Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sind alle Hausärzte doof oder nur die Patienten?

with 14 comments

Hausarzt-Bashing ist eine Disziplin, welche Medizynicus immer wieder gerne praktiziert – und das eine oder andere Mal hat er sich dabei schon die Finger verbrannt. Nun ist es einfach eine liebgewordene Tradition, vom gemütlichen, Krankenhaus-Dienstzimmer aus über die dummen Kollegen da draußen im Walde zu lästern: Mehr als merkwürdige Einweisungen sind die eine Seite, immer wieder durchdringende Gerüchte über fragwürdige Behandlungsmetoden die Andere.
Antibiotika bei Bagatellinfekten, unnötige Spritzen, Quaddeln, Vitamin-Infusionen, „Homöopathische Frühjahrs- und Herbstkuren“ (was auch immer das ist, vermutlich irgendwas mit Infusionen), Reiki und Kinesiollgie, Eigenblutbehandlung und andere Quacksalbereien bis hin zur legendären Kristallaurahokuspokustherapie – die Liste ist ziemlich lang.
Was ich nun immer schon mal wissen wollte noch nie zu fragen wagte:

  • Glauben die Docs, die sowas machen wirklich selber daran?
  • Wenn sie nicht daran glauben, verdient man wenigstens ordentlich daran? Soweit ich weiss, wird der Großteil dieser Sachen nicht als Igel sondern als normale Kassenleistung gemacht
  • Wenn man weder daran glaubt noch daran verdient, was gibt es sonst für Gründe?
  • Sind es wirklich die Patienten, die so penetrant darauf bestehen, dass man ihnen den Wunsch nicht abschlagen darf?
  • Was würde man riskieren, wenn man doch auf sein Gewissen hört und einfach mal klar und deutlich „NEIN!“ sagt?

Written by medizynicus

25. Januar 2010 um 07:00

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

14 Antworten

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  1. Ich glaube nicht, dass die Hausärzte selber an den Hokus Pokus glauben und der Verdienst ist es auch nicht, wie schon erwähnt.

    Viel mehr denke ich, dass es blinder Aktionismus nach bereits getätigten Behandlungen ist. Sprich: Der Patient hat trotz allen Bemühungen immer noch Beschwerden. Um diesem dann irgendetwas anderes als ein „Wir haben alles versucht, geh nach Hause“ anbieten zu können und den Patienten fürs erste mal loszuwerden, sucht man nach Alternativen. Und seien sie noch so schwachsinnig. Was dabei rauskommt: Eben diese Quacksalberei.

    Mark

    25. Januar 2010 at 08:43

  2. Mein Hausarzt kommt nicht mit HokusPokus um die Ecke. Einzig das mit den Antibiotika bei Grippen, das hat er drauf. Die ersten 2 Mal habe ich es nicht gemerkt denn er hat fleißig aufs Rezept geschrieben ohne mir zu sagen was das alles ist. Erst nach dem Apothekenbesuch fiel mir das auf. Das eine Mal hab ichs genommen weil ich wirklich krank war und es half schon.
    Seither lasse ich ihn das AB zwar aufschreiben (wenn er meint) aber in 90% der Fälle lasse ich es in der Apotheke. (wenn ich wegen einem gripp. Infekt zum Arzt gehe, ist es eh schon sehr schlimm. Normal kuriere ich sowas zuhause mit Tee und Wärme aus). Spritze bei extremen Rückenschmerzen bekam ich auch schonmal ungefragt von ihm, die hat aber echt geholfen, ich konnte mich wieder bewegen. (Diclo)

    Einen HokusPokus-Hausarzt hatte ich aber auch schonmal. Die Akupunktur von ihm hat schon gut geholfen, der Rest – naja, ich hab seine Mittelchen nicht genommen weil meist Laktose drin war (und ich nicht dran glaubte).

    Aber klär mich dochmal auf: was für eine Behandlung ist „Quaddeln“???

    Blogolade

    25. Januar 2010 at 10:53

  3. Das allwissende Orakel sagt: Wird ein Medikament (z.B. Lokalanästhetikum) intra- oder subcutan verabreicht so können dabei als Zeichen einer lokalen Reizung Quaddeln entstehen (weshalb diese Vorgehensweise umgangssprachlich auch als Quaddeln bezeichnet wird.)

    Denis

    25. Januar 2010 at 11:08

  4. Als ich aus der Uni in’s Krankenhaus kam musste ich erkennen, dass ich nur für die Hälfte aller Probleme meiner Patienten auch eine Lösung gelernt hatte: für die andere Hälfte wussten die Prof’s auch keine. Das haben sie aber nicht an die große Glocke gehängt.

    Als ich mich dann niederließ, erlebte ich das selbe noch einmal: meine eherenwerten Lehrer, die Herren Chefärzte, wussten auch nur einen Teil. Den zweiten haben sie problemlos auf die Psyche, oder auf andere Fachrichtungen (oder auf die Hausärzte) geschoben und dem Patienten mitgeteilt, dass er jetzt, zumindest was ihr Fachgebiet anbelange, „geheilt sei“ (welch arrogant verpackte Formulierung, dass sie ihm nicht helfen konnten).

    In der Praxis lernte ich dann auch sehr schnell, dass nur ca. 10-20 % aller Krankheiten den Weg ins Krankenhaus (geschweige denn in die Uniklinik) finden und daß den dortigen Ärzte damit nur die entsprechenden 10 – 20 % überhaupt bekannt sind (davon abgezogen die Krankheiten, für die sie noch keine Lösungen kennen – wir haben schließlich gerade erst mal hundert Jahre wissenschaftliche Medizin hinter uns und sind noch lange nicht am Ende alles Wissen – selbst wenn manch selbstgefälliger Professor dies anders darstellt; die 5-Jahres-Überlebensrate von neuen Medikamenten oder medizinischen Behandlungsmethoden liegt übrigens immer noch erst bei ca. 10 %!!!).

    Und dann fragt man sich … und sucht. Dann erinnert man sich, dass die Elektrizität erst im 17.Jahrhundert „entdeckt“ worden ist (der berühmte Froschschenkelversuch von Herrn Galvani), dass es aber Blitze schon immer gab (angeblich haben sie ja das Leben ermöglicht und außerdem haben sie den Menschen das Feuer gebracht). Und dann wird berichtet, dass es viele andere Möglichkeiten gibt und dass jede Gesellschaft ihre eigenen Methoden entwickelt hat Menschen zu behandeln (chinesische Medizin, Ayurveda, indianische Methoden), und jede Zeit (Homöopathie, Schüssler Salze, Bach-Blüten) und sogar manche Quer-Denkweisen (Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie nach Prof. Ardenne).

    Dann hört man von Patienten, dass die eine oder die andere Methode geholfen hat (man hört auch, dass manche – wie z.B. die Kristallaurahokuspokustherapie – nur Geld gekostet hat und nichts bringt). Und dann ist es einem völlig Wurst, ob eine bisher noch nicht „wissenschaftlich bewiesene und erklärte“ Methode hilft, Hauptsache dem Patienten ist geholfen.

    Für die eine oder andere Methode überlegt man sich vielleicht, wie und warum sie wirken könnte (man ist ja kein Wissenschaftler, aber irgendwie interessieren täte’s einen schon). Und Placebos helfen im übrigen ja auch (wissenschaftlich nachgewiesen!).

    Geld verdient man damit üblicherweise nicht. Natürlich gibt es Kollegen, die das nur gegen Cash rausrücken (es gibt sogar welche, die Cash-Leistungen bevorzugt anbieten), aber das sind die Ausnahmen unter den Hausärzten (für manch andere Fachrichtung möchte ich mich hier nicht festlegen).

    Nein, es sind nicht die Patienten, die auf einer bestimmten Behandlung bestehen (jedenfalls nicht grundsätzlich und nicht am Anfang), aber es sind die Patienten, die ein Problem haben, das gelöst werden muss.

    Und da sind wir dann auch bei der Frage „Was würde man riskieren, wenn man doch auf sein Gewissen hört und einfach mal klar und deutlich “NEIN!” sagt?“ – Dann wäre man kein Arzt! Denn das Wichtigste für den Arzt ist, DEN PATIENTEN ZU HELFEN, nicht seine „schulmedizinisich-wissenschaftlichen“ Eitelkeiten auszutoben !!!!!!!!!!!!!

    der Landarsch

    25. Januar 2010 at 11:34

  5. Quaddeln ist das westliche Pendant zu Akupunktur: Bei Akupunktur entsteht durch die unterschiedliche Elektronegativität zwischen Gewebe und Nadelmaterial ein (Mikro-)Strom, der dann etwas bewirkt….

    Beim Quaddeln wird eine Flüssigkeit gespritzt (meistens ein Lokalanästhetikum, es kann aber auch alles andere gespritzt werden außer 0,9% Kochsalzlösung (vielleicht nicht konzentrierte Schwefelsäure). Auch hier hat die jeweilige Flüssigkeit (nur eben 0,9% Kochsalzlösung nicht!) eine andere Elektronegativität und es entsteht – ebenso wie bei der Akupunktur – ein elektrischer (Micro-)Strom). Aus diesem Grund sind die Akupunkturpunkte und die Stellen, an denen gequaddelt wird, nahezu identisch.

    der Landarsch

    25. Januar 2010 at 11:41

  6. Danke Landarsch und Denis.

    Blogolade

    25. Januar 2010 at 11:43

  7. Mit Osteopathie zB habe ich auch sehr gute Erfahrungen gemacht.

    Mir persönlich ist es egal, ob es eine Therapie ist, die mir hilft oder ob am Ende das Placebo gewinnt, hauptsache es funktioniert. 🙂

    Ich hatte übrigens in meiner Heimat mal einen Hausarzt, dem ich meine Bauchschmerzen schilderte. Er tastete ab, fand das Aua und sagte nur „keine Ahnung was Sie haben, scheint aber nicht lebensbedrohlich zu sein, also werden Sie wohl damit leben müssen“ Das wars für ihn, damit war er fertig mit dem Fall.
    Im nächsten Wohnort, neuer Arzt neues Glück hat die Internistin rausgefunden: Laktoseintoleranz (genau wie mein Bruder, was ich dem ersten Arzt auch schon sagte). Seit ich das weiß und danach lebe, geht es mir gut. Manchmal würde ich mir wüschen, alle Ärzte machen sich ein bisschen Mühe zu allererst mit der Ursachenfindung. Welche Behandlung erfoderlich ist, bestimmt ja heutzutage eher die Krankenkasse als der Arzt…

    Blogolade

    25. Januar 2010 at 11:49

  8. Danke!
    Ich will weder auf eine unsinnige Diskussion zum Thema Schulmedizin versus Naturheilkunde einsteigen, noch andere alternative Methoden be-ver-oder sonstwie-urteilen.
    Dein letzter Satz sagt alles! 🙂
    Das Wesentliche ist eine kritische und realistische Fähigkeit Perspektiven zu wechseln und FÜR den Patienten und dessen Heilung/Linderung der Beschwerden zu handeln.

    Petra

    25. Januar 2010 at 11:59

  9. Ach.. und natürlich muss sicherlich hier und da ein lautes, klares, und unüberhörbares:NEIN gesagt werden!

    Petra

    25. Januar 2010 at 12:00

  10. @Landarsch: Danke für diese ausführliche und sehr engagierte Stellungnahme!
    Nur in aller Kürze ein paar Anmerkungen (die ganze Sache ist eigentlich einen eigenen Beitrag wert):
    1.) Wir sind uns einig – gerade bei chronischen Schmerzpatienten – dass hier die Placebo-Wirkung nicht zu unterschätzen ist
    2.) Wir sind uns ebenfalls einig, dass die Zuwendung, Empathie und Zuhören hilfreich sind – dies aber wird weder dem Niedergelassenen vergütet noch dem Krankenhausarzt
    3.) Folglich haben Therapieformen, die körperlicher Zuwendung (z.B. Chirotherapie) oder Zuhören (z.B. die Erstanamenese bei klassischer Homöopathie) einhergehen einen therapeutischen Bonus, der nichts mit der eigentlichen intrinsichen Wirksamkeit der Therapieform zu tun hat (kompliziert ausgedrückt, Ihr wisst schon was ich meine…)
    4.) Unser erster Grundsatz sollte sein: Keinen Schaden zuzufügen.
    5.) Manchmal kann es also sinnvoller sein, zunächst zuzuwarten anstatt in hektischen Aktionismus zu verfallen.
    6.) Und genau das ist mein Kritikpunkt an der Hokuspokusmedizin: Bei einigen Therapieformen gibt es erhebliche Risiken, dass man Schaden zufügen kann – was auch gar nicht so selten vorkommt (z.b. Spritzenabszesse, anaphylaktische Reaktionen…)
    7.) Meine Kritik gilt nicht den sorgfältigen empathischen Hausärzten wie Dr. Landarsch, sondern denen, die im 7-Minuten-Takt pieksen, spritzen und quaddeln bis sich die Balken biegen ohne den Patienten vorher gründlich zu untersuchen.

    medizynicus

    25. Januar 2010 at 13:05

  11. Der wesentliche Grund für obskure Maßnahmen ist, ein schnelles Ende der Sitzung zu erreichen. Als ich mich vor Jahren von der Spritzerei verabschiedete, musste ich zunächst viel und lange mit dem Patienten diskutieren. Das war zeitraubend und Zeit ist Mangelware in der deutschen Hausarztpraxis.
    Außerdem glauben Deutschlands Hausärzte fest an die Lösungsorientiertheit ihrer Patienten und sind deswegen selbst lösungsorientiert. Das ein Arztbesuch für den Patienten auch ein offenes Ende haben kann, ist ein eher überraschender Gedanke – für Patient und Arzt. Aber es geht.
    Gruß
    Der andere Hausarzt

    Der andere Hausarzt

    25. Januar 2010 at 16:10

  12. Zu 6.: dir ist schon klar, dass die Beispiele die du hier nennst – Spritzenabszess, anaphylaktische Reaktionen – aus der Schulmedizin sind? Der Ausgangspunkt der ganzen Diskussion war schließlich die schulmedizinische Maßnahme der Spritze bei Rückenschmerzen, und bei „anaphylaktischen Reaktionen“ fällt mir direkt die Story einer Densensibilisierung (ebenfalls Schulmedizin) ein, die ich letztens hörte…
    Natürlich gilt die Risikoabwägung grundsätzlich auch für alternative Medizin. Aber eben nicht *nur* für alternative Maßnahmen, sondern auch für Schulmedizinisches, auch für Etabliertes – schließlich ist jeder Mensch einzigartig (DNA!), also müssen auch bewährte Methoden immer neu für den jeweiligen Patienten abgewägt werden.

    Alles andere hat der Landarsch schon besser dargestellt als ich es jemals könnte – danke dafür, @Landarsch!

    Benedicta

    25. Januar 2010 at 16:13

  13. @Benedicta: Homöopathie ist in der Tat quasi Nebenwirkungsfrei (zumindest solange man nicht dran glaubt – ansonsten: Stichwort Nocebo-Effekt). Meine Anmerkung wg. Spritzenabszessen bezog sich auch überwiegend auf Eigenblut-Spritzen, Frischzellen, Vitamininfusionen und so weiter. Und auch mit Akupunkturnadeln kann man Verletzungen verursachen oder sogar Infektionen (wenn die Dinger mehrfach verwendet werden, was sie eigentlich nicht sollten). Bei chirotherapeutischen Maßnahmen hat es auch schon üble Komplikationen gegeben. Und das Phytotherapeutikum Johanniskraut ist bekanntlich ein wirksames Medikament, welches mit allen möglichen anderen Medikamenten (u.a. der Pille) Wechselwirkungen hat.

    medizynicus

    25. Januar 2010 at 18:03

  14. Ich hab ja auch gar nicht bestritten, dass alternative Maßnahmen Nebenwirkungen haben (bei Homöopathie ist m.E. die schwerwiegendste Nebenwirkung, dass wichtige Maßnahmen zu lange verzögert werden).
    Ich sag ja nur, dass diese ganzen Risiken halt AUCH für die Schulmedizin gelten – und DAS ist ein Aspekt, der mir in der ganzen Alternativ-Kritik fehlt.

    (Ich hab letztens mal Maischberger geguckt – mach ich sonst nicht, weil ich mich eh immer nur ärgere – und da wurden als Kriterien für „seriöse“ medizinische Angebote genannt: „ist es teuer? 180 Euro für eine Sitzung ist zu viel!“ und „meint der Arzt es gut mit mir?“ – und nun Hand aufs Herz – wer würde für die Schulmedizin guten Gewissens und ohne rot zu werden sagen: „Nein, es kostet weniger als 180 Euro, und ja, selbstverständlich meint es der Arzt gut mit mir und das zeigt er mir auch!“? Ich hatte schon Zahnarztrechnungen über mehrere 1000 Euro (und das waren definitiv weniger als 5 Sitzungen…), und ich bin heute noch nicht davon überzeugt, dass es jenem Zahnarzt um das Beste für meine Zähne ging, statt um das Beste für seine Kasse…)

    Benedicta

    25. Januar 2010 at 18:33


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