Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Da liegt eine Akte auf meinem Schreibtisch

with 5 comments

Da liegt eine Akte auf meinem Schreibtisch. Eine Krankenakte natürlich.
Die wartet darauf, diktiert zu werden, was heißt: irgendwer erwartet von mir, dass ich den entsprechenden Arztbrief diktiere, ganz dringend, am besten heute noch, am besten sofort.
Ich schlage das Ding auf.
Ganz vorn liegt ein Zettel. Genau gesagt, ein Vordruck: „Hiermit bestätige ich, dass ich das Krankenhaus auf eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat verlasse.“
In der Ecke klebt ein Aufkleber mit Namen und Personalien des Patienten: Müller, Hans-Georg.
Müller, Hans Georg?
Ach ja, das war doch der Alkie vom Wochenende, von dem ich mich nicht hab verarschen lassen wollen und der mich dann doch drangekriegt hat.
Aha. Müller, Hans Georg hat das Krankenhaus also gegen ärztlichen Rat verlassen. Den Zettel hat er übrigens nicht unterschrieben, was darauf hindeutet, dass er sich still und heimlich einfach aus dem Staub gemacht hat. Aber wann? Samstag früh war er bekanntlich noch da. Gestern bei der Visite war er weg. Komisch, dass mir das gar nicht aufgefallen ist!
Auf der Akte pappt ein Klebezettel.
„Chef bittet um Rücksprache!“
Chef räuspert sich am Telefon.
„Redense mal mit dem Hausarzt!“ sagt er, „damit der Bescheid weiss!“
Will sagen: Damit der Hausarzt Abstand davon nimmt, Herrn Müller, Hans-Georg irgendwann innerhalb der nächsten zehn Jahre zur Entgiftung stationär bei uns einzuweisen.
Aber so einer wie Herr Müller, Hans-Georg, der braucht gar keinen Hausarzt. Der weiss schließlich selbst, wann er ins Krankenhaus will und dass man am besten dann wieder heimgeht, wenn es am schönsten ist.
Na gut. Bin nicht traurig drum. Besser so einer als jemand, welcher nachts plötzlich ins Delirium rutscht. Nee, das macht keinen Spaß, wirklich nicht.

Written by medizynicus

2. Februar 2010 um 07:00

5 Antworten

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  1. Pf und für sowas geh ich arbeiten 😦

    Ab wann könnt ihr eigentlich einen Patienten daran hintern auf eigenen Wunsch das Krankenhaus zu verlassen?

    DeserTStorM

    2. Februar 2010 at 13:33

  2. @DeserTSt0rM: Hindern können wir eigentlich gar keinen… es sei denn, es besteht Anlass für Selbst- oder Fremdgefährdung. Wobei Letzteres eher ein Fall für die Polizei wäre und ersteres ein Fall für die Psychiatrie.

    medizynicus

    2. Februar 2010 at 13:53

  3. Man muss sich halt manchmal auch damit abfinden, dass man nicht allen helfen kann. Du hast versucht was möglich war. Solange derjenige nicht wirklich will hast keine Chance.

    swissresq

    2. Februar 2010 at 14:13

  4. @Swissresq: Oooch, der kommt schon wieder, da habe ich keinerlei Zweifel!

    medizynicus

    2. Februar 2010 at 14:48

  5. könnt ihr ihn dann abweisen wegen Abgehauen beim letzten Mal? Also zumindest wenn er wieder entgiften will?

    Blogolade

    2. Februar 2010 at 20:46


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