Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Januar 2010

Blogroll Update: Gartenzwergin Thea

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Gartenzwergin Thea: Mein Leben als Solches
In ihrer Freizeit klettert sie in den Bergen, fährt Ski und betreut ehrenamtlich Jugendgruppen. Irgendwann einmal möchte sie Medizin studieren, aber noch ist sie nicht soweit. Und kürzlich hat sie den hundertsten Eintrag in ihrem Blog gefeiert.
Mit sechzehn Jahren gehört sie zu den jüngsten Bloggerinnen der Szene.
Und sie bloggt nicht anonym. Das mag mutig sein oder auch leichtsinnig oder auch einfach normal für die „Generation Facebook“, vielleicht haben wir Oldies auch nur merkwürdig antiquierte Vorstellunen von Privatsphäre, aber ist ja egal.
Würde sie mir als Patientin über den Weg laufen, würde sie mich mit Sicherheit siezen. Und ich wüsste mal wieder nicht, ob ich sie siezen oder duzen soll. Ich habe mich seinerzeit mit sechzehn jedenfalls ziemlich erwachsen gefühlt, und wäre jedem Doktor, Lehrer oder Briefmarkenverkäufer an die Gurgel gesprungen, der es gewagt hätte, mich zu duzen, aber vielleicht ist die Generation Facebook wirklich anders, aber das ist ja auch egal.
Theas Blog ist jedenfalls gut geschrieben und lesenswert.

Written by medizynicus

31. Januar 2010 at 10:36

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Ich lasse mich nicht gerne verarschen!

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Schade, dass ich nicht zwei Köpfe größer bin.
Ich stemme die Hände in die Hüften und versuche, furchteinflößend wie möglich auszusehen.
„Also gut,“ sage ich mit betont strenger Stimme, was mir aber nicht so recht gelingen will, „Was ist los?“
Der Patient liegt wie ein Häufchen Elend auf seinem Bett.
„Nichts ist los, Herr Doktor!“
„Was ist nichts?“
„Gar nichts, Herr Doktor!“
„Sie wissen, dass Sie zur Entgiftung da sind?“
„Natürlich, Herr Doktor!“
„Und Sie kennen unsere Regeln?“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
„Regel Nummero eins lautet: Sie kriegen von uns Medikamente – und verpflichten sich, keinen Alkohol zu trinken!“
Der Patient nickt schweigend.
„Regel zwei lautet: Wenn Sie doch Alkohol trinken, dann fliegen Sie raus!“
Der Patient schweigt immer noch und starrt mich reglos an.
„Dann frage ich Sie mal direkt: Haben Sie Alkohol getrunken?“
„Nein, Herr Doktor!“
„Und wenn ich Ihnen jetzt Blut abnehme?“
Der Patient zuckt zusammen.
Wenn ich ihm jetzt Blut abnehmen würde, dann hätte er mit ziemlicher Sicherheit eine Menge Promille. Eigentlich müßte ich ihn dann rausschmeißen, wenn ich konsequent sein will. Aber der Chef mag keine Rausschmisse. Abgesehen davon ist draußen Wochenende und unser Labor ist am Wochenende nur notfallmäßig besetzt. Und wenn ich diesen Patienten am Wochenende bei Schnee und Minusgraden in seine vermutlich eiskalte und aller Wahrscheinlichkeit nach fürchterlich vergammelte Wohnung entlassen würde…
„Also gut,“ sage ich, „Ich glaube Ihnen. Aber wenn ich noch einmal erfahren sollte, dass Sie hier Alkohol zu sich nehmen…“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
Die Erleichterung ist ihm an der Nase anzusehen.
Schwester Paula allerdings wirft mir einen missbilligenden Blick zu, als ich am Dienstzimmer vorbei zurück in die Notaufnahme stapfe.

Written by medizynicus

30. Januar 2010 at 10:23

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Einödshofen eingeschneit

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In der Küche sitzen Willi und Horst.
Das ist ein schlechtes Zeichen.
Ich mag die beiden, aber wenn sie hier aufkreuzen, dann bedeutet es in der Regel Arbeit.
„Mahlzeit!“ sage ich, „Erzählt: was habt Ihr uns gebracht?“
Willi und Horst sind Sanis – oh nein, entschuldige, natürlich keine Sanis sondern Rettungsassistenten.
Horst, der Ältere der Beiden lacht.
„Verdacht auf Apoplex aus Einödshofen.“
Willi wärmt sich seine Hände an der Kaffeetasse.
„Mann, das war vielleicht eine Aktion! Wir haben über eine halbe Stunde gebraucht.“
Draußen schneit es immer noch in dichten Flocken. In der letzten Nacht hatten wir bestimmt zwanzig Zentimeter.
„Die Straße war nicht geräumt,“ fährt Willi fort, „und auf der Zufahrt zu dem Hof wären wir mit dem RTW fast stecken geblieben!“
„Ist Euch das eigentlich schonmal passiert?“
Horst schüttelt den Kopf.
„Wer in Einödshofen wohnt, kann mit Schnee umgehen. Es kommt immer mal wieder vor, dass uns einer von den Bauern mit dem Traktor rausziehen muss, aber so richtig liegengeblieben sind wir noch nie!“
Horst setzt seine Tasse an den Mund und schlürft geräuschvoll. Ich nehme mir auch einen Kaffee und schaue aus dem Fenster. Der Personalparkplatz ist schon von einer dicken weißen Puderzuckerschicht bedeckt.
„Ehrlich gesagt wundert es mich, dass bei dem Wetter noch niemand erfroren ist…“
„In Einödshofen erfriert niemand! Die sind harte Winter gewohnt. Vor fünfzig Jahren soll es mal so stark geschneit haben, dass manche Häuser nur durch die Fenster im ersten Stock zu betreten waren…“
Mein Piepser gibt Laut.
Schwester Paula ist dran, oben auf Station.
„Können Sie mal raufkommen, Herr Doktor? Dieser Alki von gestern…“
„Was ist mit dem?“
„Ich glaub, der hat was getrunken!“
Wie ein geölter Blitz wetze ich nach oben. Dieser Kerl hat soeben sein Rausschmissurteil unterschrieben!

Written by medizynicus

29. Januar 2010 at 09:19

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Gespräch von draußen

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Schon wieder?
Nach dem letzten Erlebnis bin ich kritisch geworden, was Anrufe von draußen angeht.
Tagsüber ist es anders: Da sind es entweder Angehörige, oder Versicherungsvertreter… oder… oder Herr Müller. Müller? Welcher Müller?
„Kann ich kommen?“
„Ähem… wer sind Sie bitte?“
„Müller, Hans-Georg. Aus der Großflunkersdorfer Straße siebzehn in…“
„Momentmal, wo möchten sie hin kommen?“
„Ich spreche doch mit dem Krankenhaus, oder?“
„Richtig.“
„Ja, kann ich jetzt kommen?“
Unser Haus ist immer geöffnet. Vierundzwanzig Stunden am Tag, egal ob es stürmt oder schneit oder gerade Weihnachten ist. Aber das brauche ich ihm ja nicht unbedingt zu sagen, wenn er es noch nicht weiß.
„Worum geht es denn?“
„Ich… ich will aufhören!“
„Aufhören womit?“
„Mit dem Trinken!“
„Schön. Dann hören Sie auf damit.“
„Kann ich jetzt zur Entgiftung kommen?“
Also daher weht der Wind! Warum war mir das leichte Lallen in seiner Sprache nicht schon vorher aufgefallen?
Nun habe ich nichts gegen Alkoholiker, welche ernsthaft motiviert sind, von ihrer Sucht wegzukommen. Aber mit der Motivation ist das so eine Sache. Am fortgeschrittenen Nachmittag mit einer Flasche Wodka intus einen Depri-Hänger zu kriegen ist das Eine – nüchternen Kopfes entschlossen zu sein, sich ändern zu wollen das Andere.
Aber wir sind ein Krankenhaus.
Ein Krankenhaus der Akutversorgung. Wir dürfen niemanden abweisen, der bei uns Hilfe sucht.
„Also gut,“ sage ich, „kommen Sie vorbei!“
Mit etwas Glück kommt er ja erst nach Feierabend. Dann hat Sarah Dienst. Und bei der habe ich noch etwas gut.

Written by medizynicus

28. Januar 2010 at 15:10

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Erste Hilfe in der Schule

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Alles Mögliche lernt man in der Schule: Das kleine Einmaleins und das große ABC zum Beispiel. Nur wie man Leben rettet, das lernt man nicht. Dabei wäre es doch ganz einfach: Die Grundzüge von Erster Hilfe sind simpel genug, um auch von zwölf bis dreizehnjährigen gelernt und verstanden zu werden.
Dafür setzt sich eine Petition an den Landtag von NRW ein.
Offenbar eine jener Ideen, die so einleuchtend sind, dass man sich fragt, warum vorher noch niemand drauf gekommen ist.
Und danke an den Kranken Pfleger für den Link

Written by medizynicus

28. Januar 2010 at 06:25

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Rache ist süß… berächt zu werden weniger

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Um mich herum die Dunkelheit des Dienstzimmers und der traumlose Dreiviertelschlaf einer Dienstnacht.
Düdelüdüt!
Aufschrecken. Gähnen. Nach dem Lichtschalter suchen.
Düdelüdüt!
Blick auf die Uhr: viertel nach drei. Das Diensthandy ist beim Lichtschalter Suchen zu Boden gefallen, düdelt immer noch und liegt jetzt außerhalb der Reichweite meiner vorderen Extremität.
Notgedrungen muss ich aufstehen.
„Ja?“
„Anruf von draußen!“ grummelt der Pförtner, „Ich verbinde.“
Anruf von draußen, das ist entweder der Chef oder ein Hausarzt. Es war ein Hausarzt.
„Guten Morgen, Herr Kollege!“, flötet er, „Ich wollte nur sagen, daß alles in Ordnung ist!“
„Wie bitte?“
„Mit Herrn Schulze, den Sie gestern entlassen haben, mit dem ist alles in Ordnung!“
„Ja, und?“
„Ja, sie haben ihn netterweise gestern Abend um achtzehn Uhr fünfzehn entlassen und ihm gesagt, er solle auf jeden Fall noch beim Hausarzt anrufen. Das hat er auch getan, um neunzehn Uhr dreißig. Nun ist meine Sprechstunde zwar um neunzehn Uhr zu Ende, aber er hat mich halt zu Hause erwischt. Ich solle noch mal eben vorbeikommen. Die Frau Doktor aus dem Krankenhaus hat ihm nämlich gesagt, ihr Hausarzt würde auf jeden Fall heute Abend noch einmal vorbeischaun, um den Entlassungsbrief zu lesen. Ich habe ihn auf den Notdienst verwiesen, aber er meinte, es sei schließlich kein Notfall, da könne ich doch auch selbst kommen. Das habe ich dann auch getan.
Den Entlassungsbrief Ihrer Frau Kollegin habe ich gelesen. Eine schöne, lesbare Handschrift hat sie übrigens. Allerdings stand in dem Brief nichts verwertbares drin. Nichts, was ich nicht schon gewusst hätte. Vielen Dank also.“
„Okay…“
„Halt, das Wichtigste habe ich Ihnen ja noch gar nicht gesagt!“
Mein Gesprächspartner macht eine bedeutungsschwere Pause.
„Vorhin hat er übrigens noch einmal angerufen. Er habe wieder Bauchschmerzen. Ich bin hingefahren und kann Sie beruhigen: Es geht ihm gut und ich werde ihn nicht einweisen!“
„Vielen Dank…“
„….sollten die Schmerzen stärker werden, wird er sich natürlich melden…“
„Ja, ist schon in Ordnung…“
„Vielen Dank, Herr Kollege. Und Sie verstehen, warum ich angerufen habe?“
Die Lektion war ja wohl eindeutig.
Und morgen früh werde ich noch ein ernstes Wort mit Sarah sprechen müssen.

Written by medizynicus

27. Januar 2010 at 03:34

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Arme Leute rauchen und sind dick und Doof, dafür haben Schlaue weniger Sex

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Jetzt wissen wir es: Geraucht wird überwiegend in den unteren sozialen Schichten. Diese treiben auch weniger Sport, und ergo, hey, presto, sind arme Leute weniger gesund. Das berichtet das Deutsche Ärzteblatt.
Welch bahnbrechende Erkenntnis: es lohnt sich, reich, gesund und schlau zu sein!
Leute, worauf wartet Ihr noch?
Besorgt Euch ne Million oder zwei, kauft nen Porsche samt zugehörigem „Eure Armut kotzt mich an!“ Sticker, und dann ab auf die Elite-Uni und los auf die Piste. Mit Koks statt Fluppen und Waschbrettbauch vom Golfspielen liegen Euch die Mädels zu Füßen, wenn Ihr denen was von Quantenphysik und Investmentbanking ins Ohr flüstert.
Nicht ganz.
Wer schlau ist, hat weniger Sex, behauptet der „Spiegel“.
Aber man muss ja auch nicht alles glauben, was in der Zeitung steht…

Written by medizynicus

26. Januar 2010 at 08:06

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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