Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Was in dieser Nacht geschah (Teil 4)

with 9 comments

Jenny schaut mich fragend an.
Ich schüttele den Kopf
„Taxi ist nicht!“
„Und wie kommen wir dann ins Krankenhaus?“
„Ich bring Euch hin!“ sagt Marvin.
Jenny strahlt.
„Echt? das würdest Du tun?“
Marvin sagt nichts und deutet uns mit einer Kopfbewegung an, zu folgen. Mr. Zerberus schaut demonstrativ in eine andere Richtung, als wir an ihm vorbei zum Parplatz dackeln.
Marvin schwankt bedenklich und braucht verdächtig lange, um den Autoschlüssel zu finden. Natürlich will der Wagen auch jetzt wieder nicht anspringen. Marvin flucht mit schwerer Zunge und mir wird schlagartig bewußt, dass das alles vielleicht doch keine so gute Idee ist. In meinem Magen meldet sich ein flaues Gefühl.
„Hättest Du was dagegen, wenn ich mich hinters Lenkrad setze?“ frage ich vorsichtig.
„Nee, geht schon!“
Der Motor rumpelt, öttelt und heult auf, dann löse ich vom Beifahrersitz aus diskret die Handbremse und wir ruckeln auf die schneebedeckte Straße. Mehrmals kommen wir dem Bordstein bedenklich nahe, schwenken dann elegant bis auf die Gegenfahrbahn, touchieren einmal fast ein parkendes Auto und biegen ungebremst um eine Kurve. Gibt es in dieser Stadt eigentlich keine Räumfahrzeuge? Das Grummelgefühl in meiner Magengrube verstärkt sich jedenfalls zu einem ordentlichen Brechreiz.
Kurz vor dem Krankenhaus steht eine Polizeistreife.
Marvin tritt auf die Bremse, der Wagen schlingert und rutscht und kommt unmittelbar vor den Bullen zum Stillstand.
Ich kurbele das Fenster runter.
„Sorry, es ist ein Notfall…“
Die überraschten Gesetzeshüter winken uns durch.
Am Krankenhaus läßt Marvin uns mit laufenem Motor aussteigen.
„Ihr kommt alleine klar? Dann fahre ich mal wieder zurück!“
Definitiv keine gute Idee, denke ich, aber ich bin nicht sein Gewissen und bedanke mich stattdessen tausendmal bei ihm dafür dass er Leben und Führerschein aufs Spiel gesetzt hat um uns zu helfen. Und ganz nebenbei bin ich viel zu froh darüber, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Jenny ist längst – überraschend schnell und völlig ohne meine Hilfe – bis zur Eingangstür gelaufen. Ich drücke Marvin nochmal die Hand, dann braust er mit heulendem Motor in Schlangenlinien davon.
Jenny und ich betreten das wohlbekannte Gebäude und begeben uns am Pförtner vorbei entlang der Blutspur in die Ambulanz.
Im Wartezimmer herrscht Party-Atmosphäre. Der Laden ist fast so voll wie das Lokal, welches wir vor einer Viertelstunde verlassen haben. Die Stühle sind alle besetzt, so nimmt Jenny auf einem Heizkörper Platz während ich mich hinter die Kulissen begebe.
Da ist Schwester Anna bemüht sich, das Chaos halbwegs unter Kontrolle zu halten.
„Hat Sarah Dich angerufen? Schön, dass Du uns helfen willst! Du siehst ja, was draußen los ist, momentan können wir jede Hand gebrauchen!“
Ich druckse etwas herum, werfe mir einen weißen Kittel über, nehme einen Röntgenschein, und trete dann wieder ins Wartezimmer um Jenny an der Warteschlange vorbei in die Röntgenabteilung zu bugsieren.

Advertisements

Written by medizynicus

11. Januar 2010 um 01:09

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Es wird immer spannender hier! Man wünscht sich als Leser aber langsam was erotisches oder so…

    schwester

    11. Januar 2010 at 07:55

  2. Ironie an: tz tz tz und die armen Menschen welche schon sooooo lange warten müssen bis sie dran kommen lässt du links liegen 😛 Ironie aus:

    Da bin ich aber gespannt was denn nun an dem Fuss kaputt ist… und viel Spass bei der ungeplanten Nachtschicht

    swissresq

    11. Januar 2010 at 09:11

  3. *wegschmelz* hach wie schön und spannend …. und romantisch irgendwie ….. 😉

    Sandy

    11. Januar 2010 at 09:40

  4. Ich frag mich eher, was sie so im (vermutlich absperrbaren) Röntgenraum machen… =D

    chaoskatze

    11. Januar 2010 at 10:52

  5. @ Schwester: Also, das hier ist immer noch ein medizinisches und kein erotisches Blog!!!
    @ Swissresq: Tja, ab und zu hat es halt schon Vorteile, wenn man im Krankenhaus arbeitetet und die Leute kennt… und die Nacht war übrigens noch sehr lang!
    @Sandy: Ja, ich schmelz schon beim Schreiben weg…
    @Chaoskatze: Nee, in den Röntgenraum durfte ich natürlich nicht mit rein, weisst schon, wg. Strahlung. Aber nachher…

    medizynicus

    11. Januar 2010 at 13:13

  6. na ja, erotikromane verlangt ja hier keiner, aber auch in der medizin gibt’s genug erotik. Eeh, war’s dein Artikel „Darf man sich in eine Patientin verlieben?“ Der war richtig schön… More please! (wenn’s geht natürlich). Macht einen medizinischen Blog einfach schöner.

    schwester

    11. Januar 2010 at 13:25

  7. An Silvester im Dienst. Das nenne ich Arbeitseinstellung!

    stef

    11. Januar 2010 at 16:13

  8. datt wird ja immer doller 🙂

    frau kuni

    11. Januar 2010 at 16:36

  9. Das ist echt nichts für Ungeduldige… 😉

    quadratmeter

    11. Januar 2010 at 19:15


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: