Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Die Wunderspritze

with 11 comments

Schwester Trauma hat Hexenschuss und Dr. Geldgier will ihr keine Spritze geben.
Richtig so! Endlich mal einer, der Rückrat hat.
Also, ich erzähle Euch mal, wie das üblicherweise so abläuft bei uns.
Ort der Handlung: Kreiskankenhaus Bad Dingenskirchen, Ambulanz.
Zeit der Handlung: Samstag Abend, zweiundzwanzig Uhr. Oder so ähnlich.
– Vorhang auf –
Auftritt Herr Schmuddelfink. Mitte fünfzig, mäßige Adipositas, Schnauzbart, schütteres graues Haar und rundliches Gesicht. Mit theatralischer Geste humpelt er vom Wartezimmer in den Behandlungsraum.
„Guten Abend, setzen Sie sich bitte!“
„Nee, geht schon!“
Patient bleibt mit betont schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck stehen.
„Wie kann ich helfen?“
„Sehen Sie doch!“
„Aha?“
„Das Kreuz!“
„Aha?“
„Seit vorhin, ganz plötzlich!“
Also gut. Kurze Untersuchung, alles in Ordnung. Abgesehen von den Schmerzen natürlich.
„Okay. Ihre Rückenmuskeln sind ziemlich verspannt. Das passiert schonmal. Kein Grund zur Sorge. Ich gebe Ihnen jetzt zwei Tabletten mit und dann besorgen Sie sich in der Apotheke…“
„Krieg ich denn keine Spritze?“
„Nein, Sie kriegen keine Spritze. Die Tabletten wirken genauso gut.“
„Aber mein Hausarzt gibt mir immer eine Spritze!“
„Und die Spritze wirkt besser als Tabletten?“
„Tabletten nehme ich nicht!“
„Warum nicht?“
„Ich mag keine Chemie in meinem Körper!“
„Und Sie glauben, die Spritze enthielte weniger Chemie?“
Grummelgrummel.
„Können Sie denn wenigstens ein Röntgenbild machen?“
„Glauben Sie, dass Ihre Schmerzen vom Röntgen weggehen?“
„Aber wenn doch ein Nerv eingeklemmt ist?“
„Bei Ihnen ist kein Nerv eingeklemmt!“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich Sie vorhin untersucht habe!“
„Wenn Sie mich noch nichtmal röntgen… warum bin ich denn dann überhaupt ins Krankenhaus gekommen?“
„Damit ich Sie sorgfältig untersucht und anschließend fachkundig beraten und behandelt habe…“
Fast hätte ich noch gesagt „leitliniengerecht“, aber man will es ja nicht übertreiben.
„Gar nichts haben Sie gemacht. Wenn Sie mir nicht helfen können, dann gehe ich halt morgen wieder zum Hausarzt, der gibt mir die Spritze, Sie werden schon sehen!“

Written by medizynicus

23. Januar 2010 um 21:42

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

11 Antworten

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  1. Mit nix sind die Leute zufrieden……

    alltagimrettungsdienst

    23. Januar 2010 at 23:11

  2. Wunderbar… genau so isses. Ich glaube, den Herren habe ich auch schon hundertmal gesehen. Und hundertmal fast erwürgt.

    Anna

    23. Januar 2010 at 23:12

  3. Ich schenk dir mal ein „g“ fürs „Rückrat“ *hrhrhr*
    (Zum Glück muss man es nicht schreiben können um es zu haben, ne?)

    Benedicta

    23. Januar 2010 at 23:14

  4. […] (24.01.10): Da ich hier eine mittlere Diskussion losgetreten habe, die auch bei Medizynicus fortgeführt wird, möchte ich hier doch zu Verteidigung der Patienten sagen: Wir Ärzte, gerade […]

  5. […] an diesem Sonntagmorgen sein Wartezimmer gut gefüllt. Auftritt: Herr Schmuddelfink, den wir von gestern Abend her kennen. Die Sprechstundenhilfe schnarrt: “Dernächstebitte, in Zimmer zwei!” Unser […]

  6. Wie ich schon bei Dr. Geldgier schrieb: Spritzen wirken halt schneller. Als ich mal ne starke Muskelverhärtung im Nacken mit einhergehenden Krämpfen bei jeder falschen Bewegung hatte war ich dafür auch überaus dankbar. Auch wenn ich sonst ne erhebliche Spritzenphobie hab. 😉

    Denis

    24. Januar 2010 at 13:38

  7. wenn einer Bauchweh hat, gehts auch viel schneller den Bauch einfach aufzuschneiden, als erst noch aufwändig eine Röntgenaufnahme in Linkseitenlage vom Abdomen zu machen, Blut abzunehmen, den Patienten „durch die Röhre“ zu schieben oder wenn´s ganz krass wird: mit dem Patienten zu reden und ihn zu untersuchen.
    Komischerweise habe ich bisher keinen Patienten erlebt, der verlangt hat gleich operiert zu werden… 😉

    Avialle

    24. Januar 2010 at 20:42

  8. die OP wäre unter Umständen sogar ne kausale Therapie, ganz im Gegensatz zum „Pieks bei Rücken“… ich merke, die Idee gefällt mir schon wieder zu gut, also hör ich jetzt auf!:D

    Avialle

    24. Januar 2010 at 20:44

  9. ich hatte mal einen hausarzt. 50m luftlinie. bin vor dem spiegel gestanden (ich bin blond und schön), (beinahe hätte ich blind und schön geschrieben)), und meinen kopf vor dem spiegel nach links geneigt.
    autsch.
    nichts geht mehr. tränen in den augen. schreie. mami kam. mami bringt mich unter tränen zum arzt. der arzt steckt mir (er ist grad in der weiterbildung zum nädelikönig (akupunkturzeugs?)) ganz viele nadeln überall hin. es tut so weh. ich muss, nachdem er mir die nadeln gesteckt hat, 20 minuten so liegen bleiben. unglaubliche schmerzen!
    nichts gebracht.
    irgendwas gespritzt, alles gut, halskrause 2 tage tragen. whatever.
    spritzen sind gott. wobei ich auch nicht verstehen kann, wie jemand keine spritzen mögen kann. ich mag auch blut abnehmen. in der schweiz jammern alle, dass es zu wenig spenderblut gibt. ich reise viel. und ich habe des öfteren sex. ungeschützt.
    wollen sie nicht. zu gefährlich..

    denise

    24. Januar 2010 at 22:30

  10. in tunis, bei einem allgemeinen spendenaufruf (ich war in den ferien da), wollte ich ihnen klar machen, dass ich laut dem roten kreuz nicht geeignet bin.. sie wollten mein blut trotzdem.
    ich ficke nicht in der weltgeschichte herum, aber in der schweiz muss man mindestens 3 jahre in einer festen beziehung leben, darf nicht tunesien reisen, .. etc. manchmal wundere ich mich gar nicht, warum keiner spenden geht.

    denise

    24. Januar 2010 at 22:34

  11. Diese Spezies kenne ich bestens. Bei uns sind sie noch nicht mal mit ’nem Röntgen zufrieden, sondern fragen gleich nach dem „Kernspind“.

    Rette Dich, wer kann!

    26. Januar 2010 at 18:25


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