Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ich lasse mich nicht gerne verarschen!

with 7 comments

Schade, dass ich nicht zwei Köpfe größer bin.
Ich stemme die Hände in die Hüften und versuche, furchteinflößend wie möglich auszusehen.
„Also gut,“ sage ich mit betont strenger Stimme, was mir aber nicht so recht gelingen will, „Was ist los?“
Der Patient liegt wie ein Häufchen Elend auf seinem Bett.
„Nichts ist los, Herr Doktor!“
„Was ist nichts?“
„Gar nichts, Herr Doktor!“
„Sie wissen, dass Sie zur Entgiftung da sind?“
„Natürlich, Herr Doktor!“
„Und Sie kennen unsere Regeln?“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
„Regel Nummero eins lautet: Sie kriegen von uns Medikamente – und verpflichten sich, keinen Alkohol zu trinken!“
Der Patient nickt schweigend.
„Regel zwei lautet: Wenn Sie doch Alkohol trinken, dann fliegen Sie raus!“
Der Patient schweigt immer noch und starrt mich reglos an.
„Dann frage ich Sie mal direkt: Haben Sie Alkohol getrunken?“
„Nein, Herr Doktor!“
„Und wenn ich Ihnen jetzt Blut abnehme?“
Der Patient zuckt zusammen.
Wenn ich ihm jetzt Blut abnehmen würde, dann hätte er mit ziemlicher Sicherheit eine Menge Promille. Eigentlich müßte ich ihn dann rausschmeißen, wenn ich konsequent sein will. Aber der Chef mag keine Rausschmisse. Abgesehen davon ist draußen Wochenende und unser Labor ist am Wochenende nur notfallmäßig besetzt. Und wenn ich diesen Patienten am Wochenende bei Schnee und Minusgraden in seine vermutlich eiskalte und aller Wahrscheinlichkeit nach fürchterlich vergammelte Wohnung entlassen würde…
„Also gut,“ sage ich, „Ich glaube Ihnen. Aber wenn ich noch einmal erfahren sollte, dass Sie hier Alkohol zu sich nehmen…“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
Die Erleichterung ist ihm an der Nase anzusehen.
Schwester Paula allerdings wirft mir einen missbilligenden Blick zu, als ich am Dienstzimmer vorbei zurück in die Notaufnahme stapfe.

Written by medizynicus

30. Januar 2010 um 10:23

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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7 Antworten

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  1. … und das ist dann ein Paradebeispiel für coabhängiges Verhalten oder auch: wie helfe ich einem Alkoholabhängigen abhängig zu bleiben.

    aaimaai

    30. Januar 2010 at 11:32

  2. Du bist zu gut für diese Welt 😉

    Wie lange dauert denn so eine Entgiftung im Krankenhaus? Ich dachte immer sowas muss man in einer speziellen Entzugsklinik machen. (da gibts so eine im Sauerland. Und jedes Wochenende wenn die „Insassen“ Freigang haben, stehen sie mit den Bierkannen in der Hand am Bahnhof.

    Blogolade

    30. Januar 2010 at 12:34

  3. @blogolade – man muss unterscheiden zwischen „Entgiftung“ – da geht’s um die körperliche Abhängigkeit. Also mit dem Saufen aufhören ohne ins Entzugs-Delir zu rutschen. Kann eigentlich jedes Krankenhaus machen, die Leute bleiben ein paar Tage, kriegen Medikamente und sollten währenddessen keinen Alkohol zu sich nehmen. (Es gibt sogar Hausärzte, die sich das ambulant trauen – Mal ein Votum von der Hausarzt-Szene hier?) Sinnvoll ist die ganze Übung aber nur in Verbindung mit einer „Entwöhnung“. und die dauert lange, mehrere Wochen und findet in speziellen Entwöhnungskliniken statt… und da ist es mit Sicherheit nicht Zweck der Übung dass sich die Leute in ihrer Freizeit am Bahnhof mit Alk versorgen….

    medizynicus

    30. Januar 2010 at 19:49

  4. Zum thema wie verarsche ich Ärzte und schwestern hätte ich auch noch was blogbares. Das werd ich die tage mal bloggen.:)

    Mel

    30. Januar 2010 at 20:54

  5. Und er verarscht Dich doch…
    Alkohol-Konz. sollte auch im Wochenend-Labor Routine sein.
    Interessant, dass Krankenhäuser nun schon als Aufwärmstuben für Leute mit kalter, ungemütlicher, evtl. auch vermüllter Wohnung dienen.
    So kriegen wir die Kosten nie in Griff.

    drgeldgier

    31. Januar 2010 at 11:35

  6. Arzt mit Herz finde ich schön. Ist das nicht die übliche Haltung der Mehrheit der moderaten Alkoholkonsumenten? Es ist ja nicht ihr Problem. Dabei sind wir alle Passivtrinker und leiden unter verminderter Lebensqualität und bezahlen die Schäden auch noch. Die englischen Aerzte rebellieren gegen die alkoholfreundliche Regierung und verlangen wirksame Präventionsmassnahmen. Nachahmung erwünscht.

    Kontrabass

    31. Januar 2010 at 22:09

  7. Habt ihr tolle Patienten. Bei uns lassen die sich rausschmeißen, ggf pampern sie noch herum und unterschreiben sogar „auf eigen Verantwortung“ und stehten 3 Tage später beim Hausarzt (mir) wieder auf der Matte „Herr Doktor, ich muss unbedingt, sofort“.

    Da frag ich mich dann, ob die KH’s das nicht selbst provozieren, denn bei einer Neueinweisunmg ist’s ja ein neuer Fall!

    der Landarsch

    1. Februar 2010 at 08:11


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