Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kantinengeständnis

with 10 comments

Sarah blickt von ihrem Teller auf, beugt sich zu mir vor.
„Also, erzähl! Was ist da los?“
Wir haben uns still und heimlich von der Station in die Kantine geschlichen, einfach aus Prinzip, weil uns jeden Tag eine halbe Stunde Mittagspause vom Gehalt abgezogen wird, die wir aber so gut wie nie nehmen können.
„Was soll da sein?“
Sarah lacht.
„Man hört, dass da eine gewisse junge Dame in Deinem Leben eine Rolle spielt…“
Ich stochere in meinem Gulasch herum.
„Aha, eine gewisse junge Dame?“
„Komm, jetzt tu doch nicht so!“
Unterm Tisch verspüre ich einen dezenten Tritt gegen mein Schienbein.
Es wird mir wohl nichts übrig bleiben, als die Sache auszudiskutieren. Sarah hat ein Talent dafür, gute Anamnesen zu erheben. Gestern Abend sind wir leider gestört worden, weil just im richtigen Moment unser lieber Kollege Kalle aufgetaucht ist. Ich hätte ihn umarmen können. Jedenfalls hat er das Gespräch umgehend wieder auf unverfänglichere Themen gebracht. Jetzt aber ist weit und breit nichts von ihm zu sehen. Leider.
„Du sprichst von…“
„Wir wissen beide genau um wen es geht!“
„Eigentlich war ja gar nichts…“
Sarah schaut mich scharf an.
„Eigentlich?“
Nun ja. Vorglühen war. In der Silvesternacht. Jenny und die anderen hatten alle schon eine Menge intus, als ich so zwischen sieben und acht im Schwesternwohnheim aufgelaufen bin. Kaum war ich durch die Tür, da fiel Jenny mir um den Hals und blieb da auch für eine Stunde oder so, so genau weiß ich das nicht mehr. Für halb zehn hatten sie zwei Taxis bestellt um ins „Delirium“ zu fahren, aber wir waren zu viele. Also flüsterte Jenny mir etwas ins Ohr und zog mich kurz darauf in ihr Zimmer um zu zweit noch ein wenig weiter vorzuglühen.
Lassen wir die Details. Nur soviel: Ihr Bauchnabelpiercing habe ich bewundern dürfen (kannte ich aber schon, hat sie mir mal in der Umkleide gezeigt), aber es soll noch ein gut verstecktes Tatoo geben, welches ich nicht zu Gesicht bekommen habe, denn wenige Minuten später donnerte es gegen die Tür: Marvin stand davor.
Marvin ist eine Art Faktotum, ein Mann für alles: Hilfspfleger, Bettenschieber, Pförtner, Hausmeister und manchmal auch Rausschmeißer oder Sicherheitsmensch.
„Kommt Ihr mit?“ fragte er.
Widerspruch war zwecklos. Marvin ist eine Seele von einem Mensch, aber man darf es sich mit ihm nicht verscherzen. Also haben wir uns brav von ihm in seinem klapprigen Fiesta hinaus ins Gewerbegebiet kutschieren lassen.
„Und den Rest kennst Du ja!“ sage ich zu Sarah.
Sie grinst.
„Na, in ganz groben Zügen.“
Ich schaue auf die Uhr. Sarah bemerkt meinen Blick
„Müssen wir schon los?“
„Eigentlich hätten wir seit drei Minuten in der Röntgenbesprechung sein sollen!“
Sarah springt auf, greift nach ihrem Essenstablett und wuchtet es in den Geschirrwagen.
Ich stelle meinen halbvollen Gulaschteller daneben.
Nächstes Mal sollte ich lieber Salatteller ordern.

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Written by medizynicus

7. Januar 2010 um 18:48

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

10 Antworten

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  1. Ach ja Schwesternwohnheim gab’s auch noch – hätt ich fast vergessen …

    drgeldgier

    7. Januar 2010 at 19:10

  2. Es wird immer interessanter , fast so spannend wie deine medizinischen Geschichten! 😉 Mehr davon!!!!

    Sandy

    7. Januar 2010 at 19:57

  3. Wie sieht Jenny denn die Sache?

    Blogolade

    7. Januar 2010 at 20:32

  4. Es wird Zeit für DEIN Geständnis… 😉

    eyeIT

    7. Januar 2010 at 21:08

  5. Lass bloß die Finger von Jenny! Es sei denn für ein kurzes Intermezzo (sofern das nicht schon gelaufen ist).

    Männliche Intuition, dat sag ich dir. 😀

    Sebastian

    7. Januar 2010 at 22:01

  6. @Sebastian: Männliche Intuition ist immer gut! Aber Jenny sieht schon wirklich verdammt gut aus… (Sarah allerdings auch… seufz…)

    @Eye It: Bin doch schon am Gestehen!

    @Blogolade: Nun ja… Jenny und ich…. gehen uns derzeit ein wenig aus dem Weg….

    medizynicus

    7. Januar 2010 at 23:10

  7. aha? So langsam kommen wir der Silvesternacht näher. grins

    frau kuni

    7. Januar 2010 at 23:54

  8. Da bedient der Herr Doktor wieder alle Klischees der Arztromane – „junger aufstrebender Assistenzarzt in Entscheidungsnot zwischen Kollegin und hübscher Krankenschwester“ …
    vielleicht nehmen Dir die Damen ja die Entscheidung ab

    drgeldgier

    8. Januar 2010 at 08:05

  9. Das klingt nach einem ernsthaften Zwickmühle. Dabei könnt es doch so einfach sein, man muss nur unemotional und rein logisch an die Sache rangehen :
    if $Frau1 = TRUE then $Frau2 = FALSE Else $Frau2 = True;
    😉

    wpupdate

    8. Januar 2010 at 08:12

  10. Also könnte man sagen $Frau2 = !$Frau1 ?
    😛

    Man man man ich hätte mal Abi machen und Studieren gehen sollen 😐

    dove

    8. Januar 2010 at 11:10


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