Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Was wirklich geschah in dieser Nacht (Teil 3)

with 5 comments

Jenny steht auf, geht einen Schritt und dreht sich zu mir.
„Pass bloß auf, es ist verdammt glatt!“
Erst jetzt fallen mir ihre hohen Absätze auf. Bewundernswert, dass sie damit so trittsicher ist. Ich will ihr nach – und liege im nächsten Moment auf dem Boden.
„Ist etwas passiert?“
Ich bemühe mich um ein Lächeln.
„Kein Problem!“
Ich stehe auf. Jenny steht schon an der Tür, greift nach der Klinke und wartet einen Moment, während ich langsam an ihr vorbei nach drinnen gehe und mir dabei den Schnee von der Hose klopfe. Auf dem Boden im Flur sind Wasserpfützen mit schmierigem Schneematsch.
„Scheiße, die Tür klemmt!“
Jenny ruckt an der Klinke, aber die Tür bleibt sperrangelweit geöffnet.
„Liegt da vielleicht so ein Keil auf dem Boden?“
Jenny schaut, schüttelt den Kopf, ruckt noch einmal – und eine Sekunde später hat sie die Klinke immer noch in der Hand und liegt der Länge nach im Matsch.
„Weh getan?“
Jenny sagt nichts und rappelt sich müde auf.
„Autsch, Mein Fuß!“
„Laß mal sehen!“
Mit gekonntem Griff drücke ich auf der von Schuh und Söckchen befreiten Extremität herum. Der Druckschmerz ist nicht über dem Außenknöchel sondern eher am Fußrücken, nirgendwo ein Hämatom zu sehen, nichts geschaollen. Wie war das nochmal mit den Ottawa-Regeln?
„Der ist bestimmt gebrochen!“ klagt Jenny.
„Schaun wir mal… kannste aufstehen?“
Ich helfe ihr auf die Beine. Sie humpelt ein paar Schritte.
„Geht nicht. Siehste doch selbst! Der ist mit Sicherheit gebrochen!“
Der Mediziner in mir ist felsenfest vom Gegenteil überzeugt: Sie kann auftreten und den Fuß voll belasten, und da ist weder ein blauer Fleck noch eine Schwellung. Was sie hat, ist allerhöchstens eine leichte Distorsion. Aber einer Frau zu widersprechen, das habe ich noch nie gut gekonnt. Vor allem nicht in einer solch heiklen Lage… und wer weiß, ob sie nicht doch wirklich was hat?
Also bewegen wir uns langsam wieder zurück ins brechend volle Lokal, wobei ich Jenny im einen Arm und ihren Schuh am anderen Arm halte.
Mit leidender Miene nimmt sie in einem der niedrigen Ledersessel Platz.
„Wir müssen ins Krankenhaus!“ sagt sie.
„Aber wie kommen wir dahin?“
„Geh und frag Tom!“
Nun ja. Ich kann nicht behaupten, dass mir der Gedanke, diesem Wichtigtuer noch einmal unter die Augen treten zu müssen, sonderlich behagt. Vor allem weil ich ihn um etwas bitten müsste. Ich könnte mir angenehmere Dinge vorstellen.
„Komm, geh schon und frag ihn!“
Was tut man nicht alles für eine schöne Frau?
Seufzend mache ich mich durch das Getümmel auf den Weg zum Haupteingang, wo Zerberus Tom mit Knopf im Ohr und Schlagstocktaschenlampe die inzwischen beachtliche Schlange der Zutrittwollenden unter Kontrolle hält.
„Entschuldigung…“
„Gefällt’s Dir nicht bei uns? Kannst jederzeit gehen!“
„Nee, es geht um Jenny, die junge Dame…“
„Ich kenne Jenny! Was ist los?“
„Sie muss ins Krankenhaus. Könnte man vielleicht ein Taxi…“
„Ein Taxi?“ Zerberus lacht und schüttelt den Kopf.
„Ein Taxi? Um diese Zeit? Bei diesem Wetter? Das war ein schwacher Witz! Seit Stunden stehe ich mit allen Taxifirmen im Umkreis von fünfzig Kilometern in Verbindung. Ausgebucht bis fünf Uhr früh. Vergiss es!“
„Aber es handelt sich um einen Notfall!“
„Notfall? Dann ruf doch ’nen Krankenwagen! Dafür sind die schließlich da!“
Er wendet sich demonstrativ ab um sicherzustellen dass das Gespräch damit beendet ist.
Ich gehe langsam wieder nach drinnen.
Jenny sitzt immer noch da, wo ich sie abgesetzt habe und hält ihren schmerzenden Fuß. Um sie herum stehen mehrere Leute, ausnahmslos männlich, die meisten mit einer Flasche Bier in der Hand und geben gute Ratschläge.
Auch Marvin ist da. Besser wäre gewesen, er hätte auf der Stelle das Weite gesucht.

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Written by medizynicus

10. Januar 2010 um 00:06

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

5 Antworten

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  1. Lesenswerte Story. Spannend schreiben kannste ja. Das wäre doch auch für ein Buch gut? Warum erinnerst du mich irgendwie an Hajo?

    chefarzt

    10. Januar 2010 at 01:05

  2. War eben auch mein Gedanke das wäre genug Stoff für ein zweites Buch 😉

    Sandy

    10. Januar 2010 at 10:03

  3. Halte uns auf dem Laufenden wie es mit deiner Liebesgeschichte weiter geht ;o) Sollte man wirklich in Buchform bringen und drucken ;o)

    swissresq

    10. Januar 2010 at 16:39

  4. jetzt endlich doch wieder was medizynisches

    drgeldgier

    10. Januar 2010 at 17:53

  5. @Cheffe: Das wär mal ein interessantes Crossover: Medizynicus meets Hajo!

    medizynicus

    11. Januar 2010 at 13:14


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