Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Silvesternachtsoap (Teil 7)

with 19 comments

Als ich wieder wach werde, liege ich auf dem Boden neben der Kloschüssel. Mein Schädel dröhnt. Er hat wohl nähere Bekanntschaft mit einem sanitären Keramikgegenstand gemacht. Und noch etwas dröht, dieses Etwas donnert gegen die Tür und hat die Stimme von Schwester Anna.
„Alles in Ordnung da drinnen?“
„Ja, passt schon!“
Es riecht unangenehm säuerlich. Anscheind hat’s vorhin mit dem Zielen wohl nicht so richtig geklappt, denn neben mir auf dem Boden liegt ein Teil meines Mageninhalts.
„Ich dachte nur, weil es vorhin so komisch gerummst hat…“
„Danke! Nix passiert!“
„Da sind zwei Herren von der Polizei, die wollen Dich sprechen.“
Was ist los?
Ich zucke zusammen.
„Ich komm schon!“
Langsam rappel ich mich auf. Mit Unmengen von Klopapier und Papiertaschentüchern wische ich die Sauerei auf dem Boden notdürftig weg und reinige mich dann so gut es geht mit Flüssigseife und Sterilium.
Die Bullen warten gleich draußen vor der Toilettentür.
„Sie sind der Diensthabende Arzt?“
Was soll ich jetzt sagen? Wo ist Sarah?
„Ähem…. So ungefähr.“
„Können Sie uns schon etwas sagen….?“
Etwas sagen? Wozu? Ach ja, da war was… Blaulicht, Rote Jacken und vor allem dieser unnachahmliche Geruch!
„Tut mit leid, der Patient ist momentan noch nicht vernehmungsfähig!“
Der Polizist nickt. Er hat offenbar keine andere Antwort erwartet.
„…und dann hätten wir noch eine Blutentnahme!“
„Aha?“
„Alkohol am Steuer… Sie wissen schon!“
Das muss jetzt warten! Ich gebe den beiden Gesetzeshütern eine höflich-Nichtssagende Antwort und eile dann wieder in den Schockraum.
Der Geruch ist immer noch da – aber die Quelle ist verschwunden.
Man kann gegen Fusel-Franze sagen, was man will, aber er ist unser treuester Kunde, unser Maskottchen, er gehört zu uns, wie der Geruch ungeleerter Bettpfannen. Fusel-Franze darf nicht sterben!
„Wo ist er?“ frage ich.
„Auf dem Weg zum OP. Der Oberarzt war vorhin da.“
„Und Sarah?“
„Sie soll assistieren. Kannst Du so lange die Ambulanz machen?“
Wird mir ja wohl nichts Anderes übrig bleiben.
Schwester Anna schaut mich an und scheint allmählich meinen Zustand zu erkennen.
„Ich meine natürlich nur, wenn Du Dich fit genug fühlst…“
Schwester Gaby stemmt die Hände in die Seiten und schüttelt den Kopf.
„Nix da! Du gehst jetzt nach Hause und legst Dich ins Bett!“
Ich versuche, zu lächeln.
„Es geht schon wieder!“
Also zurück zu den beiden Herren in Grün.
„Also, was ist mit dieser Blutentnahme?“
„Der Autofahrer, welcher den Notruf abgesetzt hat, hat getrunken!“
Der Polizist deutet auf ein Häufchen Elend, welches auf einem der Wartestühle hockt.
„Nein!“
Ich muss mich festhalten. Fast wäre ich zum zweiten Mal in Ohnmacht gefallen.
„Was ist denn genau passiert?“
Der eine Polizist erklärt mir mit gedämpfter Stimme den Tathergang:
„Dieser… ähem… dieser Penner hat ohne nach rechts oder links zu schauen die Hauptstraße überquert. Dabei wurde er von einem Räumfahrzeug erfasst. Irgendsoein Sonntagsfahrer hat dann mitten auf der Straße angehalten und den Fahrer des Räumfahrzeugs aufs Heftigste beschimpft. Er hat den Verletzten ins eigene Auto gezerrt und angefangen, angeblich um Erste Hilfe zu leisten. Was auch immer er da für Spielchen gemacht hat, immerhin hat er auch den Rettungsdienst alarmiert, aber dann ist er trotzdem losgebrettert, und zwar in Schlangenlinien…“
„Bei zwanzig Zentimeter Neuschnee auf einer ungeräumten Straße kann jeder ins Schleudern geraten, da haben Schlangenlinien gar nichts zu sagen!“
„…haben sie sehr wohl, wenn der Fahrer deutlich nach Bier und Schnaps riecht und uns Polizeibeamte mit lallender Stimme grob beleidigt. Jedenfalls ist er nicht weit gekommen, weil der Rettungswagen sofort da war.“
„Dieser Mann hat vielleicht ein Leben gerettet. Selbst wenn er mit Alkohol am Steuer saß – das war ein Notfall!“
„Das war kein Notfall, sondern Fahrerflucht. Und Sie sollen jetzt nicht diskutieren, sondern bitte zügig die Blutprobe abnehmen!“
Als ich den Augen des Verdächtigen begegne fühle ich mich wie ein Verräter. Ein Judas von der Schlimmsten Sorte.

Written by medizynicus

14. Januar 2010 um 00:01

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

19 Antworten

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  1. Oh mein Gott Oo Fusel-Franze *schock* Marvin *noch mehr schock* und nun???? *kalkweiss werd*

    Sandy

    14. Januar 2010 at 00:09

  2. Weiter, schnell, der Entzug ist zu hart 😉

    Marvin

    14. Januar 2010 at 00:14

  3. Kannst du ihn nicht runterschwindeln vom Wert? Eieiei.

    quadratmeter

    14. Januar 2010 at 00:28

  4. Du schwindelst Dir hier doch was zusammen – hoffe ich. Das ist alles viel zu seltsam um wahr zu sein…

    Auf der anderen Seite… In Bad Dingenskirchen weiß man vermutlich nie…

    Luto

    14. Januar 2010 at 00:51

  5. Schwindeln? Ich doch nicht! Nööööö, nöööö, alles voll äääächt wahr, Ährenwort! *ganz treu und doof guck*

    medizynicus

    14. Januar 2010 at 00:55

  6. … dir selbst das blut abzapfen und dann bestimmen lassen würde dem menschen auch kaum was bringen, oder? 😉

    endoscopia

    14. Januar 2010 at 00:56

  7. Kannst du dich da bzgl. der Blutentnahme nicht weigern?
    Schließlich kann dich dazu doch niemand zwingen, oder?

    SkY

    14. Januar 2010 at 01:48

  8. jaja, ich sag nur „Liebesgeschichte“…trotzdem, der arme fusel-franse. Wuerde ich solche dinge machen, wuerde ich jetzt fuer ihn beten.

    premiumpatientin

    14. Januar 2010 at 02:27

  9. AAAAAAAAHHHHHHHH!!! Das ist zu viel für mich am frühen Morgen!!

    Hermione

    14. Januar 2010 at 06:22

  10. @Endoscopia: Wart’s ab!
    @Sky: Das ist ein interessantes und wichtiges Dauerbrennerthema, welches ich ausserhalb der Soap sicher noch einmal aufnehmen werde!

    medizynicus

    14. Januar 2010 at 07:11

  11. Du kannst die Blutentnahme verweigern. Dann müssen sie den Marvin zum Amtsarzt schleppen. Mühsam, weil wahrscheinlich nur in irgendeinem Gefängnis einer verfügbar ist.

    drgeldgier

    14. Januar 2010 at 08:48

  12. Das ist ein sogenannter übergesetzlicher Notfall und da passiert dem gar nix, der da besoffen gefahren ist.
    In einem mir bekannten Fall hat die Polizei den Besoffenen mit dem Patienten im Auto dann sogar noch biz zum KH eskortiert, mit Blaulich vorweg.
    Das ging schneller als auf einen Notarzt zu warten.

    Magrat

    14. Januar 2010 at 09:43

  13. Ich frage mich seit einiger Zeit, was wohl im folgenden Fall passieren würde:
    angenommen ich fahre nüchtern (!) z.B. zum Einkaufen, beschädige beim Ausparken ein fremdes Fahrzeug, ohne es zu bemerken und fahre normal nach Hause, werde dabei aber von Zeugen beobachtet, die sich das Kennzeichen merken.
    Zu Hause angekommen hol ich mir nen Bier ausm Kühlschrank und trink zwei Kurze. 30 Min später steht die Polizei vor der Tür von wegen Fahrerflucht.

    Eigentlich müsste ich dann doch wegen Trunkenheit am Steuer drangekriegt werden (wer glaubt mir schon, dass ich erst vor 30 min getrunken hab?)

    Komischer Grenzfall, aber irgendwie doch möglich?

    stef

    14. Januar 2010 at 09:52

  14. @Sandy, @Geldgier: Warum wisst Ihr… ähem… warum wollt Ihr wissen, dass es Marvin hier noch irgendwo eine größere Rolle spielt? Muss ich die Episode 8 etwa schnell noch umschreiben?

    Ja, und was diese Oberschlauen angeht, welche die Blutennahme verweigern, da kann ich auch ein paar Geschichten zu erzählen!

    @Stef: Der sogenannte „Nachtrunk“ läßt sich übrigens gut nachweisen. Wird übrigens ziemlich oft als Entschuldigungsgrund versucht, die Leute sind ja nicht blöd, die Polizei allerdings auch nicht.

    medizynicus

    14. Januar 2010 at 11:53

  15. Ne, bringt nicht wirklich was.
    Medizynikus hatte ja vorher auf der Party zumindest auch ein Bier in der Hand und sicher auch genippt und so ein komisches Zeug war da auch noch im Spiel (Jennys Zigaretteninhalt).

    Blogolade

    14. Januar 2010 at 12:16

  16. also wenn du in 30min zwei bier kippst, sind die cops wahrscheinlich nicht ganz so kooperativ.
    grundsätzlich müsste man aber über den verlauf der alkoholkonzentration in deinem blut später feststellen können, dass deine version von den zwei bier stimmt.
    ist dann schon aufwendig.
    aber grundsätzlich heißt es ja auch: in dubio pro reo, oder?

    endoscopia

    14. Januar 2010 at 13:36

  17. Und morgen machst du wahrscheinlich eine Staffelpause 😀 das ist doch nicht auszuhalten hier!

    schwestertrauma

    14. Januar 2010 at 13:42

  18. Jetzt bring ihn doch nicht auf dumme Gedanken!!

    Hermione

    14. Januar 2010 at 17:52

  19. Na der betrunkene Fahrer ?! War das nicht Marvin *verwirr* ach jeee …… können 24 Stunden bitte mal schneller vorbei gehen ich bleib immer schon auf bis Mitternacht um direkt die nächste Folge lesen zu können und nix mit Pause ich krieg zuviel …….

    Sandy

    14. Januar 2010 at 20:14


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