Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Beten mit Patienten?

with 7 comments

Nachdem nun heute schon die dritte Kerze am Adventskranz angezündet worden ist (Kinners, wie die Zeit vergeht!) blättere ich nach dem Frühstück ein wenig in dem Stapel der medizinischen Junkmail, welche es im Laufe der Woche in meinen Briefkasten oder Klinik-Postfach geschafft hat.
Passend zur Jahreszeit ist da eine Überschrift, die mich nachdenklich macht.
„Beten Sie mit Ihren Patienten? Mut zur Spiritualität“ (Es handelt sich um die MMW, welche online nur nach komplizierter Registrierung verfügbar ist, daher verzichte ich an dieser Stelle auf einen Link)
Es geht um die Betreung Schwerstkranker und Sterbender. Diese Patienten würden von seelsorgerischer Betreuung profitieren – und warum sollten wir Ärzte das nicht bieten können? Im Altertum waren Ärzte ja eh oft gleichzeitig auch Priester.
Nun ja, ich weiß nicht.
Die Argumentation klingt schlüssig, aber meiner Ansicht nach ist Religion etwas sehr privates: An welchen Gott ich glaube (oder auch nicht) und auf welche Art ich bete geht zunächst einmal allein mich selbst etwas an. Meine religiöse Meinung einem anderen aufs Auge drücken zu wollen, und das noch im Rahmen der Ausübung meines Berufes gehört sich nicht. Das ist zumindest meine private Meinung, andere mögen das anders sehen.
Ausserdem kann ich ja prinzipiell nur mit denjenigen Patienten gemeinsam beten, die auch meiner eigenen Religionsgemeinschaft angehören: Ein strenggläubiger Moslem würde es wohl als Affront ansehen, wenn ein Christ ihm anbietet, gemeinsam zu beten – und umgekehrt. Religiös liberaler gesonnene Leute mögen das anders sehen, aber das weiß ich ja vorher nicht. Also setze ich mich mal lieber nicht in die Nesseln.
Und bleibe mal lieber auf professioneller Distanz. Also: Zuhören und Empathie zeigen ja, aber nicht weiter.
„Kuscheln mit Patienten“ ist ja schließlich auch eher ein No-Go.

Written by medizynicus

13. Dezember 2009 um 09:30

7 Antworten

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  1. Uh, schwierige Sache.. Also, wenn mir, als mit gesagt wurde, dass ich wieder Krebs habe, angeboten worden wäre, zu beten, wäre ich vermutlich ausgetickt ^^
    Aber gut, ich gehöre ja auch eher einem anderen Glauben an. Denke, das ist nur eine Sache, wenn der Patient stark religiös ist und man sich auch schon ein wenig kennt und einschätzen kann.
    Denn gerade in so einem Moment ist man ja auch sehr empfindlich und dann kann sowas leicht falsch aufgenommen werden.
    Mal ganz abgesehen von der Gefahr, dass irgendwann mehr als beten draus wird XD

    Wobei ich denke, dass es allgemein gut wäre, eine Unterstützung aktiver anzubieten: also einem solchen Patienten dann zu sagen, dass er sich dann, wenn der Wunsch existiert, an Psychologen / Pfarrer /Sangha etc wenden kann und da gleich Adresse etc mitzugeben.
    Denn ob man dann noch die Kraft hat, aktiv danach zu suchen, ist wieder schwierig.

    [btw – schade, dass sich das Kuscheln net der Patient aussuchen kann… :D)

    chaoskatze

    13. Dezember 2009 at 10:55

  2. Gibt es in Bad Dingenskirchen keine Klinikseelsorge?

    Ich war eine Zeitlang für die Klinikseelsorge in meinem Heimatort als Organistin tätig. Daher weiß ich folgendes:
    Gerade die Klinikseelsorger sind die Pragmatiker unter den Seelsorgern – da kommt wenig theoretisches Blabla, und ganz viel echte Anteilnahme (von praktizierter Ökumene mal ganz zu schweigen).

    Wenn man bei einem Patienten den Eindruck hat, er bräuchte jemanden zum Reden, dann kann man ja mal unverbindlich die Klinikseelsorge ins Gespräch bringen – für manche ist das möglicherweise weniger bedrohlich als ein Psychologe 😉

    Benedicta

    13. Dezember 2009 at 17:21

  3. Du schreibst: „…aber meiner Ansicht nach ist Religion etwas sehr Privates…“
    Sterben und eine schwere Krankheit haben ist doch auch „was Privates“, oder? Als Arzt dringt man oft extrem in die Privatsphäre der anvertrauten Patienten ein. Deshalb wäre dies für mich kein Argument gegen Beten mit Patienten.
    Dennoch ist es sicher schwierig, denn es ist wirkich nicht an uns, Patienten zu bekehren. Ich halte es deshalb so: wenn ich den Patienten kenne und weiß, dass er dem Glauben prinzipiell nicht abgeneigt ist, dann kommt es schon vor, dass ich Krankheit-Tod-Sterben auch aus dem Blickwinkel eines Gläubigen betrachte und in das Gespräch zumindest subtil mit einfließen lasse. Also nicht als Medikation 3x Vaterunser oder so.
    Zudem ist der Krankenhausseelsorger der Nachbarklinik ein extrem guter Mann. Der kann glaub ich – unabhängig von der Religion – für jeden Seel-Sorger sein, solange der Patient bereit ist, sich dafür zu öffnen.
    Allerdings sind auch wir als Ärzte nicht nur Körper- sondern eben auch Seels-Sorger und vor dieser Verantwortung sollten wir uns nicht drücken.

    drgeldgier

    13. Dezember 2009 at 18:27

  4. Ich kann Medizynicus wie auch Drgeldgier verstehen. Beide sagen viel wahres. Denn auch wenn ich als Rettungsdienst zujemand komme, dann dringe ich meistens tief in die privatsphäre ein. Ich kann aber trotzdem nicht sagen, ob ich mit einem Patient beten würde.

    Paul

    13. Dezember 2009 at 18:59

  5. Jetzt hab ich ja mit meinen Patienten meist nur sehr kurz zu tun, ich würd mal einen Durchschnitt von 30-45 Minuten angeben… und auch mir ist es schon öfter passiert, dass mich die Patienten fragten, ob ich mit ihnen beten würde.
    Meistens sind es ältere Damen, die aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wahnsinnige Angst vor dem Krankenhaus hatten… Ich bin nun auch kein gläubiger Mensch, aber ich kann gut damit leben, den Patienten die Hand zu halten und bei ihnen zu sein, wenn sie für sich selbst beten. Ich würde das nie von mir aus anbieten… aber wenn mich jemand bittet, sehe ich es auch nicht als „Scheinheiligkeit“, wenn ich das Gebet des Patienten mit einem „Amen“ mit beende. Immerhin heißt es ja „so sei es“ und wenn der Patient damit einen Wunsch an das Universum / einen Gott / sich selbst weitergibt, dann sei ihm dieser Wunsch erfüllt… So seh ich das.
    In der Klinik gibt es sicher bessere, bzw. andere Möglichkeiten, als als Arzt oder Pfleger mitzubeten, eben genau die Klinikseelsorge oder sowas……… Und wie gesagt: Ich bin nicht gläubig!

    Mayla

    13. Dezember 2009 at 21:29

  6. Diese Antwort finde ich toll.

    Pekka Suomalainen

    14. Dezember 2009 at 21:18

  7. Ich habe das auch gelesen bei meinem Vater. Aber insgesamt habe ich von der MMW sowieso nur einen begrenzt wissenschaftlichen Eindruck…

    Ich bete auch nicht mit PatientInnen. Das überlasse ich den Seelsorgern, die haben das studiert. Ich bin da der Falsche. Ich glaube auch als Pfleger ist nicht bete nicht unprofessionell.

    Kranker Pfleger

    16. Dezember 2009 at 03:17


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