Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Rache ist süß… berächt zu werden weniger

with 15 comments

Um mich herum die Dunkelheit des Dienstzimmers und der traumlose Dreiviertelschlaf einer Dienstnacht.
Düdelüdüt!
Aufschrecken. Gähnen. Nach dem Lichtschalter suchen.
Düdelüdüt!
Blick auf die Uhr: viertel nach drei. Das Diensthandy ist beim Lichtschalter Suchen zu Boden gefallen, düdelt immer noch und liegt jetzt außerhalb der Reichweite meiner vorderen Extremität.
Notgedrungen muss ich aufstehen.
„Ja?“
„Anruf von draußen!“ grummelt der Pförtner, „Ich verbinde.“
Anruf von draußen, das ist entweder der Chef oder ein Hausarzt. Es war ein Hausarzt.
„Guten Morgen, Herr Kollege!“, flötet er, „Ich wollte nur sagen, daß alles in Ordnung ist!“
„Wie bitte?“
„Mit Herrn Schulze, den Sie gestern entlassen haben, mit dem ist alles in Ordnung!“
„Ja, und?“
„Ja, sie haben ihn netterweise gestern Abend um achtzehn Uhr fünfzehn entlassen und ihm gesagt, er solle auf jeden Fall noch beim Hausarzt anrufen. Das hat er auch getan, um neunzehn Uhr dreißig. Nun ist meine Sprechstunde zwar um neunzehn Uhr zu Ende, aber er hat mich halt zu Hause erwischt. Ich solle noch mal eben vorbeikommen. Die Frau Doktor aus dem Krankenhaus hat ihm nämlich gesagt, ihr Hausarzt würde auf jeden Fall heute Abend noch einmal vorbeischaun, um den Entlassungsbrief zu lesen. Ich habe ihn auf den Notdienst verwiesen, aber er meinte, es sei schließlich kein Notfall, da könne ich doch auch selbst kommen. Das habe ich dann auch getan.
Den Entlassungsbrief Ihrer Frau Kollegin habe ich gelesen. Eine schöne, lesbare Handschrift hat sie übrigens. Allerdings stand in dem Brief nichts verwertbares drin. Nichts, was ich nicht schon gewusst hätte. Vielen Dank also.“
„Okay…“
„Halt, das Wichtigste habe ich Ihnen ja noch gar nicht gesagt!“
Mein Gesprächspartner macht eine bedeutungsschwere Pause.
„Vorhin hat er übrigens noch einmal angerufen. Er habe wieder Bauchschmerzen. Ich bin hingefahren und kann Sie beruhigen: Es geht ihm gut und ich werde ihn nicht einweisen!“
„Vielen Dank…“
„….sollten die Schmerzen stärker werden, wird er sich natürlich melden…“
„Ja, ist schon in Ordnung…“
„Vielen Dank, Herr Kollege. Und Sie verstehen, warum ich angerufen habe?“
Die Lektion war ja wohl eindeutig.
Und morgen früh werde ich noch ein ernstes Wort mit Sarah sprechen müssen.

Written by medizynicus

27. Januar 2010 um 03:34

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

15 Antworten

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  1. Verbind‘ ihn doch gleich mit Ihr!
    Sollte man wirklich viel öfters tun!

    der Landarsch

    27. Januar 2010 at 07:49

  2. Das Imperium schlägt zurück *g*

    krankeschwester

    27. Januar 2010 at 08:09

  3. *LOL* =)

    Sandy

    27. Januar 2010 at 09:52

  4. Richtig so. Auch wenn es dich aus dem Schlaf gerissen hat…

    schwestertrauma

    27. Januar 2010 at 12:47

  5. Das ist der Alltag draußen, trefflich geschildert.

    drgeldgier

    27. Januar 2010 at 16:47

  6. Haha, coole Aktion! 😀

    Hermione

    27. Januar 2010 at 17:42

  7. […] hier ein echter Weißkittel schreibt – mir wurde ja schon der Politiker untergeschoben ). Medizynicus sinniert ja gerade auch darüber, wer doofer ist: Klinikarzt oder […]

  8. was für eine geile Aktion vom Hausarzt – zwar nicht nett zum Diensthabenden, aber holla, darauf muss man erstmal kommen 😀

    stega

    27. Januar 2010 at 23:34

  9. Oh wie geil… 🙂 Hätte ich an seiner Stelle auch getan. Und die Sarah scheint wohl nicht sehr klug zu sein.

    schwester

    28. Januar 2010 at 07:51

  10. ääh, warst du nicht etwa in Haiti?… Oder war das nur erfunden? Oder bist du wieder zurück?

    schwester

    28. Januar 2010 at 07:53

  11. @schwester: So viel zum Thema Klugheit. 😀 😀

    Sebastian

    28. Januar 2010 at 08:15

  12. Tut mir leid, dass es dich erwischt hat, aber ich finde die Reaktion richtig. Gerade wenn auf Normalstationen Freitag Nachmittag entlassen wird mit dem Hinweis den Hausarzt wegen Medikamenten zu belästigen. Denkt denn hier niemand an die Kinder, ääääh, die Hausärzte?

    INTensivling

    28. Januar 2010 at 12:07

  13. ???
    Was soll denn das ganze mit Haiti?

    schwester

    30. Januar 2010 at 12:30

  14. @Schwester: lies mal alles…und dann lies noch den disclaimer. Oder lies den besser vorher. Im übrigen find ich, merkt man an Medizynicus‘ Stil schon ganz gut, obs gerade total fiktiv oder nur semi-fiktiv ist.

    Und was Sarah angeht: haben wir sowas nicht alle am Anfang mal gemacht? Zum Teil auch, weil man total unsicher war, mit was man den Patienten da entlassen hat und ganz gerne die Absolution vom erfahrenen Hausarztkollegen wollte? Klar, nervt, aber gehört wohl zur Lernkurve dazu…

    chilara

    30. Januar 2010 at 19:22

  15. Ich habe vom ersten Satz an über Haiti gedacht, der kann gute Soaps schreiben, der Mann. Sehr glaubwürdig sogar. Darauf hin hat aber die ganze Mannschaft die hier mitliest völlig ernst darauf reagiert und Medizinicus alles Gute in Haiti gewünscht. Bin ich hier die einzige die es Medizinicus solche guten Taten in Wirklichkeit nicht zutraut? dachte ich schuldbewusst. Irgendwann habe ich daran doch geglaubt. Und nun bin ich die Dumme. Tja. C’est la vie.

    schwester

    1. Februar 2010 at 18:22


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