Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Gespräch von draußen

with 6 comments

Schon wieder?
Nach dem letzten Erlebnis bin ich kritisch geworden, was Anrufe von draußen angeht.
Tagsüber ist es anders: Da sind es entweder Angehörige, oder Versicherungsvertreter… oder… oder Herr Müller. Müller? Welcher Müller?
„Kann ich kommen?“
„Ähem… wer sind Sie bitte?“
„Müller, Hans-Georg. Aus der Großflunkersdorfer Straße siebzehn in…“
„Momentmal, wo möchten sie hin kommen?“
„Ich spreche doch mit dem Krankenhaus, oder?“
„Richtig.“
„Ja, kann ich jetzt kommen?“
Unser Haus ist immer geöffnet. Vierundzwanzig Stunden am Tag, egal ob es stürmt oder schneit oder gerade Weihnachten ist. Aber das brauche ich ihm ja nicht unbedingt zu sagen, wenn er es noch nicht weiß.
„Worum geht es denn?“
„Ich… ich will aufhören!“
„Aufhören womit?“
„Mit dem Trinken!“
„Schön. Dann hören Sie auf damit.“
„Kann ich jetzt zur Entgiftung kommen?“
Also daher weht der Wind! Warum war mir das leichte Lallen in seiner Sprache nicht schon vorher aufgefallen?
Nun habe ich nichts gegen Alkoholiker, welche ernsthaft motiviert sind, von ihrer Sucht wegzukommen. Aber mit der Motivation ist das so eine Sache. Am fortgeschrittenen Nachmittag mit einer Flasche Wodka intus einen Depri-Hänger zu kriegen ist das Eine – nüchternen Kopfes entschlossen zu sein, sich ändern zu wollen das Andere.
Aber wir sind ein Krankenhaus.
Ein Krankenhaus der Akutversorgung. Wir dürfen niemanden abweisen, der bei uns Hilfe sucht.
„Also gut,“ sage ich, „kommen Sie vorbei!“
Mit etwas Glück kommt er ja erst nach Feierabend. Dann hat Sarah Dienst. Und bei der habe ich noch etwas gut.

Written by medizynicus

28. Januar 2010 um 15:10

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

6 Antworten

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  1. Hey, der ist doch echt nett. Wenn Du Psychiatrie-Erfahrung hättest, dann würdest Du wissen, dass der plötzliche Entschluss zum Entzug nachts gegen halb 3 kommt.
    Dann nämlich, wenn die Alternative zum kuschligen Klinikbette, die kalte, steinige Ausnüchterungszelle bei der Polizei ist.

    drgeldgier

    28. Januar 2010 at 18:51

  2. Hmm… auch ohne Psychiatrie-Erfahrung kennt man das, glaube ich 😀 Aber nachts um drei wird jeder Anrufer zum Feind.

    Anna

    28. Januar 2010 at 21:02

  3. nett?? sorry..aber wenn man Leute das 300 mal zum Entzug in die Klinik fährt, weil sie ja entgiften wollen, dann glaubt man es langsam nicht mehr..

    alltagimrettungsdienst

    28. Januar 2010 at 22:16

  4. Bin mal gespannt, wie lange er bleibt! Also heute war er noch da…

    medizynicus

    28. Januar 2010 at 23:09

  5. Bin ich froh das ich Chirurg und nicht Internist bin…da muss man die Jungs nur zusammenflicken und kann Sie danach wieder entlassen 😉

    Chriss

    29. Januar 2010 at 11:24

  6. Auf Chrirugie-Stationen wird ja zum Essen oft auch noch Bier geliefert, damit die armen Kerle nicht in den Entzug kommen.

    drgeldgier

    31. Januar 2010 at 11:31


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