperchen.“
„Aber für mein Baby wird es doch wohl reichen, oder?“
„Aber nicht für Sie! Sie könnten sterben.“
„Ich werde dieses Kind austragen. Eine Abtreibung kommt für mich nicht in Frage!“
„Aber überlegen Sie doch…“
Die Patientin steht auf.
„Vielen Dank, Herr Doktor!“
Sie reicht ihm die Hand und verläßt den Raum.
Siebeneinhalb Monate später bringt sie ein gesundes Kind zur Welt.
Acht Monate später ist sie tot.

Die Geschichte ist natürlich fiktiv. Und sie stammt auch nicht von mir: Es handelt sich um den Anfang des Romans „Der Arzt Gion“ Hans Carossa, erstmals veröffentlicht 1931. Ich habe die Geschichte – dem Sinn nach leicht verändert – und in etwas modernere Worte gefasst nacherzählt.

Written by medizynicus

10. Dezember 2009 um 12:23

8 Antworten

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  1. Könnte das denn wirklich so weit kommen? Kann man das nicht behandeln in der Schwangerschaft?

    Blogolade

    10. Dezember 2009 at 12:56

  2. @Blogolade: Heute wahrscheinlich nicht mehr. Hans Carossa erklärt in seinem Roman nicht, um welche Krankheit es sich hätte handeln sollen, wahrscheinlich wäre es heute heilbar gewesen. Aber bei sehr seltenen Syndromen wäre die Geschichte trozdem auch heute noch denkbar…

    medizynicus

    10. Dezember 2009 at 14:26

  3. Oh oh, das ganze wirft wieder diese Grundsatzdiskussionen darüber auf, ab wann eine befruchtete Eizelle Leben darstellt und Mord ist usw. usw.

    Und sie wird niemals enden. Aber die Entscheidung ein Leben zu geben und ein andere zu nehmen, ist sicherlich nicht leicht.

    DeserTStorM

    10. Dezember 2009 at 15:08

  4. oh je 😦
    warum hast du das bloß nicht am ende geschrieben?
    war schon mit herzblut dabei und tottraurig!

    grauenvoll solche geschichten..

    Lisa Tuniken

    10. Dezember 2009 at 15:24

  5. Machen wir doch mal ein Gedankenexperiment.

    Nehmen wir mal an, auch ein Fetus wäre ein kompletter Mensch, und alle Artikel zu Mord, Totschlag, etc. würden gelten.
    Vor diesem Hintergrund stellen wir nun die folgenden Überlegungen an:

    Wenn jemand mein Leben bedroht, DARF ich ihn (unter bestimmten Voraussetzungen) töten. Das nennt man dann Notwehr. Das könnte man genauso auf die Abtreibungssituation übertragen – wenn das Leben der Mutter bedroht ist, ist Abtreibung Notwehr und daher nicht strafbar. Man ist aber nicht zur Notwehr verpflichtet – und also auch nicht zur Abtreibung.

    Soweit logisch?

    Nächster Fall. Wenn mir jemand einfach nur lästig ist, weil es mir gerade ungelegen kommt, er mir zu teuer ist, ich ihn nicht leiden mag – dann darf ich ihn nach geltendem Recht NICHT umbringen. Tu ich es doch, ist es „Mord aus niederen Beweggründen“. Wenn wir das nun auf die Abtreibungssituation übertragen, wäre also die Abtreibung eines Kindes aus sozialer Indikation ebenfalls „Mord aus niederen Beweggründen“.

    Soweit das Gedankenexperiment. Zurück in die Realität:
    der Hauptstreitpunkt ist doch – wann und warum wird die befruchtete Eizelle zum Leben?
    – Ich denke, dass jede befruchtete Eizelle das Potential dazu in sich trägt. Das wird vielleicht mal der nächste Karajan, oder ein Serienmörder, oder… man weiß es nicht. Aber die Möglichkeit besteht. Hat der Fetus diese Chance nicht verdient?
    – Wenn ich dem Fetus die Chance zum Leben geben möchte (in meiner Funktion als „die Gesellschaft“ ;)), dann muss ich die Rahmenbedingungen dazu schaffen. Und das heißt Bildungschancen, finanzielle Unterstützung wo nötig, psychologische und tatkräftige Hilfe in der Familie, im Haushalt, usw. – und letztlich auch die Möglichkeit, das Kind in gute Hände weiterzugeben. Es heißt aber auch – jeden Tag im Alltag Kindern Raum zu geben (und zwar auch dann, wenn ich selber keine hab!): Rücksicht gegenüber Kinderwägen in Bus und Bahn, Nachsicht mit quengelnden Kindern im Supermarkt, Toleranz gegenüber Kinderlärm auf Spielplätzen und in der Nachbarwohnung.

    Das Argument „der Fetus denkt und fühlt ja noch nichts“ halte ich übrigens für gefährlich. Aus zwei Gründen:
    1. Wie beweist man das? Bisherige Untersuchungen zeigten ja schon, dass Feten schon sehr früh z.B. die Stimme der Mutter erkennen, Licht wahrnehmen und ähnliches. Dass man bei den ganz neuen Feten nichts nachweisen kann, heißt nicht, dass da nichts ist. Es mag zwar unwahrscheinlich sein – aber die Wahrscheinlichkeit ist eben nicht 0.
    2. Wenn „nicht denken und nicht fühlen“ die Erlaubnis zur Tötung darstellen – dann sind die nächsten, die „dran“ sind, die Alten und Kranken. Bei Komapatienten oder schwer dementen Menschen lässt sich auch manchmal keinerlei Denken und Fühlen mehr „nachweisen“. Und lästig (teuer, aufwendig, …) sind sie oft genug – soziale Indikation wäre gegeben…

    Benedicta

    10. Dezember 2009 at 15:57

  6. Wahre Geschichte, Ender der 80er (ich in Ausbildung). Frischoperieretnstation Gyn. Junge Frau (20?) hat per Kaiserschnitt gesunden Jungen zur Welt gebracht. Problem: sie hat absurd hohen Blutdruck, ist relativ frisch (1,5Jahre nach vielen Jahren Dialyse) nierentransplantiert! Sie: „Ätsch, hab alles richtig gemacht!“ Verlegung auf Normalstation. Später (Kind längst entlassen beim Vater) Intensivstation, Narbe komplett aufgeplatzt, Infektion. Später Kiste. Tot.
    Da hat jemand eine Niere gespendet und der Empfänger hat sie verschwendet. Gut, ein Kind ist da, jetzt so alt wie mein Sohn…und wie war’s so ohne Mutter, mit der „Schuld“ an ihrem Tod???

    Miki

    10. Dezember 2009 at 19:57

  7. Ist es „Verschwendung“ einem Kind das Leben zu schenken?

    War die Nierentransplantation dran schuld, dass die Kaiserschnittnarbe platzte – oder gab es da noch einen anderen Auslöser? Warum der hohe Blutdruck? Woher die Infektion?

    Darüber hinaus: die Geschichte erinnert mich an die Handlung des Films „Magnolien aus Stahl“ (mit Julia Roberts).

    Benedicta

    11. Dezember 2009 at 00:02

  8. ..mit Filmen bin ich nicht bewandert, mir reicht das Leben 😉
    Problem: nach Transplantation bekommt man Immunsupressiva, damit man das neue Organ nicht abstößt. Daher ist eine Schwangerschaft nicht möglich, oder man entscheidet sich gegen die Niere (was ich auch dem Spender gegenüber unfair finde). So geschehen und die Niere hat sich prompt verabschiedet. An welchem Organversagen (und warum mit Dialyse nichts zu retten war) sie gestorben ist, weiß ich nicht.
    Fakt ist: sie hätte auf gar keinen Fall schwanger werden dürfen. Ich finde es verantwortungslos dem Kind gegenüber. Und dem Mann, der sich dafür hergibt ist zum Thema „ich liebe meine Frau“ wohl auch nur ein Kitschfilm eingefallen…

    Miki

    11. Dezember 2009 at 08:50


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